Wo genau die Raketen einschlagen, bleibt verschwommen. Der Start irgendwo in der Weite der arabischen Wüste ist auf dem Video des amerikanischen Militärs dagegen hochauflösend dokumentiert. Die Bilder liefern eine Überraschung: Offensichtlich setzen die Amerikaner in ihrer Operation «Epic Fury» auch das Raketenartillerie-System Himars ein – und damit ein Kontingent an Bodentruppen.
Die amerikanischen Artilleristen verschiessen auf dem Video Atacms-Munition. Diese taktischen Boden-Boden-Lenkwaffen haben eine Reichweite von 300 Kilometern. Damit könnten die Amerikaner von den Vereinigten Arabischen Emiraten aus die Stellungen der Revolutionswächter entlang der Strasse von Hormuz zerschlagen – und eine Sperre der Meerenge verhindern.
The Iranian regime was warned. CENTCOM is now delivering swift and decisive action as directed. pic.twitter.com/nNDoDexH6g
— U.S. Central Command (@CENTCOM) March 1, 2026
Eine solche Blockade hätte erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, weil die Golfstaaten den Grossteil ihres Erdöls durch die Strasse von Hormuz verschiffen. Deshalb setzt in diesem Engnis die asymmetrische Kriegsführung der Revolutionswächter an. Mit den Himars-Werfern auf der anderen Seite der Seestrasse könnte es den Amerikanern gelingen, den Gegner auf der gleichen Stufe zu bekämpfen.
Die israelische Operation «Roaring Lion» im Zentrum
Diese Präzision der Planung erstaunt: Das Pentagon setzte den Aufmarsch für die Operation «Epic Fury» in nur zwei Monaten durch. Unmittelbar nach der erfolgreichen Festsetzung des venezolanischen Machthabers Nicolas Maduro in Venezuela hatte der amerikanische Präsident Donald Trump befohlen, nun auch gegen das Regime in Teheran militärisch vorzugehen.
Der Angriff auf die Islamische Republik erfolgte schliesslich praktisch aus dem Stand. Der Flugzeugträger «Gerald Ford» bewegte sich aus dem Einsatzgebiet in der Karibik ins östliche Mittelmeer. Noch am Donnerstag befand sich das Flaggschiff dieses Flottenverbands aus logistischen Gründen im Hafen von Souda Bay auf Kreta und bewegte sich gleich direkt in den Einsatzraum vor der Küste Israels.
Die amerikanische Operation «Epic Fury» bildet den Rahmen um den eigentlichen Kern des Einsatzes: die Operation «Roaring Lion» der Israeli. Mehrere Kanäle in den sozialen Netzwerken zitieren eine Quelle innerhalb des israelischen Sicherheitsapparats, die besagt, dass die israelische Luftwaffe nun über eine rund um die Uhr einsatzbereite Tankstelle in der Luft verfüge. Offenbar stehen den Jets dank den Amerikanern permanent 50 Tankflugzeuge zur Verfügung – Israel selbst besass bisher maximal 14 eigene Tanker. Ein solches Flugzeug kann auf einer Rotation etwa zwanzig Betankungen von Kampfjets durchführen.
Etwas anders sieht es bei grossen Bombern wie dem B-2 aus. Wenn sie eine Nonstop-Mission ausführen wie in der Operation «Night Hammer», benötigt ein Bomber die gesamte Ladung Treibstoff eines Stratotankers. Dass solche Flugzeuge auf die Insel Diego Garcia verlegt wurden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass in Washington auch der Einsatz der schwersten Bomben erwogen wird.
Mit den vorhandenen Daten aus offenen Quellen sowie Satellitenbildern lässt sich die amerikanische Grundaufstellung für die Operation «Epic Fury» in ihrer räumlichen Dimension visuell darstellen:
Der Oberbefehl über die Operation liegt bei Admiral Brad Cooper, dem Kommandanten des U. S. Central Command, des Kommandos, das für den Nahen und Mittleren Osten verantwortlich ist. Zusätzlich zu seinen eigenen Mitteln wurden ihm Schiffe und Flugzeuge aus den USA, Europa und dem Pazifik unterstellt. Das U. S. Eucom, das für Europa zuständig ist, leistet den logistischen Support – etwa mit der Luftdrehscheibe Ramstein in Deutschland.
Die Hektik des Aufmarsches war in den vergangenen Wochen auch in den übermittelten Datenpaketen spürbar, die unter Militärbloggern die Runde machten. So wiesen die Leitstellen die Piloten an, die Zeit am Boden möglichst kurz zu halten. Ein Flugzeug musste auf der Route vom Nahen Osten nach Deutschland «wegen Übermüdung der Besatzung» zwischenlanden. Die Israeli, die aus dem eigenen Land heraus operieren, hatten für die Vorbereitung wesentlich mehr Zeit.
Vier entscheidende Operationslinien
Trotz allen Bedenken auch der höchsten Generäle Trumps begann die amerikanisch-israelische Kampagne bemerkenswert erfolgreich. Gleich am ersten Tag gelang es, den Revolutionsführer Ali Khamenei und weitere Schlüsselpersonen des Regimes auszuschalten. Laut Medienberichten klinken die Kampfjets der israelischen Luftwaffe ihre Luft-Boden-Lenkwaffen nicht mehr aus sicherer Distanz aus, sondern fliegen direkt über dem Zielgebiet – auch über der Stadt Teheran.
«Epic Fury» und «Roaring Lion» sind sogenannte «Multi Domain Operations». Wie schon im «12-Tage-Krieg» oder beim Einsatz in der Karibik Anfang Jahr kombinieren und koordinieren die Amerikaner und die Israeli die militärischen Effekte in allen möglichen Wirkungsräumen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stechen vier Operationslinien hervor:
- Angriff aus der Distanz: Die Amerikaner und die Israeli kombinieren vor allem eine grosse Menge an Feuerkraft: Kampfjets, die von den Stützpunkten am Boden und den zwei Flugzeugträgern aus starten können, die Marschflugkörper an Bord der Zerstörer und U-Boote sowie die Himars-Raketenartillerie. Ein Teil dieser Mittel wird gezielt zur Enthauptung des Regimes eingesetzt, ein anderer, um die Lenkwaffenstellungen, Logistik und Führungseinrichtungen der Revolutionswächter auszuschalten.
- Eigenschutz: Teheran meldete am Sonntag, den Revolutionswächtern sei ein Treffer mit einer ballistischen Rakete auf dem Flugzeugträger «Abraham Lincoln» gelungen. Das Centcom dementierte sofort. Doch solange das Potenzial an solchen Lenkwaffen und auch Drohnen nicht vernichtet ist, besteht ein erhebliches Risiko von Verlusten – sowohl auf dem Meer als auch auf den Stützpunkten an Land. Ebenfalls am Sonntag gab das Centcom den Tod von drei amerikanischen Soldaten bekannt, ohne aber die Umstände zu erläutern.
- Schutz der Verbündeten: Übers Wochenende beschossen die Revolutionswächter nicht nur zivile Ziele in Israel, sondern auch in Dubai oder Kuwait. Das Regime will die ganze Region in den Krieg hineinziehen. Die Amerikaner sind deshalb zusammen mit ihren Partnern für einen gewaltigen Luftschirm vom Mittelmeer bis in den Persischen Golf verantwortlich. Sie übernehmen die Aufklärung, die Koordination und teilweise auch die Bekämpfung der iranischen Raketen und Drohnen.
- Regime-Change: Die eigentliche Offensive wird verdeckt ausgeführt. Der israelische Geheimdienst Mossad hat das Regime in den letzten Jahren tief unterwandert. Auf allen Führungsebenen haben die Israeli ihre eigenen Leute rekrutiert – teils mit Kompromat, teils dank einem guten Beziehungsnetz. Es ist davon auszugehen, dass auch Kräfte bereitstehen, im richtigen Moment den Revolutionswächtern bewaffnet entgegenzutreten. Auch die CIA scheint in Iran aktiv zu sein, allerdings weit weniger vernetzt als der Mossad.
Die USA und Israel scheinen die Risiken möglichst minimieren zu wollen. Zwei Operationslinien dienen nur der Verteidigung, die Angriffe aus Distanz haben eine stark defensive Komponente. Aus der Analyse geht auch hervor, dass die Israeli eher den aktiven Part der Kampagne übernehmen, die Amerikaner dagegen vor allem die Unterstützung und die Absicherung: vor allem mit dem Luftschirm.
Doppelte Abnützung
Washington nimmt dafür auch eine Schwächung seines Dispositivs im Pazifik in Kauf: Die Flugzeugträgergruppe «Abraham Lincoln», die nun vor der Küste Omans operiert, schützte noch im Januar die freie Schifffahrt im Südchinesischen Meer. Gegenwärtig stehen dem Kommandanten des Indopazifik-Kommandos mit der «Ronald Reagan» nur ein Flugzeugträger plus Begleitschiffe zur Verfügung. Mit Blick auf die aggressiven Manöver Chinas gegenüber Taiwan oder auch den Philippinen ist das wenig.
Die Amerikaner haben zudem einen doppelten Abnützungskrieg riskiert: Je länger das Regime seine Raketen und Drohnen abschiessen kann, desto mehr Flugabwehr-Lenkwaffen verbrauchen die USA und ihre Verbündeten – auch von Systemen, welche die Ukraine zur Abwehr der russischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur benutzt. Von der Dauer des Krieges im Nahen Osten hängt ab, wie viele Patriot-Abfangraketen noch vorhanden sind.
Es stellt sich deshalb die Frage, ob der amerikanisch-israelische Operationsplan auch nächste, überraschendere Schritte vorsieht: etwa einen Handstreich auf der Insel Karg. Dort fördert die Islamische Republik die Mehrheit ihres Erdöls, das sie dann China verkauft. Vermögen die Amerikaner diese Insel zu besetzen, haben sie eine der wichtigsten Einnahmequellen des Regimes in der Hand.
Das Video der Himars-Werfer in der Wüste ist ein Hinweis darauf, dass trotz dem gläsernen Gefechtsfeld der Gegenwart nicht alles auf den ersten Blick zu erkennen ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Einsatz von Spezialkräften nicht auf Satellitenbildern zu erkennen ist. Der Luftkampf, so erfolgreich er sein mag, könnte deshalb erst der Auftakt der eigentlichen Operation bilden. Die Überraschung ist die eigentliche Kunst, einen solchen Krieg zu gewinnen.
Mitarbeit: Jan Ludwig, Samuel Meier
Bildquellen: Planet/Vertical52, Airbus/SkyWatch, Google Earth, US Navy

