Chinesische Firmen überholen deutsche Industrien – was steckt hinter ihrem Erfolg?


Bei seinem Peking-Besuch hat der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz zahlreiche Klagepunkte vorgebracht. Diese sind nicht unberechtigt, aber etwas wohlfeil. Manche deutschen Firmen haben sich in China sehr kurzsichtig verhalten und Trends verschlafen.

Chinas Produkte sind nicht mehr nur billige Kopien westlicher Marken: Die Roboter von Unitree etwa können sich selbständig bewegen und tanzen.

Horacio Villalobos / Getty

Chinas Regierung hat das erreicht, worauf sie mehr als vier Jahrzehnte lang hingearbeitet hat: Das Reich der Mitte hat Unternehmen hervorgebracht, die es nicht nur mit ihren deutschen Wettbewerbern aufnehmen können, sondern diese zum Teil in den Schatten stellen. Und das in Branchen, die – noch – die Stützen der deutschen Volkswirtschaft bilden: im Maschinenbau, in der Medizintechnik, in der Automobilindustrie, im Chemiesektor und beim Bau von Zügen.

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Jetzt herrscht in Deutschland Heulen und Zähneklappern. Bei seinem mit Spannung erwarteten China-Besuch in dieser Woche hat der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz darum in deutlichen Worten Chinas Praktiken in der Wirtschaftspolitik beklagt. Bei seinem Treffen mit seinem chinesischen Amtskollegen Li Qiang beschwerte er sich über das wachsende Handelsbilanzdefizit, Chinas Subventionen für die Industrie und die Überkapazitäten in der chinesischen Wirtschaft.

Es sei ein «lebendiges Gespräch» in «aufgeräumter Stimmung» gewesen, hiess es im Anschluss an den Austausch. Es ist dies wohl eine höfliche Umschreibung für deutliche Meinungsverschiedenheiten. Es dauerte mehr als sechs Stunden, bis beide Seiten eine dürre Abschlusserklärung vorlegten. Offenbar wurde um jedes Wort gerungen.

China wird seinen Kurs nicht ändern

Es stimmt: Chinas Behörden haben in den vergangenen Jahren Unternehmen des Umweltsektors, aus der Autoindustrie und aus vielen anderen Branchen mit grossen Subventionen gestützt und gefördert. Nun fluten manche der geförderten Firmen die westlichen Märkte mit preisgünstigen Waren.

Dass China seinen Kurs grundsätzlich ändern wird, ist kaum zu erwarten. Zum einen ist die chinesische Wirtschaft auf einen florierenden Exportsektor angewiesen, denn die Binnennachfrage ist nach dem Platzen der Immobilienblase so schwach wie lange nicht mehr. Zum anderen sieht die chinesische Regierung ihr Land, das vor weniger als fünf Jahrzehnten im Wesentlichen ein Agrarland war, an der Schwelle zu einer global wettbewerbsfähigen Industrienation. Auf den letzten Metern ändert man nicht den Kurs.

«Sollten die Europäische Union und ihre Mitglieder nicht drastische Schritte ergreifen, um die Importflut aus China einzudämmen, hat die chinesische Regierung kaum einen Anreiz, ihren Kurs zu ändern», schreiben die Experten des Analysehauses Trivium.

Merz mag unfaire Handelspraktiken beklagen. Doch dass die Deutschen sich jetzt ob der chinesischen Marktmacht verwundert die Augen reiben, überrascht. Denn zum Teil haben die Firmen ihre prekäre Situation selbst verschuldet.

Mit neuen Eindrücken zurück nach Deutschland: Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat in Peking auch den Staatschef Xi Jinping getroffen.

Michael Kappeler / EPA

264 deutsche Unternehmen in chinesischem Besitz

Klaglos haben sie sich über Jahrzehnte dem harten Diktat der chinesischen Behörden unterworfen und akzeptiert, dass diese deutsche Unternehmen, etwa aus der Automobilwirtschaft, in Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Wettbewerbern zwangen. Und viele haben, um kurzfristig gute Geschäfte zu machen, auf Geheiss der Regierung bereitwillig wichtige Technologien übergeben.

Heute befinden sich 264 deutsche Unternehmen mehrheitlich in chinesischem Besitz. Unter ihnen sind Automobilzulieferer, Maschinenbauer, Unternehmen aus dem Anlagenbau und Hersteller von Komponenten.

Ohne die Mithilfe von Siemens könnte China zum Beispiel heute im Ausland keine Hochgeschwindigkeitszüge oder Computertomografen verkaufen.

Dazu kommt, dass viele Unternehmen aus Deutschland wichtige Trends des chinesischen Marktes verschlafen haben. So weigerte sich der Luxuswagenhersteller Mercedes jahrelang, seine Autos mit der bei Chinesen beliebten Unterhaltungselektronik und anderen digitalen Spielereien auszustatten. Im Zuge einer angekündigten Modelloffensive will der Konzern nun Versäumtes nachholen. Zu wenig, zu spät, möchte man sagen.

Volkswagen setzte auf «Clean Diesel»

Bereits vor knapp zwanzig Jahren war zu erkennen, dass der Autohersteller BYD an Elektroautos tüftelt. Gefragt, was denn der deutsche Volkswagen-Konzern auf diesem Gebiet in der Planung habe, antworteten die Manager seinerzeit etwas arrogant, man setze auf «Clean Diesel». Es ist nicht ohne Ironie, dass nur wenige Jahre darauf der Dieselskandal den Konzern in schwere Turbulenzen stürzte.

Mitunter waren es auch schlicht Leichtsinn und die Verlockung schneller Gewinne, die dazu führten, dass sich Firmen aus Deutschland auf fragwürdige Abkommen mit den Chinesen einliessen. Es gibt Berichte, nach denen Joint-Venture-Verträge nachts auf Hotelbriefpapier formuliert wurden. Deutsche Unternehmen stellten ausserdem nach dem Bau einer Fabrik bisweilen sorglos chinesische Manager ein, nur um Monate später festzustellen, dass diese nur wenige Kilometer weiter eine identische Fabrik aufgebaut hatten, die Kopien der deutschen Produkte fertigte.

Dass in China andere Regeln gelten und das Land zunächst auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, erkannten viele Manager nicht. So sind die jetzigen Klagen über die Handelspraktiken Chinas an manchen Stellen sicherlich berechtigt, aber auch ein Stück wohlfeil.

Mit neuen Eindrücken zurück nach Deutschland

Nun hat Merz mit seinen Treffen mit dem Ministerpräsidenten Li Qiang und dem Staats- und Parteichef Xi Jinping zumindest erreicht, dass das Reich der Mitte mit all seinen Chancen und Risiken auf der politischen Agenda Deutschlands wieder ganz nach oben gerückt ist.

Darüber hinaus hat der Besuch des Bundeskanzlers ein Klima für weitere Gespräche geschaffen. Ende Jahr sollen wieder deutsch-chinesische Regierungskonsultationen stattfinden. Ausserdem haben Deutschland und China den lange sistierten Dialog über Fragen der Zivilgesellschaft wieder aufgenommen.

Es ist zu vermuten, dass der als äusserst chinakritisch geltende Merz die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt nach seinem Besuch mit anderen Augen sieht. Der Besuch bei Unitree, Chinas führendem Entwickler humanoider Roboter, dürfte dem Bundeskanzler vor Augen geführt haben, wie weit China es bei technologischen Entwicklungen gebracht hat – und welche Hausaufgaben Deutschland jetzt zu erledigen hat.

Vielleicht ist ihm und manchem in seiner Delegation ein Licht aufgegangen: Friedrich Merz hat zum Ende seines China-Besuchs die Zentrale des chinesischen Roboterherstellers Unitree in Hangzhou besucht.

Andres Martinez Casares / Reuters

«Verlässt Merz China mit neuen Eindrücken, wäre schon viel gewonnen», sagte Jiang Feng, Experte für deutsch-chinesische Beziehungen an der Schanghaier Tongji-Universität, vor der Merz-Visite gegenüber der NZZ.

Und ein Stück entgegengekommen ist China den Deutschen auch: Die Regierung will bei Airbus 120 Flugzeuge bestellen. Doch die kommen nicht aus Toulouse, sondern aus dem Airbus-Werk im chinesischen Tianjin. Dort haben chinesische Ingenieure den Flugzeugbau gelernt.


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