Der Iran-Krieg: Strategischer Verlust für Russland trotz kurzfristigen Vorteilen


Moskau prangert die israelisch-amerikanische Militäroperation an, hält sich aber mit direkter Kritik an Trump zurück. Russland droht der Verlust eines strategisch wichtigen Partners.


Russlands Präsident Wladimir Putin traf im September 2022 am Gipfel der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit in Usbekistan den damaligen iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi.

Sputnik via Reuters

Gegen die Schlagkraft Israels und Amerikas können ein paar russische Kampfhelikopter vom Typ Mi-28 wenig ausrichten. Im Januar waren erste von ihnen in Iran aufgetaucht. Obwohl Russland die Fluggeräte im Krieg gegen die Ukraine selbst dringend benötigt, hielt es offenbar die Vereinbarungen mit dem Regime in Teheran über die Lieferung moderner Rüstungstechnik ein. Mindestens rund ein Dutzend Transportflüge mit Militärtechnik zwischen Russland und Iran registrierten Beobachter in den vergangenen drei Monaten. Einzelheiten darüber wurden nie offiziell veröffentlicht.

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Mehr als das liegt derzeit nicht drin: Russland muss im Krieg, den Israel und die USA gegen Iran führen, zuschauen, wie einer seiner engsten Partner der vergangenen Jahre zerbombt und wie dessen Führung vernichtet wird. Präsident Wladimir Putin ist Geisel seiner engen Beziehungen zu Teheran, seiner Hoffnungen auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seiner Entscheidung zum Grossangriff auf die Ukraine. Auch wenn Moskau kurzfristig sogar zum Teil vom Krieg profitieren kann, stürzt dieser Putin in ein Dilemma und droht Russland strategisch eine weitere Schwächung in der Region.

Russland setzt den Kampfhelikopter Mi-28 im Krieg gegen die Ukraine ein, hier über der ostukrainischen Stadt Donezk.

Alexander Ermochenko / Reuters

Scharfe Worte zum Tod Khameneis

Es ist dieser Situation geschuldet, dass der Kreml bis jetzt vergleichsweise zurückhaltend auf die Ereignisse reagiert hat. Die scharfen Töne lässt Putin über das Aussenministerium verbreiten. Dessen Exponenten sprechen seit Samstag von einer «Aggression Washingtons und Tel Avivs gegen Iran» und der weiteren «Wucherung» und Eskalation des Konflikts in der gesamten Region. Sie prangern den «nicht provozierten» Angriff und einen Verstoss gegen das Völkerrecht an. Die Empörung wäre glaubwürdiger, führte Russland nicht selbst seit vier Jahren einen Krieg gegen das Nachbarland, den es selbst vom Zaun gebrochen hat.

Putin verzichtet auf direkte Kritik an Trump und dessen Entscheidungen. Das entspricht dem Muster der vergangenen Monate: Weder die spektakuläre Festsetzung des Diktators Nicolás Maduro in Venezuela noch Trumps Drohung, Grönland den USA zuzuschlagen, brachten den russischen Präsidenten öffentlich in Rage – obwohl beides Russlands Interessen tangierte. Zum Tod des iranischen Revolutionsführers Khamenei fand aber auch Putin sehr deutliche Worte. Im Kondolenztelegramm an den iranischen Präsidenten Masud Pezeshkian schrieb er vom «Mord, verübt unter zynischer Verletzung aller Normen der menschlichen Moral und des internationalen Rechts».

Die Ermordung Khameneis weckt alte Geister. Sie erinnert Putin an das Schicksal des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Ghadhafi. Wie dieser einst von westlichen Politikern umgarnte Diktator sein Ende fand, beeindruckte den Kremlchef damals tief. Dem Westen warf er Heimtücke vor – wie später auch beim Sturz von Wiktor Janukowitsch in der Ukraine. Alexander Baunow vom Berliner Carnegie-Zentrum schreibt in einer Analyse, im Fall Khameneis sei der Mörder des alten ideellen Verbündeten ein anderer ideeller Verbündeter, nämlich Trump.

Putin habe in Trump einen anderen amerikanischen Präsidenten gesehen: keinen Interventionisten, der mit ihm nicht genehmen Politikern anderer Länder kurzen Prozess mache, meint Baunow. Offen aussprechen mag Putin diese Enttäuschung nicht. Noch immer empfinden er und Teile der russischen Elite Trump als einen Hoffnungsträger. Sie glauben an eine Grossmachtpolitik auf Augenhöhe. Sowohl im bilateralen Verhältnis als auch hinsichtlich einer Friedenslösung in der Ukraine und einer Aufteilung der Welt in Einflusszonen sehen sie ein einmaliges Zeitfenster, um ihre eigenen Vorstellungen von einer neuen Weltordnung realisieren zu können. Um Trump nicht zu verprellen, überlässt der Kreml die Kritik am amerikanischen Vorgehen dem Aussenministerium.

Im vergangenen Mai besuchte der mittlerweile von den USA festgesetzte venezolanische Machthaber Nicolás Maduro Präsident Putin im Kreml.

Alexander Zemlianichenko / Reuters

Wichtige iranische Unterstützung im Ukraine-Krieg

Im Fall Venezuelas konnte sich Russland immerhin noch darauf beziehen, dass es sich um die amerikanische Hemisphäre handle. Bei Iran ist das eindeutig anders, nicht nur geografisch, auch geopolitisch. Iran ist Mitglied der Brics-Staaten und der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit, zwei Organisationen, die massgeblich von Russland und China als Stützen einer neuen, nicht mehr westlich zentrierten Weltordnung vorangetrieben werden. Spätestens seit dem Bruch des Westens mit Russland nach dem Grossangriff auf die Ukraine erlangten die daran beteiligten Staaten ein noch grösseres Gewicht in Russlands Aussenpolitik. Der Umgang mit ihnen widerlegte die westliche Hoffnung auf eine Isolation Moskaus. Wirtschaftlich trugen sie und auch die Staaten am Golf dazu bei, Russlands Zusammenbruch zu verhindern.

Iran kam dabei zumindest im ersten Kriegsjahr eine Schlüsselrolle zu. Andere Staaten waren zwar entscheidender bei der Umgehung der Sanktionen. Iran wurde aber dank seiner jahrzehntelangen Erfahrung mit westlichen Handelsbeschränkungen in vielerlei Hinsicht zum Vorbild für die Erarbeitung eigenständiger technischer und technologischer Lösungen. Noch entscheidender für den Kriegsverlauf wurde allerdings die rüstungstechnische Nachhilfe aus Teheran. Ohne Iran stünde Russland im Drohnenkrieg mit der Ukraine ganz anders da. Iranische Shahed-Drohnen wurden zum gefragten Importprodukt. Auch mit Raketen half Iran aus.

Mittlerweile ist der Technologietransfer weitgehend abgeschlossen. Russland produziert unter dem Namen Geran eigene Shahed-Drohnen, die es fortlaufend weiterentwickelt hat. Diese immer engere Partnerschaft wurde im Januar 2025 in einem Vertrag über strategische Partnerschaft besiegelt, der allerdings keine militärische Beistandsklausel kennt.

Fluchtort Dubai unter Beschuss

Die steigenden Rohstoffpreise, die Ablenkung vom Schauplatz Ukraine und die Verlagerung militärischer Ressourcen zum Iran-Krieg, die sonst der Ukraine hätten zugutekommen können, bringen Russland kurzfristig Vorteile. Putin bereits zum heimlichen Sieger zu erklären, greift trotzdem zu kurz. Der Krieg gefährdet die Zusammenarbeit Russlands mit einem Regime, über das es Einfluss auf die Region nehmen konnte. Stürzte dieses und geriete Iran unter amerikanischen Einfluss, wäre das ein gewichtiger strategischer Verlust für Russland. Momentan erschüttern allein die Drohnen und Raketen auf die Wolkenkratzer von Dubai verbliebene Gewissheiten in der russischen Bevölkerung. Nach Israel sind auch diese vermeintlichen Rückzugsorte vom eigenen, russisch-ukrainischen Krieg zum Kriegsschauplatz geworden.


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