Die USA sind dank der Schieferöl-Revolution nicht mehr auf den Nahen Osten angewiesen, um ihren eigenen Öl- und Gasbedarf zu decken. Energieautark sind sie deswegen noch lange nicht.
Im Permian Basin zwischen Texas und New Mexico hat die Schieferöl-Revolution in den 2000er Jahren ihren Anfang genommen.
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Explodierende Preise, rationiertes Benzin und lange Schlangen vor den Tankstellen: Die erste Ölkrise von 1973 hat bleibenden Schaden in der amerikanischen Psyche hinterlassen. Als die Araber nach dem Jom-Kippur-Krieg ein Ölembargo verhängten, trafen sie die amerikanische Wirtschaft ins Mark.
Auf einen Schlag hatte das Land gleichzeitig mit einer Rezession und hoher Inflation zu kämpfen. Die Amerikaner wurden aufgefordert, ihre Heizung herunterzudrehen, und durften landesweit nur noch knapp 90 Kilometer pro Stunde fahren. Das Tempolimit wurde erst 1995 aufgehoben.
Unabhängigkeit dank Schieferöl
Der stark steigende Ölpreis bringt die traumatischen Erinnerungen an 1973 zurück. Und doch wird der jetzige Iran-Krieg die USA wirtschaftlich kaum so stark treffen wie das damalige Embargo. Dank der Schieferöl-Revolution ist das Land zum grössten Energieproduzenten der Welt geworden. Die amerikanische Öl- und Gasproduktion hat sich wegen neuer Abbautechniken («Fracking») in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als verdoppelt.
Die USA sind daher kaum mehr vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig, sondern exportieren das «schwarze Gold» ihrerseits in die ganze Welt . Bleiben die Öl- und Gaspreise über längere Zeit auf hohem Niveau, spült das den amerikanischen Energieunternehmen sogar zusätzliche Gewinne in die Kasse.
Auf den ersten Blick könnte man daher erwarten, dass der Ausfall der Konkurrenten am Persischen Golf und die höheren Energiepreise dem neuen Petrostaat USA sogar nützen. Allerdings verweisen Marktexperten darauf, dass das Land die eigene Öl- und Gasproduktion kaum mehr steigern kann.
Die rein nationale Perspektive trügt zudem – der Erdölmarkt ist global. Donald Trump mag ein Protektionist sein, der die Ausfuhr der besten amerikanischen Computerchips nach China verhindert. Doch auch er wagt es nicht, die Ausfuhr von Erdöl zu drosseln, um die inländischen Benzinpreise zu drücken.

Eine breite Ölkrise wie 1973 ist in den USA derzeit nicht zu erwarten. Dennoch werden die Produktionsausfälle im Nahen Osten auch in Amerika zu spüren sein.
Imago
Erstens würde das den einheimischen Energiefirmen schaden, die wichtige politische Verbündete Trumps sind. Zweitens exportieren die USA vor allem sogenannt leichtes Rohöl, das zudem einen tiefen Schwefelgehalt aufweist und einfach zu verarbeiten ist. Viele amerikanische Ölraffinerien sind aber auf schweres Rohöl mit hohem Schwefelgehalt spezialisiert, wie es in Mexiko oder Kanada vorkommt. Ohne internationalen Handel können sie die US-Nachfrage nach Benzin und Diesel daher nicht befriedigen.
Warum die USA anfällig bleiben
Der durchschnittliche Benzinpreis in den USA ist am Montag bereits auf 3.48 Dollar pro Gallone (3,875 Liter) angestiegen, wie die Daten des Automobilklubs AAA zeigen. Experten befürchten, dass auch die psychologisch wichtige 4-Dollar-Marke geknackt wird, wenn die Strasse von Hormuz länger geschlossen bleibt und die Ölproduktion im Persischen Golf nachhaltig gedrosselt wird.
An den Tankstellen macht sich das schon bemerkbar: Das Autofahren in Amerika wird teurer. Ähnliches gilt für Flugreisen, da auch der Kerosinpreis ansteigt. In einem riesigen Land wie den USA, wo die Bevölkerung regelmässig für Ferien, Verwandtenbesuche und Geschäftsreisen ins Flugzeug steigt, spüren das die Konsumenten rasch.
Der Dieselpreis pro Gallone ist innert einer Woche sogar noch deutlicher angestiegen, nämlich von 3.77 auf 4.66 Dollar pro Gallone. Das spüren die allermeisten Amerikaner zunächst nicht im Portemonnaie, weil sie einen Benziner fahren. Privatautos mit Dieselantrieb sind in den USA nicht verbreitet.
Allerdings sind Lastwagen, Güterzüge, Baumaschinen und Traktoren auf Diesel angewiesen. Transportunternehmen bauen in ihre Verträge oft einen fixen Treibstoffzuschlag ein und übernehmen kurzzeitig einen grösseren Teil der Zusatzkosten. Bleibt der Preis des Treibstoffs über Wochen oder Monate auf dem jetzigen Niveau, werden sie aber ihre Lieferverträge anpassen.
Der hohe Dieselpreis verteuert dann den Binnentransport von so ziemlich allen Gütern – Nahrungsmitteln, Möbeln, Rohstoffen, Baumaterialien. Ähnliche Kostenschübe sind für die internationale Schiff- und Luftfracht zu erwarten.
Diese diffusen Teuerungsschübe sind für die amerikanische Notenbank Fed besonders unangenehm, weil sie leicht eine Lohn-Preis-Spirale auslösen können: Marktbeobachter erwarten jetzt, dass das Fed den Leitzins höher hält, um die Inflationsgefahr in Schach zu halten. Die Angst vor einer hohen Teuerung hat zudem bereits dafür gesorgt, dass Autokredite und Hypotheken teurer geworden sind.

Die USA exportieren immer mehr verflüssigtes Erdgas. Das führt dazu, dass der einheimische Gaspreis stärker vom Weltmarkt abhängig ist.
Joel Angel Juarez / Reuters
Auch der Strom wird teurer
Der hohe Erdgaspreis trifft die amerikanischen Konsumenten ebenfalls: Die Bauern müssen mehr für Stickstoffdünger zahlen, was Nahrungsmittel verteuert. Den stärksten Effekt wird der Iran-Krieg indes auf Heiz- und Stromkosten haben. In der nördlichen Hälfte der USA wird die Mehrheit der Häuser direkt mit Erdgas beheizt. Im Süden sind strombetriebene Zwei-Weg-Klimaanlagen verbreiteter. Allerdings stammen mehr als 40 Prozent der Elektrizität im Land wiederum aus Gaskraftwerken. Weil diese sehr flexibel auf Nachfrageschwankungen reagieren können, beeinflusst der Gaspreis die Stromkosten sehr direkt.
Der Ausfall der Erdgasproduktion in Katar wirkt sich auf die USA aber nur mittelbar aus. Derzeit bleiben die Preissprünge am Henry Hub, dem wichtigsten Knotenpunkt des amerikanischen Gasnetzes, moderat. Kurz vor dem Krieg kosteten 1 Million britische Wärmeeinheiten etwa 2.83 Dollar, jetzt sind es rund 3.20 Dollar. Der Gaspreis bleibt regional geprägt, weil ein Grossteil der Produktion über Pipelines zu den Kunden gelangt. Anbieter und Nachfrager bleiben im Netz gefangen. Erdgas (und Strom) bleiben in den USA deshalb viel billiger als in Europa oder Asien.
Verflüssigtes Erdgas (LNG), das mit Tankern über die Meere transportiert wird, sorgt zwar zunehmend für einen Ausgleich zwischen den regionalen Märkten, auch in dieser Krise: Asiatische Länder, die ihr LNG bisher aus Katar bezogen haben, bieten derzeit einen hohen Aufpreis auf verflüssigtes Erdgas aus den USA und Australien. Das führt dazu, dass auch die Europäer höhere Preise zahlen und die amerikanischen Hersteller einen grossen Anreiz haben, ihr Erdgas zu exportieren, statt ins heimische Gasnetz einzuspeisen.
Die USA haben in den vergangenen Jahren ihre LNG-Exportkapazitäten stark ausgebaut. Am Golf von Mexiko entstanden zahlreiche Verflüssigungsanlagen, weitere Terminals sind in Bau oder in Planung. Langfristig rechnet die US-Energieinformationsbehörde EIA wegen dieser LNG-Exporte daher mit steigenden Gaspreisen im Inland.
Kurzfristig spielt das Wetter aber eine grössere Rolle als die Geopolitik. Ende Januar hatte sich der Gaspreis am Henry Hub kurzzeitig verzehnfacht, auf über 30 Dollar pro 1 Million britische Wärmeeinheiten, weil eine heftige Kältewelle das Land heimsuchte. Der Strom- und Gasverbrauch stieg stark an, gleichzeitig fiel wegen der Kälte ein Teil der Produktion aus.
Die jetzige Krise erinnert die Politiker daran, dass die vielen LNG-Terminals die Amerikaner wieder stärker vom Weltmarkt abhängig machen, nachdem man sich durch die Fracking-Revolution doch vom Nahen Osten befreit zu haben geglaubt hat. Was der «America first»-Präsident Donald Trump mit dieser Erkenntnis anstellt, bleibt abzuwarten.

