Die Schweizer seien ihm mentalitätsmässig oft näher als die Preussen, sagt der abtretende Ministerpräsident Baden-Württembergs. Handelsdaten zeigen: Für die Schweiz ist das Bundesland ähnlich wichtig wie China.
Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, bei einem Besuch in Bern im Mai 2025 mit der damaligen Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter.
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Am Sonntag verliert die Schweiz einen ihrer besten Freunde. Einen Verbündeten, den sie sich gar nicht erhofft hatte.
Vor fünfzehn Jahren passiert in Fukushima eine Atomkatastrophe. Wenige Wochen später gelingt einer ehemaligen deutschen Protestpartei in Lokalwahlen ein Durchbruch: In Baden-Württemberg besetzen die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Gymnasiallehrer Winfried Kretschmann, erstmals den Posten des Ministerpräsidenten. Ein grünes Experiment – und das ausgerechnet in der Wirtschaftshochburg Baden-Württemberg.
Deutschland und die Schweiz streiten sich damals über so einiges: das Bankgeheimnis, den Fluglärm über Süddeutschland bei Anflügen auf Schweizer Flughäfen, die Atomenergie, die Abwanderung von deutschen Ärzten und Professoren. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» sagt Kretschmann: «Solche Unterschiede liessen sich am einfachsten bewältigen, wenn die Schweiz EU-Mitglied wäre – was ich natürlich am liebsten sähe.»
Ein Deutscher mit Erwartungen an den Nachbarn. So mancher Schweizer befürchtete Böses.
Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März tritt Kretschmann ab. Die wirtschaftlichen Beziehungen zur Schweiz, die er seinem Nachfolger hinterlässt, sind enger als je zuvor. Die beiden Regionen sind dick miteinander.
Der verlässliche Handelspartner im Süden
Das zeigt ein Blick in die Handelsstatistik des Bundeslandes: Unternehmen aus Baden-Württemberg exportierten 2024 Güter im Wert von 20 Milliarden Euro in die Schweiz. Die USA sind das einzige Land, das noch mehr Waren aus Baden-Württemberg importierte – was allen voran an den Autobauern und ihren Zulieferern liegt, die in den USA kauffreudige Konsumenten vorfinden.
Dabei gewann die Schweiz in jüngster Vergangenheit weiter an Bedeutung. In China schrumpfen die Marktanteile deutscher Unternehmen bereits seit mehreren Jahren, die Exporte in die USA brachen im Zollstreit ein. Baden-Württembergs Ausfuhren in die Schweiz hingegen erhöhten sich in den vergangenen Jahren beständig, zwischen Januar und Ende September 2025 sogar um 20 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr.
Der Handel floriert auch in die andere Richtung: Bei den Einfuhren lag die Schweiz 2024 für Baden-Württemberg auf Platz zwei, nur knapp hinter China. Die Schweiz – eine verlässliche Partnerin in unsicheren Zeiten, so schwärmen deutsche Unternehmer.
Schweizer Qualitätsansprüche
Laut Schätzungen des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) haben über 90 Prozent aller produzierenden Unternehmen in der unmittelbaren Grenzregion Hochrhein-Bodensee Geschäftsbeziehungen mit der Schweiz. Eines davon ist das Familienunternehmen Morath aus dem Schwarzwald. Die Firma baut Maschinen für komplexe Bohrungen – etwa im Tunnelbau, in der Böschungssicherung oder im Verbau von Steinschlagbarrieren. Rund einen Fünftel des Umsatzes macht der Industriebetrieb in der Schweiz, sie ist die wichtigste Region nach dem Heimatmarkt in Deutschland.

Der Geschäftsführer Daniel Morath berichtet stolz von den Projekten in der Schweiz, bei denen die Maschinen seiner Firma zum Einsatz gekommen sind. Etwa in den Glarner Alpen, wo die Axpo für den Bau des Pumpspeicherkraftwerks Linth-Limmern bis zu 30 Meter tief in den Boden bohren musste. Oder auf dem Stoos, wo in Hanglagen mit einer Steigung von 50 Grad Schienen für die steilste Standseilbahn der Welt befestigt wurden.
Für Morath sind diese Projekte repräsentativ für seine Zusammenarbeit mit Schweizer Kunden: hochkomplexe Projekte, bei denen der deutsche Familienbetrieb allerhöchsten Qualitätsansprüchen gerecht werden muss. Eine gute Referenz aus der Schweiz sei ein Gütesiegel, sagt Morath: «Die Lösungen, die wir für unsere Schweizer Kunden entwickeln, sind weltweit gefragt.»
Hürden beim Dienstleistungsverkehr
Vom Hauptsitz der Firma Morath sind es nur wenige Kilometer zur Landesgrenze. Die Schweiz ist nah – und doch muss sich Morath beim Export in das Land mit vielen Formalien beschäftigen.
Die Zollerklärungen zur Verrechnung der Mehrwertsteuer beim Güterhandel seien von verhältnismässig geringem Mehraufwand, sagt Morath. Komplizierter hingegen seien die Auflagen bei den Dienstleistungen: Schickt der deutsche Betrieb neben den Maschinen auch Mitarbeiter zur Einschulung am Bohrer über die Grenze, muss er Tage im Voraus bei den Behörden einen Antrag für die Entsendung einreichen.


In steilen Hanglagen auf dem Stoos wurden Bohrer von Morath eingesetzt.
Morath sagt: «Ich kann nachvollziehen, dass die Schweiz damit die eigenen Dienstleister vor der günstigeren Konkurrenz im Ausland schützen will. Die Vorschriften erschweren uns jedoch, spontan für unsere Kunden da zu sein.» Auch Thomas Conrady, Vizepräsident des BWIHK und ebenfalls Familienunternehmer, sieht bei den Dienstleistungen die grössten Hürden für deutsche Unternehmen, die in der Schweiz Geschäfte machen wollen: «Die Lohnvorschriften sind teilweise undurchsichtig sowie kompliziert.»
Selbst das Vertragspaket, das die Schweiz institutionell näher an die EU binden könnte, würde den deutschen Unternehmen unmittelbar keine Erleichterungen im Dienstleistungsverkehr mit der Schweiz bringen. Das Staatsministerium des deutschen Bundeslandes äusserte jedoch die Hoffnung, dass nach dem Abschluss des Abkommens über den Abbau administrativer Hürden weiterverhandelt werde.
Für die Schweiz ist Deutschlands Süden wie China
Auch in der Schweiz betonen Wirtschaftsvertreter den hohen Stellenwert der Nachbarregion.
Jahrzehntelang war Deutschland der wichtigste Abnehmer Schweizer Exporte. Jetzt ist das Land an zweiter Stelle, knapp hinter den USA. Unterteilt man Deutschland noch weiter, zeigen sich klare regionale Muster: In Baden-Württemberg enden knapp 35 Prozent aller Schweizer Exporte nach Deutschland, weit mehr als in jedem anderen Bundesland. Bayern ist mit 10 Prozent der zweitwichtigste Abnehmer.
Die Wichtigkeit verdeutlicht sich auch im internationalen Vergleich. Zusammengerechnet hatte die Schweiz mit Baden-Württemberg und Bayern ein Handelsvolumen von 49 Milliarden Franken, wie aus einer Auswertung der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee hervorgeht. Das Volumen des Schweizer Handels mit China betrug im gleichen Zeitraum 55 Milliarden Franken. Ohne den Goldhandel, der das Volumen des Handels mit China ohne erhebliche realwirtschaftliche Auswirkungen aufbläht, sind die südlichen Bundesländer für die Schweiz grössere Handelspartner als die Weltmacht im Osten.
Luc Schnurrenberger, stellvertretender Bereichsleiter Aussenwirtschaft beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, sagt: «Die wirtschaftliche Verflechtung der Schweiz mit Baden-Württemberg zeigt exemplarisch, wie zentral Grenzregionen für den Schweizer Wohlstand sind.» Um diese Wirtschaftsräume zu sichern und weiterzuentwickeln, seien stabile Beziehungen zur EU im Interesse aller Betroffenen.
Mit Verflechtung kommt aber auch Verletzlichkeit: Wenn die Industrie in Baden-Württemberg schwächelt, spürt das auch die Schweiz.
Eine Liebeserklärung auf vierzig Seiten
Lokalpolitiker können Unternehmern nicht vorschreiben, mit wem sie zu handeln haben. Sie können den Austausch aber begünstigen, indem sie ausgewählte Regionen beim Regieren einbeziehen. Selten war das deutlicher als bei Winfried Kretschmann.
Baden-Württembergs Ministerpräsident besuchte das Nachbarland im Süden regelmässig. Stellte sich die Schweiz in den Verhandlungen mit Brüssel quer, soll er bei seinen norddeutschen Amtskollegen für Verständnis geworben haben. Einem Süddeutschen sei die Mentalität eines Schweizers oft näher als jene eines Preussen in Brandenburg, sagte Kretschmann einmal.
Zudem schaffte Kretschmann in Bezug auf die Schweiz einen Masterplan: 2017 verabschiedete Baden-Württemberg eine Schweiz-Strategie. Diese legte dar, wie das Bundesland in unterschiedlichsten Fragen mit der Schweiz zusammenarbeiten wollte, von der Landwirtschaft bis zum Pendlerverkehr. Baden-Württemberg gilt damit als einzige Region der Welt, die ihre Ziele mit der Schweiz öffentlich festgehalten hat.
Im vergangenen Jahr hat die Regierung des Bundeslandes ihre Schweiz-Strategie aktualisiert – eine Liebeserklärung auf vierzig Seiten, so nannte Kretschmann das Dokument. Baden-Württemberg bekräftigt darin, in den Verhandlungen mit der EU als Brückenbauer für die Schweiz auftreten zu wollen. Zudem strebt das Bundesland eine tiefgehende Zusammenarbeit mit der Schweiz in Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz, Quantencomputern oder Medizintechnik an. Ein Paradebeispiel hierfür sei die Teilnahme der ETH Zürich an einem Bildungs- und Forschungscampus in Heilbronn. Dieser wurde vom Lidl-Gründer Dieter Schwarz ins Leben gerufen und finanziert.

Das Rennen um Kretschmanns Nachfolge ist eng: Umfragen sehen Manuel Hagel von der CDU und Cem Özdemir von den Grünen nahezu gleichauf. Hier Wahlplakate in Stuttgart.
Dts Nachrichtenagentur / Imago
Noch ist offen, wer Kretschmanns Nachfolger wird. Sowohl der CDU-Mann Manuel Hagel als auch der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir können sich laut den letzten Umfragen Hoffnungen auf das Amt als Ministerpräsident machen. Wer auch immer von den beiden das Rennen macht: Der Vorgänger hat eine Bedienungsanleitung hinterlassen, wie das Bundesland und die Schweiz noch enger zusammenwachsen können.

