Warren Buffetts Erbe: Tipps vom neuen Berkshire-Chef Greg Abel


Greg Abel sitzt auf rekordhohen Cash-Reserven von 370 Milliarden Dollar. Doch dieser mahnt zur Vorsicht – und weigert sich, kurzfristigen Profiten nachzujagen.

Greg Abel, der CEO von Berkshire Hathaway, zusammen mit seiner Ehefrau: Der 63-Jährige plant, in den nächsten zwanzig Jahren auf seinem Posten zu bleiben.

Brendan Mcdermid / Reuters

«Warren Buffett ist der wohl grösste Investor aller Zeiten.» Mit diesen Worten beginnt Greg Abel seinen ersten Aktionärsbrief als neuer CEO der Investmentfirma Berkshire Hathaway – sowie als Buffetts Nachfolger. Die Fussstapfen, die Abel auszufüllen hat, sind übergross. Denn der mittlerweile 95-jährige Buffett hat nicht nur ein gigantisches Vermögen angehäuft. Kultstatus hat er vor allem deshalb erlangt, weil er seine Prinzipien des Investierens jeweils mit philosophischen Lehrsätzen untermauert hat.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Viele seiner legendären Weisheiten reichen weit über die Finanzwelt hinaus. «Man muss in seinem Leben nur wenige Dinge richtig machen, solange man nicht zu viele Dinge falsch macht», lautet ein solcher Leitsatz. Oder: «Gewohnheiten sind so leicht, dass man sie kaum spürt, bis sie zu schwer werden, um sie zu durchbrechen.»

Die Börse wiederum bezeichnete er als ein Instrument, «um Geld von den Ungeduldigen zu den Geduldigen zu transferieren». Die bevorzugte Haltedauer seiner Aktien sei «für immer», pflegte er zu sagen. Seine Besonnenheit zeigt sich ebenso im Ausspruch: «Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind.» In der Tat erzielte Buffett seine grössten Erfolge stets dann, wenn die Börsenkurse abstürzten: Sobald die Anleger entnervt ihre Aktien losschlugen, griff er zu.

Zuletzt hat die Aktie enttäuscht

Der erste Aktionärsbrief von Greg Abel erreicht – wenig überraschend – nicht die Flughöhe seines Vorgängers. Dennoch ist er bei den Investoren auf Lob gestossen. Er enthalte eine perfekte Mischung aus «grundlegenden Prinzipien und Praktikabilität», heisst es in einem Kommentar.

Der Brief war auch deshalb mit Spannung erwartet worden, weil der Aktienkurs von Berkshire Hathaway jüngst enttäuscht hat. Die Performance erreichte im Jahr 2025 lediglich 11 Prozent, derweil der US-Index S&P 500 um 18 Prozent avancierte. Gleichzeitig sitzt das Unternehmen auf einem rekordhohen Liquiditätspolster von 370 Milliarden Dollar.

Die Frage stellt sich, ob Berkshire diese immense Cash-Reserve nicht besser investiert hätte, statt – vorerst vergeblich – auf tiefere Kurse zu hoffen. Abel erklärt in seinem Brief an die Aktionäre, er wolle an den wichtigsten Beteiligungen Apple, American Express, Coca-Cola und Moody’s festhalten. Auch die Struktur als dezentrales Konglomerat, zu dem Versicherungen, Energiefirmen oder Hersteller von Konsumgütern gehören, erachte er als zukunftsträchtig.

Gleichzeitig betont er, dass er die hohe Liquidität nicht in Form von Dividenden ausschütten wolle, «solange mit hinreichender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass jeder Dollar aus den Gewinnrücklagen einen Marktwert von mehr als einem Dollar für die Aktionäre schafft». Auch der Rückkauf von eigenen Aktien komme nur dann infrage, wenn diese unter dem konservativ ermittelten Schätzwert gehandelt werden, «um sicherzustellen, dass die Rückkäufe den Wert pro Aktie für die verbleibenden Eigentümer steigern».

Mit anderen Worten: Greg Abel bleibt zuversichtlich, dass er die von Buffett etablierte Value-Strategie erfolgreich weiterführen kann. Er räumt allerdings ein: «Die Grösse von Berkshire wirkt sich nachteilig für uns aus – eine Tatsache, die wir seit langem kennen und offen zugeben.» Je mehr Kapital im Spiel ist, desto schwieriger wird es, unterbewertete Value-Aktien aufzuspüren.

Die Anleger bevorzugen vermehrt passive Anlagen

Berkshire gilt als Aushängeschild der aktiv betreuten Geldanlage. An den Aktienmärkten jedoch erlebt das passive Investieren mit seinen Indexprodukten wie den Exchange Traded Funds (ETF) einen ungebremsten Siegeszug. An der US-Börse wird schon jetzt mehr Geld passiv als aktiv verwaltet. Umso spannender ist die Frage, wie sich Abel diesem Trend entgegenstellen will. In seinem Aktionärsbrief nennt er die bereits von Buffett vorgelebten Werte wie Disziplin, Geduld und Augenmass.

Dank diesen Grundsätzen habe das Unternehmen Marktzyklen und Umbrüche unbeschadet überstehen können, schreibt er: «Unsere Beständigkeit beruht darauf, dass wir wissen, wer wir sind und wie wir arbeiten.» Abel will nicht nur darauf verzichten, kurzfristigen Profiten nachzujagen. Der 63-Jährige bezieht das langfristige Denken auch auf seine eigene Person und verspricht, er wolle in den nächsten zwanzig Jahren auf seinem Posten bleiben.

Gerade jetzt, da die Euphorie über die künstliche Intelligenz die Aktienindizes auf immer neue Rekordwerte hebt, wirkt die gemächliche Gangart bei Berkshire Hathaway aus der Zeit gefallen. Doch vor allem während der New-Economy-Blase hatte sich diese Strategie ausgezahlt. Während die Börse crashte, erzielten Buffetts Anlagen schöne Gewinne. Auch beim letzten Markteinbruch im Jahr 2022 konnte die Firma Kursverluste vermeiden.

Seit 1965 hat Buffett mit der Berkshire-Aktie eine sagenhafte jährliche Rendite von 19,7 Prozent erzielt. Ein solches Kunststück kann Abel kaum wiederholen. Er kann es bereits als Erfolg verbuchen, wenn es ihm gelingt, die Performance des Marktes zu übertreffen und gleichzeitig geringere Risiken einzugehen.


Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *