MSC, Novartis, Pilatus und Co.: mehr Lobbying von Schweizer Firmen in USA wegen Trump


Die Rechtsunsicherheit unter Donald Trump sorgte 2025 für einen Lobbying-Boom. Auch Konzerne aus der Schweiz haben ihr Budget zum Teil deutlich aufgestockt, um in den USA gehört zu werden.


Das Bild sorgte weltweit für Schlagzeilen: Am 5. November 2025 besuchten Schweizer Unternehmer den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, um auf eine Reduktion der US-Zölle für Schweizer Güter hinzuwirken.

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Es ist eine unschöne Wahrheit: Persönliche Beziehungen sind auch in westlichen Demokratien wichtig, wenn Firmen, Verbände oder Privatpersonen ihre Anliegen durchsetzen wollen. Wer die richtigen Leute kennt und die richtigen Töne trifft, kann eher Einfluss auf Gesetzgebung und politisches Geschehen nehmen. Der beste Indikator dafür sind die Heerscharen von Interessenvertretern und Lobbyisten, die sich in Regierungsstädten tummeln – ob in Bern, Brüssel oder Washington.

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In den USA haben sich die politischen Prozesse mit Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit sichtbar verändert. Kongressabgeordnete sowie die Bundesbehörden und ihre Beamten haben an Einfluss verloren. Die Macht konzentriert sich mehr denn je beim US-Präsidenten. Wer verhindern will, von unliebsamen Gesetzesänderungen getroffen zu werden, ist gut beraten, Trump zu hofieren.

Bilder, wie man sie früher von Wladimir Putin und seinen Oligarchen kannte, entstehen heute auch im Weissen Haus: Trump beim Dinner mit Mark Zuckerberg, Bill Gates und weiteren Tech-Unternehmern. Trump grinst mit dem Novartis-Chef Vas Narasimhan und anderen Pharmabossen um die Wette. Und natürlich: Trump gewährt einer Unternehmerdelegation aus der Schweiz eine Audienz im Oval Office und nimmt eine Rolex-Tischuhr und einen Goldbarren entgegen.

Mehr als fünf Milliarden Dollar für Lobbyisten

Das politische Lobbying in den USA ist nicht nur stärker auf den Präsidenten ausgerichtet, sondern auch intensiver und kostspieliger geworden. 5,08 Milliarden Dollar haben Firmen, Verbände und sonstige Organisationen im Jahr 2025 ausgegeben, um sich in Washington Gehör zu verschaffen – das sind 630 Millionen mehr als im Vorjahr und ein Allzeitrekord.

Die Zahlen werden von der amerikanischen Regierung ausgewiesen und von der Nonprofitorganisation Opensecrets aufbereitet. Sie umfassen die Ausgaben für die Lobbying-Arbeit im amerikanischen Kongress, bei den Bundesbehörden sowie im Weissen Haus. Nun zeigt eine Analyse der NZZ: Auch Schweizer Firmen haben ihr Lobbying-Budget in den USA aufgestockt. Insbesondere Konzerne aus der Pharmabranche erhöhten ihre Ausgaben zum Teil deutlich.

Roche und seine amerikanische Tochter Genentech steigerten die Lobbying-Ausgaben von 10,8 auf 11,4 Millionen Dollar. Damit war der Pharmakonzern wie in früheren Jahren der Spitzenreiter unter allen Schweizer Unternehmen. Insgesamt waren in Washington 115 Lobbyistinnen und Lobbyisten im Auftrag von Roche unterwegs. Novartis, der zweite Basler Pharmariese, zählte vergangenes Jahr 78 Interessenvertreter in der amerikanischen Hauptstadt. Sie erhielten für ihre Arbeit 7,9 Millionen Dollar, 1,7 Millionen mehr als im Vorjahr.

Gunvor, MSC, Pilatus und andere wurden erstmals aktiv

Auch andere Schweizer Konzerne aus dem Gesundheitsbereich stockten ihre Lobbying-Budgets auf. Der Augenmedizinspezialist Alcon mit Sitz in Freiburg hat seine Ausgaben mehr als verdoppelt, von 240 000 auf 580 000 Dollar. Der Vertragshersteller Lonza, der vorwiegend in Visp im Kanton Wallis produziert, hat die Aufwendungen von 60 000 auf 320 000 Dollar mehr als verfünffacht. Der Plasmaspezialist Octapharma mit Sitz in Lachen im Kanton Schwyz hat zum ersten Mal überhaupt in den USA lobbyiert und engagierte drei Lobbyisten für 140 000 Dollar.

Die Gründe für das verstärkte Lobbying von Big Pharma liegen auf der Hand: Trump will die Branche zu tieferen Medikamenten- und Behandlungspreisen zwingen – unter Androhung von Zöllen. Die Medienstelle von Novartis formuliert es in bester Diplomatensprache wie folgt: «Das Gesundheitswesen steht weiterhin im Mittelpunkt der Diskussionen in den USA.» Roche wiederum teilt mit, dass man die Ressourcen sowohl personell als auch finanziell «gezielt verstärkt» habe, um diese «fachlich anspruchsvollen und komplexen Themen» fundiert zu bearbeiten.

Doch nicht nur die Pharmabranche gab 2025 deutlich mehr Geld für Lobbyisten aus. Der Versicherungskonzern Zurich stockte das Budget von 2,7 auf 4,3 Millionen Dollar auf, der Nahrungsmittelriese Nestlé von 1 auf 1,7 Millionen. Der Schokoladenhersteller Barry Callebaut (220 000 Dollar), der Genfer Rohstoffhändler Gunvor (450 000 Dollar), der Flugzeughersteller Pilatus (880 000 Dollar) sowie die Genfer Reederei Mediterranean Shipping Company (MSC) (954 677 Dollar) registrierten sich gemäss den Zahlen von Opensecrets erstmals, um in Washington unter eigenem Namen aktiv zu werden.

Konzerne sprechen nur ungern über ihr Lobbying

Die Firmen gaben sich auf Anfrage der NZZ wortkarg zu ihren Aktivitäten. Einige Konzerne liessen Anfragen unbeantwortet. Andere bestätigten lediglich, dass die erhöhten Lobbying-Ausgaben mit den Zöllen und anderen Unsicherheiten zu tun hatten.

Der ehemalige Diplomat und Lobbying-Experte Thomas Borer erklärt, dass Public Affairs in Washington schon immer sehr wichtig waren: «Die US-Hauptstadt ist sozusagen das Paradies der Lobbyisten.» Die jüngste Zunahme der Aktivitäten von Schweizer Unternehmen habe aber sicher mit der Administration Trump zu tun. «Viele Firmen haben sich bis anhin auf klassische demokratische und republikanische Lobbyisten verlassen. Diese sind aber bei der gegenwärtigen Administration wenig einflussreich.» Es brauche nun einen eigentlichen «Maga-Lobbyisten», der Zugang in die innersten Zirkel des Weissen Hauses habe.

Ob und wie Schweizer Konzerne versuchen, einen solchen Zugang zu finden, wollten die Verantwortlichen nicht kommentieren. Auch MSC, die grösste Reederei der Welt mit einer Flotte von rund 900 Containerschiffen, reagierte nicht auf eine Anfrage. Dennoch lässt sich am Beispiel des verschwiegenen Genfer Konzerns nachvollziehen, was sich im Optimalfall erreichen lässt, wenn man auf die richtige Lobbying-Agentur setzt und genügend Geld in die Hand nimmt.

Ein ehemaliger Trump-Berater als Türöffner

MSC, in Besitz der Familie Aponte, engagierte die Lobbying-Agentur Continental Strategy. Sie war bis zu Trumps Wahlsieg noch unbedeutend in der Branche, zog in den vergangenen Monaten aber einen Auftrag nach dem anderen an Land. Der Grund: Der Inhaber ist der ehemalige Trump-Berater und Abgeordnete des Bundesstaates Florida Carlos Trujillo. Er holte nach Trumps Wahlsieg viele Mitarbeiter mit Verbindungen zur künftigen amerikanischen Regierung an Bord, unter ihnen die Tochter von Trumps Stabschefin Susie Wiles.

Trujillo öffnete in Washington nicht nur MSC Türen, sondern war dem Vernehmen nach auch massgeblich daran beteiligt, dass es die Schweizer Unternehmer um Johann Rupert (Luxuskonzern Richemont), Daniel Jaeggi (Energiehändler Mercuria), Alfred Gantner (Beteiligungsgesellschaft Partners Group), Jean-Frédéric Dufour (Uhrenmarke Rolex) und Marwan Shakarchi (Edelmetallunternehmen MKS Pamp) zu Trump ins Weisse Haus schafften.

«Team Switzerland» in Washington (DC): Für den Politologen Daniel Warner ist dieser Besuch ein Symbol dafür, dass die Geschäfte mit der aktuellen US-Regierung anders laufen als je zuvor.

PD

Die Geschehnisse nach diesem Treffen zeigen, wie der Königshof Trump funktioniert. Der US-Präsident – Rolex und Goldbarren auf dem Tisch vor sich – lobte die Unternehmer-Crew für einen «job well done» – und wenige Tage später waren die Zölle von 39 Prozent gegen die Schweiz Geschichte. Das «Team Switzerland» hatte seine Mission erfüllt.

Schweizer Firmen haben Nachholbedarf

Daniel Warner ist amerikanisch-schweizerischer Politologe und war früher stellvertretender Direktor des Geneva Graduate Institute, einer der weltweit führenden Institutionen für das Studium der internationalen Beziehungen. Für ihn ist der Unternehmerbesuch im Oval Office das Symbol dafür, dass die Geschäfte mit dieser amerikanischen Regierung anders laufen als je zuvor.

Die Schweiz habe sich auf die absehbare Veränderung schlecht vorbereitet, so Warner weiter. «Jetzt versuchen Wirtschaft und Politik unter Hochdruck, das Versäumte aufzuholen – und lobbyieren in Washington deutlich aggressiver als früher.» Offenbar habe die Schweizer Privatwirtschaft realisiert, dass sie sich nicht mehr auf die Beziehungen des Bundesrats zu den USA verlassen könne und stattdessen in Washington selbst aktiv werden müsse.

So einfach wie MSC dürfte es aber kaum einem Konzern gelingen, direkten Zugang zu Trump zu erhalten. Die Reederei hatte beim Weibeln um Trumps Gunst einen gewaltigen Vorteil: MSC wollte dem US-Präsidenten dabei helfen, den Panamakanal und Dutzende weitere Frachtterminals rund um den Globus «chinesischer Kontrolle» zu entreissen. Mit solchen Plänen verschafft man sich auch beim mächtigsten Mann der Welt Gehör.


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