Laut den USA sind die Angriffe mit ballistischen Raketen aus Iran um 90 Prozent zurückgegangen. Trotzdem kann Teheran wohl noch lange zurückschiessen.
Im Januar 2025 inspizieren Hossein Salami und Amir Ali Hajizadeh, zwei hochrangige Generäle der iranischen Revolutionswächter, ein unterirdisches Raketenlager. Beide Militärs wurden inzwischen getötet – doch das Raketenarsenal Irans bleibt gefährlich.
IRGC / WANA via Reuters
Die Israeli fühlen sich wieder etwas sicherer: Seit Donnerstag erlaubt der Heimatschutz Treffen mit bis zu 50 Personen, zudem landen wieder erste Flugzeuge auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv. Zwar schiesst Iran immer noch regelmässig Salven ballistischer Raketen auf den jüdischen Staat, doch diese sind kleiner geworden. Laut Angaben der israelischen Armee feuerte Teheran zuletzt nur noch rund 20 Raketen pro Tag auf Israel. Vor einer Woche waren es noch 90 Geschosse gewesen.
Laut dem amerikanischen General Brad Cooper, der die amerikanischen Operationen in Nahost kommandiert, sind die Angriffe mit ballistischen Raketen aus Iran insgesamt um 90 Prozent zurückgegangen. Diese Aussage scheinen auch die Zahlen des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Arabischen Emirate zu stützen: Hatte Iran am ersten Kriegstag noch 137 ballistische Raketen auf das Land am Golf abgefeuert, liegt deren Anzahl inzwischen nur noch im einstelligen Bereich.
Die Frage stellt sich: Gehen Iran nach einer Woche des Krieges bereits die Raketen aus?
Die iranischen «Raketenstädte»
«Dass Iran heute kleinere, aber häufigere Raketensalven abfeuert, kann zwei Gründe haben: Entweder sparen sie Munition für einen langen Krieg. Oder sie haben aus früheren Angriffen gelernt», sagt Uzi Rubin im Gespräch. Der Ingenieur und Analyst gilt als «Vater» der israelischen Raketenabwehr und war massgeblich an der Entwicklung des berühmten Arrow-Systems beteiligt. Laut Rubin benötigen grosse Raketensalven viel Vorbereitung, wodurch die Gefahr steigt, entdeckt zu werden. «Deshalb ist es sicherer, wenige Raketen schnell zu starten und die mobilen Abschussrampen sofort wieder zu verstecken.»
Solche Startgeräte, die in der Regel auf Lastwagen transportiert werden, sind deshalb für die israelischen und amerikanischen Kampfjets ein prioritäres Ziel – werden sie zerstört, kann Iran weniger Raketen feuern. In den vergangenen Tagen hat Israels Luftwaffe Dutzende Videos veröffentlicht, die zeigen, wie iranische Abschussrampen in Flammen aufgehen. Die Strategie scheint zu funktionieren. Der israelische Generalstabschef Eyal Zamir gab am Donnerstag bekannt, dass bereits 60 Prozent der Startgeräte für Raketen zerstört worden seien. Gleichzeitig sagte er: «Die Bedrohung ist noch nicht beseitigt.»
Six armed Iranian ballistic missile launchers that were primed for attacks on Israel were destroyed in airstrikes on Wednesday night, the military says.
The IDF says the Israeli Air Force struck the launchers minutes before the missiles were set to be fired at Israel. pic.twitter.com/Nyv7b1KIid
— Emanuel (Mannie) Fabian (@manniefabian) March 6, 2026
So können auch kleinere Raketensalven einen zerstörerischen Effekt haben – und dies nicht nur militärisch. «Solche Angriffe haben eine hohe psychologische Wirkung», sagt Uzi Rubin. «Sie erinnern die Bevölkerung ständig daran, dass der Gegner zuschlagen kann.»
Wie gross das Raketenarsenal Irans noch ist, lässt sich nicht abschliessend sagen. Laut Schätzungen verfügte die Islamische Republik vor dem Krieg über bis zu 2000 ballistische Raketen mittlerer Reichweite sowie 6000 bis 8000 Raketen kürzerer Reichweite. Zwar dürften die Angriffe Israels und der USA die Bestände inzwischen stark dezimiert haben. Doch die amerikanische Denkfabrik Jinsa geht davon aus, dass noch immer Tausende ballistische Raketen an Lager sind.
⚡️BREAKING
Iran has unveiled perhaps its largest missile city ever that can destroy all US assets in the region
The new underground missile base houses thousands of precision-guided missiles such as Kheibar Shekan, Haj Qasem, Ghadr-H, Sejjil, Emad and others pic.twitter.com/QYR24ZN7TS
— Iran Observer (@IranObserver0) March 25, 2025
Um Irans militärische Fähigkeiten langfristig zurückzubinden, müssten also auch diese Vorräte zerstört werden. Doch es gibt ein Problem: Ein grosser Teil des iranischen Arsenals wird in unterirdischen Kavernen gelagert, die zum Teil tief in den Fels gegraben wurden. In Iran werden diese Anlagen wegen ihrer Grösse auch «Raketenstädte» genannt. Propagandavideos des Regimes zeigen schier endlose Tunnel, in denen zahllose Raketen und Startgeräte bereitstehen.
Die zweite Phase des Krieges
Satellitenbilder zeigen, dass Israel und die USA durchaus auch diese Raketenstädte ins Visier genommen haben. So wurden bei einer Raketenbasis nahe der Stadt Kermanshah sowohl die Tunneleingänge als auch die Zufahrtsstrassen beschossen, ebenso bei einer Anlage nahe Tabriz. Damit können die iranischen Streitkräfte zumindest kurzfristig nicht auf die dort gelagerten Vorräte zugreifen – aber die verursachten Schäden lassen sich wohl rasch reparieren.
Um die Vorräte selbst zu zerstören, braucht es bunkerbrechende Bomben, die Gestein und Beton durchdringen können. Sie kamen schon bei den Angriffen auf das iranische Atomprogramm im vergangenen Sommer zum Einsatz. Nun ist es erneut so weit: Laut General Brad Cooper haben amerikanische B-2-Tarnkappenbomber am Donnerstagabend Dutzende Bomben mit 1000 Kilo schweren Gefechtsköpfen auf Raketenstellungen sowie Produktionsanlagen abgeworfen.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf anonyme Quellen berichtet, hat der Krieg in Iran damit eine zweite Phase erreicht, in der primär die iranischen Raketenstädte zerstört werden sollen. Die meisten dieser Angriffe würden die USA ausführen, zumal ihre Luftwaffe über mehr schwere Bomber verfüge. Dass die Angriffe auf Irans unterirdische Raketenlager erst jetzt begonnen haben, hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass bunkerbrechende Bomben in der Regel direkt über ihren Zielen abgeworfen werden müssen. Dies geht nur, wenn die gegnerische Flugabwehr weitgehend ausgeschaltet ist.
Der lange Atem Teherans
Für Iran geht es allerdings nicht zwingend darum, möglichst grosse Salven abzufeuern – sondern Teheran will sich primär die Fähigkeit erhalten, seine Gegner überhaupt zu beschiessen. «Es ist ein Wettlauf: Gehen den Angreifern zuerst die Startgeräte aus oder den Verteidigern die Abfangraketen? Von aussen lässt sich kaum sagen, wer dieses Rennen gewinnt», sagt der Experte für Raketenabwehr Uzi Rubin. So wurden jüngst Befürchtungen laut, dass die Flugabwehrsysteme der USA und der Golfstaaten an ihre Grenzen kommen könnten. Bereits haben diese Staaten Hunderte von teuren Abfangraketen gegen iranische Geschosse verbraucht.
Dazu kommt: Um das Feuer gegen seine Feinde aufrechtzuerhalten, ist Teheran gar nicht unbedingt auf ballistische Raketen angewiesen. So haben sich die Drohnen vom Typ Shahed-136 als äusserst wirksame Waffen erwiesen. Sie sind zwar langsamer und damit einfacher abzufangen, lassen sich aber rascher und in grösserer Stückzahl herstellen. Und sowohl die USA als auch die Golfstaaten haben in letzter Zeit Mühe bewiesen, die anfliegenden Drohnenschwärme wirksam zu bekämpfen.
Zwar zeigen etwa die Daten des Verteidigungsministeriums der Emirate, dass auch die Drohnenangriffe im Vergleich zu den ersten Kriegstagen zurückgegangen sind. Trotzdem feuert Iran nach wie vor weit über 100 Drohnen pro Tag auf den kleinen Golfstaat. Auch wenn der Raketenbeschuss nachlässt: Teheran hat wohl einen längeren Atem, als die Generäle in Israel und den USA hoffen.
Mitarbeit: Johannes C. Bockenheimer, Olivia Fischer

