Der Iran-Krieg verschärft die Bedrohungslage in Europa. Wenn die USA im Nahen Osten abgelenkt sind, könnte der Kreml den Konflikt mit der Nato eskalieren lassen. Eine Analyse in drei Punkten.
Illustration: Jasmine Rueegg
Es war die perfekte Mischung für eine rasche Eskalation mit Russland, was sich vor knapp zwei Wochen in der Ostsee ereignete. Die Zutaten waren: eine grosse Nato-Übung, ein französischer Flugzeugträger sowie ein Zwischenfall mit einer russischen Drohne – und das alles vor dem Hintergrund des Kriegs im Nahen Osten, welcher die Aufmerksamkeit bindet.
Der französische Flugzeugträger «Charles de Gaulle» lief Ende Februar am Rande einer grossen Nato-Übung den schwedischen Hafen von Malmö an. Dabei kam es zu einem Sicherheitsvorfall. Eine Drohne näherte sich dem Schiff, wurde mit elektronischen Mitteln gestoppt und verschwand daraufhin. Die schwedischen Behörden vermuten, dass die Drohne von einem russischen Schiff gestartet war.
Power. Partnership. Presence. ⚓️
The French aircraft carrier Charles de Gaulle (CDG) has just dropped anchor in Malmö as part of Mission Lafayette 26. From the North Atlantic to the Mediterranean Sea, the Carrier Strike Group (CSG) sails with clear purpose and strategic intent. pic.twitter.com/Sj7TWTMBPq— France in Sweden 🇫🇷🇪🇺 (@FranceinSweden) February 26, 2026
Die Situation in der Ostsee ist angespannt. Die Nato hat ihre Präsenz verstärkt, seit vor gut einem Jahr mehrere Unterseekabel beschädigt wurden. Das GPS-Signal in der Region ist regelmässig gestört. Russische Kampfjets fliegen immer wieder Einsätze mit ausgeschalteten Transpondern, bei denen sie nicht auf Funksprüche reagieren.
Das Risiko eines Zwischenfalls ist hoch. Dieser kann unbeabsichtigt eine Eskalation auslösen, zum Beispiel wenn es zu einem tödlichen Unfall mit einem Kampfjet kommt. Möglich ist auch, dass Russland absichtlich einen Vorfall provoziert, um die Nato-Staaten zu testen. Ein idealer Zeitpunkt dafür ist, wenn bereits ein anderer grosser Konflikt im Gange ist – wie derzeit in Nahost. Die politischen und militärischen Kräfte anderer Staaten, vor allem der USA, sind dann gebunden.
Der Westen hat die russische Denkweise ignoriert
Sicherheitspolitiker und Nachrichtendienste nennen oft das Jahr 2028 als Zeitpunkt, ab dem Russland seinen Krieg in Europa ausweiten könnte. Dieses Datum bezieht sich auf die militärische Fähigkeit Russlands. Nicht berücksichtigt sind hingegen die Absichten und die Denkweise des Kremls – obwohl sie entscheidend sind.
Im Februar 2022 war zu beobachten, was passiert, wenn die Logik des Kremls unbekannt ist: Damals waren viele Beobachter vom russischen Angriff auf die Ukraine überrascht – trotz dem wochenlangen Truppenaufmarsch. Sie hatten die Absichten Moskaus falsch eingeschätzt.
Was in einer europäischen Denkweise als irrational erscheint, kann für das russische Regime eine logische Entscheidung sein.
Deshalb reicht es nicht, einzig die militärischen Fähigkeiten zu betrachten, um die russische Bedrohung für Europa zu verstehen. Entscheidend ist die Logik des Kremls: welche Absichten die russische Führung verfolgt und in welchem geopolitischen Kontext sie Entscheide fällt.
Um den Kreml besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die jährlichen Bedrohungsanalysen, welche die Nachrichtendienste und Sicherheitskräfte jeweils Anfang Jahr publizieren. Besonders aufschlussreich sind die Erkenntnisse baltischer und skandinavischer Länder. Sie denken sich aufgrund ihrer historischen Verbindungen und der geografischen Nähe zu Russland seit Jahren in die Vorgänge der russischen Führung hinein.
Aus diesen nachrichtendienstlichen Beurteilungen sowie weiteren Einschätzungen lassen sich drei Thesen über die russische Gefahr für Europa ableiten.
1 – Der Iran-Krieg verstärkt die russische Bedrohung
Wie gross die russische Bedrohung für Europa ist, hängt von der geopolitischen Situation ab. Der Krieg im Nahen Osten schwächt zwar Iran als einen wichtigen Verbündeten Russlands und vermindert damit Moskaus Einfluss in der Region. Doch Washingtons Fokus auf Iran könnte gleichzeitig Rahmenbedingungen schaffen, die günstig sind für eine Eskalation des Kremls in Europa.
Ein Ziel der russischen Führung ist es, den transatlantischen und innereuropäischen Zusammenhalt zu schwächen. Je uneiniger sich die Nato-Staaten sind, je stärker sich die USA von Europa abwenden, desto besser für Russland. Das amerikanische Engagement in Nahost bindet militärische Kräfte. Diese fehlen dann anderswo. Das stärkt die Position Russlands in Europa und eröffnet eine Möglichkeit zur Eskalation.
Die Angriffe auf Iran schwächen zusätzlich das militärische Potenzial des Westens. Die umfangreichen amerikanisch-israelischen Luftangriffe sowie die Abwehr der iranischen Raketen und Drohnen benötigen grosse Mengen an Munition. Bereits heute hat Europa massive Schwächen im Bereich der Flugabwehr und ist stark von den USA abhängig. Dass der Iran-Krieg die amerikanischen Vorräte dezimiert, verringert die abschreckende Wirkung der Nato.
Russland möchte als Weltmacht akzeptiert werden, auf Augenhöhe mit den USA und China. Dass Moskau in Nahost an Einfluss verliert, könnte deshalb zu einer Gegenreaktion führen: zu einer Demonstration von Stärke. Eine militärische Provokation zum Beispiel in der Ostsee oder in der Arktis wäre ein Mittel dazu.
2 – Russland geht es nicht allein um die Ukraine
Der Kreml sieht sich in einem direkten Konflikt mit dem Westen. Es geht um Ideologie und Einflusssphären. Das gab den Ausschlag für das Eingreifen in der Ukraine ab 2014 und für den Grossangriff 2022: Putin wollte nicht zulassen, dass sich in seiner Zeit als Präsident das sogenannte Brudervolk der Ukrainer von Russland abwendet.
Doch es geht um mehr: Der Kreml sieht in den liberalen Demokratien eine existenzielle Bedrohung für Russland und die russischen Werte. Die politische Elite in Russland ist zunehmend isoliert, und kritische Stimmen fehlen. Das hat diese verzerrte Wahrnehmung in den letzten Jahren noch verstärkt. Moskau will den Westen schwächen, um Russland zu verteidigen.
Diese Denkweise des Kremls ist entscheidend, um die russische Bedrohung für Europa zu beurteilen. Denn selbst wenn es in der Ukraine zu einer Art Friedensschluss kommt, geht für Moskau der Konflikt mit dem Westen weiter. Das zeigte sich bereits Ende 2021, als Russland vor dem Angriff auf die Ukraine eine umfassende Neuerung der europäischen Sicherheitsordnung forderte.
Der Kreml sieht die USA weiterhin als den grössten Gegner auf globaler Ebene an. Allerdings scheint Moskau die Beziehungen mit der neuen Regierung unter Trump normalisieren zu wollen. Direktflüge und Visaerleichterungen würden Spionage und verdeckte Operationen erleichtern. Eine Lockerung der Sanktionen ermöglichte Russland, rascher aufzurüsten. Die Verhandlungen mit den USA über einen Frieden in der Ukraine sind als Teil dieser Bestrebungen zu sehen. Zu einem Kompromiss ist Moskau nicht bereit.
Die Annäherung zwischen Russland und den USA ist allerdings beunruhigend für Europa. Der Kreml stellt inzwischen die europäischen Staaten als feindlicher dar als die USA. Moskau möchte damit die transatlantischen Beziehungen schwächen, um die eigene Position zu stärken. Die Unterstützung der Ukrainer ist zum ersten Test für den Zusammenhalt der Nato-Staaten geworden.
3 – Die Angriffe beginnen unterhalb der Kriegsschwelle
Der Krieg in der Ukraine benötigt ungeheure Mengen an Kriegsmaterial. Russland hat seine Rüstungsproduktion in den vergangenen Jahren entsprechend erhöht und fertigt heute grössere Stückzahlen an Munition und Waffen als die europäischen Staaten. Moskau wird die Produktion auch nach einem Friedensschluss in der Ukraine kaum sofort zurückfahren.
Russland hat 2025 rund 7 Millionen Stück Artilleriemunition verschiedener Art produziert. Das ist über 17-mal so viel wie noch 2021, als es 400 000 Stück jährlich waren. Damit dürfte Russland deutlich mehr Munition produzieren, als die Armee an der Front in der Ukraine verbraucht. Es kann seine strategischen Reserven auffüllen, was entscheidend ist im Hinblick auf einen künftigen militärischen Konflikt.
Die russische Armee ist in den nächsten zwölf Monaten in der Lage, einen begrenzten bewaffneten Angriff durchzuführen, um Stärke zu demonstrieren, einzelne militärische Einheiten zu bekämpfen oder Infrastruktur zu zerstören. In zwei bis fünf Jahren ist die Armee fähig, einen regionalen Krieg gegen grössere Militäreinheiten zu führen, um zum Beispiel die Kontrolle über begrenzte Gebiete zu erlangen oder eine Seeblockade durchzusetzen. Für einen grossangelegten Krieg, in dem die Armee zum Beispiel weite Landstriche unter ihre Kontrolle bringt und dabei auch die Lufthoheit erlangt, benötigt Russland fünf Jahre und mehr zur Vorbereitung.
Russland bereitet seine Armee auf einen möglichen Konflikt mit der Nato vor. Das heisst nicht, dass ein solcher Angriff bereits entschieden ist. Im Gegenteil: Moskau scheint derzeit noch sehr darauf bedacht, dass seine militärischen Aktivitäten keinen Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen.
Für Europa bedeutet dies aber nicht Entwarnung. Russland dürfte in den nächsten Monaten seine verdeckten Aktionen gegen europäische Länder zumindest fortführen oder gar verstärken. Dabei geht es zum Beispiel um Sabotageakte gegen Logistikeinrichtungen für die Ukraine-Hilfe oder gegen zivile Infrastrukturen, um gesellschaftliche Spannungen zu schüren.
Denkbar sind auch verdeckte Angriffe, die sich an der Schwelle zu offenen militärischen Aktionen abspielen. Dazu zählen etwa Provokationen einzelner militärischer Einheiten, wie sie mit Luftraumverletzungen von Kampfjets oder unbewaffneten Kampfdrohnen bereits in den vergangenen Monaten in Osteuropa zu beobachten waren.
Möglich sind auch Aktionen bewaffneter Einheiten ohne Hoheitszeichen, analog der Besetzung der Krim-Halbinsel 2014. Damit liesse sich zum Beispiel in der Moldau oder in Bosnien-Herzegowina ein Konflikt provozieren, der wiederum Kräfte der Nato bindet und die Einheit der EU strapaziert. Auch im Baltikum oder auf Spitzbergen könnten Bewaffnete, die sich als Aufständische ausgeben, die Reaktion der Nato austesten.
Solche bewaffneten Provokationen haben nicht das Ziel, einen offenen Krieg auszulösen. Es geht vielmehr darum, den Zusammenhalt innerhalb der Nato und der EU auf die Probe zu stellen. Wenn bei einer militärisch unklaren Situation einzelne Nato-Staaten wie Spanien oder gar die USA nicht bereit sind, Hilfe zu schicken, beschädigt dies das Abschreckungspotenzial der Verteidigungsallianz.
Fazit: Trumps Politik stärkt die russische Position in Europa
Der Iran-Krieg bringt Unruhe in das geopolitische Gefüge. Verschiedene Entwicklungen könnten den Kreml zu einer Eskalation des Konflikts mit Europa veranlassen. Zu den möglichen Auslösern gehören zum Beispiel schlechte Aussichten auf dem Schlachtfeld in der Ukraine oder eine rapide Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Russland, für die es derzeit aber keine Hinweise gibt. Falls sich das Regime in Moskau akut bedroht fühlt, könnte das ebenfalls zu einer aggressiven Reaktion führen.
Ob es zu einem offenen militärischen Konflikt zwischen Russland und Nato-Staaten kommt, hängt auch vom Verhalten Europas und des Verteidigungsbündnisses selbst ab. Nimmt der Kreml die Nato als gespalten wahr, dann steigt die Gefahr eines Konflikts. Entscheidend dabei ist das Bekenntnis der USA zur Allianz.
Ein weiterer Faktor ist die Aufrüstung. Während Russland seine Rüstungsproduktion bereits erhöht hat, verläuft dieser Ausbau in Europa noch harzig. Kommt der Kreml zu dem Schluss, militärisch überlegen zu sein, schwindet die abschreckende Wirkung.
Schliesslich kann ein Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine die Bedrohung für Europa erhöhen. Wenn Russland militärisch in der Ukraine nicht mehr so stark gebunden ist wie heute, werden Ressourcen für andere Konflikte frei.
Die gegenwärtige geopolitische Entwicklung ist für Europa eine Herausforderung. Die USA unter Präsident Donald Trump wenden sich vom Kontinent ab und signalisieren gegenüber Russland sogar eine mögliche Annäherung. Damit steigt die russische Bedrohung für die europäischen Staaten. Immerhin gibt es Möglichkeiten, sich vorzubereiten. Der Konflikt zwischen dem Kreml und dem freiheitlichen Europa ist langfristig angelegt.
Bedrohungsberichte als Grundlage

