Iranische Vergeltung wird Erdölpreis hochtreiben. Strasse von Hormuz ist Nadelöhr.


Als Vergeltung für den Angriff auf Teheran könnte Iran nun die Strasse von Hormuz schliessen. Das würde auch die Exporte anderer Länder wie Saudiarabien beeinträchtigen. China war bislang der wichtigste Absatzmarkt für iranisches Erdöl.

Durch dieses Nadelöhr verkehrt bis jetzt ein Fünftel der weltweiten Erdölexporte: die Strasse von Hormuz aus dem Orbit gesehen. Im Norden befindet sich Iran.

Copernicus Sentinel Data 2025 / Getty

Der Militärschlag gegen Iran dürfte die globalen Erdölmärkte empfindlich treffen. Ganz besonders im Fokus steht dabei die Auswirkung einer Blockade der Strasse von Hormuz.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Die Meerenge zwischen Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman im Osten des Persischen Golfs ist ein Nadelöhr des globalen Ölhandels. Etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und verflüssigtes Erdgas (LNG) wird derzeit auf dieser Route exportiert – vor allem nach Asien.

Eine Sperre dieser Wasserstrasse würde den Preis für Rohöl in die Höhe treiben und hätte möglicherweise erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft. Schon vor einigen Tagen hatte Iran für den Fall eines amerikanischen Militärschlags mit einer Reaktion «wie nie zuvor» gedroht.

Bereits während des zwölftägigen Krieges mit Israel im Juni 2025 hatte das Regime in Teheran, das aufgrund seines Atomprogramms mit zahlreichen Sanktionen belegt ist, mit einer Schliessung der Strasse von Hormuz gedroht. Angesichts der immer schärferen amerikanischen Rhetorik gaben die regimetreuen Revolutionswächter dann vor wenigen Wochen bekannt, militärische Übungen in der Meerenge durchzuführen.

Der Erdölpreis gerät unter starken Aufwärtsdruck

In Erwartung eines möglichen Schlags gegen Teheran und das iranische Regime ist der Preis der europäischen Referenzsorte Brent seit Anfang Jahr bereits um über 15 Prozent auf etwa 71 Dollar pro Fass gestiegen.

Iran verfügt über grosse Vorkommen von Erdöl und Erdgas und wird seit 1979 von islamischen Geistlichen geführt. Deren Revolutionswächter kontrollieren auch wichtige Teile der Wirtschaft und des Exports. Das Land ist Mitglied des Opec-plus-Kartells und der fünftgrösste Ölproduzent der Allianz, mit einem Fördervolumen von etwas mehr als 3 Millionen Fass pro Tag. Knapp die Hälfte wird exportiert, hauptsächlich nach China.

Für den Revolutionsführer Ali Khamenei und sein Gefolge sind Rohstoffexporte eine wichtige Einnahmequelle. Dennoch muss Iran seinen Kunden aufgrund der Sanktionen grosse Preisnachlässe gewähren.

Als Reaktion auf den Militärschlag und den Ausfall iranischer Erdöllieferungen dürfte der Brent-Preis nun weiter in die Höhe schnellen. Längerfristig wäre dessen Entwicklung jedoch von mehreren Faktoren abhängig, etwa von der Dauer des Konflikts und dem Ausmass möglicher Exportausfälle. Hinzu kommt das Treffen von Opec-plus-Mitgliedern an diesem Sonntag. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg prüft die Allianz führender Förderländer eine Ausweitung der Ölproduktion.

Nach Ansicht von Helima Croft, Leiterin der globalen Rohstoffstrategie bei RBC Capital Markets, könnte eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und Iran den Erdölpreis von derzeit 71 Dollar pro Fass auf mehr als 100 Dollar treiben. Ausschlaggebend ist, dass allein Saudiarabien über zusätzliche Produktionskapazität verfügt. Sollte die Passage eine Woche lang blockiert werden, erwartet Oxford Economics, dass der Brent-Preis auf bis zu 140 Dollar pro Fass steigen könnte.

Irans Erdölexporte sind vom Westen mit Sanktionen belegt. Dennoch exportiert das Regime immer noch grössere Mengen an Rohöl auf undurchsichtigen Wegen vor allem nach Asien. Im Bild grosse Tanker im Persischen Golf.

Germain Vogel / Moment RF / Getty

China ist oft das Endziel für iranisches Öl

Über teilweise fragwürdige Wege gelangt der Grossteil der iranischen Erdölexporte nach Asien, wo viele Länder auf Einfuhren angewiesen sind. Die Küste vor Malaysia hat sich dabei zu einem bedeutenden Umschlagplatz für die iranische Schattenflotte entwickelt, wo Rohstoffe auf andere Schiffe umgeladen werden, um Sanktionen zu umgehen.

Daten des Anbieters Vortexa zeigen, dass im vergangenen Jahr 87 Prozent der iranischen Erdölexporte nach China gingen. So stammte fast ein Drittel der auf dem Seeweg beförderten chinesischen Einfuhren von Erdöl aus Ländern, die Sanktionen unterliegen: Iran, Venezuela und Russland. Abnehmer sind vor allem die kleineren sogenannten «Teapot»-Raffinerien, die sich in chinesischem Privatbesitz befinden.

Lebensader am Persischen Golf

Nicht nur für Iran ist die Strasse von Hormuz eine Schlüsselroute. Etwa 20 Millionen Fass Rohöl passieren täglich die Strasse von Hormuz, die an ihrer engsten Stelle nur etwa 33 Kilometer breit ist. Die Fahrwasser für Öltanker sind noch enger. Gemäss dem 1982 verabschiedeten Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen gilt der Korridor als internationaler Transportweg, auf dem die sogenannte «friedliche Durchfahrt» gewährleistet sein muss. Iran hat das Abkommen jedoch nie ratifiziert.

Wegen der geringen Meerestiefe ist das Fahrwasser am Eingang zur Strasse von Hormuz eng und führt an der Insel Abu Musa (im Bild) vorbei, einer der strategisch wichtigsten Punkte in der Gegend. Sie wird bis jetzt von Iran kontrolliert.

Icana News Agency / Imago

Mit einem Anteil von knapp 40 Prozent stammt der grösste Anteil des durch die Strasse von Hormuz exportierten Erdöls aus Saudiarabien. Auch Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Irak sind auf diese Route angewiesen. Die Wasserstrasse ist zudem für den Transport von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Katar von grosser Bedeutung.

Angesichts der steigenden geopolitischen Spannungen haben Saudiarabien und Iran ihre Exporte in den vergangenen Tagen deutlich gesteigert, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet.

Als Alternative zum Transit durch die Strasse von Hormuz verfügen sowohl Saudiarabien als auch die Emirate über Pipelines. Die amerikanische Energieinformationsbehörde (EIA) schätzt, dass im Falle einer Blockade der Meerenge diese Transportleitungen zusammen etwa 2,6 Millionen Fass pro Tag befördern könnten. Die saudische Pipeline mündet am Roten Meer, während jene der Emirate bis zum Golf von Oman verläuft.

Aus chemischer Perspektive gäbe es durchaus Substitute für iranisches Erdöl. Teheran ist für seine schwere, saure Rohölsorte «Sorush» bekannt. Laut S&P Global kämen schwere Rohölsorten aus Ländern wie Saudiarabien, Kuwait, Irak, Russland und Venezuela als Alternativen infrage. Auch für leichtere iranische Rohöle gibt es in den Golfländern Alternativen, wie der Datenanbieter schreibt.

Scharmützel auf See oder totale Blockade?

Zur Vergeltung eines Angriffs könnte Teheran Handelsschiffe in der Meerenge beschiessen, wie bereits während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er Jahren. Die Revolutionswächter oder das Militär könnten auch Öltanker mit Schnellbooten bedrängen oder diese mit Drohnen angreifen, um den Transit riskanter zu machen und so wirtschaftlichen Druck auf andere Staaten auszuüben. Eine Störung von GPS-Signalen, wie während des zwölftägigen Konflikts mit Israel im vergangenen Jahr, wäre ebenfalls denkbar.

In einem solchen Szenario könnte laut Oxford Economics der Schiffsverkehr in der Strasse von Hormuz um die Hälfte zurückgehen. Die Erdölversorgung würde dadurch um rund 4 Millionen Fass pro Tag sinken, was den Brent-Preis auf 84 Dollar pro Fass treiben könnte, so das Unternehmen.

Eine vollständige Blockade der Wasserstrasse, etwa durch Kriegsschiffe oder Seeminen, wäre für Teheran die Ultima Ratio. Iran wickelt seine Erdölausfuhren grösstenteils über das Ölterminal auf der Insel Kharg im Persischen Golf ab, das selbst die grössten Frachter beladen kann. Eine Blockade würde somit auch die eigenen Exporte behindern und das Regime seiner wichtigsten Einnahmequelle berauben.

Deshalb könnten auch die USA Irans Infrastruktur für Erdöl und Erdgas angreifen. Im Juni attackierte Israel zwei iranische Gasanlagen mit Drohnen.


Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *