Ausgerechnet die Deutschen: Axel Springer übernimmt britisches Traditionsblatt «Telegraph»


Der deutsche Konzern kauft die britische Traditionszeitung für 600 Millionen Franken. Damit geht eine lange Phase der Unsicherheit zu Ende.

Der «Daily Telegraph» an einem Zeitungsstand in London.

James Manning / PA / Getty

Im Vereinigten Königreich wird die nationale Ehre gerade auf eine harte Probe gestellt. Erst stellen die Deutschen den Trainer der englischen Fussball-Nationalmannschaft, und jetzt übernehmen sie auch noch das britische Traditionsblatt «Telegraph». Am Freitag wurde bekannt, dass Axel Springer die «Telegraph»-Gruppe kauft. Die rechtskonservative Zeitung wurde 1855 gegründet und gehört zu den ältesten Zeitungen im Vereinigten Königreich. Der Kaufpreis beläuft sich auf umgerechnet 600 Millionen Franken und wird von Springer in einem sogenannten Barangebot ohne Kreditaufnahme direkt entrichtet.

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Die Besitzverhältnisse waren jahrelang ungeklärt

Dem Verkauf war ein jahrelanges Hin und Her vorausgegangen. Die Probleme begannen im Sommer 2023, als die langjährige Besitzerfamilie Barclay die Mediengruppe wegen Verschuldung zum Verkauf ausschrieb. Das Investmentunternehmen Redbird IMI erwarb das Blatt, konnte es jedoch de facto nie übernehmen. Denn im Frühling 2024 erklärte die Aufsichtsbehörde den Verkauf der Traditionszeitung für ungültig.

Beim Käufer handelte es sich um eine Partnerschaft zwischen dem amerikanischen Equity-Unternehmen Redbird und der Mediengruppe IMI, die von Eigentümern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kontrolliert wird. Massgeblich beteiligt ist Scheich Mansur bin Zayed Al Nahyan aus der Herrscherfamilie der Emirate. Die damalige konservative Regierung verabschiedete ein Gesetz, das die Kontrolle von britischen Medientiteln durch einen ausländischen Staat untersagte. Die Intervention führte dazu, dass die Besitzverhältnisse nun mehr als zwei Jahre lang ungeklärt waren.

Springer-Chef Mathias Döpfner erfüllt sich mit der Übernahme des britischen Traditionsblatts einen Traum.

Liesa Johannssen / Reuters

Letzten Herbst sah es dann so aus, als übernehme Lord Rothermere die Zeitung, dem bereits die Boulevardzeitung «Daily Mail» gehört. Nun ist ihm Springer, der die deutschen Zeitungen «Bild» und «Welt» herausgibt, offenbar zuvorgekommen – sofern die Regierung dieses Mal grünes Licht gibt.

Der «Telegraph» selbst schreibt dazu, Springer sei mit seinem Barangebot in den geplanten Deal «reingeplatzt», der «Guardian» spricht von «hinausdrängen». Der Springer-Chef Mathias Döpfner sagt, der Berliner Konzern habe den «Telegraph» bereits vor zwanzig Jahren übernehmen wollen. Springer war damals von den Barclay-Brüdern überboten worden. «Nun wird unser Traum wahr», so Döpfner. Sein Ziel sei es, den «Telegraph» zum führenden bürgerlich-konservativen Medium der englischsprachigen Welt ‌zu machen.

Der «Telegraph» hat eine gedruckte Auflage von etwa 300 000 Exemplaren. Zählt man die Digitalabos dazu, kommt er auf eine Auflage von rund einer Million. Er ist, nebst dem «Sunday Telegraph», Teil des Medienkonglomerats Telegraph Media Group.

Der deutsche Medienkonzern Axel Springer, hier der Hauptsitz der Firma in Berlin, expandierte in den letzten Jahren ins Ausland.

Sascha Steinach / Imago

Döpfners Mission

Döpfner trieb bei Axel Springer in den letzten Jahren einen Expansionskurs voran. So kaufte das deutsche Medienhaus 2015 die amerikanischen Nachrichtenplattformen «Business Insider» und «Morning Brew». 2021 tätigte Döpfner dann die bis dahin grösste Investition der damaligen Firmengeschichte: Er erwarb «Politico», ein amerikanisches Nachrichtenportal mit starkem Fokus auf die politische Berichterstattung aus Washington und Brüssel.

Wie das Wirtschaftsportal «Semafor» im November berichtete, soll sich Döpfner für eine weitere Expansion in den USA interessieren. Er liebäugle mit einem Einstieg beim «Wall Street Journal» und bei CNN – zwei Marken, die sich gerade aufgrund des technologischen Wandels der Medienbranche in einem Umbruch befinden. Auch eine Investition bei «Bloomberg» könne sich Döpfner vorstellen, sofern sich dessen Medienplattform vom Geschäft mit Finanzinformationen abspalten liesse.

Die internationalen Übernahmen sind Teil einer Mission: Axel Springer soll der «führende Anbieter von digitalem und KI-unterstütztem Journalismus in der freien Welt werden», schreibt die Firma. Döpfner sagte jüngst: «Mein neues Mantra lautet: KI annehmen oder untergehen.»


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