Die Drehscheiben am Persischen Golf stehen still. Das lähmt globale Lieferketten. Jetzt kostet Fracht mehr Geld und mehr Geduld.
Grosse Flugzeuge mit viel Laderaum: Die Flotte der Emirates am Flughafen Dubai muss weitgehend am Boden bleiben.
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Der Iran-Krieg hat mit der Golfregion eine der wichtigsten Drehscheiben für den internationalen Verkehr lahmgelegt. Das ist nicht nur ein Problem für Zehntausende gestrandete Fluggäste, sondern auch eines für die globale Logistik. Lieferketten sind das Gefässsystem der Weltwirtschaft. Ihnen droht an einem zentralen Knotenpunkt der Infarkt.
Als wäre die faktische Sperrung der angrenzenden Strasse von Hormuz für den Seeverkehr nicht schon problematisch genug: Bei der Luftfracht zeigt sich die Wirkung des Konflikts auf den Welthandel noch schneller. Sie ist durchschlagend.
Schnell müssen andere Flugzeuge her
Mit den stillstehenden Flugzeugen in der Golfregion seien derzeit rund 18 Prozent der weltweiten Frachtkapazität für Lufttransporte aus dem Verkehr gezogen. Das sagt Stefan Paul, Chef des in Schindellegi ansässigen Speditionsriesen Kühne + Nagel. Weil die Flugzeuge fehlen, werden sich laut Paul in einigen Tagen Ladungen in Asien stauen, die nicht mehr Richtung Westen transportiert werden können.
Durch das Grounding der meisten Flugzeuge in den Golfflughäfen gibt es ein doppeltes Problem: Erstens wird viel Fracht im Bauch von Passagierflugzeugen transportiert. Zweitens unterhalten die grossen Golf-Carrier wie Emirates auch eigene Frachtflotten von zum Teil erheblichem Ausmass. Alle diese Maschinen können nicht abheben.
Kühne + Nagel bemüht sich nun, insbesondere in Asien Frachtmaschinen zu chartern, um sie zwischen Asien, Europa und den USA einzusetzen. Die Golfregion wird dann umflogen. Allerdings müssen diese Maschinen von ihren bisherigen Einsatzstrecken abgezogen werden – indem Kühne + Nagel höhere Preise offeriert. Dadurch werden auch die Frachtpreise für die Kunden steigen.

Kühne + Nagel besitzt nur zwei eigene Frachtmaschinen. Der Rest wird gechartert – und jetzt sucht das Unternehmen nach neuen Quellen.
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Ein Charterflug für ein Frachtflugzeug zwischen Asien und Europa kostet laut Stefan Paul derzeit rund 450 000 Dollar. Während der Corona-Pandemie habe sich dieser Preis «relativ schnell verdoppelt», erläuterte der Firmenchef in einer Telefonkonferenz. Diese Ausschläge gebe es, wenn zu wenig Transportangebot auf eine gleichbleibende oder steigende Nachfrage treffe.
Der Preismechanismus wird jetzt ähnlich greifen wie in der Pandemie, nach Pauls Ansicht allerdings stärker begrenzt: Damals gerieten die internationalen Lieferketten erheblich durcheinander, weil die Frachtabfertigung an vielen Orten gleichzeitig stark gestört war. Der Konflikt am Golf ist ein regionales Problem.
Importe für die Golfländer sind abgeschnitten
Für Kühne + Nagel war die Pandemie eine betriebswirtschaftlich gute Zeit. Je komplizierter ein Transport wird, desto mehr kann ein Spediteur für seine Dienste verlangen. Willkommen wäre dieser Beitrag auch jetzt: Der weltgrösste Logistikanbieter von See- und Luftfracht meldete am Dienstag für 2025 einen Rückgang des Betriebsgewinns (Ebitda) um 13 Prozent auf 2,2 Milliarden Franken. Er hat ein Sparprogramm aufgegleist.
Ähnlich wie in der Pandemie könnte jetzt ein weiterer Faktor die Nachfrage nach Luftfracht treiben: die Probleme auf den Seewegen. Der Frachttransport auf Containerschiffen ist deutlich günstiger als jener durch die Luft und wird deshalb für die allermeisten Massengüter bevorzugt. Doch wenn der Unterbruch auf See zu lange dauert, muss ein Versender in den sauren Apfel beissen. In welchem Ausmass von der See in die Luft gewechselt werde, sei aber erst nach rund zehn Tagen absehbar, sagte Paul.
Ob die Strasse von Hormuz so lange gesperrt bleibt, muss sich zeigen. Das Nadelöhr zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean ist kein sicherer Durchfahrtsweg mehr. Iran hat gedroht, jedes Schiff werde brennen, das sich hindurchbewegen wolle. Damit ist der Verkehr der Frachtschiffe vorerst lahmgelegt. Problematisch ist das primär für die Länder auf der Arabischen Halbinsel: Sie müssen viele Güter des täglichen Bedarfs importieren. Die Versorgungslage könnte sich zuspitzen.
Hingegen ist der Effekt auf den internationalen Seeverkehr begrenzt. Die grossen Handelsrouten zwischen Ost und West verlaufen abseits vom Persischen Golf. Der Seeweg durch das Rote Meer und den Suezkanal wurde bereits vor Kriegsausbruch aus Angst vor Angriffen aus Jemen kaum genutzt. Der Umweg um Afrika ist im Warenaustausch zwischen Asien und Europa fest etabliert. Nur rund 2 Prozent der globalen Flotte von Containerschiffen habe sich am Sonntag im oder in der Nähe des Persischen Golfs befunden, berichtet die Unternehmensberatung Drewry.
Preise für Öl und Gas steigen weiter
Ganz anders ist die Lage bei Tankern für Erdöl und verflüssigtes Erdgas (LNG). Rund ein Fünftel des global gehandelten Erdöls und des LNG werden aus der Golfregion und durch die Strasse von Hormuz exportiert. Auch für diese Schiffe ist der Weg derzeit zu gefährlich; die Versicherungsprämien sind in die Höhe geschossen.
Zudem hat Iran bereits eine Ölraffinerie in Saudiarabien, ein Ölterminal in den Emiraten sowie eine LNG-Anlage in Katar angegriffen. Mangels Alternativen ist allerdings die blockierte Ausfuhrroute das grössere Problem als mögliche Schäden an der Infrastruktur.
Rohöl der Referenzsorte Brent verteuerte sich am Dienstag weiter. Der Preis für ein Fass stieg auf 84 Dollar; Ende vergangener Woche lag die Notiz erst bei 73 Dollar. In Europa zog auch der Preis für Erdgas weiter an und hat seit Freitag um 60 Prozent zugelegt. Der Gasmarkt ist traditionell volatiler als der Ölmarkt.
Je länger der Lieferunterbruch in der Golfregion anhält, desto stärker werden Effekte rund um den Globus zu spüren sein. Der Iran-Krieg mag die internationalen Lieferketten absehbar nicht so stark belasten, wie es die Corona-Pandemie getan hat. Aber auf die Adern für die wichtigsten Energierohstoffe wird er potenziell stark durchschlagen.
Tobias Suter
Kein Wunder, das ist ja die Strategie des Irans. Es geht darum, den Preis für die Aggressoren Israel, USA & Co möglichst hoch hinauf zu schrauben. Deshalb werden vor allem nun die arabischen Staaten am Golf, wo die USA Stützpunkte unterhalten, direkt angegriffen und deren wirtschaftliche Infrastruktur geschädigt. Auch wenn der Schaden relativ klein ist, sind die Auswirkungen nicht zu unterschätzen.
Die Luftkreuze in den Golfstaaten sind praktisch stillgelegt und alle reiben sich die Augen. Die Strasse von Hormus ist mehr oder weniger blockiert und der Schiffsverkehr kommt zum Erliegen.
Iran weiss ganz genau, wo die neuralgischen Punkte sind, um den USA & Co über die Zeit möglichst teure Folgenkosten für den wenig überlegten Luftkrieg zu verursachen. Mit relativ wenig Aufwand ist viel erreicht worden. Das Regime im Iran ist zudem leidensfähig und je grösser die Schäden der Luftangriffe sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Bevölkerung im Iran ihre Begeisterung für diesen Luftkrieg von Israel und den USA verliert. Das kann dem Regime eigentlich nur recht sein. Man hätte sich vielleicht doch etwas mehr Gedanken machen müssen, wie Iran reagieren würde und was die möglichen Folgen sein können, bevor man euphorisch und fast schon Hals über Kopf den Krieg vom Zaun gerissen hat. Nun stellt sich zunehmend die Frage, wie USA & Co wieder aus dem Schlamassel komme werden. Dass das Regime im Iran einfach „verschwindet“ ist kaum anzunehmen.

