Die Zementriesen Holcim und Heidelberg Materials müssen für die Verschmutzung mit CO2 zahlen – aber vielleicht weniger als gedacht. Gerade das verschreckt Investoren.
Grau ist nicht grün genug: Zementwerk von Holcim in Siggenthal.
Sandra Ardizzone / CH Media
Die Aktionäre von Holcim erleben eine kalte Dusche. Nachdem der Zementriese im vergangenen Sommer sein Nordamerika-Geschäft abgespalten hatte, eilten die Aktien bis Anfang Februar von Hoch zu Hoch: von unter 50 auf 80 Franken. Die Euphorie ist nun vorbei. Die Valoren brachen seither um 12 Prozent ein.
Das hat nichts mit dem Geschäftsverlauf zu tun. Holcim wird immer profitabler, trotz der erst zögerlich erwachenden Baukonjunktur in Europa. Der Betriebsgewinn aus dem Kerngeschäft wuchs 2025 auf 2,9 Milliarden Franken, wie der Konzern am Freitag mitteilte.
Bei Heidelberg Materials, dem grossen Konkurrenten aus Deutschland, resultierte im vergangenen Jahr gar ein Rekordgewinn. Trotzdem kamen auch dort die Aktien unter die Räder und verloren seit Anfang Februar 20 Prozent.
Klimakosten als Vorwand für Preisaufschläge?
An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Die Erwartungen an die Zukunft der europäischen Zementbranche werden derzeit von einer grossen, wenn auch merkwürdigen Befürchtung geprägt: Die Klimaregulierung der EU könnte schwächer ausfallen als erwartet.
Die Produktion von Zement ist aufgrund der nötigen Rohstoffe und des Herstellungsprozesses ein Klimakiller. Die Hersteller müssen deshalb in der EU CO2-Zertifikate besitzen. Deren Angebot wird verknappt. Konkret sollen bis spätestens 2034 keine kostenlosen Zertifikate mehr verteilt werden. Danach müssen die Hersteller alle Zertifikate über den Europäischen Emissionshandel (ETS) kaufen. Den Preis werden sie wohl an die Käufer ihres Zements weiterreichen.
Doch vor wenigen Wochen machten Spekulationen die Runde, die EU-Kommission wolle CO2-Zertifikate auch nach 2034 in gewissem Umfang kostenlos zuteilen. Die Klimaregeln würden also entschärft. Das enttäuschte Investoren. Wie unter anderem die Helvetische Bank anmerkte, ging der Markt davon aus, dass die Hersteller nicht nur die Kosten für die Zertifikate überwälzen – sondern auch etwas mehr draufschlagen, was ihre Gewinne steigert.
Miljan Gutovic, der Chef von Holcim, hält nicht viel von dieser Sichtweise. Der Kursrutsch der Aktien habe ihn überrascht und sei allein opportunistischen Spekulanten und der Marktstimmung geschuldet, sagt er im Gespräch. Es sei bekannt, dass die EU-Kommission über eine Änderung der ETS-Regeln diskutiere und in der zweiten Jahreshälfte darüber entscheiden werde.
Ausserdem unterstützt Holcim eine Lockerung der Vorgaben: «Ein langsameres Beenden der Zuteilung der kostenlosen Zertifikate wäre positiv für Holcim. Es reduziert unsere Kosten und gibt uns mehr Zeit, unsere grossen Projekte zum Auffangen und Speichern von CO2 zu optimieren», sagt Gutovic. Auf derartigen sogenannten CCUS-Vorhaben ruht ein Grossteil der Hoffnungen, den Sektor klimaneutral zu machen.
Holcim kämpft vor Gericht
Zwar sei der Zementpreis in Europa zu tief, sagt der Holcim-CEO. Aber wenn die Verknappung den Preis der CO2-Zertifikate zu sehr in die Höhe treibe, etwa auf 300 bis 500 Euro pro Tonne, sei das nicht akzeptabel. Es trockne den Markt für die Zertifikate aus und werde für die Gesamtwirtschaft schlimme Folgen haben.
Für den Moment muss Gutovic das nicht befürchten: Die Spekulation über die langsamere Verknappung liess den Preis der Zertifikate von 90 auf 71 Euro fallen.

Holcim-Chef Miljan Gutovic: «Der Zementpreis in Europa ist zu tief.»
PD
Holcim verdient bereits an Produkten, die durch eine geänderte Rohstoffmixtur und eine geänderte Verarbeitungsweise klimafreundlicher hergestellt sind. Solcherart erzeugter Zement und Beton macht bereits 36 beziehungsweise 31 Prozent der jeweiligen Verkäufe aus. Doch Zement bleibt sui generis ein klimaschädliches Produkt.
Das macht die Reduktion der Treibhausgase zum Langzeitprojekt. Manchen dauert es zu lange: Vier Fischerinnen und Fischer von der indonesischen Insel Pari haben im Jahr 2023 Klage gegen Holcim eingereicht. Der Meeresspiegel steigt durch den Klimawandel an und bedroht ihre Lebensgrundlage.
Das Kantonsgericht Zug hat die Klage im Dezember 2025 zugelassen – ein Entscheid mit grosser Signalwirkung. Holcim hat die Zulassung angefochten, wie Gutovic bestätigt. Die Kläger fordern von Holcim unter anderem, die CO2-Emissionen stärker zu reduzieren. Der Konzern soll sie gegenüber dem Stand von 2019 um 43 Prozent bis 2030 und um 69 Prozent bis 2040 senken.
Zu günstig dürfen die Zertifikate auch nicht sein
Der Zementkonzern möchte seine Emissionen zwar freiwillig reduzieren, aber im Verhältnis zur Produktion: konkret um 90 bis 95 Prozent pro Tonne Zementmaterial bis 2050 gegenüber 2020. Gutovic argumentiert, das sei nachhaltiger: «Zum Erreichen absoluter Ziele müsste man nur Zementwerke abschalten. Aber es geht darum, den Produktionsprozess zu verändern», sagt er.
Den Grossteil der Reduktion plant Holcim erst nach 2030 – mithilfe der erwähnten CCUS-Technologien. Der Konzern arbeitet an 19 Projekten, für die bis 2030 inklusive EU-Förderung 2 Milliarden Franken investiert werden. Doch die Wirtschaftlichkeit hängt an den Opportunitätskosten: Wenn der Ausstoss von CO2 zu günstig ist, rechnen sich die teuren Anlagen nicht.
Deshalb darf der Preis für CO2-Zertifikate auch nicht zu niedrig sein. Holcim-CEO Gutovic will sich nicht auf eine Zahl festlegen. Aber er sagt: «Ich werde kein Projekt nur um des Projekts willen machen. Es muss geschäftlich Sinn ergeben. Kostendisziplin ist ein zentraler Punkt unserer Strategie.»
Bei Heidelberg Materials, dem CCUS-Vorreiter der Branche, war das Management in dieser Woche deutlicher: Fällt der Preis der Zertifikate unter 50 Euro pro Tonne, wird der Konzern laut der Bank Baader keine neuen Projekte mehr bewilligen. Bei 30 Euro rechne sich die Anwendung überhaupt nicht mehr. Also darf es die EU mit der Lockerung der Auflagen nicht übertreiben.

