Der Aufstieg und die Krise des Microsoft-Gründers und Philanthropen Bill Gates


Bill Gates war erst der Inbegriff des gnadenlosen Microsoft-Machers, später das Gesicht einer neuen Moral der Milliardäre. Nun rüttelt die Epstein-Verbindung erneut an seinem Image. Eine Geschichte in drei Akten.

Elena Panagiotidis

Bill Gates zeigt Reue wegen seiner Verbindung zu Jeffrey Epstein.

Caitlin Ochs / Reuters

«Ich bereue jede Minute, die ich mit ihm verbracht habe, und ich entschuldige mich dafür.» Mit diesem Satz reagierte Bill Gates Anfang Februar in einem Interview des australischen Senders 9News auf Dokumente, die das amerikanische Justizministerium im Fall des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein veröffentlicht hat und die Verbindungen zwischen Gates und Epstein aufweisen.

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Bereits 2021 hatte Gates gegenüber CNN gesagt, es sei ein «riesiger Fehler» gewesen, Zeit mit Jeffrey Epstein zu verbringen – auch, weil Gates dem früheren Investmentbanker damit Glaubwürdigkeit verliehen habe. Auffällig ist die Wortwahl von Gates. Er gesteht keine Straftat ein, sondern ein Fehlurteil. In einer Welt, in der Reputation zur Währung geworden ist, reicht manchmal schon die Anwesenheit, um Legitimität zu verleihen. Oder sie zu verspielen.

Bill Gates, der einstige Programmierer, war einst Inbegriff des kaltblütigen Microsoft-Patriarchen. Später pflegte er über Jahrzehnte mit dem Image des Philanthropen seine eigene moralische Wiedergeburt. 2005 schlug ihn die Queen zum Ritter. Nun fängt Gates wieder bei null an. Als ein Mann, dessen Urteilskraft öffentlich infrage gestellt wird. Er erlebt den Sturz aus einer zweiten Karriere, die nicht durch Marktanteile definiert war, sondern durch moralische Autorität.

Präludium: Klassenclown entdeckt den Code

Wer Gates verstehen will, blickt in seine Kindheit. 1955 in Seattle geboren, wächst er als zweites von drei Kindern in einer Mittelstandsfamilie auf. Er gilt als hochbegabt und aufsässig, ist ehrgeizig und streitbar und ist lieber bei sich als mit anderen. Heute spräche man wohl von einem Nerd.

In seiner Autobiografie «Source Code» beschreibt Gates das Programmieren als Erweckungserlebnis: vier Zeilen Basic, sofortige Antwort, «wie ein Stromstoss». Der Teenager, der zuvor den Klassenclown spielte, um nicht gemobbt zu werden, findet im Code eine Ordnung, die ihm die soziale Welt nicht gibt. Hier kann er kontrollieren, der Wettbewerb wird zum Antrieb.

1. Akt: Genie und Härte

Was Ende der 1960er Jahre zusammen mit dem Jugendfreund Paul Allen in einem Computerraum einer kalifornischen Highschool beginnt, wird zu einem Weltkonzern. 1975 gründeten sie Microsoft und lieferten ab 1981 mit MS-DOS das Betriebssystem für den ersten PC von IBM, ohne die Rechte abzugeben. Gates’ Talent ist nicht nur Technik, sondern Geschäftslogik, die beiden Programmierer lizenzierten ihre Software, statt sie zu verkaufen. Damit setzten Gates und Allen Standards, schufen Abhängigkeiten und verdrängten Rivalen.

1994 kontrollierte Gates die Computerindustrie in einem Ausmass, «das von keiner anderen Person in einer andern grossen Branche erreicht wird», wie das Magazin «New Yorker» schrieb. Das Justizministerium prüfte ein mögliches Monopol. Ein konkurrierender Software-Manager sagte dem «New Yorker» 1994 über Bill Gates, dass dieser glaube, nun sei «die Zeit, neue Feinde zu erobern, neue Länder zu plündern». Gates möge es nicht, mit John D. Rockefeller verglichen zu werden, und weise das mit den Worten «Hey, ich bin doch kein gieriger Monopolist» von sich. Doch er wisse auch nicht, wie er sich anders verhalten solle. Gates wirkte damals getrieben, dünnhäutig und obsessiv.

Die Jugendfreunde und Microsoft-Gründer Paul Allen und Bill Gates Anfang 2004 in Seattle.

Barry Sweet / Imago

1998 klagt das Justizministerium Microsoft wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens an. Der Prozess wird zum öffentlichen Charaktertest. Gates gilt vielen als brillante, aber unsympathische Machtfigur. Als er die operative Führung abgibt, ist das auch ein Imagewechsel. Microsoft bekommt ein «frisches Gesicht». Und Gates sucht ein neues Feld.

2. Akt: Läuterung durch Philanthropie

Mit der Bill and Melinda Gates Foundation beginnt die zweite Karriere, aus seiner Tech-Macht wird Philanthropie. Die Stiftung wird zur Institution, die die Politik und das globale Gesundheitswesen mitprägt. Denn sie kann Prioritäten und Programme mitprägen. Laut der Stiftung selbst hat sie seit der Gründung bis Ende 2024 insgesamt mehr als 83 Milliarden Dollar an Fördergeldern geleistet. In den nächsten zwei Jahrzehnten will sie weitere 200 Milliarden mobilisieren. In solchen Grössenordnungen wird so ein Programm schnell systemrelevant, besonders in der Impfpolitik.

Und auch privat bleibt Gates ein Titan. «Forbes» schätzt sein Vermögen – trotz milliardenschweren Spenden – auf rund 107 Milliarden Dollar. Aufgebaut hat er dies zusammen mit seinem langjährigen Freund, dem Investor Warren Buffett, der der Stiftung seit Jahren grosse Aktienpakete seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway überweist.

Die Megajacht «Breakthrough» von Bill Gates ist so lang, dass sie fast nicht aufs Bild passt.

Giovanni Romero / Imago

Gates wird zur Leitfigur einer Epoche, in der Milliardäre als Problemlöser auftreten. Allerdings trage er auch wie kaum ein anderer dazu bei, die Rolle der Milliardäre zu legitimieren, sagt der amerikanische Journalist Tim Schwab, der Autor von «The Bill Gates Problem: Reckoning with the Myth of the Good ‹Billionaire›. «Wenn wir Bill Gates erlauben, eine einzigartig einflussreiche oder dominierende Stimme in der Gestaltung öffentlicher Politik zu haben, geben wir im Grunde einer Oligarchie nach – einem Machtmodell, in dem der reichste Typ die lauteste Stimme bekommt», argumentiert Schwab. Seiner Ansicht nach ist Gates der Wegbereiter für Männer wie Elon Musk gewesen.

Bill und Melinda Gates gelten als Vorzeigepaar der Stiftungswelt. Sie ist zugänglicher und kommunikativer, er ist der rationale Kopf. Doch diese Konstruktion wird brüchig, als Berichte über sein Verhalten und Affären auftauchen.

2021 bestätigte Microsoft, dass es eine interne Untersuchung zu einer Beziehung von Gates mit einer Mitarbeiterin gab, kurz zuvor hatte er überraschend den Verwaltungsrat verlassen. Gleichzeitig wird öffentlich, dass er wiederholt Frauen im Unternehmen umworben haben soll. Auch die Ehe kippt in dieser Phase, im Mai 2021 geben Bill und Melinda Gates ihre Trennung bekannt. Ihre Scheidung wird zu einer der bis dahin teuersten. Die Stiftung trägt seit 2025 nur noch seinen Namen.

3. Akt: Vertrauenskrise statt Gerichtssaal

Und dann ist da Epstein. Bisher ist nichts Justiziables bekannt über die Verbindung der beiden Männer. Aber allein eine Verbindung zu Epstein, und sei es in Form von E-Mails, wirft Schatten auf alle, die mit ihm zu tun hatten. Auch auf Gates und seine Stiftung.

Bill Gates erscheint mit einer Frau, deren Identität unkenntlich gemacht wurde, auf diesem Bild aus dem Nachlass von Epstein, das am 18. Dezember 2025 von den Demokraten des House Oversight Committee in Washington (DC), USA, veröffentlicht wurde.

House Oversight Committee / Handout

Laut einem Bericht des «Wall Street Journal» vom 25. Februar hat Gates an einer internen Mitarbeiterversammlung Affären mit russischen Frauen eingestanden, die allerdings keinen Bezug zu Epsteins Opfern gehabt hätten. Er habe Epstein ab 2011 mehrmals getroffen. Da war dieser bereits wegen Anstiftung einer Minderjährigen zur Prostitution verurteilt. 2014 habe er Epstein zum letzten Mal persönlich gesehen; auf dessen Insel sei er nie gewesen, habe allerdings Zeit mit ihm in Frankreich, Deutschland, New York und Washington verbracht – aber nie über Nacht. Seine Ex-Frau Melinda habe den Kontakt immer kritisch gesehen, soll Gates laut «WSJ» gesagt haben.

Der Mann, der einst die totale Kontrolle hatte – es heisst, er merkte sich die Autokennzeichen seiner Mitarbeiter, um deren Präsenzzeit im Büro zu überprüfen –, wirkt in der Affären- und Epstein-Gemengelage wie jemand, dem die Kontrolle entglitten ist.

Die Frage ist, was es bedeutet, sich nach einer Verurteilung noch mit einem Sexualstraftäter zu treffen. Gates selbst spricht von einem riesigen Fehler. Doch in der Logik von Compliance und Good Governance ist es ein Reputationsrisiko, das wie ein Schatten auf allem liegt, wofür er steht.

Microsoft wird nicht schlechter, weil sein Mitgründer moralisch fehlbar ist. Impfprogramme werden dadurch nicht weniger wirksam. Politisch ist es komplizierter. Philanthropie lebt von der Legitimität und von Vertrauen. Und Vertrauen ist die empfindlichste Ressource. Sie lässt sich nicht patentieren, nicht lizenzieren – nicht zurückkaufen.


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