Abfangraketen-Krise: Deshalb kann Amerika nicht mehr Patriot- und Thaad-Raketen herstellen


Die US-Regierungen haben während Jahren beim Kauf von Abwehrraketen geknausert. Das rächt sich jetzt, denn die amerikanische Industrie kann die Produktion nicht auf Knopfdruck erhöhen.


Test einer Patriot-Abwehrbatterie in Griechenland: Über Jahre bestellten die amerikanischen Streitkräfte zu wenig Abfangraketen, weshalb die Hersteller die Produktion drosselten.

Sebastian Apel / US Department of Defense via AP

Wir haben mehr als genug Waffen für diesen Krieg: Wie ein Mantra wiederholen amerikanische Regierungsvertreter diese Aussage, seit am vergangenen Samstag die ersten Bomben auf Iran gefallen sind. Am Donnerstag war Verteidigungsminister Pete Hegseth an der Reihe. Die Bestände an Offensiv- und Defensivwaffen würden es den USA erlauben, «die Kampagne so lange weiterzuführen, wie wir müssen», sagte er Medienvertretern in der Kommandozentrale in Florida.

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Und doch befürchten unabhängige Militärexperten weiterhin, dass der Bestand an Abwehrraketen bedrohlich abnimmt, wenn der Krieg in Iran noch lange dauert. Wie viele dieser Raketen die USA auf Lager haben, ist geheim – doch man kann abschätzen, wie viele davon jährlich produziert und verschossen werden.

Hegseth hat wohl recht damit, dass für den laufenden Krieg gegen Iran genug Abwehrraketen vorhanden sind. Das Hauptproblem ist aber, dass es enorm lange dauern wird, die Bestände nach dem Krieg wieder aufzufüllen. Das gibt China oder Russland einen Anreiz, die geschwächte Luftverteidigung zu testen.

Abwehrraketen im Fokus

Knapp ist wohl insbesondere der Bestand an Munition für zwei Luftverteidigungssysteme, Thaad und Patriot, die für die Abwehr von gegnerischen Raketen sehr wichtig sind. Die vielseitigen Patriot-Raketen kamen in der Ukraine oder beim Zwölf-Tage-Krieg gegen Iran im Sommer 2025 zum Einsatz. Die Lücke im Waffenlager der USA konnte wohl bis heute nicht geschlossen werden. Derzeit können die USA nämlich nur 620 Patriot-Interceptors des Typs PAC-3 pro Jahr produzieren.

Noch viel geringer ist der Output an hochspezialisierten Thaad-Abwehrraketen, die ballistische Raketen in bis zu 150 Kilometer Höhe abfangen können. Gemäss Angaben der amerikanischen Raketenabwehrbehörde liegt der Stückpreis für eine einzelne Abfangrakete bei 12,8 Millionen Dollar. Der Hersteller gibt an, pro Jahr derzeit 96 Stück fertigen zu können.

Das Center for Strategic and International Studies (CSIS), eine amerikanische Denkfabrik, mahnte aber schon im Dezember 2025, dass das amerikanische Militär seit 2013 insgesamt nur 534 Thaad-Raketen erhalten habe und seit Juli 2023 gar keine mehr. Nicht enthalten sind bei dieser Zählung die Lieferungen an Verbündete: Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudiarabien haben ebenfalls einzelne Thaad-Systeme in Betrieb und haben dafür Abfangraketen in dreistelliger Stückzahl geordert.

Gemäss der CSIS-Studie wartet das US-Verteidigungsdepartement auf über 100 Stück, die es zwischen 2021 und 2024 bestellt, aber noch nicht erhalten hat. In einem grösseren Krieg gegen einen technologisch starken Gegner würde der Bestand daher nicht sehr weit reichen. Allein im Krieg gegen Iran im vergangenen Juni dürften die Amerikaner 100 bis sogar 200 Thaad-Raketen verschossen haben.

Im Rückblick zeigt sich auch, dass die USA während der Biden-Präsidentschaft einen strategischen Fehler begangen haben, als sie die Ukraine mit halber Kraft gegen Russland unterstützten. Die USA und die europäischen Partner belieferten das Land etwa mit Patriot-Abwehrsystemen, damit es sich vor russischen Raketen schützen konnte – aber nicht mit den Angriffswaffen, mit denen die Ukraine Putins Raketenstellungen und -fabriken selbst hätte ins Visier nehmen können. Die Folge war ein hoher Verbrauch an teuren Abfangraketen. Gemäss dem «Wall Street Journal» benötigt die Ukraine 60 Patriot-Raketen pro Monat, um sich zu schützen.

Um ihre eigenen Bestände zu schonen, haben die USA und Israel in den vergangenen Tagen daher gezielt Irans Raketenstellungen und -depots ausgeschaltet. Dennoch ist klar, dass auch dieser Krieg eine grosse Lücke in die Lager reissen wird, die sich mit der derzeitigen Produktionsleistung nicht rasch füllen lässt.

Komplexe Lieferketten

Der Flaschenhals ist eine amerikanische Rüstungsfirma, welche Raketen für beide Waffensysteme herstellt: Lockheed Martin. Das Unternehmen aus Maryland, das auch den Kampfjet F-35 entwickelt hat, ist seit Jahren der grösste Auftragnehmer des amerikanischen Staats. Lockheed Martin ist der wichtigste privatwirtschaftliche Partner des Pentagons, weil es die Kontrolle über die weitverzweigten Lieferketten mehrerer kriegsentscheidender amerikanischer Waffensysteme hat.

Die Komplexität dieser Lieferketten ist der Hauptgrund, weshalb Lockheed Martin nicht auf Knopfdruck mehr produzieren kann. Das Unternehmen bezieht die Feststoff-Raketenmotoren bei L3Harris, den Infrarot-Suchkopf bei BAE Systems und einen Teil der Steuerungstechnik bei Boeing. Diese grossen Lieferanten greifen ihrerseits auf weitere Lieferanten zurück.

Lockheed Martin und seine Zulieferer brauchen spezialisierte Fachkräfte und Werkzeugmaschinen, um diese Bauteile zu fertigen und zusammenzufügen. Es dauert lange, solche Fachkräfte auszubilden und neue Maschinen zu beschaffen.

Der Schweinezyklus

Lockheed Martin und seine Partner kämpfen mit demselben Problem wie viele andere Rüstungshersteller, die von staatlichen Ordern – und insbesondere von Aufträgen des amerikanischen Militärs – abhängig sind: Sie haben seit Jahren nur kleine und zu wenig langfristige Aufträge erhalten, um ihre Produktion ausbauen zu können.

Die USA können zwar Grossaufträge vergeben, aber grundsätzlich wird das amerikanische Verteidigungsbudget Jahr für Jahr neu festgelegt. Unterschiedliche Fraktionen in der Politik und im Verteidigungsdepartement haben unterschiedliche Präferenzen, welche Beschaffungen priorisiert werden müssen. Es lässt sich daher schwer vorhersagen, ob Aufträge im Verteilkampf nach hinten geschoben, redimensioniert oder gar ganz gestrichen werden.

Waffenfabriken und neue Lieferketten aufzubauen, dauert aber mehrere Jahre. Der Aufwand lohnt sich nur, wenn Rüstungshersteller über längere Zeit mit sicheren und genügend grossen Aufträgen rechnen können, mit denen sie die hohen Investitionen wieder einspielen. Ohne eine staatliche Absicherung zögern sie, ihre Kapazitäten auszubauen. Das Problem dieses Beschaffungs-Schweinezyklus zeigt sich nicht nur bei den Abwehrraketen. Aus demselben Grund können die USA auch bei der Produktion von Kriegsschiffen nicht mehr mit China mithalten.

Das Pentagon verspricht Besserung

Es liegt auf der Hand, wie die USA handeln müssten. Ryan Brobst von der Denkfabrik Foundation for Defense of Democracies sagte dem «Time»-Magazin, die Lösung liege darin, dass die US-Regierung grössere und vor allem mehrjährige Beschaffungsaufträge für diese Abwehrraketen vergebe.

Das Pentagon hat inzwischen reagiert. Im vergangenen September hat das amerikanische Kriegsministerium einen Vertrag mit Lockheed Martin abgeschlossen, um die Produktion von Patriot-Abwehrraketen des Typs PAC-3 auf 2000 Stück pro Jahr zu vervielfachen. Dieser Zielwert dürfte aber erst Ende 2030 erreicht werden. Lockheed Martin will zudem internationale Kooperationen in europäischen und asiatischen Partnerländern vertiefen; unter anderem, um im Ausland gemeinsam Patriot-Abwehrraketen zu bauen.

In diesem Januar hat das US-Verteidigungsministerium mit Lockheed Martin auch ein Rahmenabkommen unterzeichnet, um die Produktion von Thaad-Raketen deutlich auszubauen. Statt 96 Raketen könnte das Unternehmen 400 Raketen pro Jahr herstellen – allerdings erfolgt der Aufbau über sieben Jahre hinweg. Ein ähnliches Abkommen mit dem Anbieter L3Harris soll sicherstellen, dass genug Antriebssysteme für diese Raketen produziert werden.

Diese Abkommen dürften die Produktion der Abfangraketen tatsächlich stark erhöhen. Bis die Fertigung aber auf vollen Touren läuft, dauert es. Fürs Erste müssen die USA und ihre Partner haushälterisch mit ihrem Bestand umgehen.

Frank Stützel

1 Empfehlung

Die Fixierung auf THAAD und teure Abfangraketen geht am aktuellen Bedarf vorbei.

Der Iran führt im März 2026 keinen ballistischen Krieg mehr, sondern einen Abnutzungskrieg per Drohnenschwarm.

Die USA „gewinnen“ zwar jedes Duell am Himmel, verlieren aber die industrielle und finanzielle Schlacht, weil sie mit „goldenen Kugeln auf Spatzen schießen“.


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