Der Historiker Walter Russell Mead widerspricht der Hoffnung auf eine rasche Rückkehr zur alten Ordnung. Auf Schloss Elmau beschreibt er eine Welt, in der technologische Beschleunigung, innenpolitischer Druck und strategische Unsicherheit das Risiko von Fehlkalkulationen erhöhen.
Winter in Elmau in den Bayerischen Alpen: Wo sich 2015 und 2022 die Staats- und Regierungschefs der G-7 trafen, analysiert der amerikanische Historiker Walter Russell Mead im NZZ-Interview die Bruchlinien der westlich geprägten Weltordnung.
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Auf Schloss Elmau wird internationale Ordnung vermessen. In den Bayerischen Alpen, am Fuss des Wettersteinmassivs, trafen sich 2015 und 2022 die Staats- und Regierungschefs der G-7, um westliche Geschlossenheit in Zeiten geopolitischer Erschütterung zu demonstrieren. Heute steht hier eine Erosion dieser Ordnung zur Diskussion.
Am Rande eines Symposiums analysiert der amerikanische Historiker Walter Russell Mead im NZZ-Interview eine Welt, die sich aus seiner Sicht längst nicht mehr in einer stabilen Phase, sondern in einer «Vorkriegsära» befindet. Er beschreibt eine internationale Ordnung mit schwindendem strategischem Vertrauen, beschleunigter technologischer Konkurrenz und steigenden geopolitischen Einsätzen.
Ist das Alarmismus – oder eine nüchterne Diagnose? Mead, Chronist amerikanischer Machttraditionen und präziser Beobachter transatlantischer Missverständnisse, widerspricht der europäischen Hoffnung auf eine rasche Rückkehr zum Status quo ante.
Für ihn sind die Verschiebungen in den Vereinigten Staaten tiefgreifend, und die Kräfte, die er beschreibt, reichen weit über die Präsidentschaft Donald Trumps hinaus. Was folgt aus einer Welt, die er als krisenhaft charakterisiert? Welche Rolle bleibt Europa zwischen Washington und Peking? Und was bedeutet es, wenn wir tatsächlich tiefer in eine Vorkriegsära eintreten?
Viele Europäer wissen derzeit nicht recht, was sie sehen, wenn sie auf Amerika blicken. Ist das ein struktureller Wandel? Eine Anomalie? Ein Bruch? Oder eine strategische Verschiebung?
Oder schlicht Verwirrung. Niemand weiss wirklich, wohin sich die Welt bewegt. Aber selbst wenn nicht klar ist, ob Amerika sich dauerhaft in die Richtung bewegen wird, die es unter Präsident Trump eingeschlagen hat, halte ich es für unwahrscheinlich, dass wir einfach zum Status quo ante zurückkehren. In den Vereinigten Staaten verändern sich grundlegende Dinge. Wir erleben das Aufkommen und den Niedergang neuer politischer Kräfte, und wir wissen noch nicht, welche Ordnung daraus entstehen wird.
Viele Europäer verstehen Trump als Bruch mit der amerikanischen Tradition. Sie hingegen argumentieren, dass er eher einen älteren Instinkt verkörpert.
Seit den 1940er Jahren wurde die amerikanische Aussenpolitik im Wesentlichen von zwei Schulen geprägt, beide mit globalem Anspruch. Da sind zunächst die Hamiltonianer. Sie denken vom Handel her, von wirtschaftlicher Stärke. Ihr Ziel ist eine globale Handelsordnung, die Amerika wohlhabend macht. Und sie gehen davon aus, dass dieser Wohlstand zweierlei bewirkt: Er sorgt im Innern für Stabilität, und er finanziert jene militärische Macht, die notwendig ist, um dieses System zu sichern.
Dann gibt es die Wilsonianer. Auch sie streben eine globale Ordnung an, aber sie denken stärker in Kategorien von Menschenrechten, internationalem Recht und internationalen Institutionen. Für sie entsteht Ordnung durch Normen und Legitimität. Die beiden Traditionen eint die Vorstellung, dass Amerika eine Weltordnung gestaltet und trägt. Doch das sind nicht die einzigen Strömungen. Es gibt auch jene, die meinen, zu viele internationale Verpflichtungen machten den amerikanischen Staat grösser und weniger frei.

Der Historiker Walter Russell Mead arbeitet am Hudson Institute, einem konservativen amerikanischen Think-Tank.
PD
Trump sehen Sie in einer dritten Tradition.
Ja, ich nenne sie Jacksonianismus. Diese Tradition will die Welt nicht demokratisieren. Sie reagiert empfindlich auf Bedrohungen amerikanischer Macht und amerikanischen Ansehens. Sie ist nicht missionarisch. Sie will Rivalen schlagen. Und Trump greift stark auf diesen Instinkt zurück.
Bedeutet das, dass Amerika weniger universalistisch wird – oder einfach selektiver darin, wem es Unterstützung gewährt?
Selbst Universalisten sind insgeheim selektiv. Wir engagieren uns nicht überall mit der gleichen Intensität für Menschenrechte, im Sudan etwa anders als anderswo. Man kann nicht auf alles, was weltweit geschieht, jederzeit gleichermassen reagieren. Das würde jedes politische System überfordern. Ich glaube nicht, dass der Universalismus in den Vereinigten Staaten verschwunden ist. Aber sowohl die hamiltonianische Wirtschaftsagenda als auch die wilsonianische Menschenrechtsagenda haben an Glaubwürdigkeit verloren.
Weil sich die Welt anders entwickelt hat als erhofft?
Die Hamiltonianer sagten: Freier Handel mit China wird China demokratisieren und Amerika reicher machen. Heute sagen viele: Wir haben diesen Rat befolgt und stehen nun einer feindlichen Supermacht gegenüber. Die Wilsonianer sagten: Demokratie lässt sich fördern. Gebt uns die Mittel, und die Welt wird demokratischer. Nach zwanzig Jahren demokratischer Regression sieht man, dass Entwicklungshilfebürokratien vielleicht wissen, wie man Geld ausgibt – aber nicht unbedingt, wie man Demokratien aufbaut. Beide Schulen haben an Einfluss verloren. Aber sie werden zurückkehren. Amerikanische Politik verläuft zyklisch.
Jacksonianer misstrauen internationalen Organisationen. In welchem Mass kann sich das eine Supermacht leisten, die das System selbst mit aufgebaut hat?
In gewisser Weise hatten Teile des internationalen Systems bereits an innerer Substanz verloren. Nehmen Sie die Generalversammlung der Vereinten Nationen. In den frühen 1950er Jahren war sie ein zentraler politischer Ort. Abstimmungen dort schafften es auf Titelseiten. Mächtige Staaten betrieben intensive Diplomatie, um Mehrheiten zu organisieren. Wenn heute abgestimmt wird: Wieder eine Resolution gegen Israel. Wieder eine Abstimmung über das Kuba-Embargo. Und es folgt nichts daraus. Man geht zur Tagesordnung über. Teile dieses Systems sind ritualisiert worden. Sie erzeugen Verfahren, aber kaum noch Wirkung.
Gibt es eine Spannung zwischen diesem Instinkt und Amerikas globaler Verantwortung?
In Europa existiert die Vorstellung, dass die Nachkriegs- oder Nach-Kalter-Krieg-Welt wie eine transatlantische Arbeitsteilung funktioniert – gewissermassen wie ein Elternpaar. Amerika ist der Vater. Europa ist die Mutter. Der Vater verfügt über harte Macht, die Mutter über weiche Macht. Wenn Iran sich fehlverhält, schickt der Vater es ohne Abendessen ins Bett. Später kommt die Mutter mit Milch und Keksen. Aber zuvor stimmen sich beide über die grundlegenden Fragen ab. Für viele Europäer ist das das Idealmodell internationaler Ordnung. Nur: China empfindet sich nicht als Europas Kind, Indien ebenfalls nicht. Dieses Modell funktioniert schlechter – und Europa hat teilweise an strategischer Kultur eingebüsst: an einem klaren Bewusstsein dafür, wie man wirtschaftliche und militärische Grundlagen von Macht sichert und ob man das überhaupt noch will.

Tempi passati: Von den Staats- und Regierungschefs der G-7, die sich 2022 in Schloss Elmau trafen, sind nur noch EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen und der französische Präsident Emmanuel Macron im Amt.
Stefan Rousseau / Reuters
Europa spricht weiterhin die Sprache universeller Normen und ist stolz darauf. Ist das eine Stärke? Oder ist es naiv?
Jeder ernsthafte Mensch muss davon ausgehen, dass es so etwas wie moralische Realität gibt – dass man in irgendeiner Weise dem Guten verpflichtet ist. Aber die entscheidende Frage lautet: Wie übersetzt man diese Überzeugung in Diplomatie und Strategie? 1941, als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten, unterstützten wir Stalin – damals den wohl schlimmsten Massenmörder der Welt – gegen Hitler. Ich halte das für die richtige Entscheidung. Als Nixon in den 1970er Jahren nach China ging, befand sich das Land mitten in der Kulturrevolution, einer der verheerendsten Phasen unter Mao. Auch diese Entscheidung war historisch und strategisch notwendig. Was bedeuten universelle Normen, wenn man sich einmal mit Stalin und ein anderes Mal mit Mao verbündet? Es bedeutet, dass politische Praxis kompliziert ist. Man kann nicht einfach zwischen rein und unrein unterscheiden. So funktioniert Strategie nicht.
Fehlt Europa also strategische Klarheit?
Europäer handeln hier aus ähnlichen Gründen, aus denen Amerikaner früher so handelten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Vereinigten Staaten noch schwach waren, haben wir intensiv über internationales Recht gesprochen. Theodore Roosevelt formulierte einmal, Diplomatie sei die Kunst, «braver Hund» zu sagen, während man sich nach einem Stock umsieht. Und je weniger man einen Stock findet, desto stärker betont man, dass Stöcke mit der Beziehung nichts zu tun hätten – sie beruhe ausschliesslich auf gegenseitigem Vertrauen. Sprache spiegelt Machtverhältnisse.
Welche realistische Rolle kann Europa in einer Welt spielen, die zunehmend von China und den Vereinigten Staaten geprägt wird?
Europa steht vor einer grundlegenden Entscheidung. Welche Art von Europa will es sein? Europa steht vor einer existenziellen Wahl. Will es eine massgebliche Rolle bei der Gestaltung seiner eigenen Zukunft und der globalen Ordnung spielen? Oder akzeptiert es, dass andere die Weltordnung definieren – und damit auch Europas Handlungsspielräume?
Ein zentraler Aspekt dieser Frage ist die Technologie.
Die Bedeutung von Informationstechnologie wird häufig unterschätzt – nicht nur für wirtschaftliches Wachstum, sondern für staatliche Macht und staatliche Handlungsfähigkeit. Das Versäumnis, ein europäisches Pendant zum Silicon Valley oder zur chinesischen IT-Industrie zu entwickeln, ist ein kolossaler historischer Fehler, oder zumindest eine zutiefst folgenschwere Entscheidung. Europa kann versuchen aufzuholen – wie Japan im 19. Jahrhundert. Oder Europa kann sagen: Es ist nichts mehr zu machen. Das ist die Wahl.
Europas wirtschaftliches Gewicht ist noch erheblich.
Es verliert relativ an Bedeutung. Europas Anteil am globalen Bruttoinlandprodukt sinkt weiter. Der amerikanische Anteil bleibt ungefähr stabil. China und Indien wachsen – wenn auch Chinas Dynamik nachlässt. Und dann ist da die Frage der Governance.
Europa ist bemerkenswert langsam.
Um eine Entscheidung zu treffen, muss man die belgische Stellungnahme zum schwedischen Weissbuch prüfen, sie einem Ausschuss vorlegen, protokollieren, konsultieren. Bis ein Beschluss zustande kommt, haben sich die Rahmenbedingungen möglicherweise schon verändert. Und wenn sich das Tempo globaler Entwicklungen beschleunigt – und ich gehe davon aus, dass wir in eine längere Phase solcher Beschleunigung eintreten –, dann verstärken sich Europas strukturelle Nachteile: ein sinkender ökonomischer Anteil, eine schwache Position in zentralen Technologiefeldern und eine Governance-Struktur, die langsamer und weniger durchsetzungsfähig ist als die anderer Grossakteure.
Wenn wir von Europa sprechen – wen meinen Sie eigentlich?
Wenn Sie mir diese Frage in Bezug auf die Vereinigten Staaten stellen würden, wäre klar, was gemeint ist: der politische Körper. In Europa ist das komplizierter. Was ist Europa – die Europäische Union? Europa als Zivilisation? Der Kontinent? Das ist Kissingers alte Frage: Wenn ich mit Europa sprechen will, welche Nummer wähle ich? Diese Frage ist keineswegs trivial.
Wie beschreiben Sie die heutige Welt? Ist sie multipolar? Ein Gleichgewicht der Mächte? Oder etwas weniger kohärent?
Ich würde sagen: Wir leben in einer Welt, in der sich nahezu jeder Staat in einer Phase tiefgreifender Krise und Veränderung befindet. Die Informationsrevolution verändert die inneren politischen Ordnungen. Sie verändert wirtschaftliche Strukturen. Sie destabilisiert Gesellschaften. Gleichzeitig wirkt sie auch auf den internationalen Raum: Machtgewichte geraten in Bewegung, technologische Entwicklungen beschleunigen sich. Das erschwert es Staaten, miteinander tragfähige Kompromisse zu schliessen. Jede Regierung schaut auf die innenpolitische Opposition, sie fürchtet den Vorwurf der Schwäche. Sie steht unter permanentem Druck. So entsteht eine Rückkopplung zwischen innenpolitischer Instabilität und internationaler Spannung.
Vor einigen Jahren haben Sie geschrieben, die Welt bewege sich von einer Nachkriegs- in eine Vorkriegsära.
Wir befinden uns heute tiefer in einer Vorkriegsära, als viele glauben. In einer Nachkriegsära geht es in der internationalen Politik darum, die verbliebenen Probleme des vergangenen Konflikts zu lösen und gewissermassen aufzuräumen. So wie das, was in Jugoslawien nach dem Ende des Kalten Krieges geschah – Nachwirkungen einer bereits entschiedenen Ordnung. In einer Vorkriegsära hingegen stehen Probleme im Zentrum, die – wenn sie ungelöst bleiben – zu einem neuen Grossmachtkonflikt führen können. In solchen Phasen sind die Einsätze höher, es gibt mehr Dringlichkeit und tendenziell weniger strategisches Vertrauen. Internationale Politik wird dann schärfer, härter, weniger von stillschweigenden Gewissheiten getragen.
Befürchten Sie, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine in einen breiteren Konflikt münden könnte?
Der Krieg in der Ukraine ist ein sehr altmodischer Krieg. Putin nahm etwas wahr, was er als Schwäche und als Heuchelei des Westens verstand. Aus seiner Sicht gab der Westen vor, sich stärker um die territoriale Integrität der Ukraine und um internationales Recht zu sorgen, als er es tatsächlich tat. Er sah eine Gelegenheit. Und ich vermute, er glaubt weiterhin, dass die Kontrolle über die gesamte Ukraine oder zumindest über ihre entscheidenden Teile für Russlands Status als Grossmacht unerlässlich sei. Angesichts demografischer Entwicklungen und langfristiger Trends lautete aus seiner Perspektive die Wahl: jetzt handeln – oder auf Dauer verzichten. In diesem Sinne ist es ein klassischer Macht- und Statuskrieg. Aus seiner Sicht ist er defensiv – eine Verteidigung seiner Vorstellung vom russischen Staat. Aber technologisch ist dieser Krieg etwas sehr Neues.
Und zugleich ein Labor.
Ja. Der Krieg hat sich technologisch in etwas anderes verwandelt. Und das Tempo dieser Veränderung ist aussergewöhnlich. Im Zweiten Weltkrieg gab es vielleicht zwei oder drei grosse technologische Zyklen innerhalb weniger Jahre. Man begann ohne Düsenflugzeuge und ohne Atomwaffen – und beendete den Krieg mit beidem. Das vollzog sich über Zeit. Im Ersten Weltkrieg wurde lange mit Technologien gekämpft, die bereits am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs vorhanden waren: Maschinengewehre, Schützengräben. Panzer kamen später hinzu. Auch das war ein Einschnitt, aber kein permanenter Wandel im Monatsrhythmus. Im russisch-ukrainischen Krieg hingegen verändert sich das Schlachtfeld grundlegend im Abstand weniger Monate. Das ist neu. Krieg hat technologische Entwicklung immer beschleunigt. Aber hier wird diese Beschleunigung nochmals verstärkt. Und was bedeutet das in einer Phase steigender Verteidigungsausgaben und sinkenden strategischen Vertrauens? Nichts Beruhigendes.
Welche technologische Entwicklung bereitet Ihnen die grössten Sorgen?
Es geht weniger um ein einzelnes System als um die Verdichtung der Innovationszyklen. Künstliche Intelligenz, Drohnen, Cyberfähigkeiten, elektronische Kriegsführung – all das wirkt nicht nur auf militärische Leistungsfähigkeit, sondern auch auf wirtschaftliches Wachstum, industrielle Produktionsweisen, Finanzsysteme und Überwachungstechnologien. Informationstechnologie ist nicht einfach eine ökonomische Variable. Sie bestimmt staatliche Handlungsfähigkeit. In einem solchen Umfeld setzen jene Staaten die Regeln, die diese Technologien beherrschen. Und wenn technologische Entwicklung sich in diesem Tempo vollzieht, wächst die Angst zurückzufallen. Diese Angst beeinflusst politische Entscheidungen. In einer Vorkriegsära erhöht schneller technologischer Wandel bei gleichzeitig sinkendem Vertrauen die Unsicherheit. Und Unsicherheit erhöht das Risiko von Fehlkalkulationen.
Was würde es bedeuten, wenn Europa das 90-Milliarden-Euro-Paket für die Ukraine nicht aufbrächte?
Nach meinem Verständnis würde die Fähigkeit der Ukraine, den Krieg fortzusetzen, erheblich geschwächt. Das würde vermutlich Putins Preis für eine Friedenslösung erhöhen. Und es könnte die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine untergraben. Ich halte das für eine sehr ernste Frage.
Wenn Sie fünf Jahre vorausblicken – was müsste jetzt geschehen, um einen grösseren Konflikt zu verhindern?
Es wäre wichtig, den Krieg in der Ukraine zu beenden – und zwar so, dass er nicht als klarer Sieg Russlands erscheint. Ein eingefrorener Konflikt, bei dem Russland wirtschaftlich isoliert bleibt und noch stärker in Chinas Orbit gedrängt wird, birgt eigene Risiken. Aber die zentrale strategische Frage der kommenden Jahre betrifft China und Taiwan. Wenn China in fünf Jahren weiterhin davon ausgeht, dass die Risiken eines Angriffs auf Taiwan zu hoch sind, dann halte ich einen globalen Krieg für unwahrscheinlich. Wenn Peking hingegen zu dem Schluss kommt, dass die Erfolgsaussichten einen Versuch rechtfertigen, könnten wir uns in einer sehr dunklen Lage wiederfinden. Die strategische Aufgabe der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten besteht darin, dafür zu sorgen, dass China den Preis eines Angriffs weiterhin als untragbar einschätzt.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass diese Abschreckung trägt?
Ein Problem ist die Geschwindigkeit technologischer Veränderungen. Aber ich würde sagen: Die vielleicht wichtigste positive Entwicklung der letzten Jahre ist Japan. Die Zweidrittelmehrheit im Parlament und die Entscheidung, sich deutlich stärker militärisch aufzustellen, sind von grosser Bedeutung. Und ebenso die Tatsache, dass China versuchte, die japanische Öffentlichkeit einzuschüchtern, nachdem sich die Regierung zu Taiwan geäussert hatte – und dass diese Regierung dennoch mit erneuerter Mehrheit bestätigt wurde. Das könnte das wichtigste Ereignis der letzten fünf Jahre gewesen sein – womöglich bedeutsamer als die Wahl Trumps. Es zeigt, dass zumindest einige Akteure in der Region die Tragweite der Lage erkennen.
Fassen Sie uns die Welt zusammen, in die wir eintreten, Professor Mead. Keine sehr schöne, scheint mir.
Es ist eine Welt in der Krise. Eine Welt, in der innenpolitische Instabilität internationale Spannungen verstärkt. Eine Welt, in der technologischer Wandel strategischen Wettbewerb beschleunigt. Eine Welt mit weniger strategischem Vertrauen und höheren Einsätzen. Wir befinden uns tiefer in einer Vorkriegsära. Und sie ist nicht immer angenehm.

