Der Iran-Krieg hat zum Teil unerwartete Folgen. Worauf zu achten ist.
Der Konflikt um Iran zieht weite Kreise. In Brand geraten sind auch die Ölanlagen in Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Amr Alfiky / Reuters
Ab Herbst 1973 verdreifachte sich der Ölpreis innert weniger Monate. Das stürzte die Industrieländer in eine tiefe Rezession. Auch kam es zu einer starken Inflation. Ausgelöst wurde der damalige Schock ebenfalls durch einen bewaffneten Konflikt: Beim Jom-Kippur-Krieg kämpften Ägypten, Syrien und weitere arabische Länder gegen Israel. Etliche Erdölnationen drosselten ihre Produktion, um Druck gegen Israel auszuüben. Bis Ende der 1970er Jahre kletterte der Ölpreis auf bis zu 150 Dollar pro Fass.
Zwar hat sich das Erdöl seit Anfang dieses Jahres ebenfalls um 20 Prozent verteuert. Dennoch liegt der derzeitige Preis mit rund 80 Dollar noch weit unter früheren Rekordwerten.
Einige Experten fürchten, dass der Ölpreis bei einem längeren Konflikt auf über 100 Dollar pro Fass klettern könnte. Selbst in diesem Fall wären die Folgen für die Wirtschaft aber weit weniger gravierend als in den 1970er Jahren. Das liegt daran, dass die Wirtschaft heute weit weniger abhängig ist vom Öl.
So ist der Anteil des Erdöls am globalen Energiebedarf von knapp der Hälfte auf unter 30 Prozent gesunken. Heute ist die Versorgung dank dem Ausbau der erneuerbaren Energien und der Kernkraft breiter abgestützt. Zudem braucht die Wirtschaft dank besserer Effizienz weniger Energie, um den gleichen Output zu erzeugen. Während 1973 fast ein Fass Erdöl nötig war, um 1000 Dollar Wirtschaftsleistung zu generieren, sind es heute noch 0,43 Fass.
Die Wirtschaftslage in Iran war schon vor dem Krieg schlecht. Dies hängt auch mit den wegen des Atomprogramms verhängten Sanktionen zusammen. Die hohe Inflation und der sinkende Wohlstand befeuerten den Verdruss der Bevölkerung über das Regime. Die Sanktionen haben sich so gesehen bewährt.
Die Sanktionen werden wohl nur in zwei Fällen aufgehoben oder gelockert: Erstens wenn die USA und Israel den Krieg klar gewinnen und in Iran ein prowestliches Regime die Macht übernimmt, das sich glaubwürdig vom Atomprogramm abwendet. Zweitens wenn es zu Verhandlungen mit dem Regime kommt und reformgesinnte Kräfte den Forderungen der USA genügend entgegenkommen.
Iran könnte in diesem Fall seine Erdölexporte erhöhen und die Abhängigkeit von China verringern. Irans Industrie leidet unter den Folgen der jahrzehntelangen Abschottung. Um wettbewerbsfähig zu werden und die zivile Produktion zu erhöhen, müsste man stark investieren. Davon könnten westliche Maschinenbauer profitieren. Schweizer Firmen waren vor den Sanktionen in Iran gut positioniert, mussten sich aber komplett zurückziehen.
Von einer Aufhebung von Sanktionen wäre ein entspannender Einfluss auf den Erdölmarkt und eine sich belebende Nachfrage nach westlichen Investitions- und Konsumgütern zu erwarten. All das aber nur, wenn es einer neuen Führung gelänge, für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen. Auch chinesische Firmen könnten von Irans Aufschwung profitieren. Relativ gesehen dürften sie aber verlieren, denn unter dem Sanktionsregime waren sie oft nicht die besten, sondern die einzigen verbliebenen Anbieter.

Die Sanktionen schränken das Warenangebot in Iran seit Jahren stark ein – auch auf dem alten Basar von Teheran.
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Eigentlich war Friedrich Merz entschlossen: Er wollte Deutschlands Abhängigkeiten von den USA verringern. Beim verflüssigten Erdgas (LNG) etwa lag der amerikanische Anteil an den europaweiten Importen im dritten Quartal des vergangenen Jahres bei 60 Prozent. Bei deutschen Gas-Terminals kamen zuletzt über 90 Prozent aller Lieferungen aus den USA. Im Februar reiste Merz in die Golfstaaten und schmiedete Allianzen mit Saudiarabien oder Katar. Die neuen Freunde sollen ihm helfen, damit er sich von Donald Trump nicht mehr erpressen lassen muss.
Diese Woche nun sass der deutsche Bundeskanzler im Büro des US-Präsidenten – und schwieg, als Trump zur Generalkritik gegen Spanien und Grossbritannien ausholte, weil diese den Amerikanern beim Angriff auf Iran die Nutzung ihrer Militärbasen untersagt hatten.
Trotz tiefen Füllständen bei den Gasspeichern droht Europa laut deutschen Behörden derzeit keine Gasmangellage. Das LNG aus den USA ist aufgrund der Verknappung des weltweiten Angebots in den letzten Tagen zwar teurer geworden, zumindest bei kurzfristigen Bestellungen am Terminmarkt. Aber immerhin konnten sich die Europäer auf die amerikanischen Lieferanten verlassen.
Der Iran-Krieg hat die wirtschaftliche Unsicherheit erhöht. Die kurzfristig grösste Auswirkung zeigt sich beim Anstieg des Erdöl- und Erdgaspreises. Das schwarze Gold ist ein Schmiermittel für die Weltwirtschaft, auch noch in Zeiten der grünen Transformation. Und Erdgas ist vor allem in Europa ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Durch eine dauerhafte Sperrung der Strasse von Hormuz würden dem Weltmarkt rund 20 Prozent des Angebots an Erdöl und Flüssiggas fehlen. Die Sorgen darüber haben seit Kriegsausbruch zu einem Ölpreisanstieg um über 10 Prozent geführt. Ökonomen schätzen, dass eine langfristige Angebotsverknappung um 1 Prozent zu einem Ölpreisanstieg um 5 Prozent führt. Ohne Produktionserhöhungen in anderen Ländern könnte sich der Erdölpreis bei einer dauerhaften Blockade der Meerenge also verdoppeln.
Ein Anstieg des Ölpreises hat zudem einen dämpfenden Effekt auf die Konjunktur. Eine Faustregel besagt, dass eine Erhöhung des Erdölpreises um 10 Dollar pro Fass das Wirtschaftswachstum in Industriestaaten um ungefähr 0,1 Prozentpunkte senkt.
Vor allem in Europa sorgt der noch viel drastischere Anstieg des Gaspreises um bisher rund 50 Prozent für einen ähnlichen Effekt. Allerdings haben Industriekonzerne oft längerfristige Verträge und kaufen nur einen Teil des benötigten Erdgases kurzfristig ein. Für Privatkunden gilt das noch viel stärker. Daher übersetzt sich der Anstieg des Gaspreises nicht sofort und nicht gleichermassen in höhere Kosten.
Die gestiegenen Energiepreise werden auch die Inflation anheizen. Der Ökonom Gabriel Felbermayr rechnet allein in der ersten Runde des Preisanstiegs mit einer Steigerung der Inflation um 0,5 Prozentpunkte, wie er dem «Handelsblatt» sagte. Sollten die Zentralbanken deshalb die Leitzinsen erhöhen, würde dies die Wirtschaft ebenfalls dämpfen.

Versicherer haben die Absicherung von Schiffstransporten durch die Strasse von Hormuz zurückgezogen.
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Die Kosten für die Versicherung von Schiffen, die durch die Strasse von Hormuz fahren, sind massiv gestiegen. Daran haben auch Trumps Äusserungen, wonach die US Development Finance Corporation (DFC) Versicherungsschutz und Garantien «zu einem sehr vernünftigen Preis» anbieten wird, nichts geändert.
Laut der «Financial Times» sind die Prämien für die Versicherung von Schiffen, die in der Meerenge oder der Nähe davon fahren, am Mittwoch auf bis zu 3 Prozent des entsprechenden Schiffswerts gestiegen. Vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs lagen sie bei rund 0,25 Prozent. Versicherer in London sind sich zudem unsicher, wie die von Trump versprochene Unterstützung zu verstehen ist.
Nach dem Kriegsausbruch ist der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz beinahe zum Erliegen gekommen. Irans Führung hat Schiffseigner und Tankerbesatzungen davor gewarnt, die Meerenge zu durchfahren. Versicherer haben derweil den Versicherungsschutz für Kriegsrisiken von Schiffen in der Region zurückgezogen. Die Öllieferungen sind folglich unterbrochen, was für stark steigende Öl- und Gaspreise gesorgt hat.
Dass durch die Strasse von Hormuz viel Erdöl und Erdgas transportiert wird, ist bekannt. Weniger beachtet wird, dass durch die Meerenge auch ein Drittel des global gehandelten Düngers transportiert wird. Durch Angriffe und Produktionsstopps in Golfstaaten entfallen nun grosse Mengen an Ammoniak und Harnstoff (Urea), die für Stickstoffdünger benötigt werden.
Katar ist allein für 10 bis 15 Prozent des Welthandels mit Harnstoff zuständig. Der Wegfall dieses Düngers im Frühjahr wiegt für Staaten der Nordhalbkugel besonders schwer, da nun die Felder bestellt werden. Dies kann zu einem späteren Zeitpunkt nicht nachgeholt werden. Auch fehlen vielerorts strategische Reserven von Dünger, wie es sie etwa bei Erdöl oder Erdgas gibt.
Kommt der Dünger nicht auf die Felder, drohen Ernteeinbussen und höhere Nahrungsmittelpreise, etwa für Brot, Eier und – mit zeitlicher Verzögerung – für Fleisch. Der gleiche Effekt droht, wenn sich Bauern den knapp werdenden Dünger nicht mehr leisten können. So liegen die Urea-Preise seit Kriegsausbruch 50 Prozent höher als vor einem Jahr.
Der Kriegsausbruch hat grosse Folgen für die Containerschiff- und Logistikbranche. Doch für die Unternehmen müssen diese nicht nur negativ sein. Im Gegenteil, sie könnten sich positiv auf Gewinne und Margen der Reedereien auswirken, das lehrt die jüngere Geschichte.
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und im Gaza-Krieg hatten es die grossen Anbieter von Seefracht vermieden, ihre Schiffe durch das Rote Meer und den Suezkanal zu lenken. Die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen in Jemen hatten nämlich begonnen, Frachtschiffe im Roten Meer mit Raketen und Drohnen anzugreifen. Die meisten Reedereien wählten deshalb für den Schiffsverkehr zwischen Asien und Europa den sicheren, aber 5500 Kilometer längeren Weg um Afrika herum.
Das hatte für die Konzerne den positiven Effekt, dass die um eine bis zwei Wochen längere Fahrzeit zu einer höheren Auslastung der Schiffe führte, was die Frachtraten nach oben trieb. Erst seit dem Jahreswechsel hatten einige Reedereien wieder damit begonnen, den kürzeren Weg über das Rote Meer zu nehmen, weil die Huthi den Beschuss aufgrund des Waffenstillstands im Gazastreifen eingestellt hatten.
Diese Phase endet nun mit dem Ausbruch des Iran-Krieges. Die Huthi-Rebellen kündigten an, als Vergeltung für den Angriff der USA und Israels erneut Schiffe anzugreifen. Das wird die Frachtraten wohl wieder steigen lassen.
Schweizer Banken und Vermögensverwalter haben die reiche Golfregion schon länger für sich entdeckt. Zahlreiche Finanzinstitute sind vor Ort vertreten. Noch Ende 2025 haben die UBS und Julius Bär ihre Präsenz in Abu Dhabi ausgebaut.
Besonders Abu Dhabi hat sich zu einem wichtigen Zentrum für die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung entwickelt. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 haben auch vermögende Russen ihr Geld in die Golfregion gebracht.
Die Beratungsfirma Boston Consulting Group hat Abu Dhabi eine rosige Zukunft prognostiziert. Bis 2029 soll der Finanzplatz überdurchschnittlich weiter wachsen und dabei auch immer mehr reiche Kunden anziehen, die nicht nur aus dem Nahen Osten kommen.
Seit Ausbruch des Iran-Kriegs ist dieses Geschäftsmodell bedroht. Dass die Vereinigten Arabischen Emirate wie Iran Mitglied im Länderklub Brics-plus sind, hindert das Regime in Teheran nicht, Abu Dhabi mit Raketen und Drohnen anzugreifen.
Unverhoffte Chancen könnten sich dadurch für den Schweizer Finanzplatz ergeben. Die Schweiz bringt Stabilität und einen verlässlichen Rechtsrahmen. Solche Eigenschaften werden wertvoller. Denn angesichts der zahlreichen geopolitischen Krisen überlegen sich die Kunden genau, wo sie ihr Geld aufbewahren wollen.

Gestrandete Passagiere warten auf Bali vor einem Schalter von Emirates auf Informationen.
Johannes P. Christo / Reuters
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat nach Ausbruch des Krieges etwas getan, was sie fast nie tut: Sie hat verbal gegen die Erstarkung des Frankens interveniert. Normalerweise äussert sich die SNB nicht zu Wechselkursen. Am Montag deutete sie hingegen ungewohnt deutlich Eingriffe am Devisenmarkt an.
«Angesichts der internationalen Entwicklung ist unsere Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren, erhöht», schrieb die Nationalbank. Die Meldung zeigte sofortige Wirkung. Der zuvor erstarkte Franken verlor gegenüber dem Euro sogleich an Wert.
Weshalb die Massnahme? Der Krieg in Nahost führt zu Verunsicherung, und in unsicheren Zeiten fliesst Geld in den sicheren Hafen der Schweiz. Das ist für die SNB ein doppeltes Problem: Erstens leiden die Exporteure unter dem stärkeren Franken, zweitens droht die Inflation (derzeit: 0,1 Prozent) bei sinkenden Importpreisen in den negativen Bereich und damit unter das Zielband zu fallen.
Drohen der Schweiz nun Negativzinsen? Nicht unmittelbar. Denn der Krieg erhöht ja auch die Energiepreise und somit den Inflationsdruck. Ob dieser Effekt stärker wiegen wird als der Aufwertungsdruck, ist offen. Es stellen sich zwei Fragen. Hält die Krise so lange an, dass sich die höheren Energiepreise in der Wirtschaft verfestigen? Und ist es der SNB ernst mit ihrer verbalen Intervention, und wäre sie bereit, wieder massiv Devisen zu kaufen? Lautet eine der beiden Antworten Ja, spricht wenig für eine Rückkehr zu Negativzinsen.
Der Dollar hat seit Kriegsbeginn gegenüber Franken, Euro, Yen und sogar Gold zugelegt – entgegen den Erwartungen vieler Skeptiker, die die US-Währung seit Donald Trumps Amtsantritt im Januar 2025 als sicheren Hafen abgeschrieben hatten. Bei Aktien ist die Lage ähnlich: Der amerikanische Leitindex S&P 500 schnitt in den vergangenen Tagen besser ab als Märkte in Europa, Japan und Südkorea.
Der Konflikt belastet zwar den ohnehin angespannten Staatshaushalt in Washington. Doch die Rolle der USA als Nettoexporteur von Erdöl und Erdgas kommt der amerikanischen Wirtschaft zugute.
Die steigenden Rohstoffpreise schüren naturgemäss Inflationssorgen. Schon seit Jahren liegt die Teuerung in den USA mit Raten über 2 Prozent über dem Ziel der Notenbank. Doch auch die Renditeanstiege bei US-Staatsanleihen hielten sich in den vergangenen Tagen in Grenzen.
Die Angriffe amerikanischer und israelischer Streitkräfte auf Teheran sowie die iranische Gegenwehr deuten zwar auf einen anhaltenden Konflikt mit erheblichen wirtschaftlichen Risiken hin. Aus Sicht der Anleger sind die USA bis jetzt jedoch der grosse Gewinner.
Die Golfstaaten verdanken ihren Reichtum noch immer primär den Einnahmen aus der Förderung von Erdöl und Erdgas. In Saudiarabien tragen sie rund 40 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Bei 30 Prozent liegt ihr Anteil in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).
In beiden Ländern hat man indes schon vor Jahren erkannt, dass die Abhängigkeit vom Öl- und Gasgeschäft ein Klumpenrisiko bildet. Saudiarabien und die VAE investieren denn auch jährlich Milliarden in die Diversifizierung ihrer Wirtschaft. Beachtliche Fortschritte wurden im Tourismus erzielt, den beide Staaten als Schlüsselbranche einstufen.
In Saudiarabien wurden 2025 erstmals über 30 Millionen Touristen aus dem Ausland gezählt, bis 2030 sollen es 70 Millionen werden. Unter ihnen befinden sich längst nicht mehr nur Pilger, welche die heiligen Stätten in Mekka und Medina besuchen, sondern auch Reisende, die sich in dem Land in erster Linie vergnügen wollen.
Saudiarabien eifert dabei den VAE nach, die sich einen festen Platz unter den weltweit gefragtesten Tourismusdestinationen gesichert haben. Die Anziehungskraft geht vor allem von Dubai aus. Die Metropole lockt mit riesigen Einkaufszentren, schicken Hotels und Restaurants sowie Nachtklubs. Mittlerweile ist im benachbarten Emirat Ras al-Khaimah sogar eines der grössten Kasinos der Welt im Bau. Laut der bisherigen Planung soll es 2027 die Türen öffnen, doch ist dies – wie vieles im Tourismussektor der Region – nun infrage gestellt. Bis Reisende sich in grosser Zahl wieder in die VAE und nach Saudiarabien wagen, könnte es länger dauern.

