Während der Nationale Volkskongress in der Hauptstadt über Chinas technologischen Aufstieg berät, kämpfen die Menschen in einem Dorf 200 Kilometer weiter nördlich mit geringen Pensionen, trockenen Böden und zu wenig Jobs. Ein Besuch in Yejiafang.
Der chinesische Regierungschef Li Qiang an der Eröffnung des jährlichen Nationalkongresses in Peking.
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«Diese zwei Sitzungen», fragt Frau Wei ungläubig, «kenne ich nicht, ich schaue doch kein Fernsehen.» Die hochbetagte Frau steht am Rande einer staubigen Strasse in Yejiafang, einem Dorf mit rund 500 Einwohnern nördlich von Peking. Links und rechts stehen einfache eingeschossige Häuser. Auf den Gehsteigen liegen abgenagte Maiskolben.
Von Yejiafang bis nach Peking sind es mit dem Auto nur drei Stunden. Doch zwischen dem verschlafenen Dorf und den funkelnden Wolkenkratzern der Hauptstadt scheinen Welten zu liegen.
Die «zwei Sitzungen», das sind die jährlichen Plenartagungen der Politischen Konsultativkonferenz, eines Beratergremiums des Parlaments, und des Nationalen Volkskongresses (NVK), des chinesischen Scheinparlaments. Die Jahrestagung des NVK begann am Donnerstag. Zum Auftakt trug Chinas Ministerpräsident Li Qiang in der Grossen Halle des Volkes in Peking seinen Arbeitsbericht vor.
Gebremste wirtschaftliche Dynamik
So soll Chinas Wirtschaft im laufenden Jahr nur noch um 4,5 bis 5 Prozent wachsen. Seit 1991 hat die Regierung kein derart niedriges Wachstumsziel vorgegeben. Das «komplexe internationale Umfeld», wie Li es formulierte, und die schwache Binnennachfrage dürften die Dynamik bremsen.
Die Zölle der USA, die gewaltigen Überkapazitäten in der chinesischen Industrie und jetzt der Krieg im Nahen Osten hinterlassen tiefe Bremsspuren in der Wirtschaft des Landes.
Trotz den Widrigkeiten will Peking die Entwicklung in Wissenschaft und Technologie mit Macht und viel Geld vorantreiben. «Wir werden die KI-Plus-Initiative weiter vertiefen», sagte Li. Damit will China dafür sorgen, dass künstliche Intelligenz Anwendung in der Industrie findet. Ausserdem startet Peking eine 5G-Plus-Initiative für ein industrielles Internet.
Dies sind nur einige Aspekte, mit denen Chinas Machthaber erreichen wollen, dass ihr Land sich bei Wissenschaft und Technologie aus den Abhängigkeiten vom Westen befreit. Li sagte: «China muss schneller autark werden.» Dafür fördert Peking Tech-Firmen, Startups und Forschungseinrichtungen mit Milliarden-Dollar-Summen.

Frau Wei versteht nichts von der grossen Politik. Sie wünscht sich nur, dass die Regierung die Pensionen anhebt.
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Frau Wei versteht von alldem nichts. Ihr Mann sitzt im Rollstuhl und benötigt regelmässig ärztliche Hilfe. Das Paar hat jahrzehntelang auf einem Feld hinter dem Dorf Mais angebaut. «Damit haben wir zumindest ein bisschen verdient», sagt Frau Wei «sonst hätten wir nicht einmal Essen auf dem Tisch gehabt.»
Jetzt sind die beiden auf die staatliche Pensionskasse angewiesen. Sie und ihr Mann bekommen jeden Monat 200 Yuan, umgerechnet rund 23 Franken. Das ist die Minimalrente. «Aber von 200 Yuan können wir kaum leben», klagt Frau Wei. Immerhin stecken die Kinder ihr hin und wieder etwas zu.
Peking hebt die Pensionsgelder an – ein bisschen
Die alte Frau versteht nichts von der grossen Politik. «Aber wenn die Regierung uns besser unterstützen könnte, würden wir uns natürlich freuen», sagt die Rentnerin.
Es scheint, als habe Li Qiang Frau Wei erhört. Am Donnerstag kündigte Chinas Ministerpräsident an, dass die Regierung die Minimalrente um 20 Yuan anheben werde. Nur: Sehr viel helfen wird das zusätzliche Geld dem Rentnerpaar kaum. In Yejiafang gibt es für 20 Yuan zwei Nudelsuppen mit Tofu, ein paar Stückchen Rindfleisch und einem Ei.
Weil Peking Zukunftsbranchen wie KI, Quantencomputer und Biomedizin mit riesigen Summen fördert, müssen die Weis eben zurückstecken.
Die Menschen in Yejiafang versuchen darum, sich irgendwie selbst zu helfen. Von der Strasse im Zentrum führt ein kleiner Weg an den Rand des Dorfs. Es geht über Geröll, vermodertes Stroh und Abfälle. Dahinter erstrecken sich Maisfelder. Jetzt, Anfang März, liegen sie noch brach. Im April säen die Bauern aus, geerntet wird im September.
Herr Niu steht vor seinem Traktor und begutachtet seinen kleinen Acker. 10 Mu, etwas mehr als 6500 Quadratmeter, ist das Feld gross. Ein paar Kilometer weiter bewirtschaftet Herr Niu noch einmal 10 Mu.

Herr Niu verdient mit dem Maisanbau rund 1000 Franken im Jahr. Der Siebzigjährige bessert sein Einkommen mit dem Züchten von Schafen auf.
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«Mit dem Maisanbau komme ich auf 10 000 Yuan im Jahr», erzählt der Bauer mit dem sympathischen Lächeln. Das sind umgerechnet gut 1100 Franken. «Meine Frau und ich müssen uns hier irgendwie selbst versorgen», sagt Herr Niu. Beide sind über 70. Aus der staatlichen Pensionskasse bekommen sie nichts, weil sie nicht lang genug eingezahlt haben.
Um ihr Einkommen aufzubessern, hat Herr Niu vor einigen Jahren mit der Schafzucht begonnen. Zwanzig Tiere hat er sich zugelegt; wenn eines schlachtreif ist, verkauft er es. «Damit verdiene ich noch einmal rund 10 000 Yuan im Jahr», erzählt der Bauer, «so kommen wir halbwegs über die Runden.»
Doch Herr Niu kämpft mit den hohen Preisen für Dünger, Pestizide und Wasser. Der Grundwasserspiegel sei während der vergangenen zwanzig Jahre immer weiter gesunken, erzählt der Bauer. Darum muss er Wasser zukaufen. Etwa 100 Yuan pro Mu kostet Herrn Niu die Bewässerung seiner Felder.
Herr Niu wünscht sich einen höheren Preis für seinen Mais
Seit etwa zwanzig Jahren leiten die Behörden aus den umliegenden Regionen Wasser in die Hauptstadt, damit dort die Wasserversorgung nicht unterbrochen wird. Die Leidtragenden sind Bauern wie Herr Niu.
Vom Nationalen Volkskongress hat der Farmer auf seinem Handy gelesen. Und einen Wunsch an die Mächtigen in Peking hat er auch. «Sie sollten den Abnahmepreis für Mais anheben», sagt Herr Niu. Derzeit zahlt ihm der staatliche Abnehmer 1,4 Yuan pro Kilo.
Doch dann legt Herr Niu auf einmal die Stirn in Falten, überlegt und sagt: «Aber wenn es nicht geht, ist das auch in Ordnung. China ist so gross, und viele Dörfer sind noch ärmer als unseres.» Die einfachen Menschen Chinas können viel erdulden, ihre Zähigkeit ist beeindruckend.
Frau Wei ist dankbar für den Dorfarzt
Chinas Behörden haben in den vergangenen Jahren viel unternommen, um ländliche Regionen wie jene in Yejiafang zu modernisieren. Sie haben Schulen gebaut, Ärzte angesiedelt oder Feldwege asphaltiert. In der Sprache der KP heisst das: «die Lebensgrundlage der Menschen verbessern». Der Ministerpräsident Li Qiang versprach am Donnerstag, dabei nicht innezuhalten.
Am Ende der Dorfstrasse in Yejiafang hat Chinas KP ihre Mission in Stein gemeisselt: «Dem Volk dienen», steht in grossen Schriftzeichen auf einer Tafel. Wenige Meter davor hat der Dorfarzt seine Praxis. Auch wenn er nicht jeden Tag anwesend ist, sind Menschen wie Frau Wei dankbar für die Hilfe.
Qi Jianlong, der Bürgermeister von Yejiafang, verweist noch auf weitere Bereiche, bei denen sein Dorf in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht hat. «Die Strassen sind befestigt, und wir haben seit einiger Zeit Strassenlaternen, die mit Strom aus Solarmodulen betrieben werden», erzählt Qi stolz.

Qi Jianlong ist Bürgermeister von Yejiafang. Er wünscht sich, dass die Zentralregierung für die Ansiedlung von Fabriken sorgt.
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Jetzt steht Qi in seinem Büro, nur einen Steinwurf entfernt von der Praxis des Dorfarztes. In der Ecke bollert ein Kohleofen; auf einem grossen Bildschirm kann der Bürgermeister in sechzehn Kameraeinstellungen beobachten, was in seinem 500-Seelen-Dorf passiert.
«Hier hat sich einiges verbessert», sagt Qi, «aber es reicht noch nicht.» Yejiafang brauche Industriejobs, damit die Menschen nicht nur vom Maisanbau leben müssten. Von den Politikern, die derzeit in der Hauptstadt tagen, wünscht er sich darum ein Programm, das Fabriken in sein Dorf bringt.
Vielleicht verbessert sich die «Lebensgrundlage der Menschen» in Yejiafang ja bald weiter. Immerhin versprach der Regierungschef Li Qiang in seinem Arbeitsbericht am Donnerstag, die Regierung werde mit zweistelligen Milliarden-Dollar-Summen aus den öffentlichen Kassen Investitionen in der Industrie unterstützen. Bürgermeister Qi darf hoffen.

