Bei manchen Tätigkeiten ist die Produktivität im Home-Office höher als im Büro. Das sollte ein Alarmzeichen sein.
Home-Office begünstigt konzentriertes Arbeiten.
Karin Hofer / NZZ
Vor sechs Jahren begann in der Schweiz ein unerwartetes Grossexperiment in der Arbeitswelt. Das Coronavirus verbreitete sich rasant, und Mitte März 2020 forderte Gesundheitsminister Alain Berset: «Bleiben Sie zu Hause.» Daraus wurde «Arbeiten Sie zu Hause», sofern der Beruf es erlaubte. Plötzlich mussten Hunderttausende im Home-Office arbeiten, die das nie zuvor getan hatten. Aus arbeitspsychologischer Sicht war es ein hochinteressantes Experiment. Deshalb spinne ich diesen Gedanken weiter.
Ein Experiment in der Forschung prüft eine Hypothese. Dabei unterscheidet man zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen. Die unabhängige Variable ist die Ursache, die der Forscher in der Regel gezielt verändert. Die abhängige Variable ist die Wirkung, die daraufhin gemessen wird. Im pandemiebedingten Home-Office-Experiment war der Arbeitsort Home-Office die unabhängige Variable. Das Weiterfunktionieren der Arbeit diente als abhängige Variable. Und die Hypothese lautete: «Home-Office wirkt sich positiv auf das Weiterfunktionieren der Arbeit aus.»
Bei Routinejobs ist das Home-Office produktiver
Das Experiment bestätigte die Hypothese: Trotz anfänglichen technischen Schwierigkeiten erkannten die meisten Unternehmen, dass die neue Arbeitsweise klappte. Peter Cappelli und Ranya Nehmeh von der Wharton School schreiben in ihrem Buch «In Praise of the Office», dass viele Arbeitgeber die Heimarbeit als erfolgreich bewerteten, weil sie ursprünglich mit einem Desaster gerechnet hätten. Umso grösser war die Überraschung, dass es dennoch funktionierte.
Mit ein paar Jahren Abstand und einem kritischen Blick auf das Experiment müssen wir zugeben, dass wir die falsche abhängige Variable gewählt haben. Arbeitgeber erwarten von ihren Mitarbeitenden im Home-Office nicht nur, dass die Arbeit halbwegs weiterläuft, sondern auch, dass sie produktiv sind. Doch was heisst Produktivität im heutigen Wissenszeitalter, das stark von Zusammenarbeit geprägt ist? Sollen wir sie an der Anzahl geschriebener E-Mails pro Tag oder der Menge wöchentlicher Sitzungen messen? Wer solche Kennzahlen als Massstab nimmt, fördert lediglich Aktivismus.
In den letzten Jahren haben zahlreiche Studien die Produktivität im Home-Office untersucht. Eine davon analysierte die Arbeit von Sachbearbeitern bei der Polizei in Manchester. Diese wechselten im Schichtsystem zwischen dem Zuhause und dem Büro. Ihre Aufgabe war es, Kriminalitätsberichte detailliert in ein Computersystem einzugeben. Die Produktivität wurde an der Zahl der täglich bearbeiteten Fälle gemessen. Über zwei Jahre hinweg zeigte sich, dass die Mitarbeitenden im Home-Office im Schnitt 12 Prozent produktiver waren als im Büro – vor allem wegen geringerer Ablenkungen. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Studie mit Callcenter-Agenten in China. Auch hier arbeiteten die Mitarbeitenden daheim um 13 Prozent produktiver. Halten wir fest: Für Aufgaben, die ohne Interaktion mit Arbeitskollegen erledigt werden können, ist eine Leistungssteigerung im Home-Office möglich.
Doch die Gleichung «noch mehr Home-Office bringt noch mehr Produktivität» ist falsch. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zeigt: Die Vorteile des Home-Office enden, wenn der Anteil Home-Office-Zeit eine Schwelle überschreitet. Ab diesem Kipppunkt sinkt die Produktivität, weil persönliche Begegnungen fehlen, in denen Fachliches und Informelles ausgetauscht werden. Für die Techniker Krankenkasse ermittelte die Studie diesen Kipppunkt bei 60 Prozent Home-Office. Dieser Wert variiert innerhalb der Unternehmen je nach Team und Arbeitsbereich, da der Bedarf an Austausch von der jeweiligen Tätigkeit abhängt.
Komplexe Aufgaben erfordern gemeinsame Präsenz
Heutzutage sind viele Projekte und Aufgaben komplex und erfordern Wissensaustausch, Absprachen und gemeinsame Entscheidungen. Eine Studie aus den USA zeigt, dass Home-Office bei stark teamabhängigen Aufgaben keinen Leistungszuwachs brachte. Der Berliner Professor Carsten Schermuly rät Teams, ihre Aufgaben zu prüfen: Wie stark sind diese geprägt durch Wissensaustausch, Kreativität, Komplexität, gegenseitiges Lernen und wechselseitige Abhängigkeit der Teammitglieder voneinander? Je mehr diese Faktoren ins Gewicht fallen, desto wichtiger sind gemeinsame Präsenztage.
Am Ende eines wissenschaftlichen Artikels über ein Experiment werfen die Autoren Fragen auf, die weitere Forschung anregen können. Für mich bleibt eine offen: Wann schaffen Unternehmen Räume und Rahmenbedingungen, die im Büro die Konzentration und damit die Produktivität fördern? Denn obwohl das Home-Office viele Vorteile für die Gesundheit, Zufriedenheit und Vereinbarkeit bietet, ist es absurd, dass Menschen nach Hause flüchten müssen, um wirklich produktiv arbeiten zu können.
Nicole Kopp ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Mitgründerin der Beratungsfirma Gobeyond.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

