Mit Anreizen hat das Land die Wind- und Solarkraft gefördert. Gemeinden und Privatpersonen behindern allerdings den Ausbau der dafür nötigen Leitungen. Für Europas Energieversorgung sei diese Entwicklung ein Warnsignal, sagt ein Vertreter der Strombranche.
Den knappen Platz möglichst gut nutzen: Photovoltaikanlagen entlang einer Autobahn in den Niederlanden.
Jochen Tack /Imago/
Für jeden banalen Entscheid Chat-GPT befragen oder die Wohnung heizen – in den Niederlanden gibt es Polemiken darüber, was denn wichtiger sei. Für beides reicht die Stromversorgung nämlich möglicherweise bald nicht mehr, lautet die Befürchtung. Denn das Elektrizitätsnetz ist jetzt schon überlastet und müsste rasch erweitert werden. Aber die Projekte kommen nur langsam voran oder stecken fest. Und so stockt die Transformation von fossiler hin zu erneuerbarer Energie: Die Produktion von Wind- und Solarkraft wurde zwar in den vergangenen Jahren mit finanziellen Anreizen kräftig gefördert, der Netzausbau hielt jedoch nicht Schritt.
Rasche Transformation von Gas zu erneuerbarer Energie
Seit dem starken Anstieg der Preise für Erdöl und Gas infolge des Iran-Krieges fordern Europas Politiker vehementer denn je, bei der Stromversorgung stark auf die Wind- und Solarenergie zu setzen. Diese Politik verfolgen die Niederlande seit einiger Zeit. Das Land gewinnt aus erneuerbarer Energie fünfmal so viel Elektrizität wie vor zehn Jahren, und das schwergewichtig anstelle von Gas.
Im Jahr 2010 stammten noch 65 Prozent der produzierten Elektrizität von diesem Energieträger, nun sind es 36 Prozent. Russisches Erdgas gelangt nicht mehr ins Land, und die heimische Gewinnung bei der Stadt Groningen haben die Niederlande 2023 aufgegeben. Der Grund dafür war, dass die Förderung zu Hunderten von Erdbeben geführt hatte.
Diese teilweise erzwungene Transformation der Elektrizitätsversorgung bringt das Netz nun aber an Grenzen. Der langsame Ausbau bremse die Energiewende und schädige die Wirtschaft, mahnt etwa die Internationale Energieagentur (IEA).
Pläne für neue Hochspannungsleitungen und dringend benötigte Umspannwerke bestehen zwar. Aber deren Realisierung verzögert sich, weil Landeigentümer für die Projekte keinen Boden abtreten wollen und Anwohner gegen Vorhaben rekurrieren.
Auch manche Gemeinde sieht nicht ein, warum sie wertvolles Land opfern soll für den Ausbau der Energieversorgung – vor allem, wenn sie davon unmittelbar nicht einmal profitiert, da eine neue Leitung möglicherweise schwergewichtig einer anderen Region zugutekommt. Wenn ein Dorf beispielsweise beschliessen muss, ob Landreserven für einen Fussballplatz oder ein Umspannwerk verwendet werden sollen, ist der Entscheid rasch gefällt – zugunsten des Sports.
Im Land herrsche das Sankt-Florian-Prinzip, sagt ein niederländischer Energiespezialist: Gleichsam alle erachteten es zwar als sinnvoll, erneuerbare Energieformen zu fördern, die eigene Umgebung solle dadurch aber möglichst nicht beeinträchtigt werden. Daher dauert es laut dem nationalen Stromnetzbetreiber Tennet bis zu zehn Jahre, bis eine Bewilligung für eine neue Leitung vorliegt. Deren Bau nimmt dann nochmals zwei bis drei Jahre in Anspruch.
Die Lage sei ernst, sagt Jorrit de Jong, der Sprecher der Tennet Holding. Die Regierung müsse rasch handeln. Tennet hat bereits warnend darauf hingewiesen, dass man ab dem Sommer neue Wohnhäuser nicht mehr ans Netz anschliessen könne, falls der Leitungsausbau nicht Fahrt aufnehme.
Datenzentren sind plötzlich der Sündenbock
Damit geraten auch die vielen Datenzentren ins Visier der Bevölkerung, die im Land jüngst entstanden sind. Sie benötigen immer mehr Strom, mittlerweile 4,6 Prozent der heimischen Elektrizität oder so viel wie zwei Millionen Haushalte.
Die Ansiedlung von Datenzentren war ein bewusster wirtschaftspolitischer Entscheid der Regierung, provoziert nun aber Widerspruch. Wie könne es sein, dass Datenzentren ans Netz angeschlossen würden, Tennet aber gleichzeitig damit drohe, dass dies bei neuen Wohnhäusern ab Mitte des Jahres möglicherweise nicht mehr der Fall sein werde, fragen Kritiker.
Tennet wehrt sich. Diese Priorität scheint auf den ersten Blick zwar ungerecht zu sein, sagt de Jong von Tennet. Aber die nun in Betrieb gehenden Zentren seien schon vor Jahren geplant worden. Damals hat laut Jong das Prinzip «first come, first served» gegolten. Mittlerweile würden Bauvorhaben jedoch priorisiert, Spitäler und Wohnhäuser etwa erhielten bevorzugt einen Netzanschluss.
Es gebe einfach zu wenig Boden, klagen die Niederländer
Der Engpass im Elektrizitätsnetz ist für viele Niederländer aber ohnehin Ausdruck eines viel grösseren Problems: des immer knapper werdenden Bodens.
Dieses Thema beschäftigt selbst König Willem-Alexander. Eine grosse Frage sei es, wie man das knappe Land nutzen wolle, sagte er im September 2024, als er die Erklärung der Regierung für die folgenden zwölf Monate verlas. Es gebe viele Ansprüche an Grund und Boden. Die Infrastruktur, die Industrie, das Wohnen, der Hochwasserschutz oder die Landwirtschaft – all das benötige Land, sagte der König. «Wenn man den Flächenbedarf zusammenzählt, hat es dafür in unserem kleinen Land nicht genug Platz.»
Letztlich hätten die Niederlande aber viel zu spät damit begonnen, das Leitungsnetz für die Energiewende auszubauen, sagt de Jong von Tennet. «Anderen Ländern sollte das eine Warnung sein», meint er.

