Iran-Krieg: US-Luftverteidigung und Teherans Raketen im Rennen gegen die Zeit


Teheran will mit seinen heftigen Gegenangriffen die Golfstaaten ins Chaos stürzen. Die Luftverteidigung schiesst zwar fast alle Raketen und Drohnen ab. Doch die knappe Munition sorgt für Nervosität.


Israelische Abfangraketen treffen am Himmel über Beirut auf iranische Projektile.

Nael Chahine / Imago

Seit dem Wochenende ist der Himmel über dem Nahen Osten eine Todeszone. Aus Israel und von amerikanischen Basen fliegen Hunderte von Flugzeugen und Raketen in Richtung Iran. Das amerikanische Militär hat seit Beginn des Kriegs laut eigenen Angaben fast 2000 Ziele in Iran angegriffen, wie Admiral Brad Cooper, der Kommandant des Centcom, in einem auf X publizierten Video sagte. Die Israeli kontrollieren laut eigenen Angaben inzwischen den gesamten Luftraum des Feindes. Doch das Regime in Teheran schlägt heftig zurück, mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Bis am Montagabend verzeichneten alleine die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) fast tausend Angriffe.

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Zwar schiesst die Luftverteidigung der Amerikaner und ihrer Verbündeten fast alle feindlichen Objekte ab. Doch jene, die durchkommen, richten schwere Schäden an. Vor allem die Drohnenschwärme verursachen grosse Probleme: So töteten unbemannte Flugkörper des Typs Shahed sechs amerikanische Soldaten im Hauptquartier der Fünften Flotte. Die Drohnenangriffe haben die Flughäfen sowie die Gas- und Ölproduktion in den Golfstaaten teilweise lahmgelegt.

Komplexe Luftverteidigung

Teheran will, dass Trumps Verbündete den Preis des Krieges spüren. Sie sollen durch immer neue Einschläge in einem Abnützungskrieg zermürbt werden. Kombinierte Schwärme von Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern sollen die Verteidigung verwirren und überfordern. Das spezialisierte Portal «The War Zone» vermutet denn auch, dass der versehentliche Abschuss von drei amerikanischen Kampfjets durch die kuwaitische Luftverteidigung am Montag mit dem nicht funktionierenden Zusammenspiel der Systeme zusammenhing.

Dutzende Raketen werden im südlichen Beirut abgefeuert.

Die Amerikaner und ihre Verbündeten sind aber keineswegs hilflos. Die USA haben in den letzten Wochen ihre Luftverteidigung verstärkt und etwa Werfer des Typs Thaad in die Region verlegt. Wie in Israel sind die amerikanischen Basen durch ein mehrschichtiges System geschützt. Thaad-Stellungen nehmen ballistische Raketen in grosser Höhe ins Visier, während die Patriots militärische und zivile Anlagen bis auf eine Distanz von 180 Kilometern verteidigen. Die Systeme in Israel heissen David’s Sling, Arrow und Iron Dome. Gegen kleinere und tief fliegende Geschosse oder Drohnen kommen Maschinengewehre und experimentelle Laserwaffen zum Einsatz, die auf Fahrzeugen montiert sind.

Eine besondere Herausforderung bleiben die Shahed. Die psychologische Wirkung dieser Drohnen ist dabei ähnlich stark wie ihre militärische Bedeutung: Ihr Motor klingt wie ein Moped in der Luft, desorientierend und furchteinflössend. Beladen mit 50 Kilogramm Sprengstoff, richten sie scheinbar aus dem Nichts grosse Schäden an. Ihre tiefe Flugbahn und die Kompaktheit machen sie selbst für moderne Radare schwer erkennbar. In den VAE überwand fast ein Zehntel der anfliegenden Shahed die Luftverteidigung.

Nervöse Amerikaner und Golfstaaten

Grundsätzlich haben sich die Abwehrmassnahmen bewährt. Dennoch herrscht laut der «Washington Post» Nervosität bei der amerikanischen Militärführung. Sie sorgt sich, dass die USA und ihre Alliierten ihre Bestände an Abwehrraketen zu schnell aufbrauchen. Vor Beginn des Iran-Krieges benannte General Dan Caine, der Vorsitzende der Stabschefs, die ungenügenden Munitionsreserven als ein Hauptrisiko. Ohne einen nachhaltigen Umgang mit dieser Reserve, so die Befürchtung, wird auch die Abschreckungsfähigkeit der USA gegen China untergraben.

Israels Kriege seit 2023, der Waffengang gegen Iran vom letzten Jahr und die Lieferungen in die Ukraine haben dazu geführt, dass die Bestände der USA lückenhaft sind. Lockheed Martin will die Produktion von Thaad- und Patriot-Raketen zwar rasch auf über 2000 pro Jahr steigern. Eine lückenlose Verteidigung wird auch dann nicht möglich sein, zumal die Einsatzdoktrin vorschreibt, gegen jedes feindliche Ziel zwei Stück einzusetzen. Die Reserven der Golfstaaten sind noch begrenzter. Laut «Bloomberg» reichen Katars Patriot-Raketen nur noch für vier Tage, wenn sie so intensiv zum Einsatz kommen wie bisher. Die VAE sollen laut Experten knapp die Hälfte ihrer Abwehrmittel gegen ballistische Raketen verschossen haben.

Die Meinungen darüber, wie dramatisch die Lage ist, gehen zwar auseinander. Die genauen Daten unterliegen höchster Geheimhaltung, und die Politik tut alles, um die Bevölkerung zu beruhigen. Klar scheint aber, dass die Luftverteidigung eine steile Lernkurve bewältigen muss, wenn sie längerfristig handlungsfähig bleiben will. So bemängelt die Militärforscherin Dara Massicot, dass die USA und ihre Verbündeten in der Region bisher kaum «kostengünstige Verteidigungslösungen» anwendeten. Sie schiessen mit raren millionenteuren Abwehrraketen gegen Shahed-Drohnen, die wenige zehntausend Franken kosten. Auf einfachere Mittel zu setzen, um Hightech-Waffen einzusparen, bedeutet aber auch, grössere Schäden in Kauf zu nehmen.

Ein Hochhaus steht nach einem iranischen Drohnenangriff auf Bahrain in Flammen.

Hamad I Mohammed / Reuters

Es ist ein Dilemma, das die Ukraine allzu gut kennt. Der osteuropäische Staat verteidigt sich seit fast vier Jahren gegen iranische Drohnen, die Russland regelmässig modernisiert. Die Kriegsparteien liefern sich ein Wettrüsten. Sie versuchen, mit neuen Modifikationen den Gegner zu überlisten. Die Ukrainer setzen auf Störsignale, Abwehrdrohnen und mobile Einheiten mit Maschinengewehren, um teure Verteidigungsraketen einzusparen. Die Russen wählen neue Flugbahnen, rüsten die Drohnen mit Starlink-Terminals aus und malen sie schwarz an, damit sie nachts fast unsichtbar werden.

Trumps riskante Wette

Obschon die Amerikaner die Entwicklungen in der Ukraine seit langem aus der Nähe beobachten, wirken sie, als ob sie die Intensität des iranischen Drohnenkriegs auf dem falschen Fuss erwischt hätte. «Das war wohl die grösste Überraschung», sagte Donald Trump gegenüber CNN über die Angriffe Teherans auf die Golfstaaten. In anderen Wortmeldungen betonte der amerikanische Präsident, sein Land habe genug Munition, um «ewig» zu kämpfen. Dass er hinzufügte, man sei zwar nicht dort, wo man sein müsste, habe aber genug Bestände «in entfernten Ländern» gelagert, trug weniger zur Vertrauensbildung bei.

Letztlich lassen sich die Israeli und die Amerikaner mit ihrem Angriff gegen Iran auf eine riskante Wette ein: Sie müssen die Raketenstellungen Teherans schneller zerstören, als diese zur Vergeltung verwendet werden können. Jerusalem sprach bereits am Sonntag davon, die Hälfte der Abschussrampen für ballistische Raketen sei vernichtet worden. Überprüfbar ist dies nicht. Vor dem Krieg gingen israelische Schätzungen davon aus, dass Iran über mehrere tausend Raketen verfügte, vor allem im Kurz- und Mittelstreckenbereich. Diese erreichen die Golfstaaten problemlos.

Zusammen mit den Drohnen bleibt so ein erhebliches Drohpotenzial. Die Shahed sind besonders schwer auszuschalten. Sie brauchen keine grossen Anlagen, um abgefeuert zu werden, und sie sind leicht zu verstecken. Zudem produziert Irans Verbündeter Russland jährlich über 18 000 modernisierte Drohnen, die auf den Shahed basieren. Ukrainische Militärexperten mahnen, diese könnten an Teheran geliefert werden. Die Nützlichkeit der Shahed-Drohnen haben allerdings auch die Amerikaner entdeckt. Sie haben unter dem Namen Lucas eine Kopie angefertigt. Am 28. Februar setzte ihr Militär das unbemannte Flugobjekt erstmals ein. Im Krieg gegen Iran.

Patrick Vagenknecht

Trump war ziemlich sicher noch im Rausch von der US-Militäroperation in Venezuela und hat sich gedacht, die aufgebaute Drohkulisse um den Iran werden das dortige Regime schon zum einknicken zwingen. Hinzu kommen seine beiden Unterhändler, sein Kumpel aus dem New Yorker Immobilienbusiness und sein Schwiegersohn, welche keinerlei Ahnung von Diplomatie und geschichtlichen Hintergründen, geschweige denn militärischer Taktik, haben.
Trump hat sich klar verpokert und am Schluss konnte er gar keinen Rückzieher mehr machen, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Netanyahu war sowieso schon ewigs scharf auf diesen Krieg.
Wie gas ganze nun für die gesamte Region ausgehen wird, ist äusserst fraglich: Den USA und den Golfstaaten gehen langsam die Waffen aus und Bodentruppen einzusetzen wäre absolut Realitätsfremd (man siehe sich nur mal die topographische Karte Irans an). Die Möglichkeit, dass der Iran gestärkt aus diesem Konflikt hervorgehen wird, ist absolut real.

Gerhard Treiber

5 Empfehlungen

Was lernen wir (wieder einmal) daraus: low Tech schlägt high Tech – oder: Masse gegen Klasse – in jedem Fall gilt: erst Denken, dann Handeln. Taktik/Improvisation ersetzt keine (fehlende) Strategie. Die Äusserungen der Trump Admin sind so dermaßen wirr, dass beim besten Willen nicht klar ist, was denn überhaupt die vorrangigen Kriegsziele sein sollen. Diese werden je nach Tagesverfassung ständig neu „festgelegt“.
Zeit, dass der Kongress sich auf seine ureigenste Kompetenz besinnt und diesem Treiben ein Ende macht.
Es gibt schließlich Wichtigeres – die Ukraine z.B. !


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