Militärischer Sieg, strategisches Scheitern: Iran ist auf den Angriff der USA vorbereitet


Quelle Satellitenbild: Planet Labs

Das Regime bereitet sich seit der Revolution 1979 auf einen Grossangriff vor. Am Samstag hat er begonnen. Die Antwort erfolgte zunächst mit ballistischen Raketen. Die nächste Stufe des Widerstands dürfte asymmetrisch erfolgen: vielleicht mit einer Blockade der Strasse von Hormuz.

Georg Häsler, Seda Motie, Roland Shaw

Der Verkehr auf den Autobahnen der Golfstaaten rollte am Samstag noch wie gewöhnlich, als die iranischen Lenkwaffen einschlugen: Zuerst traf eine Drohne das Gelände des amerikanischen Navy-Nachschubelements in Bahrain, kurz darauf zeigte ein Video eines Autofahrers, wie von Luftwaffenbasis Ali Ali Salem in Kuwait nach eine Explosion Rauch aufsteigt.

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Das Regime in Teheran reagierte unmittelbar auf die amerikanisch-israelischen Grossangriff. Praktisch gleichzeitig überzogen Wellen iranischer Lenkwaffen Israel und die arabische Halbinsel. Die israelische Alarm-App «Tzofar» verschickte Hunderte von kritischen Meldungen. Der Luftschirm scheint bisher zu funktionieren – bis auf die beiden Treffer in Bahrain und Kuwait.

Zusätzlich zu den Raketenangriffen dürfte die Islamische Republik auch asymmetrischen Methoden anwenden: Statt den direkten Kampf zu suchen, verhalten sich die iranischen Streitkräfte wie kleine bewaffnete Gruppen. Sie sind darauf ausgerichtet, die Schwachstellen eines überlegenen Gegners zu nutzen und mit minimalen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen.

Abriegeln der Strasse von Hormuz

Eine Schlüsselrolle übernehmen die Revolutionswächter: eine eigenständige Streitkraft mit militärischem, politischem und wirtschaftlichem Einfluss, die am Boden, in der Luft und auf dem Meer kämpfen kann. Die Garden zum Schutz der Islamischen Republik unterhalten ein Netzwerk von Firmen, die unter anderem die Shahed-Drohnen produzieren und diese auch ständig weiterentwickeln. Mit diesen relativ simplen Systemen kann ein Gegner zwar nicht besiegt, aber in seiner Kraftentfaltung behindert werden.

In dieser Logik dürfte sich das operative Konzept der Revolutionswächter darauf konzentrieren, die Amerikaner und ihre Partner mit Nadelstichen abzunutzen – möglicherweise mit einem räumlichen Fokus auf die Strasse von Hormuz. Die Meerenge zwischen Iran und Oman passiert ein erheblicher Teil der Ölexporte der Golfstaaten.

Die militärische Absicht einer Blockade wäre, den amerikanischen Kriegsschiffen den Zugang zum Persischen Golf zu verwehren oder ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Deshalb haben die Revolutionswächter an der Küste Raketenstellungen verbunkert, zum Einsatz kämen auch Seeminen, Drohnen und Schnellboot-Schwärme.

Der amerikanische Flugzeugträger «Abraham Lincoln» steht zwar ausserhalb des Persischen Golfs, aber die Versorgung der amerikanischen Stützpunkte auf der Arabischen Halbinsel wäre erschwert – insbesondere auch das Hauptquartier auf der Basis al-Udeid in Katar oder das bereits getroffene Nachschubelement der fünften Flotte in Bahrain.

Abschreckung aus der Distanz

Eine Sperre der Strasse von Hormuz zielte auch auf die wirtschaftlichen Lieferketten – insbesondere die Erdölversorgung. Teheran kalkuliert mit dem zunehmenden Widerstand gegen eine amerikanische Intervention, weil die Treibstoffpreise weltweit steigen dürften. Das strategische Ziel wäre dann erreicht, wenn Washington die Unterstützung der wichtigsten Partner verlieren würde.

Noch scheint das Regime auf ein Verhandlungsfenster zu hoffen und verzichtet auf asymmetrische Massnahmen, die paradoxerewise mehr Eskalationspotenzial haben als der kontrollierte Einsatz konventioneller Mittel.

In den ersten Stunden des Krieges antwortete die Islamische Republik vor allem mit den ballistischen Raketen und Drohnenschwärmen – wie schon in den vergangenen zwei Jahren: Israel wurde gleich mehrfach beschossen, am intensivsten während des Zwölf-Tage-Kriegs im Juni 2025. In der Reichweite der iranischen Distanzwaffen liegen aber auch die amerikanischen Stützpunkte in der Region.

Auf diesen Basen hat das Central Command (Centcom), das Oberkommando für den Nahen und den Mittleren Osten, in den letzten Wochen beträchtliche Mittel der Air Force zusammengezogen: die Kampfjets, Tankflugzeuge und fliegenden Kommandoposten, die im Verbund mit der Navy gegen Iran eingesetzt würden.

Die Operation «Epic Fury» ist deshalb nicht nur offensiv, sondern vor allem auch defensiv herausfordernd. Militärisch sind drei Operationslinien zu erkennen:

  • Angriff aus Distanz: Die Schiffe und Flugzeuge ermöglichen einen längeren Einsatz gegen mehr Ziele als im vergangenen Juni. Damals konzentrierten sich die USA auf die Zerschlagung des iranischen Atomprogramms. Jetzt strebt Präsident Donald Trump offensichtlich einen Regime-Change in Teheran an. Die Luftüberlegenheit konnten die Amerikaner auch diesmal innerhalb kürzester Zeit erreichen. Bereits im Zwölf-Tage-Krieg hatte sich die Luftverteidigung auf der Basis russischer Systeme als Schwachpunkt der iranischen Verteidigungsfähigkeit erwiesen.
  • Eigenschutz: Der Einsatz ist ein Testfall für die Drohnenabwehr werden: sowohl draussen auf dem Meer zum Schutz der Kriegsschiffe als auch auf den Stützpunkten an Land. Zudem dürften sich die Amerikaner in den ersten Wellen ihrer Luftoffensive auf die iranischen Lenkwaffenstellungen fokussieren, um die Fähigkeit des Regimes zur Abschreckung zu reduzieren. Wie dies gelungen ist, kann gegenwärtig nicht festgestellt werden.
  • Unterstützung der Verbündeten: Die Revolutionswächter greifen nicht nur amerikanische Ziele an, sondern auch Israel und allenfalls kritische Infrastrukturen in den Golfstaaten. Die USA müssen deshalb die Luftverteidigung eng mit ihren Partnern abstimmen. Im schlimmsten Fall ist eine Priorisierung der Abwehrmassnahmen nötig, was bedeuten könnte, dass empfindliche Treffer in Kauf genommen werden müssten. In seiner Videoansprache bemerkte Trump am Samstag, er erwarte auch Opfer, «wie das im Krieg halt üblich ist.»

Über die Durchhaltefähigkeit der amerikanischen und auch der israelischen Luftverteidigung bestehen Zweifel: Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der amerikanischen Streitkräfte, General Dan Caine, warnte laut einem Artikel der «Washington Post» in der vergangenen Woche vor den tiefen Lagerbeständen an Abfanglenkwaffen. Die Industrie vermag mit dem Verbrauch von Abwehrlenkwaffen in der Ukraine und auch bei der Unterstützung Israels nur schwer mitzuhalten.

Trump scheint die Operation «Epic Fury» gegen das Unbehagen seiner höchsten Generäle befohlen zu lassen. Der Angriff erfolgt nach einer minimalen Vorbereitungszeit von nur zwei Monaten. Offensichtlich hatte auch das iranische Raketenprogramm nicht genug abschreckende Wirkung: Während des Zwölf-Tage-Kriegs geriet die israelische Luftverteidigung an die Grenzen ihrer Kapazitäten, insbesondere auch, weil die weit reichenden Drohnen die Systeme sättigen und so Lücken öffnen.

Potenzial wiederhergestellt

Das Regime hat sich seit der Revolution 1979 auf einen Krieg mit den USA, dem «grossen Satan», vorbereitet – und die Konfrontation stets gesucht: Bereits 1988, am Ende des ersten Golfkriegs, lief ein amerikanischer Kreuzer auf eine iranische Mine auf. Das Schiff gehörte zu einem Verband, der die freie Schifffahrt im Persischen Golf hätte sichern sollen. Die US Navy antwortete mit einer Vergeltungsaktion und versenkte unter anderem zwei Kriegsschiffe der iranischen Marine.

Das amerikanische Verteidigungsministerium weist seither regelmässig auf die Bedrohung hin, die von der Islamischen Republik ausgeht. Die Defense Intelligence Agency (DIA), der militärische Nachrichtendienst des Pentagons, veröffentlichte letztmals 2019 einen ausführlichen Bericht über die militärischen Fähigkeiten Irans. Insbesondere die Hinweise zum operativen Denken des Regimes sind weiterhin gültig, auch wenn sich die Verhältnisse in den vergangenen sieben Jahren verändert haben.

Das Regime hat die Fähigkeit verloren, seine Macht auf die ganze Region zu projizieren. Zum einen hat die Türkei den Sturz des syrischen Diktators Asad unterstützt und damit die Revolutionswächter aus dem Land gedrängt, zum anderen vermochten die Israeli in den Monaten vor dem Zwölf-Tage-Krieg die iranische «Achse des Widerstands» empfindlich zu schwächen. Über dieses Netz von Terrormilizen, das sich vom Hizbullah in Libanon bis zu den Huthi in Jemen erstreckt, hatte die Islamische Republik versucht, eine Hegemonialmacht im Nahen Osten zu werden.

Im Zwölf-Tage-Krieg und in der unmittelbar darauffolgenden Operation «Midnight Hammer» gelang es Israel und den USA gemeinsam, auch das iranische Abschreckungspotenzial zurückzuwerfen, allerdings nur vorübergehend. Die Islamische Republik vermochte sowohl einen Grossteil der Lenkwaffenstellungen wiederherzustellen als auch die Reparatur der kritischen Anlagen des Atomprogramms in Angriff zu nehmen.

Eine militärische Niederlage als Erfolg

Dem Regime kommt dabei das Gebirge entgegen, das sich vom Nordwesten bis in den Süden des Landes erstreckt. Die Munitionsdepots und Führungsanlagen befinden sich grösstenteils unter Tag und werden nach den israelisch-amerikanischen Angriffen vom vergangenen Juni zusätzlich mit Beton gehärtet. Selbst die grössten, bunkerbrechenden Bomben der Amerikaner, die GBU-57, dürften nicht mehr ausreichen, um die Fels- und Betonschichten zu durchdringen.

Die zentrale Fähigkeit der Amerikaner – und auch der Israeli – ist der verdeckte Einsatz der Geheimdienste und auch von Spezialkräften. Der Zwölf-Tage-Krieg hat gezeigt, wie breit die Operationsbasis des Mossad bereits ist. Die CIA hat in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken einen Aufruf zur Rekrutierung iranischer Bürgerinnen und Bürger gegen das Regime geschaltet.

Zudem wird von Cyber-Attacken berichtet: So scheinen die Amerikaner die iranische App «Bad Sabah», über die Gebetszeiten erfasst werden können, gehackt zu haben und die Botschaft «Hilfe ist da» zu verbreiten. Zusätzlich zu den Angriffen auf die Führung der Islamischen Republik soll auch die Bevölkerung angestachelt werden, sich zu erheben. Die Revolutionswächter dürften mit aller Härte antworten – wie schon zu Beginn des Jahres.

Gerade weil Trump den Regime-Change anstrebt: Vom Erfolg der kaum sichtbaren Operationslinie im Cyber- und Informationsraum hängt ab, ob der amerikanische Einsatz tatsächlich die Verhältnisse in Iran verändern kann. Verschiessen die Amerikaner aber vor allem Munition oder werden sie gar empfindlich getroffen, ist das selbst bei einer militärischen Niederlage ein Erfolg für das Regime – und eine strategische Niederlage der USA.




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