Wie haben es die Israeli geschafft, Ali Khamenei zu töten?


Militärische Operationen sind oft der Endpunkt einer jahrelangen Arbeit von Geheimdiensten. Der Versuch einer Rekonstruktion.


Von dem Haus in Teheran, in dem Ayatollah Ali Khamenei und Teile der Regimespitze getroffen wurden, ist nicht mehr viel übrig.

Vantor

Ein Haus mitten in der Stadt, zerbombt, Rauch steigt aus den Trümmern. Die Gebäude ringsherum sehen weitgehend unversehrt aus. Man kennt diese Art der Luftangriffe aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan, Jemen – und nun aus Iran.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Als sich am Wochenende der iranische Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei mit Mitgliedern seines Machtzirkels in einer Residenz nahe dem Flughafen traf, schlugen die USA und Israel zu. Bilder zeigen, dass von dem Haus kaum noch etwas steht, während die benachbarte Residenz des iranischen Präsidenten weitgehend unversehrt ist.

Trotz allen Warnungen des US-Präsidenten Donald Trump an Iran in den vergangenen Wochen kam der Angriff für viele überraschend. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass der Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran für einen anderen Zeitpunkt geplant war.

Doch dann soll es ein einmaliges Zeitfenster gegeben haben: Hinweise auf das Treffen hochrangiger Regimevertreter in einer Residenz von Khamenei in Teheran. Unklar ist, woher die Hinweise stammten. Manche Berichte sprechen von der amerikanischen CIA, andere vom israelischen Mossad. Woher auch immer sie kamen, die Arbeit, sagen deutsche Nachrichtendienstexperten, sei erstklassig gewesen.

Jahrelange Geheimdienstarbeit

Die Tötung von Khamenei und einem Grossteil der Führungselite des Regimes ist das Ergebnis jahrelanger geheimdienstlicher Arbeit. Operationen wie die am Samstag entstehen nicht aus einem plötzlichen Entschluss. Sie sind das sichtbare Ende eines Prozesses, der tief im Verborgenen gewachsen ist.

Der Angriff trägt die Handschrift eines Systems, in dem die operative Erfahrung Israels und die technische Aufklärung der USA ineinandergreifen. Israel und die USA verfügen über grosse Netzwerke und jahrzehntelange operative Erfahrung unter feindlichen Bedingungen in Iran. Hinzu kommen die globale Satelliten- und Signalaufklärung sowie eine technische Infrastruktur, welche die USA wie kein anderer Geheimdienst der Welt einbringen können.

Doch woher wussten der Mossad und die CIA von dem Treffen?

In Iran erledigen diese Arbeit vor allem Iraner. Sie werden vom Mossad und von der CIA als Informanten angeworben – eine lebensgefährliche Tätigkeit. Die Zusammenarbeit mit den USA, dem «grossen Satan», und Israel, dem «kleinen Satan», ist in Iran Hochverrat. Verrätern drohen Folter und Tod. Dennoch gelingt es dem Mossad und der CIA , nicht nur in Randbereichen, sondern auch in der Nähe staatlicher Strukturen Quellen zu rekrutieren.

Warum machen das Menschen? Die Antwort darauf ist so alt wie das Geheimdienstgeschäft. Ideologische Gegnerschaft spielt ebenso eine Rolle wie Geld. Wer sich für seinen Verrat potenziell in Lebensgefahr begibt, lässt sich das in der Regel gut bezahlen.

Hinzu kommt ein altbewährtes Instrument: Kompromat. Das ist belastendes Material über private Verfehlungen wie beispielsweise eine aussereheliche Affäre oder Bordellbesuche. In Iran ist das verboten. Auch finanzielle Unregelmässigkeiten oder familiäre Probleme, etwa ein uneheliches Kind, schaffen Abhängigkeiten. In einem System wie dem iranischen, das moralische Strenge propagiert und zugleich intransparent operiert, entfaltet solches Material in den Händen ausländischer Geheimdienste eine enorme Hebelwirkung. Kompromat zwingt nicht zur Sympathie, sondern zur Kooperation.

Diese Aufnahme aus der iranischen Hauptstadt Teheran zwei Tage nach der Tötung von Ali Khamenei zeigt zwei Sicherheitskräfte auf einem Motorrad, die an einem haushohen Plakat mit dem Revolutionsführer vorbeifahren.

Majid Saeedi / Getty

Vom Bewegungsprofil zum Zielobjekt

Parallel zur menschlichen Aufklärung hat die technische Dimension in der Geheimdienstarbeit enorme Bedeutung. Auch wenn Figuren wie Ali Khamenei vermutlich streng abgeschirmt kommunizieren, erzeugt ihr Umfeld digitale Spuren. Fahrer, Personenschützer, Assistenten nutzen Mobiltelefone, Funkgeräte, verschlüsselte Kanäle.

Metadaten, also wer wann wo mit wem in Verbindung steht, können Muster sichtbar machen. Häufen sich Geräte in einem bestimmten Radius? Verändern sich Bewegungsroutinen? Entstehen ungewöhnliche Signalcluster in der Nähe eines Hauses?

Aus solchen Daten rekonstruieren Geheimdienste die Bewegungsprofile eines potenziellen Ziels. Das Targeting, also die Verfolgung, Priorisierung und Auswahl von Zielen, beruht nicht auf absoluter Gewissheit, sondern auf Wahrscheinlichkeiten, die mit jeder weiteren Information steigen.

Ergänzt werden die menschliche und die technische Aufklärung durch die systematische Auswertung offener Quellen. Öffentliche Termine, religiöse Anlässe, Satellitenbilder kommerzieller Anbieter – all das kann Hinweise liefern. Selbst beiläufig veröffentlichte Bilder oder Videos enthalten Geodaten, Lichtverhältnisse oder Geräuschkulissen, die sich auswerten lassen. Heutige Geheimdienstarbeit liegt vor allem im Erkennen komplexer Muster.

Das Geheimnis liegt in der Datenfusion

Die eigentliche Stärke moderner Geheimdienste liegt jedoch in der Fusion dieser Ebenen. Humint (Human Intelligence), Sigint (Signals Intelligence) und Osint (Open Source Intelligence) liefern nur bruchstückhafte Ergebnisse, wenn sie isoliert bleiben. Erst wenn man sie zusammenführt, ergibt sich ein operativ brauchbares Bild. Dabei müssen gigantische Datenmengen verdichtet, strukturiert, verknüpft, visualisiert und analysiert werden.

Dafür gibt es Softwareprogramme. Bei den Israeli ist davon auszugehen, dass sie eigene Plattformen entwickelt haben. In den USA existiert seit mehr als zwanzig Jahren das Unternehmen Palantir, das sich auf die Analyse grosser Datenmengen spezialisiert hat (und sie gerade auch deutschen Sicherheitsbehörden anbietet). Solche Software ersetzt nicht das menschliche Urteil, aber sie ermöglicht es. Ohne sie ginge heute jeder Geheimdienst in der Flut der Daten unter.

Staub liegt auf einem Fahrzeug in Teheran nach einem Bombeneinschlag in der Umgebung.

Majid Saeedi / Getty

Von Osirak bis Stuxnet

Die Tötung Khameneis und der iranischen Regimespitze steht in einer langen strategischen Linie Israels. Seit der Islamischen Revolution 1979 hat sich zwischen Iran und Israel eine Feindschaft entwickelt. Unter dem Schah existierten noch inoffizielle Kontakte, strategisch motiviert und diskret gepflegt. Mit der Revolution wandelte sich Iran zum erklärten Gegner. Die Unterstützung antiisraelischer Akteure in der Region wurde zur iranischen Staatsdoktrin.

Israel reagierte darauf von Anfang an präventiv. Es gehört zu seiner Staatsräson, in keinem gegnerischen Land der Region eine nukleare Bewaffnung zu dulden. 1981 zerstörte die Luftwaffe den irakischen Reaktor Osirak. 2007 folgte der Angriff auf eine mutmassliche Nuklearanlage in Syrien. Beide Operationen folgten derselben Logik: potenziell existenzielle Bedrohungen frühzeitig neutralisieren.

Mit derselben Logik reagieren sie auf das iranische Atomprogramm. Die Sabotage durch den israelischen Computerwurm Stuxnet in den Jahren 2009 und 2010 markierte den Beginn einer Ära, in der digitale Mittel physische Effekte erzeugten. Stuxnet war eine Cyberoperation, bei der die iranischen Zentrifugen in der Urananreicherungsanlage Natanz zerstört wurden.

Parallel dazu tötete Israel gezielt mehrere iranische Wissenschafter, die sich mit dem Atomprogramm befassten. Bereits damals zeigten die israelischen Geheimdienste, dass sie gewillt sind, auch im Innern Irans zuzuschlagen.

Auch ausserhalb Irans setzten die Israeli diese Strategie fort. In Syrien attackierten sie wiederholt iranische Kommandanten und Militäreinrichtungen. Auch die USA griffen zum Mittel gezielter Tötungen. Mit ihrem Drohnenangriff im Januar 2020 auf Kassem Soleimani, den damaligen Chef der für Auslandsoperationen zuständigen Kuds-Einheiten, trafen sie einen zentralen Architekten der iranischen Proxy-Politik.

Zeit gewinnen, Programme verzögern

Jede der israelischen und amerikanischen Operationen war taktisch begrenzt, strategisch aber Teil eines grösseren Musters: Zeit gewinnen, Programme verzögern, Strukturen destabilisieren.

Die Doktrin gezielter Tötungen ist in Israel und den USA nicht unumstritten. Befürworter argumentieren, es würden grössere Kriege verhindert, indem man die operativen Köpfe des Gegners ausschalte. Kritiker verweisen darauf, dass Liquidierungen zwar kurzfristig Wirkung zeigten, aber langfristig neue Radikalisierung hervorbringen könnten. Wo ein Kommandeur falle, rücke häufig noch ein kompromissloserer nach.

Der Schlag gegen das Regime am Wochenende zeigt, wie weit das israelisch-amerikanische Zusammenspiel aus menschlicher Unterwanderung, technischer Überwachung und analytischer Verdichtung in Iran reicht.

Ein abgeschirmtes Regime wie das der Mullahs wird aber nur dann verwundbar, wenn innere Risse existieren.

Wie der Mossad und die CIA Risse im Vielvölkerstaat nutzen

Iran ist ein riesiger Vielvölkerstaat. Die Aseri, eine aus Aserbaidschan stammende Volksgruppe, bilden mit Kurden, Arabern, Belutschen und anderen Gruppen ein komplexes Gefüge, das vom Regime seit Jahrzehnten mithilfe eines extrem repressiven Sicherheitsapparates zusammengehalten wird. Die wiederholten Proteste im Land zeigen jedoch, dass Armut, Perspektivlosigkeit, ideologische Spannungen und Generationskonflikte das System der Mullahs strapazieren.

Das machen sich Geheimdienste wie der Mossad zunutze. Netzwerke aus Informanten entstehen nicht einfach entlang ethnischer Linien, sondern entlang von Interessen, Rivalitäten und persönlichen Motiven. Selbst in den iranischen Eliten herrscht permanente Unsicherheit über eigene Loyalitäten, die Loyalität des Regimes und die Zukunft des Landes. In diesem Umfeld lassen sich für den Mossad, die CIA und Co. Informanten gewinnen.

Die Mechanik des Schattenkrieges ist immer wieder auch Thema in Kino und Fernsehen. Seit Januar greift die israelische Serie «Teheran» das Geflecht aus Informanten, digitalen Spuren und moralischen Ambivalenzen auf, das die Operationen des Mossad in Iran begleitet. Die Serie zeigt, dass moderne Geheimdienstarbeit weniger spektakulär ist, als es der Moment des Zuschlagens vermuten lässt. Sie ist vor allem geduldig, datengetrieben und vernetzt.


Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *