Energie, Inflation, Wachstum: Was der Iran-Krieg bewirkt und was demnächst wirklich zählt


Eine schwere Erdölkrise wie in den 1970er Jahren ist unwahrscheinlich und hätte geringere Auswirkungen als damals. Das ökonomisch grösste Problem von Trumps Politik ist die enorm gestiegene Unsicherheit. Mittelfristig ist etwas anderes noch wichtiger.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat gezeigt, dass mit ihm mit allem zu rechnen ist.

Anna Moneymaker / Getty

Handelskrieg, Erdölkrieg in Venezuela, Iran-Krieg: Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weisse Haus häufen sich die mit kriegerischen Attributen versehenen Auseinandersetzungen.

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Der Zollkrieg als Massstab

Begonnen hat alles mit Donald Trumps protektionistischer Handelspolitik. Sie hat den Zollsatz, den die USA im gewichteten Durchschnitt auf ihre Einfuhren aus dem Rest der Welt erheben, von 2 Prozent auf 23 Prozent Anfang Mai vergangenen Jahres erhöht. Zu befürchten waren grosse Verwerfungen im Welthandel, weniger Wachstum und mehr Inflation vor allem in den USA. Doch Trumps Regierung erkannte schon bald die kontraproduktive Wirkung ihrer Politik und steuerte mit zahlreichen Ausnahmen entgegen. Der effektiv gegenüber dem Rest der Welt erhobene Zollsatz ist so auf 13 Prozent gefallen; für die Schweiz liegt er nun wieder bei 8 Prozent. Zudem haben amerikanische Gerichte die Rechtmässigkeit von Trumps Zollpolitik grundsätzlich infrage gestellt. Geblieben ist die grosse Unsicherheit darüber, was künftig gilt.

Auch der Blitzkrieg gegen Venezuela Anfang Januar hat weniger nachhaltige Spuren hinterlassen als von vielen erwartet. Er hat zwar der Herrschaft des ruchlosen Präsidenten Nicolás Maduro ein Ende gesetzt. Doch sein unterdrückerisches autoritäres System hat sich bisher an der Macht gehalten. Wirtschaftlich gesehen, dürfte nun etwas mehr venezolanisches Erdöl im Einverständnis mit den USA auf die Märkte gelangen. Schnell wird die Fördermenge aber nicht signifikant steigen können.

Gründe gegen eine schwere Energiekrise

Der neue Krieg am Golf hat vergleichsweise grösseres Potenzial, die Energiemärkte durcheinanderzuwirbeln. Zwar steuerte Iran selbst vor Kriegsausbruch nur 3 Prozent zur globalen Produktion bei, aber ein ganzes Fünftel des weltweit geförderten Erdöls stammt aus der Region und wurde bisher über die Meerenge der Strasse von Hormuz verschifft. Auch das verflüssigte Erdgas (LNG) aus Katar – zusammen mit den USA und Australien einer der grössten Produzenten der Welt – muss das an der Grenze zu Iran gelegene Nadelöhr passieren. Wegen des Krieges getrauen sich die Tanker derzeit nicht mehr durchzufahren. Prompt hat sich der Preis eines Fasses Erdöl der Marke Brent an der Börse um 14 Prozent erhöht. Der europäische Referenzpreis für LNG-Terminkontrakte ist gar um 39 Prozent in die Höhe geschossen.

Die Strasse von Hormuz muss ein Grossteil des Erdöls und Erdgases aus der Region passieren. Im Norden wird sie von Iran kontrolliert.

Nasa/GSFC

Dennoch haben die Aktienmärkte bisher bemerkenswert verhalten auf den Kriegsausbruch reagiert. Die amerikanischen Aktienbörsen zeigten sich sogar nahezu unbeeindruckt. Das kommt nicht von ungefähr.

Dahinter steckt erstens die plausible Annahme, dass es den USA gelingen wird, zu verhindern, dass Iran den Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz länger als ein bis zwei Wochen umfassend blockieren kann. Trumps innenpolitische Anreize sprechen auch nicht für einen langen Krieg. Zweitens ist die Weltwirtschaft heute deutlich weniger abhängig vom Import von Erdöl aus dem Nahen Osten als noch in den 1970er Jahren. Es gibt mehr andere Produzenten und alternative Energieträger, und die Weltwirtschaft ist energieeffizienter geworden. Und drittens werden die fossilen Energieträger stark besteuert. Der Benzinpreis an der Zapfsäule mag volatil bleiben, er wird weniger stark steigen als der Preis für ein Fass Erdöl an der Börse.

In dem unwahrscheinlichen Fall, in dem der Krieg am Golf sich lange hinzieht, ist zwar mit erhöhten Brenn- und Treibstoffpreisen zu rechnen. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass der Rohölpreis über 100 Dollar steigt. Das würde den Inflationsdruck erhöhen und das globale Wachstum dämpfen, aber die globalen Lieferketten nur bedingt in Mitleidenschaft ziehen. Laut der amerikanischen Zentralbank dürfte ein Anstieg der Benzinpreise um 10 Prozent die amerikanische Inflation um kumuliert 0,3 bis 0,4 Prozent erhöhen.

Der erhebliche ökonomische Schaden von Trumps Politik ist ein anderer: Es sind die Kosten der enormen Unsicherheit. Klar ist inzwischen nur noch, dass mit allem zu rechnen ist. Für die Unternehmen und die Politik werden damit Sicherheitsüberlegungen wichtiger als eine möglichst effiziente internationale Arbeitsteilung.

Sicherheitsvorkehrungen aber sind kostspielig, und die Unsicherheit erhöht das Risiko, mit falschen Entscheidungen viel Geld zu verlieren. Also hält man sich mit grösseren Investitionen zurück. Je weniger investiert wird, umso schlechter ist das für das Wirtschaftswachstum. Dies ist der grösste Schaden der diversen Kriege – er ist bereits angerichtet.

KI und Stabilität werden die mittelfristigen Aussichten prägen

Doch es gibt Lichtblicke. Die grössere Unsicherheit trifft alle. Die amerikanische Wirtschaft wächst derzeit vor allem noch wegen der mit künstlicher Intelligenz (KI) verbundenen grossen Investitionen. Wie gut Deutschland und die Schweiz in nächster Zeit wirtschaftlich dastehen werden, wird von ihrer Wettbewerbsfähigkeit relativ zu derjenigen anderer Länder abhängen.

Deutschlands traditionelle Industrie ist zwar Energiepreisschwankungen recht stark ausgesetzt. Doch viel wichtiger dürfte werden, ob und wie es der Wirtschaft gelingt, sich das KI-Produktivitätssteigerungspotenzial zunutze zu machen. Und wie die Länder mit den potenziell damit verbundenen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt umgehen. Europas starke industrielle Basis und hohes Niveau von Bildung und Weiterbildung bieten da auch im Wettbewerb mit den USA Grund zu verhaltenem Optimismus.

Wichtiger werden im internationalen Wettbewerb auch Stabilität und der innere Zusammenhalt. Der Iran-Krieg lässt die vormals gerade auch in der Finanzindustrie hochgelobte Glitzerwelt der Wirtschaftsmetropolen in den Emiraten in neuem Licht erscheinen. Die Auseinandersetzung zeigt, dass sich auch diese dem amerikanischen Einfluss nicht werden entziehen können. Die Trümpfe des Schweizer Finanzplatzes und Wirtschaftsstandorts sollten wieder besser stechen. Die wahre Herausforderung wird nun darin liegen, sie geschickt auszuspielen, ohne dass dies den Franken zu sehr stärkt.


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