Rekorde bei Allianz und Reformstau in Deutschland: Oliver Bäte im Interview


Oliver Bäte, Vorstandschef des Allianz-Konzerns, über unbezahlbare Versicherungen, die Angst vor künstlicher Intelligenz als Jobkiller und die wichtigste Reform für den Standort Deutschland.

Cornelius Welp

Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender des Allianz-Konzerns macht sich Sorgen um den Standort Deutschland.

PD

Oliver Bäte hat wenig Zeit. Und völlig frei von Sorgen ist er im Gespräch mit der NZZ auch nicht. Das liegt weniger an den Zahlen für das Jahr 2025, die der von ihm seit 2015 geführte Allianz-Konzern gerade präsentiert hat. Mit einem operativen Ergebnis in Höhe von 17,4 Milliarden Euro sind die noch etwas besser ausgefallen als von Analysten erwartet. Den Manager treiben vor allem die Bezahlbarkeit von Versicherungen um – und die Probleme am Standort Deutschland.

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Herr Bäte, die Allianz hat 2025 wieder ein Rekordergebnis erzielt. Woher stammt das Wachstum?

Wir haben davon profitiert, dass die Schäden durch Naturkatastrophen etwas geringer waren als in den Jahren davor. Vor allem aber sind wir in allen Segmenten gewachsen und haben auch die Wechselkurse im Griff.

Sie hatten als ein Ziel ausgegeben, die Fluktuation zu senken und Kunden stärker als bisher zu halten. Ist das gelungen?

Niedrigere Stornoquoten bleiben für uns eine Toppriorität. Hier gibt es Fortschritte. Gewachsen sind wir aber vor allem dadurch, dass sich mehr neue Kunden für uns entscheiden haben. Gerade in Zeiten der Unsicherheit profitieren wir von unserer starken, etablierten Marke.

Die Allianz profitiert auch davon, dass sie gestiegene Kosten an ihre Kunden weitergeben kann. Wann ist die Grenze erreicht?

Die Frage der Bezahlbarkeit von Versicherungen treibt mich um wie kaum eine andere. Die offizielle Inflationsrate zeigt nicht ansatzweise, wie sehr die Preise mancher für unser Geschäft relevanter Dienstleistungen gestiegen sind. Besonders offensichtlich ist das bei Autoreparaturen, aber auch bei Handwerkern und natürlich im Gesundheitsbereich. Die steigenden Kosten spiegeln sich in den Prämien wider. Wenn wir nicht gegensteuern, könnten immer mehr Privatkunden an die Grenzen der Bezahlbarkeit kommen.

Zur Person

Oliver Bäte, Allianz-Chef

Der 60-jährige frühere McKinsey-Berater steht seit gut zehn Jahren an der Spitze der Allianz, sein Vertrag läuft bis 2028. Der Münchner Konzern zählt zu den wertvollsten Unternehmen Deutschlands und den drei grössten Versicherern der Welt.

Was können die Versicherten tun?

Sie können verstärkt digitale Angebote nutzen. Und sie können es vermehrt uns überlassen, Schäden abzuwickeln und zu regulieren. Dadurch lassen sich die Kosten auf unserer Seite deutlich senken, was sich auch in niedrigeren Prämien auszahlt.

Sie wollen die Kunden noch enger an sich binden.

Das ist hier nicht das vorrangige Ziel. Es geht eher darum, unsere Grössenvorteile und unser Netzwerk zu nutzen. Wir haben mehrere Unternehmen zugekauft, um Schäden von der Erfassung bis zur Begleichung effizienter und günstiger abwickeln zu können. In der KFZ-Versicherung können wir allein schon durch unsere geballte Einkaufsmacht, die wir mit vielen Industriepartnern gemeinsam haben, die Kosten von Ersatzteilen erheblich drücken. Wenn wir auch noch die Werkstatt auswählen, sind nochmals deutliche Einsparungen möglich. Wir bieten solche Optionen auch bei Wohngebäuden und Hausrat an und wollen sie auf das Thema Gesundheit ausdehnen. Dass die Krankenversicherung bezahlbar bleibt, ist für uns alle eine grosse Herausforderung. Sicher ist das nicht.

Wird die Qualität der medizinischen Versorgung sinken?

Wenn wir endlich die notwendigen Reformen durchsetzen, können wir das vermeiden. In Deutschland gibt es zum Beispiel immer noch zu viele und oft auch zu kleine Krankenhäuser. Das ist ineffizient und auch in Sachen Versorgungsqualität nicht im Interesse der Patienten. Es ist längst erwiesen, dass sich auch medizinisches Wissen skalieren lässt.

Von Ihren Rekordergebnissen sollen vor allem die Aktionäre profitieren, in Form von Aktienrückkäufen und einer höheren Dividende. Fällt Ihnen da nichts besseres ein?

Die Allianz ist eine der populärsten Aktien bei deutschen Privatanlegern, für sie hat die Dividende einen hohen Stellenwert. Gleiches gilt für unsere Mitarbeiter, von denen wir möglichst viele mit Aktien am Unternehmen beteiligen wollen. Für sie sind hohe Dividenden ein wichtiger Teil einer stabilen Altersvorsorge. Und die Rückkäufe sind auch ein Signal unseres Selbstbewusstseins: Wir halten unsere Aktien für eine attraktive Investition.

Die Frage stellen aber auch manche Profianleger.

Das ist richtig. Sie signalisieren uns aber auch, dass sie mit unserer Politik sehr einverstanden sind, solange wir weiter wie bisher wachsen.

Sie könnten das Geld auch für eine grössere Übernahme verwenden.

Wir schauen uns permanent mögliche Ziele an. Dabei kommen wir jedoch fast immer zu dem Ergebnis, dass es besser ist aus eigener Kraft organisch zu wachsen oder auf gezielte, kleinere Zukäufe zu setzen – eine weitere Perle auf der Kette. Von grossen Transaktionen profitiert sehr oft vor allem der Verkäufer.

Die Allianz erhebt den Anspruch, digital ganz vorne zu sein. Auch dafür müssen Sie sehr viel investieren.

Das tun wir auch. Allein im vergangenen Jahr haben wir 6,5 Milliarden Euro für Technologie ausgegeben. Dabei geht es nicht vor allem darum, Abläufe zu straffen und Kosten zu sparen. Wir investieren in alle Schnittstellen zum Kunden, um unsere Angebote für ihn möglichst attraktiv und einfach zu gestalten.

In einer Ihrer Sparten werden in den kommenden Jahren 1500 Stellen wegen des vermehrten Einsatzes künstlicher Intelligenz wegfallen. Ist KI der grosse Jobkiller?

Wir haben bei dem Thema eine balancierte Sicht und sehen vor allem die Chancen. Die Allianz beschäftigt aktuell sehr viele Babyboomer, die innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Ruhestand gehen werden. Deshalb wird sich dieser Wandel sozialverträglich vollziehen. Es steht aber auch fest, dass es viele Berufe in der bisherigen Form in einigen Jahren nicht mehr geben wird. Davor müssen wir keine Angst haben, aber wir müssen uns darauf vorbereiten und unsere Mitarbeitenden weiterentwickeln.

Schaut Deutschland zu skeptisch auf neue Technologien?

Die deutsche Angst ist im Ausland ja sogar sprichwörtlich. Natürlich müssen wir auch die Risiken im Blick haben, das Potenzial für Verbesserungen ist aber ebenfalls enorm. Es ist doch ein Unding, dass ich Stunden auf einem Amt verbringen muss, wenn ich ein Auto ummelden will. Und warum gibt es immer noch Rezepte auf Papier?

Viele Investoren blicken pessimistisch auf den Standort Deutschland. Sie auch?

Wir investieren in Deutschland. Viele andere Investoren haben jedoch den Eindruck, dass der Ernst der Lage immer noch nicht erkannt ist. Statt um Reformen geht es immer noch um staatliche Mehrausgaben, die mit noch mehr Steuern finanziert werden sollen. Deshalb halten sie sich zurück.

Was würden Sie durchsetzen, wenn Sie einen Tag eine Art Vorstandsvorsitzender von Deutschland wären?

Ich würde dafür sorgen, dass Nichtarbeit deutlich weniger attraktiv ist. Derzeit können es sich viel zu viele zu bequem machen – und zwar auf allen Ebenen: Erben reicher Familien sind ebenso privilegiert wie jene, die sich mit Hilfe staatlicher Unterstützungsleistungen dem Arbeitsmarkt verweigern.

Ist es nur die Aufgabe der Politik, die Probleme zu lösen?

Nicht allein. Wir müssen uns alle wieder bewusst werden, dass wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben. In den vergangenen Jahren scheint es so, als wären Adjektiv und Substantiv vertauscht. Wir können nur so sozial sein, wie die Wirtschaft erfolgreich ist.

Das deutsche Bedürfnis nach möglichst umfassender Sicherheit ist im Interesse einer Versicherung, erschwert aber Reformen.

Die Skepsis ist nicht irrational. Wir müssen erkennen, woher die Verunsicherung stammt. Viele Menschen sind zurecht irritiert und auch empört darüber, dass wir immer mehr Geld für Dinge ausgeben, die trotzdem immer schlechter funktionieren. Die Ausgaben für Gesundheit steigen, ohne dass die medizinische Versorgung besser wird. Wir investieren in Bildung, ohne dass echte Bildung herauskommt. Öffentliche Verkehrsmittel sind eine Zumutung. Wir müssen deshalb dringend die richtigen Prioritäten setzen. Wenn diese klar sind, ziehen die Menschen mit. Für die richtigen Gegenleistungen zahlen sie sogar gerne Steuern.


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