Ignaz Zopp: Der Bergbahnenchef vermittelt zwischen Andermatt und Vail Resorts


Zwischen Bergdorf und Börsenkonzern: Ignaz «Igi» Zopp ist der Übersetzer von Andermatt. Ein Porträt

«Tief im Herzen bin ich ein Andermatter», sagt Ignaz Zopp. Auch das macht seinen Job kompliziert.

Stefan Bohrer / Keystone

Am Hausberg von Andermatt zeigt sich die Bedeutung von Ignaz Zopp. Tritt er in die Gondel, rufen ihm die Skifahrer zu: «Lueg da, de Igi!» Einer dankt ihm für den «griffigen» Schnee, ein anderer für den «Hammertag». Zopp ist hier oben am Gemsstock eine Schlüsselfigur. Jemand, dem man sogar das gute Wetter anrechnet.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Ignaz «Igi» Zopp, 58, ist der Bergbahnen-Chef im Skigebiet Andermatt-Sedrun-Disentis. Er verantwortet 120 Pistenkilometer, zehn Restaurants, eine Skischule, ein Sportgeschäft und die Infrastruktur am Berg. «Ich führe das Unternehmen so, als wäre es mein eigenes», sagt Zopp. Aber das ist es nicht. Jeden Abend übermittelt Zopp einen Rapport nach Colorado, USA.

Dort sitzen seine Chefs von Vail Resorts. Der Konzern besitzt 42 Skigebiete weltweit, vor vier Jahren haben sich die Amerikaner in Andermatt eingekauft. Seither wollen sie es genau wissen: Wie viele Gäste waren auf dem Berg? Welches Restaurant macht wie viel Umsatz? Skifahren ist für sie eine Frage der Kennzahlen.

Zwischen diesen Welten vermittelt Zopp. Er trägt die Erwartungen eines amerikanischen Konzerns ins Dorf und die Eigenheiten des Dorfs in die Managerzentrale.

Für seine Rolle, sagen Weggefährten, bringe Zopp zwei Dinge mit, die man nicht lernen könne. Erstens: Er ist den Einheimischen nahe, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Zweitens: Er versteht die Amerikaner, aber hält sie auf Distanz.

Bleibt, drittens, eine Frage: Wie gelingt ihm das?

Auf den Ski zum Termin

Immer donnerstags ist Ignaz Zopp auf den Ski unterwegs, von Termin zu Termin, quer durch das Skigebiet. Wenn er wissen will, wie es dem Berg geht, fährt er hinauf zur Mittelstation der Gemsstockbahn.

In der Einsatzzentrale trifft er jene, die den Betrieb am Laufen halten. Mit dem Rettungschef spricht er über ein anstehendes Skirennen und darüber, wo Gleitschirmflieger starten und landen dürfen. Hier oben entscheiden Menschen, für die dieser Berg Heimat ist.

Später schaut Zopp in einem Restaurant vorbei und erkundigt sich beim Technikchef nach einer anstehenden Sanierung. Dazwischen wird er angesprochen, immer wieder. Zopp hält an, hört zu. Die Gäste fragen nach dem Pistenplan oder dem Saisonabo. Einmal, erzählt er, habe sich jemand darüber beschwert, dass das Thermometer in der Bergstation zu klein sei. Jetzt hängt dort ein grösseres.

«Ich sehe meine Aufgabe darin, den Gästen ein Sorglospaket zu liefern», sagt Zopp. «Auch wenn mich das am Berg zum Helferlein für alles macht.»

Abends wechseln Ort und Rolle. Am Bildschirm sitzt Zopp, der Manager. Wegen der Zeitverschiebung finden die Calls mit Vail Resorts oft spät statt. Alles, was in Andermatt geplant wird, bespricht Zopp hier mit den Amerikanern. Es geht um Projekte und Budgets. Und immer wieder um Grundsätzliches.

Erklären und erklären

Andermatt ist für Vail Resorts das erste Skigebiet Europas. Für Zopp bedeutet das: erklären, immer wieder erklären. «Das Wetter kann perfekt sein, die Piste auch», sagt er, «aber an einem Dienstag kommen nun einmal weniger Leute als an einem Sonntag.» Die Amerikaner hätten das anfangs nicht verstanden. «Sie dachten, wir machen etwas falsch.»

Umgekehrt, sagt er, hätten die Amerikaner ein paar «spannende» Vorschläge mitgebracht. Ein neues Anstehsystem etwa. In den USA bilden Skifahrer Einer-, Zweier- oder Viererkolonnen, die sich beim Drehkreuz nach dem Reissverschlussprinzip zusammenfügen. Das verbessert die Auslastung der Lifte. «Wir haben’s probiert», sagt Zopp. «Aber bei uns geht das nicht.» Die Schweizer wollen mit ihren Freunden auf dem Sessel sitzen, nicht mit Fremden.

Doch so denkt Vail Resorts eben: konsequent effizient. Der Konzern ist an der New Yorker Börse kotiert, und die Investoren werden ungeduldig. Geplant war eine rasche Expansion in der Schweiz, bisher kam jedoch nur Crans-Montana als zweites Skigebiet hinzu. Andere Gespräche liefen ins Leere.

In Andermatt belasten zudem hohe Abschreibungen das Ergebnis. Sie stammen aus der Zeit vor dem Einstieg der Amerikaner, als das Skigebiet dem ägyptischen Investor Samih Sawiris gehörte. Sawiris, der im Dorf Fünf-Sterne-Hotels und Luxuswohnungen baut, finanzierte die Verbindung nach Sedrun.

Ein Olympiasieger als Freund und Vertrauter

Als Ignaz Zopp gefragt wird, wer für diesen Text etwas über ihn sagen könnte, ruft er den berühmtesten Andermatter von allen an. Bernhard Russi, Olympiasieger und Verwaltungsrat der Bergbahnen, weiss, wie es ist, zwischen der Heimat und der Welt zu stehen.

Im Café Mundart kommt Russi rasch vom Einzelnen aufs Ganze. Skigebiete, sagt er, erforderten heute Investitionen, die ein Dorf wie Andermatt nicht stemmen könne. Allein der Skibetrieb mit Schneekanonen, Pistenfahrzeugen und Rettungsdienst, aber ohne Gastronomie und Verwaltung, kostet hier jeden Tag 200 000 Franken. «Das ist die Realität», sagt Russi und meint: Das muss man erst einmal schaffen.

Darum sei es nicht wichtig, woher das Geld komme, sondern, wer es vor Ort verwalte. «Du kannst grosse Wirtschaftsleute hierher schicken», sagt Russi, «aber wenn sie heimlich von Zermatt träumen, bringt dir das nichts.»

Zopps Stärke sei, dass er «geerdet durchs Leben gehe». Das schaffe Vertrauen, auf dem Berg wie im Dorf. «Igi weiss, wovon er spricht», sagt Russi. «Er verteidigt das Dorf und gibt den Amerikanern im entscheidenden Moment Gegensteuer.»

Mit dem Besitzer wechselte die Sprache

Zopps Biografie liest sich, als hätte er sich ein Berufsleben lang auf seine heutige Rolle vorbereitet. Er arbeitete für die Armee, als Kasernen noch zum Alltag von Andermatt gehörten, und für den Kanton Uri, als dieser die Corona-Pandemie zu bewältigen hatte.

Zopp war der Krisenchef. Als Erster im Land verhängte er eine Ausgangssperre für Senioren. «Das kam nicht gut an», sagt Zopp. Er lacht auf, dann wird er ernst. «Ich bin damals richtig unter die Räder gekommen.» Seitdem weiss er, was das heisst: Widerstände aushalten.

Als er mit 55 Jahren das Angebot erhielt, die Bergbahnen zu führen, glaubte Zopp, die grossen Stürme hinter sich zu haben. Doch er irrte sich. Noch in der Probezeit wurde er an einem Sonntag zu einem Treffen gerufen. Dort erfuhr er, dass Vail Resorts 55 Prozent der Andermatt-Sedrun Sport AG von Samih Sawiris übernehmen würde. Das Unternehmen sollte 110 Millionen Franken in die Infrastruktur am Berg investieren und weitere 39 Millionen Franken im Dorf.

Zopp, der ein Leben lang in Andermatt gearbeitet hatte, fand sich plötzlich in einem amerikanischen Konzern wieder. Mit dem Besitzer wechselte die Sprache. Aus dem Geschäftsführer wurde der «Head of Mountain Operations». Noch heute nehmen an den Meetings manchmal Übersetzer teil. «Aber weisch», sagt Zopp, «den Mitarbeitenden am Berg musst du nicht mit Englisch kommen. Die sprechen nur mit mir.»

In der Schweiz wurde der Einstieg der Amerikaner in Andermatt aufmerksam verfolgt. Man fürchtete den «Ausverkauf der Heimat» und Tagespässe für 250 Franken und mehr.

Nichts davon sei eingetreten, sagt Zopp. Vail Resorts sei vielmehr das «Beste, was Andermatt hätte passieren können». Er spricht von einer «Winterexpertise», die die Amerikaner eingebracht hätten. Das Skigebiet werde heute digital gesteuert: Fällt irgendwo ein Lift aus, lassen sich dank moderner Signaletik ganze Gruppen auf andere Anlagen umlenken. Auch die Hälfte der versprochenen 110 Millionen ist inzwischen am Berg verbaut. Neue Schneekanonen ermöglichen die Beschneiung von 60 Prozent der Pisten, zwei Sessellifte wurden ersetzt. Dazu kamen eine neue Bar, ein Restaurant, eine Schlittelpiste.

Und: Vail bringt Gäste. Mit dem Epic Pass, der Zugang zu allen Skigebieten des Konzerns bietet, ist Andermatt für amerikanische Touristen interessant geworden. Jeder zehnte Skifahrer kommt heute aus den USA.

«Ich empfinde grosse Demut gegenüber dem, was hier möglich geworden ist», sagt Zopp. Er habe darum «etwas zurückgeben» wollen.

Ein Holzstier eckt an

Die Idee entstand rund um das Eidgenössische Schwingfest im vergangenen Sommer. Dort stand Muni Max: ein 21 Meter hoher, 36 Meter langer und 182 Tonnen schwerer Holzstier, gebaut als Wahrzeichen und gemacht für Aufmerksamkeit.

Fünf Männer aus Uri, unter ihnen Ignaz Zopp, hatten erfahren, dass Muni Max nach dem Anlass verkauft werden sollte. Ein solcher Stier, dachten sie, das wäre etwas für Andermatt. Oberhalb des Dorfs könnte er stehen, gleich neben der Mittelstation des Gütsch-Express. Kosten des Projekts: 1,85 Millionen Franken. Die Gruppe reichte ein Gesuch ein und erhielt den Zuschlag.

Doch nicht allen gefällt die Idee. Es gab Einsprachen wegen des Standorts, und man stört sich an der Symbolik: Das Urner Kantonswappen möge einen Stier zeigen, das Andermatter Dorfwappen aber zeige einen Bären.

Die Kritik lässt Zopp nicht los. Er habe «alles abbekommen», sagt er, auch anonyme Briefe. «Dabei bin ich tief im Herzen ein Andermatter.»

Doch Zopp hat gelernt, anders zu denken. Er sieht in Muni Max eine Attraktion für die Sommermonate, in denen die Zahlen der Bergbahnen schwach sind. Die Rechnung ist einfach: Wer den Stier sehen will, fährt mit der Bahn hoch und kehrt im Restaurant ein.

Das würde auch den Chefs in Colorado gefallen.


Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *