Immobilien, Aktien und Bankeinlagen werfen kaum noch Gewinne ab. Viele Chinesinnen und Chinesen kaufen darum Goldbarren und Goldschmuck. Auf fallende Preise waren viele von ihnen nicht vorbereitet.
Auf der Suche nach einer sicheren Geldanlage: Der Händler Caibai bietet Goldbarren in zahlreichen Grössen an.
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Auf den ersten Blick sieht das Geschäft Caibai im Westen Pekings aus wie ein gewöhnliches chinesisches Kaufhaus. Die Fassade des mehrstöckigen Gebäudes ist braun verputzt, die Schriftzeichen mit dem Namen sind wie bei vielen Läden in Gold gehalten, und die Fenster lassen kaum einen Blick ins Innere zu.
Doch hinter den Mauern bieten Verkäufer nicht etwa Kleidung, Schuhe oder Unterhaltungselektronik an, sondern teures Edelmetall und wertvolle Steine: Caibai ist Chinas grösster Detailhändler für Gold, Platin und Diamanten.
In den Vitrinen liegen Colliers und kleine Buddhas aus Gold. In grossen Glasschränken stehen mächtige Segelschiffe, Drachen und Tiger-Statuen, ebenfalls aus reinem Gold. Das Interesse der Passanten ist gross, an einem zufälligen Vormittag im Februar gibt es kaum ein Durchkommen.
Das grösste Gedränge herrscht vor einem Tresen in der vierten Etage. In der Vitrine liegen Goldbarren mit Gewichten zwischen 10 und 100 Gramm. Auf einem Schild steht «Investment Gold bar». Hinter dem Tresen zeigt eine elektronische Tafel den aktuellen Goldpreis: 1130 Yuan, umgerechnet 126 Franken, kostet ein Gramm an diesem Morgen.

Ornamente, Broschen, Colliers: Caibai ist der grösste Detailhändler für Gold in China.
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Li Min kauft 800 Gramm Gold für 122 000 Franken
Bei Caibai kaufen private Anleger wie Li Min ihr Gold. Die junge Chinesin steht in vorderster Reihe vor dem Tresen. In der Hand hält sie acht kleine Goldbarren. Jeder wiegt 100 Gramm. «Ich kaufe ständig zu», sagt Li. Sie besitze bereits mehrere Kilogramm Gold. «Als ich sah, dass der Goldpreis steigt, habe ich noch mehr gekauft», sagt Li. Jetzt, da der Preis noch weiter steige, wolle sie noch einmal zukaufen.
Dann zieht Li Min ihr Handy aus der Manteltasche und scannt einen QR-Code, den ihr der Verkäufer hinhält. Auf Lis Handydisplay erscheint die Zahl 1 088 000. Die 8 kleinen Barren sind bezahlt. Der Preis: 1 088 000 Yuan, umgerechnet fast 122 000 Franken. Womit die junge Chinesin ihr Geld verdient, will sie nicht verraten.
Nicht jeder Chinese und nicht jede Chinesin kann es sich leisten, sich mit derartigen Mengen Gold einzudecken. Doch auf der Suche nach sicheren Gewinnen haben sich mit dem stetigen Anstieg des Preises für das Edelmetall immer mehr Menschen dem Gold zugewandt.
Im vergangenen Jahr kauften Chinesen 432 Tonnen Gold in Form von Barren und Münzen, 2024 waren es 336 Tonnen. Im Schlussquartal 2025 kletterten die Käufe von Goldmünzen und -barren gemessen am Wert im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 123 Prozent. Die Zuflüsse in Gold-ETF, gerechnet nach Volumen, haben sich im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppelt.
Niedrige Zinsen treiben die Goldkäufe
«Chinesische Privathaushalte haben während der vergangenen Jahre immer grössere Teile ihrer Ersparnisse umgeschichtet», schreibt die China-Analystin Zhang Xiaoxi, «das Rally beim Goldpreis dürfte sie dabei ermuntert haben.»
Li Min hat ihre acht kleinen Goldbarren in der Manteltasche verstaut und wirft noch einen Blick auf die Auslagen mit Ringen, Broschen und Colliers. «Sehen Sie», sagt Li, «es gibt in China kaum Möglichkeiten, seine Ersparnisse gewinnbringend anzulegen.» Bankeinlagen würfen nur Mini-Renditen ab, weil die Zinsen niedrig seien, sagt Li.
Auch Immobilien, über Jahrzehnte die bevorzugte Anlage der Chinesen, sind keine Option mehr. Der Sektor implodierte im Sommer 2021, und auch mehr als vier Jahre nach dem Crash fallen die Preise weiter.

Am 30. Januar kostete ein Gramm Gold 1650 Yuan. Sechs Tage später lag der Preis nur noch bei 1130 Yuan.
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Volatile Aktienmärkte
Die chinesischen Aktienmärkte sind ebenfalls keine echte Alternative für eine solide Geldanlage. An den Börsen engagieren sich in erster Linie Kleinanleger. Entsprechend volatil ist die Entwicklung der Märkte. Darüber hinaus drohen ständig Interventionen der Behörden. Schlagen die Kurse zu weit nach oben aus, verschärft die Börsenaufsicht schon einmal die Vorschriften und verbietet etwa Leerverkäufe. Oft fallen dann binnen kürzester Zeit die Kurse.
Mit solchen Eingriffen wollen die Behörden einer angeblichen Überhitzung an den Aktienmärkten vorbeugen. Die Leidtragenden sind die chinesischen Kleinanleger.
Doch dass man sich auch mit der vermeintlich sicheren Anlage Gold verspekulieren kann, mussten viele Chinesinnen und Chinesen Ende Januar erfahren – vor allem, wenn man sich mit windigen Händlern einlässt.
Die Online-Handelsplattform JWR hat ihren Sitz im Bezirk Shuibei in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Shuibei gilt als Zentrum des Goldhandels für Kleinanleger. Über viele Monate hatten chinesische Privatanleger in Erwartung stetig steigender Preise der Gold-Plattform ihre Ersparnisse anvertraut. Als der Goldpreis im Laufe des Januars immer weiter anzog, wollten viele Anleger Kasse machen und sich ihr Vermögen auszahlen lassen.

Goldrausch in China: Ein Geschäft in Peking bietet Skulpturen mit Gold-Ornamenten an.
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150 000 Chinesen verloren ihre Ersparnisse
Doch sie schauten in die Röhre. JWR konnte seinen Verpflichtungen nicht nachkommen; binnen weniger Stunden war die Plattform zahlungsunfähig, in die Knie gezwungen von Tausenden Chinesinnen und Chinesen, die ihre Gewinne mitnehmen wollten.
Laut chinesischen Medienberichten blieben die Kleinanleger auf Verlusten von insgesamt 1,4 Milliarden Dollar sitzen. Mehr als 150 000 Menschen sollen betroffen sein. Hunderte von ihnen protestierten an den darauffolgenden Tagen vor den Büros von JWR. Die Stadtverwaltung war in Alarmbereitschaft.
Als kurz darauf der Goldpreis deutlich nachgab, mussten auch andere Anleger Verluste hinnehmen – die sechs grössten chinesischen Geschäftsbanken sahen sich zu einer Warnung an die chinesischen Haushalte gezwungen. «Unlängst hat die Volatilität an den internationalen Märkten für Edelmetalle zugenommen», gaben die Geldhäuser zu bedenken. Investoren sollten Vernunft und Ruhe bewahren und «nicht blind einem Rally hinterherjagen».
Chinas Banken warnen die Kleinanleger
Li Min lässt sich von Preisausschlägen nach unten nicht aus der Ruhe bringen. Den langfristigen Trend beim Goldpreis beschreibt die Privatanlegerin als einen «volatilen Anstieg» und fügt hinzu: «Einbrüche beim Goldpreis sind Kaufgelegenheiten.» Dann strebt Li Min dem Ausgang des Caibai-Ladens entgegen.
Die Gavekal-Analystin Zhang Xiaoxi ist sich da nicht so sicher. Historisch betrachtet seien die Preise auch nach dem Einbruch Ende Januar noch sehr hoch, schreibt Zhang, «doch der Markt sieht nicht mehr wie eine Wette in nur eine Richtung aus». Das könnte auch die Nachfrage der Chinesen nach Goldbarren, Münzen und ETF dämpfen, so Zhang.

