Weil der Iran-Krieg die Schifffahrt behindert, steigt der Erdgaspreis.
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Der Iran-Krieg hat die globalen Energiemärkte erschüttert und zieht immer mehr Länder in Mitleidenschaft. Die Strasse von Hormuz, durch die Rohöl und Flüssiggas transportiert werden, ist derzeit kaum passierbar. Am Dienstagabend hatte US-Präsident Donald Trump zwar auf seiner Plattform Truth Social gepostet, dass die US Navy, falls erforderlich, so bald wie möglich damit beginnen werde, Tanker durch die Strasse von Hormuz zu eskortieren. Die USA würden unter allen Umständen den freien Fluss von Energie in die Welt sicherstellen.
Ob das gelingen kann, ist jedoch fraglich. Die Ankündigung hat bestehende Sorgen vorerst nicht gemildert. Angriffe von Iran mit Drohnen auf Frachtschiffe wären auch dann immer noch möglich.
Öltanker ankern beim Ölexport-Terminal von Basra und transportieren das Öl danach durch die Stasse von Hormuz.
Iran schiesst Rakete in Richtung Türkei
Am Mittwoch fing die Nato über dem östlichen Mittelmeer eine ballistische Rakete ab, die laut türkischem Verteidigungsministerium von Iran abgefeuert worden war. Die Nato geht davon aus, dass Iran die Rakete absichtlich in Richtung der Türkei schoss, obwohl sich diese im Krieg gegen Iran neutral verhält und sich lange um eine diplomatische Lösung bemüht hat. Ferner versenkten die USA ein iranisches Kriegsschiff in internationalen Gewässern vor Sri Lanka. Mindestens 80 Leichen wurden geborgen, Dutzende weitere Menschen werden noch vermisst.
In Libanon setzten die israelischen Streitkräfte ihre Angriffe auf den Süden des Landes fort und forderten die Menschen in den Gebieten südlich des Flusses Litani zur Evakuierung auf. Der Landstrich an der Grenze zu Israel ist eine Hochburg der Hizbullah. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums kamen bei den israelischen Luftangriffen elf Menschen ums Leben.
Die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten treibt nicht nur den Erdölpreis in die Höhe, sondern auch den Preis für Erdgas. Seit Kriegsbeginn ist dieser mit 50 Prozent deutlich stärker angestiegen als jener für Erdöl mit 11 Prozent. Rund ein Fünftel des globalen Angebots an Flüssigerdgas (LNG) ging bisher per Schiff durch die Strasse von Hormuz, die derzeit unpassierbar ist. Vier Jahre nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs nehmen deshalb die Sorgen über eine neue Energiekrise zu.
Durch die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Arabischen Meer exportierten Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate zusammen etwa 120 Milliarden Kubikmeter LNG pro Jahr, wie die Analysefirma Oxford Economics schreibt. Das sei eine deutlich grössere Menge als der Ausfall der russischen Lieferungen im Jahr 2022.
Angebotsschock sorgt für steigende Preise
Europa könnte über zwei Wege von einem länger andauernden LNG-Exportstopp aus Katar und der damit einhergehenden Angebotsverknappung auf dem Weltmarkt betroffen sein: erstens durch einen generellen Mangel an LNG und zweitens durch die bereits stark gestiegenen Preise. Sowohl die EU-Kommission als auch die deutsche Bundesregierung haben deshalb Krisenstäbe eingerichtet.
Beide geben vorerst jedoch eine teilweise Entwarnung. Es bestehe keine unmittelbare Gefahr für die Versorgungssicherheit in Europa, heisst es aus Brüssel. Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte sogar, Deutschland sei bezüglich LNG nicht verwundbar. Nur 10 Prozent des jährlichen deutschen Gasverbrauchs betreffe LNG.
Die Versorgungslage ist deshalb noch entspannt, weil laut dem Verband Gas- und Wasserstoffwirtschaft nur etwa 8 Prozent der LNG-Lieferungen in die EU aus Katar stammen. Deutschland habe im vergangenen Jahr gar kein Flüssiggas aus dem Golfstaat bezogen. Die Lieferungen kommen zu 96 Prozent aus den USA. Anders sieht es in Italien aus. Laut dem Datenanbieter ICIS bezog Italien 2025 knapp ein Drittel seiner LNG-Importe aus Katar, danach folgte Polen mit 25 Prozent.
Gegenwärtig sind die Erdgasspeicher in der EU zu durchschnittlich 30 Prozent gefüllt. Das klingt nach wenig, ist angesichts des zu Ende gehenden Winters laut Experten jedoch nicht problematisch, zumal sich in Europa langsam der Frühling einstellt. Darüber hinaus ist der Gasimport inzwischen diversifiziert. Deutschland importiert das Gas nicht nur über die seit Beginn des Ukraine-Kriegs gebauten LNG-Terminals aus den USA, sondern vor allem über Pipelines, besonders aus Norwegen.
Trotz dem deutlichen Anstieg liegen die europäischen Preise für Erdgas noch deutlich unter den Extremwerten des Jahres 2022 von kurzzeitig weit über 300 Euro pro Megawattstunde. Allerdings könnten die hohen Preise mittelfristig durchaus bei den Privat- und Industriekunden ankommen. Das gilt besonders für Deutschland, das relativ stark von Erdgas abhängig ist. In der Schweiz spielt Gas im Energiemix dagegen kaum eine Rolle. Generell werden die Auswirkungen für die Kundengruppen stark von der Dauer des Konflikts abhängen und davon, wie passierbar die Strasse von Hormuz ist.
Heikle Verbindung von Gas- und Strompreis
Die deutschen Stadtwerke kaufen das Gros ihres Erdgases in mehreren Tranchen, hauptsächlich bei Grosslieferanten am langfristigen Terminmarkt ein. Dadurch seien sie in der Lage, kurzfristige Preisspitzen an den Spotmärkten abzufedern und die Preise trotz kurzfristigen Schocks stabil zu halten, erklärte ein Sprecher des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Sollte die Sperrung der Strasse von Hormuz länger dauern, würden sich aber längerfristig auch die Preisniveaus an den Terminmärkten erhöhen, sagte der Sprecher weiter. Das sei bisher noch nicht erkennbar, die Situation sei aber hochdynamisch.
Privatkunden mit einem abgeschlossenen Erdgasversorgungsvertrag müssen derzeit also noch kaum mit plötzlichen Preissprüngen durch die Volatilität an den Spotmärkten rechnen. Ob es grössere Auswirkungen bei Neuabschlüssen und Folgeverträgen gibt, hängt von der weiteren Entwicklung ab. Das Gleiche gilt für viele mittelständische Unternehmen, die Erdgas ebenfalls von lokalen Anbietern beziehen.
Kritischer ist die Lage für Industriekunden, denn diese kaufen bei den grossen Energiehändlern wie Uniper oder Sefe (früher Gazprom Germania) ein. Dies geschieht sowohl über den Spot- als auch über den weniger volatilen Terminmarkt, abhängig von der jeweiligen Beschaffungsstrategie. Doch auch bei Terminmarktprodukten mit kurzer Laufzeit sind inzwischen hohe Ausschläge zu erkennen. So hat sich der Preis für den sogenannten Frontmonat April laut dem VKU binnen weniger Tage verdoppelt. In der deutschen Industrie nutzen vor allem die Branchen Chemie, Papier und Düngemittel grosse Mengen an Gas.
In Deutschland kommt hinzu, dass der Gas- und der Strompreis miteinander verbunden sind. Kraftwerke werden gemäss dem sogenannten Merit-Order-Prinzip in der Reihenfolge ihrer Grenzkosten zugeschaltet, zuerst günstige Erneuerbare, oft zuletzt teure Gaskraftwerke. Das teuerste Kraftwerk bestimmt dann den Strompreis für alle Erzeuger.
Eine belastbare Einschätzung zu möglichen Strompreissteigerungen sei derzeit jedoch kaum möglich, sagt der VKU-Sprecher. Das hänge massgeblich davon ab, wie häufig gasbefeuerte Kraftwerke zum Einsatz kämen. Ihr Einsatz variiere je nach Marktlage, Verfügbarkeit erneuerbarer Energien und weiteren kurzfristigen Faktoren.
Es sei auch möglich, dass langfristig kontrahiertes Gas zur Stromerzeugung aus Wirtschaftlichkeitsgründen nicht genutzt, sondern wieder verkauft werde. Dadurch könnten bei hoher Nachfrage auch Kohlekraftwerke wieder verstärkt zum Einsatz kommen.
Am stärksten betroffen sind asiatische Länder
Global gesehen könnten China, Japan, Südkorea und Indien die grössten Leidtragenden des Lieferstopps sein, denn über zwei Drittel des katarischen LNG gingen bisher nach Süd- und Ostasien. Diese Länder suchen jetzt mit Hochdruck nach anderen Bezugsquellen und treiben dadurch die Preise für Flüssigerdgas in die Höhe.
Fündig werden könnten sie in den USA, dem weltweit grössten LNG-Produzenten. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine bezieht auch Europa grosse Mengen Erdgas aus den Vereinigten Staaten. Noch nicht verkaufte Lieferungen per Schiff, die ursprünglich für Europa vorgesehen waren, könnten bei besseren Preisangeboten nun nach China, Südkorea oder Japan umgeleitet werden.
Laut den Experten des Informationsdienstes Argus Media dürfte Europa aufgrund des beginnenden Frühlings jedoch glimpflich davonkommen. Die eigentliche Herausforderung komme im Sommer, wenn es darum gehe, die Speicher für den Winter 2026/27 zu füllen. Ein langer Lieferunterbruch «würde Befürchtungen wecken, dass Europa seine Gasversorgung im kommenden Winter womöglich nicht ausreichend sicherstellen kann», heisst es.
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