Während Donald Trump den amerikanischen Einfluss weiter auszudehnen versucht, stehen Russland, China und Europa vor einer grossen Frage: Was tun?
Die iranische, die chinesische und die russische Flagge in einem Gästehaus in Peking. Die Beziehungen zwischen den drei Staaten werden momentan auf die Probe gestellt.
Anna Ratkoglo / Imago
Die Eskalation im Nahen Osten ist mehr als eine regionale Krise. Sie macht tektonische Verschiebungen in der internationalen Ordnung sichtbar.
Russland, China, Iran und Nordkorea bilden seit Jahren eine lose strategische Achse, die sich aus gemeinsamen Interessen speist: Widerstand gegen die westliche Dominanz, Umgehung von Sanktionen, militärtechnologische Kooperation. Doch unter dem Druck des Krieges zeigen sich Risse, Opportunitäten und neue Risiken für alle Beteiligten. Und zugleich neue ökonomische Chancen – vor allem für Moskau.
Das Dilemma Moskaus
Im Zentrum der Achse steht die militärische Zusammenarbeit zwischen Teheran und Moskau. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine 2022 hat Iran Russland mit Drohnen und der Technologie zu deren Produktion im Land selber beliefert. Sie ermöglichten es Moskau, die ukrainische Energie- und Verkehrsinfrastruktur systematisch anzugreifen und den Druck auf Kiew auch bei begrenzten eigenen Produktionskapazitäten aufrechtzuerhalten. Im Gegenzug, wurde vielfach spekuliert, könnte Russland moderne Kampfflugzeuge, Flugabwehrsysteme oder Satellitentechnologie an Iran liefern. Das würde Irans Fähigkeit zur Luftraumverteidigung wiederherstellen und westliche Angriffe erheblich erschweren.
Genau hier liegt das Dilemma Moskaus. Russland benötigt seine modernen Systeme für den Krieg in der Ukraine selbst. Jede substanzielle Abgabe würde die eigene Front schwächen. Gleichzeitig will der Kreml verhindern, dass Iran militärisch kollabiert oder sich gezwungen sieht, sich strategisch neu zu orientieren.

Wladimir Putin und Ayatollah Ali Khamenei in Teheran im Juli 2022. Putin hat die Tötung des iranischen Religionsführers scharf verurteilt.
AP
Ein Ausbrechen Teherans aus der informellen Achse Pjongjang–Moskau–Peking würde Russlands geopolitischen Handlungsspielraum weiter einengen. Moskau verlöre nicht nur einen Rüstungspartner, sondern auch einen Akteur, der durch Waffenlieferungen und regionale Unruhen westliche Ressourcen bindet.
Putin könnte profitieren
Hinzu kommt nun ein ökonomischer Faktor, der Putins Kalkül entscheidend beeinflusst: das Erdöl. Die mögliche Schliessung der Strasse von Hormuz durch die Iraner führt zu steigenden Preisen. Die Strasse ist eines der zentralen Nadelöhre für globale Energieexporte. Bereits die Spekulation auf ein Überschreiten der 100-Dollar-Marke pro Fass lässt in Moskau die Vorfreude steigen. Für einen Staat, dessen Haushalt erheblich von Energieexporten abhängt und der sich im fünften Kriegsjahr gegen die Ukraine befindet, bedeutet jeder Preissprung zusätzliche Milliarden. Selbst wenn vorläufig die westlichen Sanktionen dazu führen, dass Russland sein Erdöl mit grösseren Preisabschlägen zum Weltmarktpreis verkaufen muss.
Kremlnahe Stimmen sprechen offen davon, dass der Angriff auf Iran «für unser Budget ein grosses Plus» sei. Sollte die iranische Produktion länger ausfallen oder nach dem Angriff auf eine Raffinerie die Produktion in Saudiarabien durch direkte Angriffe auf dessen Ölfelder weiter eingeschränkt werden, würde Russland zu einem der wenigen verbliebenen grossen Lieferanten ausserhalb des unmittelbaren Konfliktgebiets aufsteigen. Das würde Moskau einen strategischen Hebel verschaffen, nicht nur finanziell, sondern auch gegenüber grossen Abnehmern wie Indien und China.
Fielen die iranischen Lieferungen mehr oder weniger aus, müssten Staaten wie Indien oder China ihre Importe anpassen. Russland könnte davon profitieren, indem es mehr Rohöl absetzt und seine Einnahmen stabilisiert. Und das alles trotz westlichen Sanktionen. Paradoxerweise würde also ein Krieg gegen einen russischen Partner kurzfristig Putins Kriegskasse stärken.

Durch die Strasse von Hormuz verkehrt ein Fünftel der weltweiten Erdölexporte.
Louise Heavens / Reuters
Politisch aber bleibt der Kreml vorsichtig. Wladimir Putin verurteilte die Tötung des iranischen obersten Führers in scharfen Worten als «zynische Missachtung aller Normen des Völkerrechts», vermied es jedoch auffällig, die USA oder Präsident Trump direkt zu benennen. Die strategische Partnerschaft Russlands mit Teheran enthält keine Beistandsverpflichtung. Putin will sich Trump gewogen halten, um im Ukraine-Konflikt Spielräume zu gewinnen. Eine offene Konfrontation mit Washington würde das gefährden.
Für den Ukraine-Krieg selbst bewirkt der Iran-Krieg eine doppelte Dynamik. Einerseits bindet er die westliche Aufmerksamkeit und möglicherweise bald auch militärische Ressourcen der Europäer. Andererseits steigt das Risiko, dass eine sichtbare russische Unterstützung Irans zu neuen Sanktionen führt. Moskau bewegt sich daher auf dem schmalen Grat zwischen Solidarität und Selbstschutz.
Chinas Interessen im Konflikt
China wiederum betrachtet die Lage primär durch das Prisma seiner Energie- und Handelsinteressen. Die Volksrepublik ist der grösste Abnehmer iranischen Öls, häufig über inoffizielle Kanäle. Ein längerer Ausfall iranischer Exporte würde Pekings Energiesicherheit beeinträchtigen.
Zwar bezieht China auch erhebliche Mengen aus Saudiarabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Irak, doch hier verschieben sich die geopolitischen Gewichte. Die jetzt schon engere strategische Anbindung Riads an Washington reduziert Chinas politischen Spielraum. Sollte sich die Golfregion sicherheitspolitisch noch stärker an die USA binden, verlöre Peking Hebel, die es in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut hat.

Riad im Dezember 2022, Xi Jinping ist zu Besuch in Saudiarabien, um an einem Gipfeltreffen zwischen China und den arabischen Staaten sowie dem Golfkooperationsrat teilzunehmen.
Anadolu
Für Chinas Belt-and-Road-Initiative ist Stabilität im Nahen Osten essenziell. Die maritime Seidenstrasse verläuft auf genau jenen Seewegen, die nun bedroht sind. Steigende Versicherungsprämien, die Umleitung von Tankern und militärische Spannungen verteuern nicht nur Energie, sondern den gesamten Handelsverkehr zwischen Asien und Europa. Alternative Landrouten über Zentralasien und Russland gewinnen an Bedeutung, erhöhen jedoch zugleich Chinas Abhängigkeit von politisch riskanten Partnern.
Die Rolle Europas
Eine neue Stufe der Eskalation ist mittlerweile eingetreten: Iran hat eine britische Militärbasis auf Zypern erfolgreich angegriffen. Auch wenn der materielle Schaden begrenzt blieb, ist die politische Sprengkraft enorm. Zypern ist zwar nicht Nato-Mitglied, jedoch Teil der EU. Das berührt die europäische Beistandsklausel nach Artikel 42,7 des EU-Vertrags. Der Iran-Konflikt ist damit im strategischen Kern Europas angekommen.
Russland nutzt die Krise rhetorisch, um den Westen als destabilisierende Kraft darzustellen, während es von den steigenden Energiepreisen profitieren wird. China versucht, seine Energieversorgung zu sichern, ohne offen Partei zu ergreifen. Und der Westen steht vor der Frage, ob und wie er seine kollektive Abschreckung glaubwürdig macht, ohne eine direkte Konfrontation zwischen den Grossmächten zu riskieren.
Der Krieg gegen Iran ist ein Prüfstein für die Funktionsfähigkeit der Bündnisse, für die Resilienz der Energiearchitektur und für die Stabilität einer Weltordnung, die sich immer weiter von klaren Blöcken entfernt. In dieser fragmentierten Multipolarität kann jeder Akteur kurzfristig gewinnen und langfristig verlieren. Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Machtverhältnisse verschieben, sondern, wie weit. Und zu welchem Preis.

