Iran greift Golfstaaten an: Wie reagieren Saudiarabien, die Emirate und Katar?


Fatima Shbair / AP

Für die Golfaraber ist das schlimmstmögliche Szenario eingetreten: Die iranische Vergeltung trifft die auf Stabilität bedachten Staaten ins Mark. Trotzdem sind einige der Länder insgeheim glücklich über die Hammerschläge gegen Teheran.

Dort, wo sonst die Reichen und Schönen dieser Welt in Michelin-Restaurants dinieren und für Hunderte Franken pro Übernachtung absteigen, stieg am Samstagabend ein Feuerball in den Himmel. Eine laute Explosion erschütterte das Fünfsternehotel «Fairmont The Palm» in Dubai. Nicht nur das: Offenbar haben iranische Drohnen auch den internationalen Flughafen und den Hafen der Metropole in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) getroffen. Ein Grossteil des Luftraumes ist gesperrt. Am gesamten Golf herrscht Panik: Die reichen Petrostaaten wurden in einen Krieg hineingezogen, den sie unbedingt vermeiden wollten.

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Iran hatte angekündigt, im Kriegsfall amerikanische Basen im gesamten Nahen Osten zu attackieren. Doch schon am ersten Tag der israelisch-amerikanischen Angriffe ging die Führung in Teheran darüber hinaus und griff scheinbar wahllos zivile Infrastruktur in Kuwait, Bahrain, Saudiarabien, den Emiraten und Katar an. Am Sonntag feuerte das Regime sogar Drohnen auf den Dukm-Hafen in Oman. Zuvor hatte Oman noch bei den Atomverhandlungen zwischen Iran und den USA vermittelt.

Das Kalkül Irans ist eindeutig: Es will den amerikanischen Verbündeten in der Region die Kosten für den Krieg aufbürden. Diese sollen dann bei US-Präsident Donald Trump dafür werben, die Kampfhandlungen schnell einzustellen. Ob diese Strategie Teherans aufgeht, ist fraglich.

«Iran isoliert sich»

Eins ist jedoch klar: Für die Golfaraber ist diese präzedenzlose Eskalation eine Katastrophe. Ihre Staaten gelten als Inseln der Stabilität in einer unsicheren Region. Längst spülen Tourismus und Handel sowie das Finanz- und das Immobiliengeschäft in Städten wie Dubai mehr Geld in die Kassen als das Öl- und Gasgeschäft. Doch damit dieses Wirtschaftsmodell weiter funktioniert, brauchen die Golfstaaten vor allem eins: Frieden.

Am Sonntag, 1. März 2026, entfernt sich ein Mann von einem Lagerhaus im Industriegebiet von Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus dem eine schwarze Rauchwolke aufsteigt.

Altaf Qadri / AP

Raketen am Himmel und eine schwarze Rauchwolke über dem Hotel «Fairmont The Palm»: Für die Emirate sind die iranischen Angriffe eine Katastrophe.

Videostill via Reuters

«Das Geschäftsmodell am Golf basiert auf Diversifizierung, Liberalisierung, der Öffnung für Investitionen, der Durchführung von Grossveranstaltungen wie Weltmeisterschaften», sagt Sebastian Sons von der deutschen Nahost-Denkfabrik Carpo. «Dafür sind solche Anschläge extrem gefährlich und vor allem geschäftsschädigend.» Allein auf die VAE feuerte Iran laut emiratischen Angaben seit Samstag 165 ballistische Raketen und mehr als 500 Drohnen ab. Drei Menschen wurden bei den Angriffen getötet.

Sollte sich Iran entschliessen, die Strasse von Hormuz komplett abzuriegeln, wäre auch noch die Quelle des Reichtums in den Wüstenmonarchien bedroht: der Export von Öl und Gas. Rund 30 Prozent des weltweiten Energiehandels gehen durch die Schifffahrtsroute, die an ihrer schmalsten Stelle nur rund 30 Kilometer breit ist.

Schon jetzt hat Iran den Zorn der Golfaraber auf sich gezogen. «Teheran hat durch seinen Angriff auf den Golf Feindseligkeiten mit seinen Nachbarn geschürt, die über den Krieg hinaus andauern werden», sagte Anwar Gargesh, diplomatischer Berater des Herrschers von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed. Nach einem iranischen Angriff auf Riad und die östlichen Provinzen Saudiarabiens verurteilte auch das saudische Aussenministerium die «feigen Angriffe» aus Teheran. «Iran isoliert sich», sagt Ebtesam al-Ketbi, Leiterin des Emirates Policy Center mit Sitz in Abu Dhabi.

Die iranischen Attacken schweissen die rivalisierenden Mächte am Golf sogar zusammen. Am Samstag telefonierte Mohammed bin Zayed zum ersten Mal seit dem vergangenen Dezember mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Die beiden starken Männer am Golf waren zuvor wegen widerstreitender geopolitischer Interessen in Jemen und im Sudan heftig aneinandergeraten.

Schlagen die Golfstaaten selbst gegen Iran los?

Jahrelang versuchten die Golfstaaten, einerseits militärischen Schutz von den USA zu erhalten und andererseits mit Iran im Gespräch zu bleiben. Diese Strategie ist gescheitert. Am Persischen Golf liegen jetzt alle Optionen auf dem Tisch.

Eigene Angriffe auf Iran seien die «Ultima Ratio», sagt Sebastian Sons – auch weil sie militärisch kaum einen Unterschied machen würden. Doch könnten die Golfstaaten die USA anderweitig in ihrem Krieg unterstützen. «Wenn die Attacken nicht aufhören, ist es durchaus möglich, den Luftraum der VAE für amerikanische Jets zu öffnen», sagt Ebtesam al-Ketbi. In der Vergangenheit wollten die Länder am Golf dies immer vermeiden, um nicht selbst Opfer iranischer Angriffe zu werden – seit Samstag ist diese Überlegung nichtig.

Eine grundlegende geostrategische Neuausrichtung ist jedoch trotzdem unwahrscheinlich. Viele der kleinen Golfstaaten können es sich schlicht nicht leisten, alle Brücken zu Iran einzureissen. Langfristig wird das Land mit mehr als 90 Millionen Einwohnern immer ein Nachbar bleiben – in welcher Form auch immer. «Der grösste Vorteil der VAE bleibt auch in dieser Situation eine Strategie, die Abschreckung mit Deeskalation verbindet – keine impulsive Konfrontation», sagt Ketbi.

Rauch steigt über Manama auf, der Hauptstadt Bahrains.

Reuters

Eine iranische Drohne ist am Samstag in ein Hochhaus in Bahrain eingeschlagen.

Hamad I Mohammed / Reuters

Will Saudiarabien das Regime stürzen sehen?

Insgeheim dürften einige Herrscher am Golf nicht ganz unglücklich über die Hammerschläge gegen Iran sein. Schon seit der Gründung der Islamischen Republik im Jahr 1979 sehen die Araberstaaten Iran als Gefahr. Der Export der Revolution, den sich Teheran auf die Fahne geschrieben hat, war immer auch gegen die Golfmonarchien gerichtet. Die von Iran hochgerüsteten islamistischen Milizen in der Region sind den Machthabern am Golf ein Graus.

Am Sonntag berichtete die «Washington Post», dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman Donald Trump sogar in mehreren privaten Telefonaten dazu gedrängt haben soll, Iran anzugreifen. «Ich halte es nach Gesprächen mit saudischen Kollegen für wenig plausibel, dass Saudiarabien zum Angriff gedrängt hat», sagt der Golf-Experte Sons. Eine solche Intervention würde einer jahrelangen Politik des Königreichs zuwiderlaufen, mit der sich Riad das Image als Vermittler geben wollte.

Am Ende überwiege die Angst vor dem Ungewissen das Verlangen nach einem Sturz des Regimes, sagt Sons. «Die Golfstaaten wollen um jeden Preis vermeiden, dass Iran zu einem ‹failed state› wird – einem zerfallenden Staat in ihrer Nachbarschaft, in dem Anarchie herrscht.» In einem solchen Szenario wäre die Glitzerwelt am Golf nicht nur für die Dauer dieses Kriegs bedroht, sondern womöglich für die kommenden Jahre.

Feuerwehr und Rettungskräfte stehen vor dem Hotel «Fairmont The Palm» in Dubai, wo es am Samstag zu einer Explosion kam.

Altaf Qadri / AP




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