Israel bombardiert Irans Energieinfrastruktur. Doch die USA treten auf die Bremse – und lassen eine strategisch wichtige Insel im Persischen Golf unberührt. Die Zurückhaltung hat gute Gründe.
Satellitenbild der Insel Kharg im Persischen Golf: Über das Eiland wird fast der gesamte iranische Ölexport abgewickelt.
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Rund 25 Kilometer vor der iranischen Küste liegt eine Koralleninsel, an der die gesamte Wirtschaft der Islamischen Republik hängt. Auf der Insel Kharg im nördlichen Persischen Golf fertigt Iran 90 bis 95 Prozent all seiner Rohölexporte ab. Da die Gewässer an der persischen Küste zu flach für grosse Tanker sind, ist die Insel seit Jahrzehnten das Rückgrat der iranischen Ölindustrie. Etwa 7 Millionen Barrel Rohöl können von Kharg pro Tag verschifft werden.
Bisher wurde dieses Herzstück der iranischen Wirtschaft von amerikanischen und israelischen Attacken verschont – obwohl seit Samstag Öldepots in Teheran nach Luftangriffen in Flammen aufgehen. Zwar wären Bomben auf Kharg ein empfindlicher Schlag gegen Iran. Doch sind die Risiken ebenso immens: Iran könnte mit Angriffen auf die Ölindustrie am Golf antworten, und China könnte in den Konflikt hineingezogen werden. Ausserdem wollen die USA einer möglichen neuen iranischen Regierung keine verbrannte Erde hinterlassen.
Die USA treten auf die Bremse
Als am Samstagabend riesige Feuerbälle und Rauchsäulen über Öllagern in Teheran aufstiegen, war Donald Trump offenbar nicht glücklich. Laut Berichten des Nachrichtenportals «Axios» und der «Times of Israel» hielten die USA die Angriffe für «keine gute Idee».
Die israelische Eskalation markiert den ersten Dissens der beiden Staaten, die sich während des gesamten Angriffs auf Iran eng abgestimmt hatten. Am Sonntag sagte der amerikanische Energieminister Chris Wright im Gespräch mit dem Fernsehsender CNN, die USA hegten «keine Pläne, die iranische Ölindustrie, die iranische Erdgasindustrie oder irgendetwas anderes im Zusammenhang mit der iranischen Energieindustrie ins Visier zu nehmen».

Energieinfrastruktur im Visier: Eine Iranerin schaut auf den schwarzen Rauch, der Sonntagfrüh über einer Ölraffinerie in Teheran aufsteigt.
Abedin Taherkenareh / EPA
In Israel sieht man das ganz anders. Am Wochenende hatte Yair Lapid die Angriffe auf die iranische Ölindustrie verteidigt – und für weitere Schläge plädiert: «Israel muss alle Ölfelder und die gesamte Energieindustrie Irans auf der Insel Kharg zerstören», sagte der israelische Oppositionsführer. Doch für die USA sind Attacken auf Kharg eine rote Linie. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt.
Warum zaudert Trump?
Der Rohstoffexperte Henning Gloystein von der geopolitischen Beratungsfirma Eurasia Group schätzt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffes auf Kharg derzeit bei unter 50 Prozent liegt. «Aber vor zwei Wochen hätte ich das auf jeden Fall ausgeschlossen.» Derzeit klettern Iran wie auch Israel und die USA auf der Eskalationsleiter immer weiter nach oben. Was einst undenkbar war, wird zu einem realistischen Szenario. Dennoch gibt es wichtige Gründe, die die USA derzeit von einem Angriff auf Kharg abhalten.
Noch scheint es, als sei das Ölterminal auf der Insel in Betrieb. Laut der «Financial Times» wurden vergangene Woche mehrere Supertanker auf Kharg beladen. Auch stoppen die USA bis anhin die Weiterfahrt nicht. So passierten laut Gloystein am vergangenen Wochenende mindestens zwei Tanker die Strasse von Hormuz in Richtung China. Das meiste iranische Öl ist für das Reich der Mitte bestimmt. Die USA lässt die Schiffe durchfahren, obwohl Iran die wichtige Seeroute für ausländische Frachter faktisch geschlossen hat. Im Moment scheine es, als wollten die Amerikaner den Konflikt vor allem gegenüber China nicht eskalieren lassen, sagt Henning Gloystein.
Sollten die USA Kharg angreifen, könnte China beispielsweise zurückschlagen, indem es die Ausfuhrbeschränkungen für seltene Erden verschärft. Das würde die amerikanische Wirtschaft empfindlich treffen. China verarbeitet rund 90 Prozent der Rohstoffe, die unter anderem für Mikrochips benötigt werden.
Neben einer Bombardierung hätten die USA die Möglichkeit, mit Spezialkräften eine Bodenoperation auf der Insel durchzuführen. Laut «Axios» wird ein solcher Plan derzeit in Washington diskutiert. Jüngst hatte Donald Trump den Einsatz von «boots on the ground» nicht ausgeschlossen. Doch es ist fraglich, ob ein solcher Einsatz zielführend wäre.
Erstens könnte Iran die Pipelines, die das Öl vom Festland nach Kharg pumpen, zerstören und die Insel als Umschlagplatz unbrauchbar machen. Zweitens wäre Irans Vergeltung für die Kommandoaktion wahrscheinlich massiv. «Wir gehen davon aus, dass Iran in dem Fall die Ölproduktion in den Emiraten, in Saudiarabien und vielleicht auch im Irak und in Kuwait angreift», sagt Henning Gloystein.
Bisher hat Iran zwar eine Raffinerie in Saudiarabien und ein Flüssiggasterminal in Katar beschossen. Die Ölproduktion in den Nachbarländern blieb jedoch unangetastet. Auch hat Teheran noch keinen der Tanker angegriffen, die derzeit in der Strasse von Hormuz festsitzen.
Sollte sich das iranische Regime dazu entschliessen, würden die Energiemärkte in den Abgrund gerissen werden – ein Szenario, das Donald Trump unbedingt vermeiden möchte. Seine Rede in der Nacht auf Dienstag, in der er den Krieg für quasi beendet erklärte, schien vor allem einem Zweck zu dienen: den Ölpreis wieder auf ein Vorkriegsniveau zu drücken.
Schliesslich deutet die Zurückhaltung Washingtons auf einen strategischen Entscheid der Trump-Regierung hin. Sollte das iranische Regime tatsächlich stürzen und eine den USA genehme Regierung an die Macht kommen, will Washington die iranische Ölindustrie nicht zerstört sehen, sondern von ihr profitieren.
Jarrod Agen, der Vorsitzende des nationalen Rates für Energiedominanz im Weissen Haus, sagte dem amerikanischen Fernsehsender Fox vor wenigen Tagen: «Wir müssen uns um die Probleme in der Strasse von Hormuz keine Gedanken machen, weil wir das gesamte Öl aus den Händen der Terroristen holen werden.»
Auch der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham, der für immer härtere Schläge gegen Iran plädiert hatte, kritisierte Israels Angriffe auf die Energieinfrastruktur in Teheran. «Unser Ziel ist es, das iranische Volk auf eine Weise zu befreien, die seine Chance auf ein neues und besseres Leben nach dem Sturz dieses Regimes nicht zunichtemacht», schrieb Graham auf X. «Irans Ölwirtschaft wird für dieses Unterfangen von entscheidender Bedeutung sein.» Offenbar wollen die USA die fossile Grundlage einer iranischen Nachkriegsökonomie nicht zerstören.
Kharg wäre «wohl kaum ein legitimes Ziel»
Zwar scheint Donald Trump nicht besonders viel Wert auf das Völkerrecht zu legen. Dennoch könnte ein Angriff auf die Insel Kharg für die USA juristisch heikel werden. Angriffe auf zivile Energieinfrastruktur, wie sie etwa Russland in der Ukraine durchführt, sind völkerrechtswidrig. Israels Armee behauptete, dass die bombardierten Öldepots in Teheran von den iranischen Streitkräften «direkt und häufig» genutzt würden, «um militärische Infrastruktur zu betreiben».
«Würden diese Öllager primär oder ganz überwiegend militärischen Zwecken dienen, sind sie grundsätzlich ein legitimes Ziel», sagt Daniel-Erasmus Khan im Gespräch. Der Professor für Völkerrecht an der Universität der Bundeswehr in München hält eine Bombardierung für völkerrechtskonform, wenn beispielsweise mit Treibstoff aus den Öldepots vor allem Kampfflugzeuge betankt werden würden.

Wie lange bleibt Kharg noch von Bombardements verschont? Blick auf das Ölterminal der iranischen Insel.
Fatemeh Bahrami / Anadolu Agency / Getty
Bei der Insel Kharg sähe es jedoch anders aus. Denn von dem Eiland aus wird iranisches Öl fast ausschliesslich exportiert. «In dem Fall wird es sehr schwierig, zu argumentieren, dass die Insel für militärische Zwecke genutzt wird», sagt Khan. «Kharg kann wohl kaum als legitimes Ziel deklariert werden.»
Auch spielt es laut dem Völkerrechtsprofessor keine Rolle, wenn die Erlöse aus dem Einsatz der Infrastruktur in Kharg überwiegend in die Kassen der iranischen Revolutionswächter fliessen würden. Laut der Nachrichtenagentur Reuters kontrolliert die Prätorianergarde des Regimes rund 50 Prozent der Einnahmen aus Irans Ölexport. «Die Eigentumsverhältnisse spielen bei der Bewertung, ob ein Ziel völkerrechtskonform angegriffen werden kann, keine Rolle», sagt Khan. Denn die Revolutionswächter verwendeten die Ölterminals in diesem Fall für wirtschaftliche Zwecke, nicht für militärische.
Es ist davon auszugehen, dass eher der Ölpreis und weniger juristische Bedenken den Geschäftsmann Donald Trump vor einem Angriff zurückschrecken lassen. Doch je länger der Krieg dauert und je stärker beide Seiten den Konflikt eskalieren lassen, desto wahrscheinlicher wird auch eine Attacke auf die Insel, die Irans Öleinnahmen sichert.
In der Nacht auf Dienstag drohte Trump auf Truth Social damit, Iran «zwanzigmal härter als bisher» anzugreifen, falls Teheran die Schifffahrt durch die Strasse von Hormuz blockiere. Verteidigungsminister Pete Hegseth kündigte wenige Stunden später an, dass der Dienstag «der intensivste Tag der Angriffe» auf Iran sein werde. Quantitativ können die USA ihre massiven Attacken kaum noch steigern – Bomben auf Kharg wären jedoch ein qualitativer Eskalationsschritt.

