Airlines am Anschlag: Krieg am Persischen Golf trifft Zehntausende europäische Passagiere


Fluggäste, Kreuzfahrtpassagiere und Berufstätige sitzen in den verschiedenen Ländern im Nahen Osten fest. Wie lange sie sich gedulden müssen, ist unklar. Der Kriegsausbruch dürfte Tourismusdestinationen wie Dubai und Katar schaden.

Grounding in Dubai: Maschinen der United Arab Emirates.

Altaf Qadri / AP

Die Anschläge vom 11. September 2001, der Ausbruch von Vulkanen, die Corona-Pandemie: International tätige Fluggesellschaften sind Ausnahmesituationen gewohnt und inzwischen latent auf überraschende Störungen des globalen Flugverkehrs vorbereitet.

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Derzeit ist die Branche wieder im Ausnahmezustand. Der Kriegsausbruch im Nahen Osten ist ein gravierendes Ereignis, wenngleich er nicht an die Sperrung des amerikanischen Luftraums nach den überraschenden Anschlägen auf das World Trade Center heranreicht. Die Kampfhandlungen zwischen den USA und Israel sowie Iran waren absehbar, so dass sich die Airlines vorbereiten konnten.

Gesperrter Luftraum über dem Persischen Golf

Über weiten Teilen in der Region ist der Luftraum für den zivilen Flugverkehr gesperrt. Die Einschränkungen betreffen Staaten wie Iran, den Irak, Jordanien, Israel und die Emirate am Persischen Golf. Die Fluggesellschaften haben auf die Lage sowohl im Passagier- als auch im Frachtgeschäft unmittelbar nach Kriegsausbruch reagiert.

Zehntausende Reisende aus Europa dürften derzeit in der Region feststecken. Laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sind über 4000 Reisende aus der Schweiz betroffen. Der Deutsche Reiseverband teilte zudem mit, rund 30 000 Deutsche sässen fest: Sie seien entweder in der Region gestrandet oder hätten Flugverbindungen über die gesperrten Drehkreuze gebucht.

Flugausfälle am Frankfurter Flughafen: Der Ausnahmezustand in der Airline-Branche durch den Ausbruch des Krieges am Golf trifft Passagiere, Crews und Fluggesellschaften. Völlig unerwartet kommt das nicht.

5vision.news/Imago

Die Lufthansa-Gruppe, zu der unter anderem die Schweizer Swiss und die österreichische Austrian gehören, hat zahlreiche Verbindungen in die Krisenregion eingestellt. «Aufgrund der aktuellen Situation im Nahen Osten werden die Airlines der Lufthansa Group ihre Flüge nach Tel Aviv, Beirut, Amman, Erbil, Dammam und Teheran bis einschliesslich 8. März aussetzen», teilte eine Sprecherin gegenüber der NZZ mit.

Ebenso lange würden die Lufträume über Israel, Libanon, Jordanien, dem Irak, Katar, Kuwait, Bahrain, Dammam in Saudiarabien und Iran nicht genutzt. Darüber hinaus haben die Fluggesellschaften der Gruppe ihre Flüge von und nach Dubai und Abu Dhabi bis inklusive 4. März ausgesetzt. Der Luftraum der Vereinigten Arabischen Emirate wird bis zum gleichen Tag nicht genutzt.

Die genannten Flughäfen sind derzeit ohnehin geschlossen. Andere europäische Airline-Gruppen wie Air France-KLM und International Airlines Group (IAG) mit British Airways und Iberia trafen ähnliche Massnahmen zum Schutz von Passagieren, Crews und Maschinen.

Betroffene Fluggäste der Lufthansa Group können kostenfrei auf ein späteres Reisedatum umbuchen oder erhalten den vollständigen Ticketpreis zurück. «Sobald es die Lage vor Ort und die damit verbundenen Luftraumsperrungen erlauben, werden wir über zusätzliche Flüge aus der Region entscheiden, um unseren Gästen baldmöglichst eine Heimreise anbieten zu können», sagte die Sprecherin weiter. Sowohl die Lufthansa als auch die Swiss haben eine Hotline eingerichtet, die rund um die Uhr für Fragen von Kunden erreichbar ist.

Für die Fluggesellschaften entfallen durch den Krieg nicht nur die Verbindungen in die Golfregion. Auch werden die Wege nach Indien, in die Länder Südostasiens sowie nach Asien weiter und damit teurer. Der russische und ukrainische Luftraum ist für europäische Fluggesellschaften seit Jahren nicht nutzbar, jetzt muss auch der Nahe Osten teilweise umflogen werden.

Zwischen den beiden Krisenherden führt ein Weg nach Asien über Afghanistan und Pakistan. Doch zwischen diesen beiden Ländern spitzen sich kriegerische Auseinandersetzungen ebenfalls zu. Sollte auch dort der Luftraum zu gefährlich werden, würde das den Flugverkehr nach Asien weiter verkomplizieren und verteuern.

Kreuzfahrtschiffe sitzen in Häfen fest

Betroffen von den Kampfhandlungen ist auch die Kreuzfahrtbranche. In Dubai und in Doha liegen zwei Kreuzfahrtschiffe von TUI Cruises vor Anker und kommen nicht weiter. So geht es auch den Schiffen anderer Kreuzfahrtanbieter, etwa von MSC und Celestyal Cruises.

Die Lage ist für die Unternehmen besonders heikel, da sich Passagiere und Schiffe direkt innerhalb der Gefahrenzone befinden. Laut Medienberichten haben die Besatzungen angeordnet, dass die Gäste im Inneren der Schiffe bleiben müssen. Etwaige Ausflüge wurden abgesagt.

Wann die Ozeanriesen ablegen dürfen, ist unklar. Europas grösster Reisekonzern, die TUI Group, verfügt über eine grosse Flotte von eigenen Flugzeugen. Der Konzern könnte daher seine Gäste möglicherweise selbst ausfliegen, sobald der Luftraum wieder geöffnet wird.

Starke Einschränkungen gibt es auch im Frachtgeschäft. Die grossen europäischen Airline-Gruppen haben den Frachtverkehr in die Region laut dem Logistik-Anbieter Kühne + Nagel unterbrochen. Bei der Seefracht ist die Lage uneinheitlich. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudiarabien und Bahrain haben ihre Häfen teilweise geschlossen. Die Häfen in Katar, Kuwait, dem Irak und Oman sind laut Kühne + Nagel weiterhin geöffnet und arbeiten weitgehend normal weiter.

Die Golfregion hat in den letzten 25 Jahren enorm an Bedeutung für den Flugverkehr und als Tourismusdestination gewonnen. Damit einher ging der Aufstieg der Fluggesellschaften Emirates und Etihad Airways aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sowie von Qatar Airways.

Zugleich haben sich die grossen Flughäfen in Dubai, Abu Dhabi und Doha zu wichtigen Drehkreuzen für den Flugverkehr zwischen Europa und Asien/Australien sowie zwischen Afrika und Asien entwickelt. Dubai und Doha gehören zu den verkehrsreichsten Flughäfen der Welt. Die Staatsunternehmen machen dabei europäischen Fluggesellschaften wie der Lufthansa Group, Air France-KLM oder der IAG mächtig Konkurrenz, das gilt vor allem für die Strecken von Europa nach Südostasien.

Golfstaaten wollen Wirtschaft diversifizieren

Die Länder des Golf-Kooperationsrats, zu denen Saudiarabien, Kuwait, Bahrain, Katar, die VAE und Oman zählen, haben sich in den vergangenen Jahren zu wichtigen Tourismusdestinationen entwickelt. Die Staaten sind dabei, ihre Wirtschaft zu diversifizieren, um in Zeiten des Klimawandels die enorme wirtschaftliche Abhängigkeit vom Erdöl- und Erdgasgeschäft zu reduzieren.

Der Tourismus bot sich der sonnenreichen Region als Alternative an. Zur Wachstumsstrategie zählt auch die Ausrichtung internationaler Grossveranstaltungen, beispielsweise der Fussball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Die 25. Fussball-WM soll im Jahr 2034 in Saudiarabien stattfinden. Dies sind auch vertrauensbildende Massnahmen, denn die Golfstaaten sind keine Demokratien, sondern werden autoritär regiert.

Gestrandete Kunden von Emirates Airlines in Hongkong.

Tyrone Siu / Reuters

Der Golf-Kooperationsrat setzt bei der Förderung des Tourismus unter anderem auf die Einführung eines einheitlichen Touristenvisums für die sechs Länder, ähnlich dem Schengen-Visum der EU. Schwerpunkte des Geschäfts sind der Luxus-, Sport- und Städtetourismus.

Die Destinationen richten sich überwiegend an eine kaufkräftige Kundschaft, vor allem aus Europa. Der Kriegsausbruch hat die Risiken der Region nun jedoch wieder stärker ins Bewusstsein gerückt – sowohl für Touristen wie auch Fluggesellschaften und Kreuzfahrtanbieter.

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