Die EU zieht mit der Schweiz nach und verbietet Tierbegriffe für pflanzliche Produkte – angeblich zum Schutz der Konsumenten. Doch die sind längst nicht so begriffsstutzig, wie die Politik glaubt.

Wurst auf Teller: Kann sie vegan sein? Darf sie?
Imago
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz klagt gerne über die lähmende EU-Bürokratie. Doch wenn es um die Wurst geht, scheint auch für ihn Regulierung plötzlich kein Problem mehr zu sein. «Eine Wurst ist eine Wurst», antwortete Merz im Herbst auf die Frage, ob man die Bezeichnung «Vegi-Wurst» verbieten solle. Es gehe darum, so Merz, die Konsumenten nicht in die Irre zu führen. Denn: «Eine Wurst ist nicht vegan.»
Nun hat die EU nach monatelangem Ringen eine Lösung gefunden. Unterhändler des Europaparlaments und der EU-Staaten einigten sich am Donnerstag in Brüssel darauf, Tierbezeichnungen für pflanzliche Produkte zu verbieten. Der Entscheid muss noch formell von den Ländern und vom Europaparlament angenommen werden.
Ganz so weit, wie Kanzler Merz das wünschte, geht das Verbot nicht. Begriffe wie «Burger», «Schnitzel» oder «Wurst» dürfen weiterhin für vegetarische Produkte verwendet werden. Tabu sein sollen künftig aber Bezeichnungen, die sich direkt auf Tierarten oder Fleischstücke beziehen, etwa «Chicken», «Speck», «Rippchen» oder «Kotelett». Das Vegi-Hühnchen muss also umbenannt werden, die Soja-Wurst darf bleiben.
Mit dem Kompromiss verzichtet die EU immerhin auf die maximale Variante ihres bürokratischen Ehrgeizes. Doch auch der jetzige Entscheid bleibt ein First-World-Verbot. Ein Schelm, wer nun fragt, was aus Bacon-Kartoffelchips wird. Und aus Fleischtomaten? Den Mandelfischen?
Ein Problem, das es nicht gibt
Die Schweiz hat eine vergleichbare Regelung bereits eingeführt. Vergangenen Sommer entschied das Bundesgericht im Fall der Zürcher Firma Planted, dass Fleischersatzprodukte nicht mit «Poulet» oder «Güggeli» angeschrieben werden dürfen. Weiterhin erlaubt sind generische Begriffe wie «Steak» oder «Filet».
Man kann dieses Bedürfnis nach sprachlicher Ordnung gut finden oder nicht, aus ökonomischer Sicht ist es absurd. Erstens schafft ein Begriff wie «veganes Chicken-Filet» Orientierung. Er sagt dem Käufer, was ihn erwartet: ein Produkt, das in Textur, Zubereitung und Verwendung an Pouletstreifen erinnert. Zweitens schafft ein Verbot hohe Mehrkosten. Hersteller müssen neue Namen für ihre Produkte finden, Verpackungen ändern, das Marketing anpassen.
Vor allem aber versuchen die EU und die Schweiz hier ein Problem zu lösen, das es nicht gibt. Wer verwechselt ernsthaft einen Pouletschenkel mit einem Pouletimitat aus Erbsenprotein? Welcher Bratwurst-Fan würde versehentlich eines dieser blassen, schnurgeraden Sojawürstchen auf den Grill legen? Studien zeigen, dass Konsumenten sehr wohl wissen, ob sie Fleisch oder eine pflanzliche Alternative kaufen.
Es hat Platz für alle
Das Verbot lässt sich vielmehr als Gefallen für die Fleischindustrie verstehen. Initiantin der Vorlage ist die französische Abgeordnete Céline Imart, selbst Bäuerin. Sie brachte den Vorschlag im Rahmen eines Gesetzespakets ein, das die Position der Landwirte stärken soll.
Doch ein Namensverbot wird weder die Einkommen der Bauern erhöhen noch Vegetarier zurück zum Fleisch bringen. Pflanzliche Alternativen sind Teil der Lebensmittelindustrie, damit dürfen sich auch die Bauern abfinden. Gegen das Verbot haben sich denn auch nicht nur die Hersteller, sondern auch Aldi und Lidl sowie die Fast-Food-Kette Burger King gewehrt.
Die Realität ist ohnehin weniger dramatisch, als manche Kulturkämpfer suggerieren. Der Hype um vegane Ersatzprodukte hat jüngst deutlich nachgelassen, die Marktanteile haben sich im einstelligen Prozentbereich eingependelt.
Bleibt die eigentliche Frage: Wie viel Vertrauen bringt der Staat seinen Bürgern entgegen? Die EU hat sich in diesem Fall für Misstrauen entschieden, wie schon die Schweiz. Doch welche Traditionen man pflegen will und ob man das Sojabällchen der Schweinswurst vorzieht: Darüber kann der Konsument selbst entscheiden.
Daran sollte man denken, wenn man demnächst einen Osterhasen kauft. Auch der hat mit Hasen bekanntlich wenig zu tun.

