Biontech-Gründer verlassen ihr Unternehmen – ausgerechnet in einer entscheidenden Phase


Mit ihren Covid-Impfstoffen wurden Ugur Sahin und Özlem Türeci über Nacht weltberühmt. Jetzt will das Medizinerpaar lieber wieder forschen statt managen. Über den kometenhaften Aufstieg einer Firma aus Mainz – und die endlose Suche nach dem Durchbruch.

Cornelius Welp, Jannik Belser, Berlin

Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci sind die Aushängeschilder von Biontech. Jetzt verlassen sie das Unternehmen.

Chris Emil Janssen / Imago

Sie waren die Gesichter eines Unternehmens aus Mainz, das während der Pandemie plötzlich weltbekannt wurde. Jetzt verlassen Ugur Sahin und Özlem Türeci die von ihnen gegründete Firma Biontech und widmen sich neuen Projekten, wie sie am Dienstag mitteilten. Als Mehrheitsaktionäre wollen sie Biontech verbunden bleiben.

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Sahin und Türeci hinterlassen ein Unternehmen mit grossem Potenzial. Das aber nach fast zwanzig Jahren seines Bestehens noch immer vor allem mit einem handelt: Hoffnung.

Die grosse Vision

Die Geschichte von Biontech beginnt am 25. September 2007 in der fünften Etage eines Bürogebäudes am Rosenheimer Platz in München. Hier hat die Athos-Holding ihren Sitz, die Investmentgesellschaft von Andreas und Thomas Strüngmann. Nach dem Verkauf ihres Medikamentenherstellers Hexal an den Schweizer Novartis-Konzern suchen diese nach innovativen jungen Biotech-Unternehmen. Ihr Bekannter Michael Motschmann hat sie auf ein deutsches Medizinerpaar mit türkischen Wurzeln aufmerksam gemacht: Sahin und Türeci.

Vor allem für Sahin ist der Weg nicht vorgezeichnet gewesen. Er wächst als Sohn eines Ford-Arbeiters in Köln auf, die Grundschule will für ihn zunächst keine Empfehlung fürs Gymnasium aussprechen. Nach dem Medizinstudium arbeitet er an der Universitätsklinik in Homburg an der Saar. Dort lernt er seine Frau Türeci kennen, die Tochter eines Chirurgen. Später wechseln beide nach Mainz, wo sie ihr erstes Unternehmen gründen: die Firma Ganymed, die ein neues Mittel gegen Magenkrebs entwickeln sollte.

Das jedoch war nur ein kleiner Teil der grossen Vision der Forscher. Sie glauben daran, dass mit neuen Verfahren entwickelte, individualisierte Impfstoffe den Kampf gegen Krebs revolutionieren können.

Die Strüngmann-Brüder glauben das auch. Und sagen die erste Finanzierung zu. Wegen des neuen Ansatzes scheinen die Grenzen von Ganymed zu eng. Deshalb gründen sie ein neues Unternehmen.

Während der Pandemie spannte Biontech mit Pfizer zusammen. Gemeinsam brachten die Firmen den ersten Covid-Impfstoff auf den Markt.

Lukas Barth / Reuters

Die Beteiligten sind bis heute im Unternehmen aktiv. Sahin ist Vorstandschef von Biontech, Türeci leitet die medizinische Forschung. Der damalige Athos-Geschäftsführer Helmut Jeggle steht an der Spitze des Aufsichtsrats, dem auch der Investor Motschmann angehört.

Kometenhafter Aufstieg während der Pandemie

Dass Biontech in einer Strasse mit dem Namen «An der Goldgrube» residiert, ist zunächst bloss ein vages Versprechen. Denn in den ersten Jahren produziert Biontech zwar fleissig Forschungsergebnisse und Studien, aber keine Umsätze.

Das ändert sich in der Corona-Pandemie ab 2020. Als erster Anbieter überhaupt bringt Biontech gemeinsam mit dem amerikanischen Konzern Pfizer einen Impfstoff auf den Markt. Damit wecken sie Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Ausnahmezustands. Schon im März 2021 verleiht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Türeci und Sahin deshalb das Grosse Verdienstkreuz mit Stern, die Mediziner gelten auch als Kandidaten für den Nobelpreis. Den erhält 2023 schliesslich die ungarische Forscherin Katalin Karikó, die bis Ende 2022 bei Biontech arbeitete.

Auch wirtschaftlich geht es steil nach oben. Der Umsatz steigt von 500 Millionen auf 19 Milliarden Euro, 2021 vermeldet Biontech einen Gewinn von 15 Milliarden Euro. Der Aktienkurs des seit 2019 in den USA notierten Unternehmens steigt rasant. Und die von Biontech gezahlte Gewerbesteuer saniert den Haushalt der Stadt Mainz. In Kooperation mit der Universität forciert diese ehrgeizige Pläne zum Aufbau eines deutschen Biotechnologiezentrums. In ein Laborgebäude sind die ersten jungen Unternehmen eingezogen, ein zweites soll in diesem Jahr fertig werden.

Mit dem Ende der Pandemie ebbt der Hype um das Mainzer Unternehmen wieder ab. Das Umsatzhoch, das der Covid-Impfstoff Biontech beschert hat, bricht weg.

Stattdessen forschten Sahin und Türeci wieder an dem, wofür sie Biontech einst gegründet hatten: Sie suchten nach neuen Wirkstoffen zur Bekämpfung von Krebs. Dabei steht Biontech vor einer entscheidenden Phase: Bis Ende des Jahres will das Unternehmen bis zu fünfzehn Krebsmedikamente in die Phase-3-Studie bringen, die letzte klinische Studie vor einer möglichen Marktzulassung. Bis 2030 sollen mehrere Krebsmedikamente aus Mainz marktreif sein.

Ausgerechnet diesen Weg wird Biontech ohne seine Gründer gehen müssen.

Forschen statt skalieren

Die beiden erklärten dem «Handelsblatt» ihren Abgang so: Sie seien die falschen Personen, um aus dem forschungsstarken Betrieb ein kommerzialisiertes Grossunternehmen zu formen. Türeci sagt: «Biontech geht in die nächste Lebensphase und bereitet sich auf ein industrielles Pharmamodell vor. Das ist notwendig und sinnvoll – aber nicht das, wofür unser Herz schlägt.»

Manche bezweifeln jedoch, dass die Lust an der Forschung der einzige Beweggrund war. So spekulierte ein ehemaliger Biontech-Berater in der «Welt», dass die Gründer mit ihrem Abgang den Weg frei für eine Übernahme machen könnten. Die Mainzer Firma sei mit ihren Medikamenten ein Schmuckstück, das sich viele grosse Pharmaunternehmen gerne einverleiben würden. Für viele Beobachter sind die bisherigen Aushängeschilder kaum ersetzbar.

Sahin und Türeci hingegen haben bereits einen klaren Plan für die Zukunft: Sie wollen ihr nächstes Unternehmen gründen. Dieses soll mithilfe von künstlicher Intelligenz eine nächste Generation von mRNA-Therapien entwickeln, die sich noch stärker als die bisherigen Wirkstoffe personalisieren lassen. Das erfordere ein Mass an neuer Forschungsleistung, das über die Möglichkeiten eines etablierten Unternehmens hinausgehe, erklärten die beiden.


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