Sechs Jahre lang war Epstein der Mentor von Ariane de Rothschild. Die Akten zeigen eine verstörende Nähe zu dem verurteilten Sexualstraftäter – und eine Bankerin, die sich manipulieren liess.
«Ich denke, du solltest einen Antrag auf Bestellung eines Vormunds für Benjamin vorbereiten»: Epstein beriet Ariane de Rothschild – hier mit ihrem Ehemann Baron Benjamin de Rothschild in ihrem Schloss in Paris – auch in privaten Angelegenheiten.
Elodie Grégoire / RÉA / Laif
«Ich drehe durch und habe Angst, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen sein werde.» Diese Worte schrieb Ariane de Rothschild im Februar 2015 ihrem Vertrauten Jeffrey Epstein. Ihre Familienbank hatte das amerikanische Justizministerium am Hals. Wegen unversteuerter Gelder von US-Kunden forderten die Amerikaner eine Busse in zweistelliger Millionenhöhe.
In diesen Tagen könnte der Baronin ein ähnlicher Hilferuf entfahren sein. Denn ihr Name erscheint prominent in den Epstein-Akten, die das amerikanische Justizministerium Ende Januar veröffentlicht hat. Über 4500 Dokumente mit ihrem Namen tauchen in den Akten auf, laut einer Analyse des Magazins «The Economist» zählte sie zu den drei häufigsten E-Mail-Kontakten von Epstein.
De Rothschild wendet sich persönlich an die Kunden
Seither befindet sich die auf Diskretion bedachte Privatbank im perfekten Sturm. Französische und englische Medien weiden die Affäre genüsslich aus. Die Rothschilds finanzierten im 19. Jahrhundert Könige und Kriege und kontrollieren heute Finanzboutiquen, Weingüter und Hotels. Die Faszination der mythenumwobenen Dynastie ist ungebrochen, vor allem, wenn ihre Abkömmlinge auf Abwege geraten.

«Meine Beratung ist äusserst vertraulich»: Jeffrey Epstein stand ab 2013 in Kontakt mit de Rothschild.
Getty
Die Bank bemüht sich um Schadensbegrenzung. In einem Brief an ausgewählte Kunden, dessen Wortlaut der «NZZ am Sonntag» vorliegt, versichert de Rothschild, sie habe bis 2019 nichts von den Verbrechen Epsteins gewusst. Dessen Rolle versucht sie herunterzuspielen. Epstein sei auf vertraglicher Basis engagiert worden, um die Bank im Steuerkonflikt mit dem amerikanischen Justizdepartement strategisch zu unterstützen. Auf Anfrage betont ein Sprecher der Bank, dass der Vertrag mit Epstein nicht von de Rothschild, sondern vom damaligen CEO unterzeichnet worden sei.
Die Akten zeigen allerdings, dass Epsteins Einfluss weit über das Geschäftliche hinausging. Ariane de Rothschild lernte den Investmentbanker 2013 kennen. Er verlor keine Zeit, sich als Berater in Stellung zu bringen: «Meine Beratung ist äusserst vertraulich, manchmal scharf, aber nur dann wirklich hilfreich, wenn ich die richtigen Fragen stellen und meine unzensierten, aber durchdachten Ideen . . . mitteilen kann.»
Von da an hatten Ariane de Rothschild und Jeffrey Epstein – er war zu diesem Zeitpunkt bereits verurteilt wegen Vermittelns einer Minderjährigen zur Prostitution – bis wenige Monate vor seinem Tod im Gefängnis 2019 regelmässig Kontakt.
Irritierender Austausch über die Impfungen der Töchter
Die beiden tauschten sich über sehr private Angelegenheiten aus: Ferienhäuser, Geschenke, Weihnachtspartys. Aber auch über Probleme mit ihrem Mann, Benjamin de Rothschild. Ariane, eine geborene Langner, hatte den Baron in den 1990er Jahren geheiratet. Epstein schlug ihr im April 2015 vor, Benjamin wegen dessen Drogenproblemen unter Vormundschaft stellen zu lassen und ihn zum Rücktritt zu bewegen. «Er ist ausser Kontrolle und eine Gefahr für dich und deine Familie.»

Das Schloss der Rothschilds in Pregny-Chambésy am Genfersee.
Jérémy Toma / Wikimedia, CC BY-SA 4.0
Mitunter sind auch sehr irritierende Nachrichten dabei. So fragte Jeffrey Epstein einmal, ob ihre Töchter gegen HPV geimpft seien, ein sexuell übertragbares Virus, das verschiedene Krebsarten verursachen kann. Epstein schrieb: «Es schützt vor Krebs. Ich lasse alle Assistentinnen einen Gesundheitscheck vornehmen.»
Als Assistentinnen bezeichnete Epstein bekannterweise junge Frauen oder Mädchen, die er rekrutierte, um sie sexuell auszubeuten. Sprecher der Bank betonen, dass Ariane de Rothschild keine Kenntnis von Epsteins persönlichem Verhalten oder von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen hatte.
Wie gross Jeffrey Epsteins Einfluss auf Ariane de Rothschild war, zeigte sich am deutlichsten im Steuerstreit mit den USA: Epstein inszenierte sich als Retter, vermittelte die Wirtschaftsanwältin und ehemalige Obama-Beraterin Kathryn Ruemmler, um einen Deal mit dem Justizministerium auszuhandeln. Doch im Hintergrund verhandelte er auch selber mit und liess sich eine stattliche Provision auszahlen. «45 Mio.?», fragte ihn Ariane de Rothschild wenige Tage bevor die Bank den Deal abschloss. Er antwortete, dass die 45,5 Millionen Busse «ziemlich gut» seien, das gelte für alles unter 80 Millionen. Hinzu kämen 10 Millionen für die Anwälte sowie 25 Millionen für ihn.
Die E-Mails in den Akten zeichnen das Bild einer Ariane de Rothschild, die an der Spitze ziemlich einsam erscheint. Die sowohl in der Familie als auch in der Bank eine Aussenseiterin war. Und dankbar war, in Epstein einen loyalen Freund und Helfer gefunden zu haben, der nicht müde wurde, ihr zu versichern, auf ihrer Seite zu stehen. In einer E-Mail von 2017 schrieb er ihr: «Es bringt mich um, zu sehen, wie du dein unglaubliches Talent als Teil der Arbeiterklasse verschwendest. Ich verstehe die familiären Verpflichtungen, aber du brauchst Hilfe.»
Die Akten zeichnen aber auch das Bild einer Bank, deren Strukturen den Anforderungen guter Unternehmensführung widersprechen. Die Baronin agierte an den offiziellen Gremien der Bank vorbei. In den E-Mails mit Epstein trat sie als Alleinbevollmächtigte auf, formell war sie bis 2019 aber nur Vizepräsidentin des Verwaltungsrates.
Ob die Dienste Epsteins zum Vorteil der Bank waren, ist eine strittige Frage. Mit der Busse von 45 Millionen Dollar kam Edmond de Rothschild in etwa gleich gut weg wie Pictet und Lombard Odier. Alle bezahlten als Strafe etwas mehr als 2 Prozent der Gesamtsumme der verwalteten Vermögen von amerikanischen Kunden. Zählt man Epsteins 25 Millionen hinzu, zahlte Edmond de Rothschild einen sehr stolzen Preis für die Einigung.
Niemand war bereit, den geforderten Preis zu zahlen
Nach dem Deal versuchte Epstein gar, Ariane de Rothschild zum Verkauf ihrer Bank an einen grösseren Konkurrenten zu bewegen. Dies hätte ihm wohl einen weiteren Bonus beschert. Gemäss den Akten boten Epstein und de Rothschild das Institut Julius Bär und der UBS an. Laut Bankenkennern wurden auch ausländische Grossbanken kontaktiert. Niemand sei aber bereit gewesen, den geforderten Preis für die Marke Rothschild zu bezahlen.
De Rothschild blieb nur der Alleingang. Ihr Mann schied 2019 aus der Bank aus und verstarb zwei Jahre später. Sie wurde erst Präsidentin des Verwaltungsrates, 2023 wechselte sie auf den CEO-Posten.
Kontaktpersonen berichten, dass die Bank seit der Veröffentlichung der Epstein-Files mit dem Abfluss von Vermögen und Abgängen von Kundenberatern konfrontiert sei. Die besten Berater schlügen zu, wenn ihnen eine andere Bank ein gutes Angebot machte, sagt ein Kenner des Finanzplatzes Genf. Angesichts der Unsicherheit hätten sie derzeit kaum eine Chance, ihre Bonusziele zu erreichen.

Im perfekten Sturm: Gebäude der Banque Edmond de Rothschild in Genf.
Martial Trezzini / Keystone
Ein Sprecher der Bank stellt dies in Abrede. Die Bank verzeichne keinerlei Abgänge von Mitarbeitern. Auf die verwalteten Vermögen habe die Affäre keinen negativen Einfluss – im Gegenteil: Seit Anfang Jahr seien der Bank neue Kundengelder von mehr als 5 Milliarden Franken zugeflossen. Letztes Jahr seien die verwalteten Vermögen um 10 Milliarden Franken auf ein Allzeithoch von 200 Milliarden gestiegen.
Bank muss mit Prüfung durch die Finma rechnen
Ausgestanden sein dürfte die Affäre aber nicht. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) will sich nicht zu der Bank und allfälligen Untersuchungen äussern. Eine Sprecherin betont aber: «Die Finma bezieht sämtliche Quellen, welche potenziell für die Zwecke der Aufsicht relevante und gesicherte Informationen zu beaufsichtigten Instituten und Gewährsträgern beinhalten könnten, in ihre Aufsicht mit ein.» Sollten durch solche Informationen Zweifel an einer einwandfreien Geschäftstätigkeit aufkommen, würden tiefergehende Abklärungen eingeleitet.
Im Klartext heisst dies: Die Finma dürfte sehr genau prüfen, ob Epsteins Rolle bei der Bank in Einklang mit den aufsichtsrechtlichen Bestimmungen stand.
Das stellt den Verwaltungsrat der Bank vor ein Dilemma. Jede andere Firma könnte die Krise entschärfen, indem sie den CEO entlässt. Doch die Banque Edmond de Rothschild ist keine normale Firma. CEO ist die Baronin höchstpersönlich. Der Verwaltungsrat kann sie nicht entlassen, weil ihre Familie die Bank kontrolliert und ihr den Namen gibt. Ohne das Wappen der Rothschilds wäre die Bank am Ende.
Der Name Rothschild sei Fluch und Segen zugleich, sagt ein Banker.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»


