Der Iran-Krieg setzt die Energiemärkte unter Druck. Droht eine neue Erdölkrise?


Der Iran-Krieg hat zu Produktionsstopps geführt und den Verkehr in der Strasse von Hormuz vorerst zum Erliegen gebracht. Erdöl ist um 10 Prozent, Erdgas in Europa gar um 40 Prozent teurer geworden.


Iran nimmt Energieanlagen ins Visier: Rauch steigt aus der saudischen Ölraffinerie in Ras Tanura auf (Bild vom 2. März 2026).

Stringer/Reuters

Der Iran-Krieg zieht nun auch die Infrastruktur für Energieexporte in der Region in Mitleidenschaft. Nach einer iranischen Drohnenattacke hat Katar am Montag die Produktion in der weltweit grössten Exportanlage für verflüssigtes Erdgas (LNG) gestoppt. Auch Saudiarabiens grösste Erdölraffinerie in Ras Tanura stellte nach einem Angriff den Betrieb ein.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Damit spitzte sich die Krise im Nahen Osten weiter zu. Der Preis für ein Fass der Referenzsorte Brent stieg am Montag auf knapp 80 Dollar. Das sind rund 10 Prozent mehr als am Freitagabend, vor Beginn der amerikanisch-israelischen Militärschläge gegen Iran. Der Referenzpreis für Erdgas in Europa zog sogar um 40 Prozent an.

Die jüngsten Entwicklungen nähren die Sorge, dass es zu einer erheblichen Störung der Energieversorgung rund um den Globus kommen könnte. Auf der Strasse von Hormuz, dem Nadelöhr des Rohstoffhandels am Persischen Golf, ist der Schiffsverkehr aufgrund des Konflikts weitgehend zum Erliegen gekommen.

Droht Europa wieder eine Notlage beim Erdgas wie nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022? Oder gar ein Ölpreisschock, wie ihn die Welt 1973 und 1979 erlebte?

Auch in den 1970er Jahren versiegte der Erdölfluss aus dem Nahen Osten aufgrund von Krieg und politischen Umwälzungen in Iran. Die Folge waren Bilder, wie man sie in westlichen Ländern seither selten gesehen hat: Schlangen vor den Tankstellen und leere Autobahnen, weil mit verkehrsfreien Sonntagen Treibstoff gespart werden sollte. Benzinknappheit prägte den Alltag – mit Folgen für die Weltwirtschaft in Form von Rezession, steigender Inflation und zunehmender Arbeitslosigkeit.

Stillstand auf der Schlüsselroute für Rohstofftransporte

Bislang passierte täglich ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und LNG die Strasse von Hormuz. Theoretisch ist die Meerenge zwischen Iran, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten trotz Krieg befahrbar. Dennoch ist der Verkehr eingebrochen, weil Versicherer den Transit der Öltanker nicht mehr decken wollen oder die Prämien drastisch angehoben haben.

Ein Ausweichen auf andere Transportwege ist nur in geringem Umfang möglich, da nur etwa ein Drittel des Öls, das üblicherweise über die Strasse von Hormuz läuft, auf Pipelines an andere Häfen in der Region umgeleitet werden kann. Katar, der grösste LNG-Lieferant am Golf, hat so gut wie keine Alternativen zum Seeweg.

Erschwerend kommt für den Weltmarkt der Faktor Russland hinzu: Dessen Öl- und Gasexporte sind infolge westlicher Sanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 stark eingeschränkt. China ist Moskaus grösster Abnehmer.

Europas Gasspeicher sind nur zu einem Drittel gefüllt

Ein Engpass in der Gasversorgung könnte für die ohnehin schon angeschlagene deutsche Industrie sehr unangenehm werden. Der Produktionsunterbruch in Katar ruft die Lage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine in Erinnerung. Damals sicherte sich die deutsche Bundesregierung LNG-Importe aus dem Wüstenstaat, um den Ausfall von russischen Lieferungen zu kompensieren.

Nun droht diese Versorgung ebenfalls auszufallen. Bereits heute sind die Gasspeicher in der EU unterdurchschnittlich gefüllt – nur rund 30 Prozent ihrer Kapazität sind derzeit verfügbar.

Nach Einschätzung des Daten- und Nachrichtenanbieters Argus könnten für Europa Engpässe bei Diesel und Flugtreibstoff drohen, die man bislang aus der Golfregion bezog. Bei Benzin – einem weiteren Produkt aus Rohöl – ist die Abhängigkeit von Lieferanten aus Nahost dagegen geringer.

Für asiatische Länder wie Südkorea, China und Japan ist die Lage theoretisch besonders heikel, da sie stärker auf LNG- und Erdölimporte aus der Region angewiesen sind als Europa. Iran exportierte sein Erdöl fast ausschliesslich nach China, wo die privaten «Teapot»-Raffinerien in der Provinz Shandong die grossen Abnehmer waren.

Eine Ausweitung der Erdölförderung ist nur begrenzt möglich. Gemäss dem jüngsten Monatsbericht der Internationalen Energieagentur (IEA) hat nur Saudiarabien innerhalb des Opec-plus-Bündnisses nennenswerte freie Kapazitäten. Russland kann aufgrund der westlichen Sanktionen jetzt schon kaum Abnehmer für sein Rohöl finden und muss seinen Kunden grosse Preisnachlässe gewähren.

Kurzfristig keine Energiekrise in Sicht

Dennoch droht unmittelbar keine Energiekrise wie in den 1970er Jahren. Je nach Ausmass und Dauer des Unterbruchs an der Strasse von Hormuz kann eine solche längerfristig allerdings nicht ausgeschlossen werden.

Im Jahr 1973 reagierten die Mitglieder des Opec-Kartells, das damals rund die Hälfte der weltweiten Ölproduktion stellte, auf die Unterstützung westlicher Staaten für Israel im Jom-Kippur-Krieg mit einem Lieferstopp. Nur wenige Jahre später stand Iran im Fokus, als 1979 der Schah gestürzt wurde und die Mullahs an die Macht gelangten. Durch die Wirren brach die Ölproduktion des Landes zusammen – damals war Iran der zweitgrösste Exporteur der Welt.

Seither hat sich das Bild stark gewandelt. Heute steuert die Opec nur noch rund einen Drittel zur weltweiten Ölförderung bei. Dabei hat ihre Fördermenge über die Zeit weitgehend stagniert, während andere Länder den Ausstoss deutlich gesteigert haben – allen voran die USA, die vom Boom im Schieferöl profitieren. Seit 1975 hat Washington zudem eine strategische Ölreserve, um sich gegen Versorgungsengpässe abzusichern.

Auch für China ist kurzfristig kein Versorgungsengpass in Sicht. Nach Angaben des Datenanbieters Vortexa sind die Erdöllager im Reich der Mitte gut gefüllt; zudem befindet sich zusätzliche Speicherkapazität im Aufbau. Darüber hinaus profitieren gemäss Argus die sogenannten «Teapot»-Raffinerien von vergünstigten Lieferungen aus Russland. Dieses Rohöl findet in Indien seit der jüngsten Handelsvereinbarung zwischen Neu-Delhi und Washington weniger Abnehmer und wird oft nach China umgeleitet.

Ferner hat Europa nun auch noch Glück mit dem Wetter: Für die kommenden zwei Wochen dürfte dieses frühlingshaft ausfallen, was die Nachfrage nach Erdgas zum Heizen lindert.

Wenig wahrscheinliche Extremrisiken

Das extreme Risiko eines längerfristigen Lieferunterbruchs ist nicht auszuschliessen, aber nicht besonders wahrscheinlich. Im Falle einer andauernden Sperre der Strasse von Hormuz geht die Genfer Privatbank Lombard Odier von einem Anstieg des Erdölpreises um 50 Dollar pro Fass aus. Für den Gasmarkt hat die amerikanische Bank Goldman Sachs ein ähnliches Szenario: Sollte die Wasserstrasse einen Monat lang für den LNG-Transport gesperrt bleiben, dürfte der europäische Gaspreis auf etwa 74 Euro pro Megawattstunde steigen. Verglichen mit dem Preis vor Kriegsbeginn wäre das ein Plus von 130 Prozent.

Peter Schranz

1 Empfehlung

Vier Jahre Zeit hatten wir, um uns auf den nächsten Engpass bei Erdgas und Erdöl vorzubereiten. Ausser dass man in Europa fast alle Grossprojekte für alternative Energien blockiert, und mit lächerlichen Vorschriften den Bau von privaten PV Anlagen verkompliziert hat man nichts unternommen. Dieses Dogma, dass Energie möglichst günstig sein muss, ist leider eine Sackgasse, leider merken das nur ganz wenige. Spätestens seit dem 7. Oktober hätte auch dem letzten Politiker klar sein müssen, dass man die Abhängigkeiten von Energie aus dem Nahen Osten reduzieren müsste. Wenn man wie Deutschland nur auf die Karte LNG setzt, dann ist das das pure Gegenteil.


Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *