Die Schweizer Bauzulieferer Geberit und Sika wuchsen vergangenes Jahr im Nahen Osten zweistellig. Auch Hilti und Schindler lief es dort prächtig. Mit dem Krieg gegen Iran droht der Boom jäh zu enden.
Dubai erlebt wegen des starken Bevölkerungswachstums seit Jahren einen Bauboom (Aufnahme vom Dezember 2024).
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Von Dubai hiess es einst, 25 Prozent aller Kräne weltweit stünden dort im Einsatz. Das war stark übertrieben, doch die Aussage vor zwanzig Jahren sorgte weltweit für Schlagzeilen. Die Wüstenmetropole zählte damals knapp 1,4 Millionen Einwohner, im vergangenen Jahr überstieg die Bevölkerungszahl erstmals 4 Millionen.
Dubai wuchs und wuchs, zur Freude auch von Schweizer Bauzulieferern. Im vergangenen Jahr entwickelte sich der Nahe Osten generell prächtig für die Branche. Während sich in Europa und in den USA die Märkte weiterhin verhalten entwickelten und China nicht aus der Krise kam, resultierten in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudiarabien zweistellige Wachstumsraten.
Eine Besprechung jagt die andere
Geberit erfreute sich in der Verkaufsregion Nahost/Afrika einer Umsatzsteigerung von 25 Prozent. Auch Sika berichtete von «zweistelligen Zuwächsen», bei der Liechtensteiner Firma Hilti erreichte die Zunahme gegenüber dem Vorjahr 13 Prozent.
Nach dem erneuten Angriff der USA und Israels auf Iran und wegen der iranischen Vergeltungsschläge hat sich die Marktsituation schlagartig verändert. Bei den grossen Schweizer Bauzulieferern ist wie bei allen Unternehmen, die in der Golfregion tätig sind, Krisenmanagement angesagt. Eine Besprechung jagt die andere.
Auf Anfrage äussern sich die Konzerne nur mit grosser Zurückhaltung zu den Massnahmen, die sie seit dem Kriegsausbruch ergriffen haben. Hilti sagt, die Sicherheit und das Wohlergehen der Mitarbeitenden und ihrer Familien stünden an erster Stelle. Der Produzent von Elektrowerkzeugen zählt in der Golfregion 800 Angestellte, was gut 2 Prozent seiner weltweiten Belegschaft von 34 000 Beschäftigten entspricht.
Der Lifthersteller Schindler macht keine Angaben zu seinem dortigen Personalbestand, doch betreibt er allein in Saudiarabien fünf Niederlassungen sowie mehrere lokale Reparaturwerkstätten. In Dubai befindet sich seine Zentrale für die Verkaufsregion Naher Osten und Nordafrika. Der Konzern verfügt zudem über Tochtergesellschaften in Bahrain, Katar, Ägypten, Israel und Libanon.
Riskante Baustellenbesuche
Bei Hilti und Schindler sind die Mitarbeiter in der Region aufgefordert, so weit wie möglich von zu Hause aus zu arbeiten. Besuche von Baustellen, die sonst zur täglichen Arbeit von Beschäftigten im Aussendienst und von Monteuren zählen, sind wegen der iranischen Vergeltungsschläge zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Die Mitarbeiter sind angewiesen, solche weitgehend zu unterlassen. Allerdings ruht, wie der Bauchemiekonzern Sika erklärt, die Tätigkeit auf vielen Baustellen wegen des Fastenmonats Ramadan ohnehin. Sika erzielte im vergangenen Jahr 4 Prozent des Umsatzes von 11,2 Milliarden Franken im Nahen Osten.
Wie die meisten internationalen Konzerne beschäftigen die Schweizer Bauzulieferer in der Golfregion viele Fachkräfte, die aus dem Ausland zugezogen sind. Viele von ihnen dürften sich nun die Frage stellen, ob sie trotz dem Krieg bleiben wollen oder mit ihren Familien nicht lieber in die Heimat zurückkehren. Allerdings sei es für entsprechende Planungen noch zu früh, heisst es aus dem Umfeld der Unternehmen.
Absehbare Engpässe in der Materialversorgung
Ohnehin ist noch völlig offen, wie es in den nächsten Wochen und Monaten mit den Aktivitäten im Nahen Osten weitergehen wird. Sollte sich die Sicherheitssituation rasch verbessern, dürften die Arbeiten auf bestehenden Baustellen schnell wieder aufgenommen werden. Dadurch würde sich auch das Problem mit dem Nachschub von neuen Produkten, Materialien und Ersatzteilen lösen. Es beschäftigt die Krisenstäbe in den Firmen wegen unterbrochener See- und Luftwege derzeit ebenfalls stark. «Wir rechnen damit, dass der Konflikt sowie vorübergehende Blockaden von See- und Luftwegen zu operativen und logistischen Herausforderungen führen werden», räumt man bei Schindler ein.
In Dubai allein wurden im vergangenen Jahr laut Schätzungen 44 000 neue Wohnungen fertiggestellt – so viele wie seit 2020 nicht mehr. Bisherige Marktprognosen gingen davon aus, dass 2026 fast 70 000 folgen würden. Wegen der starken Bevölkerungszunahme wurden die Neubauwohnungen bis anhin vom Markt problemlos absorbiert. Die Immobilienpreise im Wohnbereich stiegen 2025 um 12 Prozent, nachdem sie im Vorjahr sogar um fast 17 Prozent in die Höhe geschossen waren.
Lieber Keramik als Linoleum
Neben dem Wohnungsbau verschaffte auch die Errichtung neuer Hotels Bauzulieferern aus der Schweiz in der Golfregion steigende Einnahmen. Firmen wie der Sanitärtechnik-Anbieter Geberit und sein Konkurrent Laufen, der sich im Besitz der spanischen Roca-Gruppe befindet, bewegen sich mit ihren Produkten im Hochpreissegment. In Dubai gibt es mittlerweile über 800 Hotels mit insgesamt rund 150 000 Zimmern. Fast zwei Drittel der Zimmer entfallen auf Vier- und Fünfsternbetriebe. Die Golfregion sei seit vielen Jahren ein wichtiger Markt für hochwertige Badezimmerausstattungen, bestätigt die Medienstelle von Laufen.
Der Bodenbelaghersteller Forbo hätte gerne auch stärker vom Bauboom in Ländern wie den VAE oder Saudiarabien profitiert. Dies liess der neue Chef Johannes Huber an der Bilanzmedienkonferenz vergangene Woche durchblicken. Allerdings sind die Böden aus Linoleum und Vinyl, auf die Forbo spezialisiert ist, in der Region weniger beliebt. «Die Leute haben dort lieber Keramik», sagte Huber. 2025 stammte weniger als ein Prozent des Umsatzes von Forbo aus dem Nahen Osten.
Aktien von Bauzulieferern verlieren überdurchschnittlich
Die Aktienkurse von Sika und Geberit gerieten in der vergangenen Woche mit Verlusten von je fast 10 Prozent stärker unter Druck als der Swiss-Performance-Index, der um gut 5 Prozent einbüsste. Besser hielten sich mit einem Verlust von rund 4 Prozent die Partizipationsscheine von Schindler.
Für Martin Hüsler von der Zürcher Kantonalbank spiegelt sich in der Kursschwäche vor allem die allgemeine Verunsicherung über die weitere Entwicklung der globalen Konjunktur und die Situation an den Energiemärkten. Der Finanzanalyst gibt zu bedenken, dass der Nahe Osten trotz den jüngsten starken Wachstumsraten für die Schweizer Bauzulieferer noch immer ein kleiner Absatzmarkt sei. Auch warnt er davor, die Profitabilität bei Geschäften in der Golfregion zu überschätzen. Luxushotels seien Prestigevorhaben, und viele Bauherren brächten es fertig, Rabatte mit ihren Lieferanten auszuhandeln. «Manche Bauzulieferer nehmen diese in Kauf, wenn sie dadurch eine positive Aussenwirkung erzielen.»

