Präsident Trump ändert die Ziele nach seiner Stimmungslage, Teheran sendet widersprüchliche Signale aus. Welche Auswirkungen hat die Eskalation im Nahen Osten auf die Weltwirtschaft und die Geopolitik? «NZZ Pro» skizziert drei Szenarien.
Bis jetzt stehen die Zeichen auf Eskalation: Auch das gefährlichste Szenario ist nicht vollständig ausgeschlossen. Europa sollte sich darauf vorbereiten.
Wana News Agency / Reuters
Im Zentrum der globalen Aufmerksamkeit stehen gegenwärtig die unmittelbaren Folgen der israelisch-amerikanischen Kampagne gegen das Regime in Teheran. Doch mittelfristig wird entscheidend sein, wie sich dadurch der geopolitische und geoökonomische Gesamtrahmen verändert. Die USA präsentieren ihre Dominanz – aber ist die militärische Machtdemonstration nachhaltig für den Westen?
Was jetzt um den neuen Krieg herum geschieht, wie sich die einzelnen Grossmächte positionieren und wie die Weltwirtschaft die unsichere Lage verkraftet, wird die Eckpunkte einer zukünftigen Sicherheitsordnung bestimmen. Wesentlichen Einfluss haben der Ukraine-Krieg und damit verbunden der verschärfte Konflikt zwischen Russland und den europäischen Staaten. Eine wichtige Rolle spielen aber auch China und nicht zuletzt die Märkte.
Unsere drei Szenarien – ein für den Westen positives, ein mittleres und ein negatives – gehen jeweils von aktuellen Ereignissen aus, die als Indikatoren für die künftigen Entwicklungen dienen. Es handelt sich nicht um Prognosen, sondern um drei Möglichkeiten, geordnet nach ihrer Gefährlichkeit:
Der Krieg endet bald und führt zu einer Phase der Entspannung: Die Grossmächte arrangieren sich mit der amerikanischen Supermacht
Das Regime in Teheran sorgt zwar für eine regionale Eskalation des Krieges, sendet derzeit aber auch versöhnliche Signale aus. Der iranische Präsident Masud Pezeshkian versucht, auf die Nachbarn zuzugehen, und hat sich am Samstag sogar für den Beschuss der Golfstaaten entschuldigt. Gleichzeitig erlebten die Vereinigten Arabischen Emirate aber eine Zunahme der Angriffe.
Die Widersprüche deuten auf unterschiedliche Positionen innerhalb der iranischen Führung hin. Pezeshkian ist vom Volk gewählt und vertritt eine reformorientierte Politik. Die Revolutionswächter dagegen kontrollieren den Repressionsapparat und auch das Raketenprogramm.
Im positiven Szenario gelingt es Pezeshkian, sich mit den reformgesinnten Kräften aus dem System wie den ehemaligen Präsidenten Hassan Rohani und Mohammed Khatami zu verbünden, die bis zum Ausbruch des Krieges beide unter Hausarrest standen. Der «Regime-Change von innen» ermöglicht einen raschen Waffenstillstand und verhindert einen potenziellen Bürgerkrieg.
Möglich wird dies durch eine militärische Niederlage der Revolutionswächter: Israel und den USA gelingt es, das Drohnen- und Raketenprogramm aus der Luft weitgehend zu zerschlagen. Schon in den nächsten Wochen gelingt es den Golfstaaten, direkte Gespräche zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln. Die erneuerte Führung Irans macht glaubhafte Zugeständnisse, das Atomprogramm einzustellen, und erlaubt internationale Kontrollen.
Im Gegenzug lockern die USA und die EU die Sanktionen. Die wirtschaftliche Lage in Iran verbessert sich relativ rasch. Das Land nähert sich dem Westen an, die religiösen Strukturen verlieren an Einfluss, und die Revolutionswächter arrangieren sich opportunistisch mit der neuen Situation.
Die Erdöl- und Erdgaspreise stiegen zuerst stark an, beginnen aber schon zwei Wochen nach Kriegsausbruch wieder zu sinken und pendeln sich bei um die 70 Dollar ein. Sie treiben die Teuerung nicht mehr an. Die Weltwirtschaft atmet auf, doch die Aufrüstung geht weiter. Auch die Staaten im Nahen Osten wollen mehr in Kriegsmaterial investieren und richten sich dabei an den USA aus.
Die «Achse der Autokraten» verliert nach Venezuela einen weiteren Verbündeten. Russland rückt noch näher an China heran, die USA können ihre militärischen Kräfte aus dem Nahen Osten zurückziehen und sich auf den Pazifik konzentrieren. Die amerikanische Machtprojektion gegenüber dem chinesischen Streben nach der Weltmacht führt zu einer Phase der Entspannung. Die USA gestalten als unbestrittene Supermacht eine neue Sicherheitsordnung, die aber regionale Einflusssphären umfasst.
Der Krieg endet ohne geopolitische Veränderungen: Die Welt bleibt in einer unberechenbaren Übergangsphase
Auch nach einer Woche Krieg scheint das iranische Regime die Kontrolle über das Land nicht zu verlieren und nutzt die dezentralen Strukturen. Präsident Pezeshkian erklärte über den Kurznachrichtendienst X, er habe die notwendigen Befugnisse an die Provinzen übertragen, so könnten «sie die Entscheidungen schnell und den lokalen Gegebenheiten entsprechend treffen». Das Regime überlebt mit Doppelzüngigkeit, List und Repression.
در ارتباط مستقیم با استانداران هستیم. شرایط خاص است، اما کشور متوقف نشده است. در سراسر کشور فعالیتهای جاری برقرار است. با تفویض اختیارات لازم به استانها، تصمیمگیریها سریع و متناسب با شرایط محلی انجام میشود.
انسجام ملی سرمایه اصلی ماست.#دولت_پای_کار_مردم— Masoud Pezeshkian (@drpezeshkian) March 3, 2026
Militärisch geht das mittlere Szenario von einer Pattsituation aus: Die Revolutionswächter verlieren zwar einen Teil ihres militärischen Potenzials, beschiessen aber weiterhin die ganze Region mit ballistischen Raketen und vor allem Tausenden von Drohnen – trotz pausenlosen Luftangriffen der Israeli und der USA. Die wirklich wichtigen Ziele sind besser geschützt und im Gebirge verbunkert.
Eine umfassende iranische Blockade der Strasse von Hormuz lässt die Erdölpreise auf über 100 Dollar steigen; die Nervosität an den Finanzmärkten nimmt zu. Trump fürchtet um seine Zwischenwahlen und sucht entgegen den Absichten von Netanyahu einen raschen Exit aus dem Krieg.
Die amerikanischen Kriegsziele sind nur vage formuliert und werden je nach Stimmungslage des Präsidenten anders kommuniziert. So kann Trump jederzeit erklären, der Auftrag sei erfüllt («mission accomplished») – Hauptsache, er steht nach innen und nach aussen als Gewinner da.
Spätestens nach sechs Wochen Krieg ist es Mitte April so weit, vielleicht aber schon in vierzehn Tagen: Donald Trump verkündet einen Deal. Das Regime bekundet, auf den Bau einer Atombombe zu verzichten, doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Arbeiten versteckt weiterlaufen. Die Iran-Sanktionen werden vorerst nicht gelockert.
Die Energiemärkte kehren rasch zum Zustand von vor dem Krieg zurück, die globale Wirtschaftsentwicklung wird wieder durch andere Faktoren getrieben. Die Grossmächte warten ab und versuchen die Pattsituation zu ihren Gunsten zu nutzen. Die Türkei verstärkt ihren regionalen Einfluss und arbeitet geheimdienstlich mit den USA und Israel zusammen. Arrangements unter den Gross- und Regionalmächten nehmen zu. Die Konflikte im Nahen Osten bleiben dabei ungelöst.
Die USA haben zwar ihr militärisches Potenzial unter Beweis gestellt, aber einen signifikanten Teil ihrer Munition verschossen – insbesondere für die Luftverteidigung. Die Ukraine und Europa werden geschwächt. Der Kreml hofft weiter, mit Unterstützung Trumps die Ukraine in die Knie zu zwingen. Deshalb hat sich Russland bis jetzt zurückgehalten und die amerikanisch-israelische Kampagne bloss als «unprovozierten Angriff» kritisiert.
Diese Entwicklung nützt vor allem China. Europa ist weiterhin mit dem Ukraine-Krieg und dem eigenen Konflikt mit Russland gebunden, die USA können sich weiterhin nicht vollumfänglich auf den Pazifik konzentrieren. Eine Welt der Einflusssphären, der wechselnden Allianzen und der Machtpolitik wird bis auf weiteres zum Normalfall.
Der Krieg eskaliert zu einer globalen Auseinandersetzung: Die Sieger bestimmen die neue Weltordnung
Der Taiwan Security Monitor meldete am vergangenen Freitag, dass während sieben Tagen kein chinesischer Kampfjet mehr in die Luftüberwachungszone der bedrängten Insel geflogen ist. Eine solch lange Periode ohne Provokationen vom Festland habe Taiwan seit Jahren nicht mehr erlebt, schreibt das Portal.
Im schlechtesten Szenario ist diese relative Ruhe im Pazifik trügerisch. China könnte sich bereit machen, um Taiwan abzuriegeln. Die Gelegenheit ist günstig: Die USA haben einen Teil ihres militärischen Potenzials für den Iran-Krieg aus dem Pazifik abgezogen und so auch die Lage ihrer Verbündeten geschwächt. Die Führung in Peking muss nur abwarten, wie stark sich die Amerikaner im Nahen Osten abnutzen.
Auch der Krieg selbst entwickelt sich in diesem gefährlichen Szenario ungünstig: Die Revolutionswächter gehen in einen asymmetrischen Kampf über und schonen ihre ballistischen Raketen. Die Drohnenangriffe gegen die Golfstaaten gehen weiter und zerstören lebenswichtige Infrastrukturen. Der Beschuss der Wasseraufbereitungsanlage in Bahrain ist ein deutlicher Indikator, dass die Revolutionswächter keine Limiten kennen.
Die Energiepreise steigen stark an, die Finanzmärkte sind beunruhigt, die Investitionen in die Zukunftstechnologien gehen zurück. Im Hintergrund stützen Russland und China gemeinsam Iran und wirken auf die Golfmonarchien ein, die USA zu einem Einlenken zu bewegen.
Nach zwei Monaten erklärt sich Trump zum Sieger und hinterlässt ein Chaos im Nahen Osten. Er erklärt einseitig, alle Ziele seien erreicht, und verlegt einen Teil seiner militärischen Mittel in den Pazifik. China und die USA stehen sich direkt gegenüber, Russland erhöht seinen Druck auf die europäischen Nato-Staaten und die Ukraine. In Iran ergreifen die Revolutionswächter die alleinige Macht und verstärken die Repression. China und Russland helfen, die Versorgungslage zu verbessern.
Der Kreml schickt Ingenieure, um das iranische Atomprogramm zu unterstützen. In drei Jahren verkündet Teheran, über die Bombe und entsprechende Mittel- und Langstreckenraketen zu verfügen. Saudiarabien kontert mit einem eigenen Nuklearprogramm. Wieder ist Israel bedroht. Die Region wird zum Schauplatz für die Auseinandersetzung der Grossmächte, aus der die USA deutlich geschwächt hervorgehen. Die Weltwirtschaft lahmt, die Aktienmärkte brechen ein, und eine hohe Nervosität und Unsicherheit wird zur neuen Normalität.
Die Verschmelzung der einzelnen Konflikte zwingt die USA, gleichzeitig in Europa und im Pazifik präsent zu sein. Nach den Zwischenwahlen ändern die Mehrheitsverhältnisse im Kongress, die amerikanische Aussen- und Sicherheitspolitik ist bis zum Ende von Trumps Amtszeit blockiert. China zwingt Taiwan, die Souveränität aufzugeben, mit seinem Juniorpartner Russland gestaltet es derweil eine neue Weltordnung.
Trump spekuliert auf das erste Szenario. Doch ein Patt und damit eine Fortsetzung einer Phase der geopolitischen Unsicherheit ist wahrscheinlicher. Auch das gefährlichste Szenario ist nicht vollständig ausgeschlossen. Europa sollte sich darauf vorbereiten.
Mirco Schmid
2 Empfehlungen
Wenn der Krieg für die USA gut ausgehen soll, müssen sie mindestens ihre Verbündeten schützen und die Strasse von Hormus öffnen können. Der Grund ist einfach: kann der Iran die Golfstaaten Bedrohen und den Handel stören, wird er immer einen Stock haben, um Druck ausüben zu können.
Da der Krieg andauert, werden wir sehen, ob es den Golfstaaten mit ukrainischer Hilfe gelingen wird, iranische Drohnen abzuwehren. Vielleicht lassen sich die Konzepte der Ukraine auch so ausdehnen, um die Strasse von Hormus zu sichern, denn die “schwere Marine” wurde versenkt. Die Ukraine hat auch viel Erfahrung mit Marinedrohnen.
Damit das gelingt, braucht es eine enge Zusammenarbeit. Klug wäre es sicher auch, Israel in diese Bemühungen direkt zu involvieren, da sie eine Reihe von Erfahrungswerten haben, die sehr nützlich wären. Die USA sehe ich hier in der Zweiten Reihe, ausgenommen natürlich das Einbringen ihrer Sensorik.
Das aktuelle Problem ist, dass die Grenzen der US-Technologie vorgeführt werden. Das bedeutet nicht, dass sie nutzlos ist, aber das bei längeren Konflikten nicht nur der Preis von Systemen und Munition wichtig ist, sondern auch die Komplexität. Je schwieriger etwas herzustellen ist, umso schwieriger die Versorgung.
Lernen die USA von ihren Problemen und Fehlern – Militär gewiss, Trump langfristig irrelevant – können sie sich stärken.
Vincent Kraeutler
Das optimistische Szenario hat sich jedenfalls bereits in Rauch aufgeliest:
Panik an den Märkten: Die Erdölpreise schiessen über die 100-Dollar-Marke https://www.nzz.ch/wirtschaft/panik-an-den-maerkten-die-erdoelpreise-schiessen-ueber-die-100-dollar-marke-ld.1928349

