Die UBS zögert die Ablösung des Konzernchefs Sergio Ermotti hinaus. Nachdem die operative Integration der Credit Suisse nahezu abgeschlossen ist, soll er für die Grossbank auch den Kampf mit dem Bund gegen eine schärfere Regulierung bis zum Ende austragen.
Es kann nur einen geben: UBS-Konzernchef Sergio Ermotti.
Michael Buholzer / Keystone
Die UBS will ihren Konzernchef Sergio Ermotti über April 2027 hinaus an der operativen Spitze behalten. Das hat die NZZ aus mit der Angelegenheit vertrauten Kreisen erfahren. Im Verwaltungsrat um Präsident Colm Kelleher sei die Einsicht gewachsen, dass der 65-jährige Tessiner der richtige Mann sei, um auf der nächsten Baustelle der UBS aufzuräumen: Es gilt, den Bund davon abzuhalten, dass er im Nachgang des CS-Untergangs der einzigen der Schweiz verbliebenen Grossbank ein zu enges regulatorisches Korsett anlegt.
Dabei geht es vorab um die Frage, wie viel hartes Kernkapital die UBS künftig in ihrer Bilanz halten muss. Das Finanzdepartement von Bundesrätin Karin Keller-Sutter hat eine Regelung vorgeschlagen, wonach die UBS als systemrelevante Bank ihre Auslandtöchter mit 100 Prozent ihres Werts besichern müsste statt wie derzeit mit 60 Prozent. Das würde die Grossbank dazu zwingen, bis zu 26 Milliarden Franken an zusätzlichem Eigenkapital aufzubauen.
Die UBS wehrt sich vehement gegen strengere Kapitalvorschriften in diesem Umfang. Als global führende Vermögensverwalterin mit angehängter Investmentbank sähe sie sich im internationalen Wettbewerb stark benachteiligt. Solange die Bank in der Kapitalfrage keine Klarheit habe, könne der Verwaltungsrat auch keinen geeigneten Nachfolger für Ermotti wählen, verlautet aus bankinternen Quellen. Es sei im gegenwärtigen Umfeld unmöglich, nur schon ein Anforderungsprofil zu definieren.
In der Schweiz bleiben, wegziehen oder gekauft werden
In der UBS sieht man drei grundsätzliche Szenarien, wie das politische Ringen um die Kapitalisierung der Grossbank ausgehen könnte:
Im ersten Szenario findet die Schweiz in der Kapitalfrage eine Kompromisslösung, die für die UBS verträglich ist. Dann würde die Bank weiterhin aus ihrem Heimatmarkt heraus operieren. Das ist das Wunschszenario der Bankenspitze.
In Szenario zwei würden der UBS in der Schweiz so enge Fesseln angelegt, dass sie ihr Kerngeschäft, die weltweite Vermögensverwaltung und das Investmentbanking, nicht mehr kompetitiv verfolgen könnte. Vor diesem Hintergrund muss die UBS auch aus Pflicht ihren Aktionären gegenüber die Variante «Wegzug aus der Schweiz» prüfen.
Unabhängig davon, wohin die Bank zieht – die UBS könnte auch eine ausländische Bank kaufen und sich von dieser übernehmen lassen –, wäre dies mit einschneidenden regulatorischen, rechtlichen und finanziellen Folgen verbunden. Von den Auswirkungen auf die Belegschaft am Schweizer Hauptsitz gar nicht zu sprechen.
Das dritte Szenario treibt die Bankspitze momentan besonders stark um: Da die Unsicherheit über die Kapitalfrage auf den Aktienkurs drückt, könnte die UBS relativ günstig von einem der Wall-Street-Riesen gekauft werden. Es galt zwar lange als ausgemacht, dass die amerikanischen Finanzaufseher keinem amerikanischen Institut erlauben würden, eine global systemrelevante Bank zu übernehmen. Aber in der Trump-Ära könnte das anders aussehen.
Im April könnte sich aus Sicht der Bank das Risiko einer Übernahme noch einmal verschärfen: Dann wird der Bundesrat möglicherweise eine Verordnung vorlegen, welche es der UBS verbietet, weiterhin Software als Vermögenswerte zu verbuchen und Steuerguthaben für Verlustvorträge an das Eigenkapital anzurechnen. Gemäss Berechnungen der Bank würden durch diese Massnahme auf einen Schlag 11 Milliarden Franken an Kapital gleichsam ausgelöscht. Nur schon der entsprechende Vorschlag würde die UBS-Aktie weiter belasten.
«Wir werden, wie wir wiederholt gesagt haben, alles daransetzen, dass die UBS weiterhin als globale Bank erfolgreich aus der Schweiz heraus tätig sein kann. Gleichwohl ist der Verwaltungsrat verpflichtet, sich auf alle Szenarien vorzubereiten», schreibt die UBS in einer Stellungnahme.
Aktenzeichen KI ungelöst
Wie aus bankinternen Quellen verlautet, soll nun Sergio Ermotti auf das Wunschszenario – die Schweizer Lösung – hinarbeiten. Für den Verwaltungsrat um Präsident Kelleher stehe fest, dass Ermotti so lange Konzernchef bleibe, bis die Regulierungsfrage geklärt sei, erklären die Quellen weiter. Man sei auf ein Kapitalregime angewiesen, das zielgerichtet, verhältnismässig und auf die internationalen Gegebenheiten ausgerichtet sei.
Bis das Parlament oder im Fall eines Referendums das Stimmvolk über das Gesetz für die Kapitalausstattung der systemrelevanten Bank entscheidet, dauert es allerdings noch. Voraussichtlich wird das erst 2028 der Fall sein.
Die Konzernleitung um Ermotti soll derweil auch eine Strategie erarbeiten für die Zukunft der Bank. Das grosse Thema ist, wie sich KI-Technologien auf das Geschäftsmodell der weltweit führenden Vermögensverwalterin auswirken werden.
Zum einen gilt es auf der Kostenseite, Effizienzgewinne im Back- und Middle-Office der Bank zu heben. Zum andern drängt die Frage, wie auf künstlicher Intelligenz basierende Finanzlösungen das Dienstleistungsgeschäft mit Superreichen weltweit und mit Retail-Kunden in der Schweiz verändern werden.
Eine Frau und drei Männer in der Warteschlaufe
Sergio Ermotti hatte die UBS von 2011 bis 2020 schon einmal geführt und wurde dann im Frühling 2023, kurz nachdem die Grossbank die Credit Suisse (CS) übernommen hatte, als CEO zurückgeholt. Er sollte im Duo mit Präsident Colm Kelleher sicherstellen, dass die untergegangene Konkurrentin juristisch, organisatorisch und operativ so schnell wie möglich in die UBS integriert wird.
Es war ursprünglich geplant, dass Ermotti drei bis fünf Jahre bleibt. Seine Aufgabe ist mit der Übernahme der letzten CS-Kunden, die Ende erstes Quartal auf die UBS-Plattform übernommen werden, nahezu erledigt. Der Schlusspunkt erfolgt mit dem Abstellen aller Systeme der Credit Suisse bis Ende 2026.
Die «Financial Times» hatte Mitte Januar berichtet, dass Ermotti den Posten des Konzernchefs im April 2027 abgeben werde. Für seine Nachfolge kämen als interne Kandidaten infrage: Robert Karofsky und Iqbal Khan, die gemeinsam die weltweite Vermögensverwaltung leiten, der Asset-Management-Chef Aleksandar Ivanovic und die Chief Operating Officer Beatriz Martin.
Dass die Bank nun länger an Ermotti festhält und die Nachfolgeregelung aufschiebt, hat für sie Folgen.
Auf der positiven Seite haben sie nun mehr Zeit, um sich intern in ihren neuen Funktionen zu beweisen. Die UBS hat in den letzten Jahren mehrere Rochaden vorgenommen, auch mit dem Ziel, die Kandidaten aus der Komfortzone ihrer angestammten Funktion zu holen. Das ist die Methode, die der UBS-Präsident Colm Kelleher bei seinem langjährigen Arbeitgeber Morgan Stanley miterlebt hat.
Auf der negativen Seite wird es am Zürcher Paradeplatz – wo gerne geklatscht und getratscht wird – nun heissen, keiner der Papabili sei reif genug, um 2027 als UBS-Chef in die Kränze zu kommen.
Ein UBS-Sprecher schreibt zur Frage der Nachfolgesuche: «Wie wir bereits mehrfach gesagt haben, wird Sergio P. Ermotti mindestens bis Anfang 2027 Group CEO bleiben. Da die Integration wie geplant erst Ende 2026 weitgehend abgeschlossen sein wird und wichtige Arbeiten bevorstehen, um die Bank auf die nächste Phase ihrer Strategie und ihres Wachstumskurses vorzubereiten, ist es verfrüht, über den Zeitpunkt des Rücktritts von Sergio zu spekulieren. Wenn es an der Zeit ist, über einen Nachfolger zu entscheiden, kann der Verwaltungsrat auf eine Reihe starker interner Kandidaten zurückgreifen, wird aber natürlich seiner treuhänderischen Pflicht nachkommen und auch externe Kandidaten prüfen.»

