Die Investoren werden nervös. Sie fürchten sich vor einer erneuten Inflation. Denn dafür ist das fragile Finanzsystem nicht gerüstet.

Ein Öldepot in Teheran steht in Flammen: Die Märkte befürchten, dass mit der Knappheit beim Erdöl auch die Inflation ansteigen könnte.
Vahid Salemi / AP
Im Nachhinein stehen die Börsianer dumm da. Warum haben die Aktienkurse nach Ausbruch des Iran-Krieges nicht schon viel früher korrigiert? Es war doch absehbar, dass der Konflikt den gesamten Nahen Osten und damit auch die Ölversorgung treffen würde. Stattdessen blieb es anfänglich überraschend ruhig an den Börsen, und die Kurse sanken nur minim. Erst zu Beginn dieser Woche ist der Schock nun richtig an den Märkten angekommen.
Trotzdem: So naiv, wie man dies taxieren könnte, war die anfänglich entspannte Reaktion der Börsianer nicht. Denn die historische Erfahrung zeigt, dass geopolitische Verwerfungen an den Märkten meistens nur für eine kurze Störung sorgen. Nimmt man die bisherigen Konflikte im Nahen Osten zum Massstab, so waren seit Mitte des 20. Jahrhunderts 80 Prozent der Marktkorrekturen nur temporär. Bereits zwölf Monate danach notierten die Kurse wieder höher. Dies war beispielsweise auch nach dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023 der Fall.
Doch keine Regel ohne Ausnahme: Es gab auch Konflikte, welche die Weltwirtschaft massiv geschädigt haben. Das gilt namentlich für den Jom-Kippur-Krieg, der im Jahr 1973 zur grossen Ölkrise führte. Dass an den Märkten auch jetzt wieder die Furcht vor einem solchen Schock steigt, hat einen wesentlichen Grund: Das globale Finanzsystem befindet sich mittlerweile in einem sehr fragilen Zustand.
Hohe Verschuldung als Gefahr
Wie ein Damoklesschwert über dem Ganzen hängt die gigantische Verschuldung in den westlichen Industrieländern. Die Finanzkrise von 2008 sowie die Corona-Pandemie haben dazu geführt, dass sich die Staaten über beide Ohren verschuldet haben. Auch die Notenbanken haben in einem bisher unerreichten Mass die Geldschleusen geöffnet, um die Investoren bei Laune zu halten.
So sind die Börsenkurse und die Immobilienpreise dank den rekordtiefen Zinsen enorm in die Höhe geschossen. Die Märkte sind «priced for perfection», wie es im Börsenjargon heisst. Die Bewertungen sind mittlerweile so hoch, dass sie sich nur rechtfertigen lassen, wenn keine der optimistischen Zukunftserwartungen enttäuscht wird.
Doch die Gefahr einer unerwarteten Störung ist aufgrund der Verschuldung massiv gestiegen. Wenn das Vertrauen an den Märkten fehlt, können auch die Zentralbanken kaum noch als Retter in die Bresche springen und die Märkte mit billigem Geld fluten. Das hat sich bereits nach der Pandemie abgezeichnet, als plötzlich die Inflationsraten dramatisch anstiegen.
Die Schuldner müssen mehr zahlen
Die Achillesferse an den Märkten sind die Staatsanleihen. In einer Krise müssten deren Renditen normalerweise sinken. Das bedeutet, dass die Anleger eine geldpolitische Lockerung durch die Zentralbanken vorwegnehmen. Ein solcher Zinsrückgang hat für die Staaten und ebenso für die Immobilienbesitzer den Vorteil, dass sie sich günstiger verschulden können. Zudem profitieren die Obligationäre von Kursgewinnen, weil ihre höher verzinsten Bonds an Wert zulegen. All dies dämpft den Schock einer wirtschaftlichen Krise.
Diesmal allerdings scheint diese Unterstützung nicht zu funktionieren. Die Renditen der Staatsanleihen sind im Gegenteil gestiegen. Denn ein länger anhaltender Iran-Krieg schürt die Ängste vor einem erneuten Teuerungsschub. Kommt hinzu, dass die Notenbanken das Problem der Inflation noch immer nicht vollständig in den Griff bekommen haben. Auch das amerikanische Federal Reserve wird die Leitzinsen, wenn überhaupt, nur zögerlich senken können – zum grossen Leidwesen von US-Präsident Donald Trump.
Der Druck aus der amerikanischen Bevölkerung auf Trump, die Angriffe gegen das iranische Regime zu stoppen, wird daher spürbar zunehmen. Schon jetzt murren die Konsumenten über die höheren Benzinpreise an den Tankstellen. Wenn nun zusätzlich die Aktienkurse einbrechen und die Zinsen für Staatsanleihen steigen, wird dies direkt auf die Kriegsplanung einwirken. Schon bei den Zöllen waren es primär die Märkte, welche Trump zu einer Umkehr bewegt hatten. Dass die Börsen jetzt doch nervös werden, spielt den iranischen Mullahs somit unmittelbar in die Hände.

