Wie lange gibt es noch papierene Pässe und Ausweise? Für Orell Füssli als Herstellerin solcher Dokumente ist diese Frage zentral. Das Traditionshaus rüstet sich für eine papierlose Zeit.
Die Schweiz setzt bei der digitalen Identität auf eine staatliche Lösung. Orell Füssli hat daher seine Software für E-ID nicht anbieten können.
Gaetan Bally / Keystone
Denkt man an Orell Füssli, denkt man an Bücher, Banknoten und eine jahrhundertealte Geschichte. Die 1519 in Zürich gegründete Firma wird mit papierenen Drucksachen in Verbindung gebracht. Noch heute erwirtschaftet das Unternehmen mit Büchern und Sicherheitsdruck über 80 Prozent des 250-Millionen-Franken-Umsatzes. «Das Besondere an Orell Füssli ist, dass wir immer noch dasselbe tun wie vor 500 Jahren: Wir drucken», hiess es 2019 in der Festschrift zum runden Geburtstag.
Ein hausinternes Startup
Doch neben greifbaren Produkten wie Büchern und Geldscheinen existiert bei Orell Füssli mittlerweile auch eine digitale Welt. Sie ist weniger bekannt. Zu finden ist sie im vierten Stock des Hauptsitzes im Zürcher Stadtteil Wiedikon. Hier hat sich ein hausinternes Startup namens Procivis eingenistet. Formell ist es eine Tochter von Orell Füssli. De facto geniesst es aber grosse Freiräume, mit einfacheren Prozessen, separatem HR und eigenem Lohnsystem. Hier sind keine Drucker am Werk, sondern Softwareentwickler.
Das Grossraumbüro befindet sich unter dem Fabrikdach, mit Zugang zu einer grossen Terrasse. Getüftelt wird hier an Software für digitale Identitäten. Denn immer mehr Staaten stellen ihren Bürgern nicht mehr nur papierene Ausweise und Dokumente zur Verfügung, sondern auch digitale. Für Orell Füssli als Herstellerin etwa des Schweizer Passes und des Führerausweises ist dies Chance und Gefahr zugleich: Der Wandel verspricht zum einen ein neues Geschäft, zum andern droht langfristig auch der Wegfall eines bisherigen Ertragspfeilers.

Désirée Heutschi, Co-CEO von Procivis.
PD
Désirée Heutschi ist gefordert. Sie ist die Co-CEO von Procivis und leitet bei Orell Füssli die Unternehmensentwicklung. Die frühere Microsoft-Managerin muss das bestehende Geschäft mit physischen Dokumenten in die digitale Welt erweitern. Sie sagt: «Wir schaffen digitale Pendants zu unseren bisherigen Identitätsdokumenten und Führerausweisen.» Das dürfte nicht nur technisch eine Herausforderung sein. Wichtig ist vor allem auch, das öffentliche Vertrauen in diese neue Form von Nachweisen zu stärken.
Noch ist das digitale Geschäft nicht profitabel. Doch bis 2027 will Procivis schwarze Zahlen schreiben. «Wir haben eine entsprechende Wachstumskurve eingeplant», sagt Heutschi. Konkrete Zahlen will sie nicht nennen. Mitgeteilt wird nur ein Umsatzziel: Bis 2028 sollen die digitalen Geschäftsfelder, zu denen Procivis gehört, rund 30 bis 50 Millionen Franken beisteuern. Gemessen am heutigen Umsatz von Orell Füssli entspräche das einem Anteil von 12 bis 20 Prozent.
Dieses Jahr werden die Weichen gestellt
Andy Murphy, Analyst bei der Beratungsfirma Edison Group, sieht im Geschäft mit E-ID einen «potenziellen Wachstumsbeschleuniger» für Orell Füssli. Digitale Identitäten und Nachweise böten Vorteile nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Unternehmen und staatliche Stellen. Sie steigerten die Effizienz von Geschäftsprozessen, was zu sinkenden Kosten und einer wirksameren Bekämpfung von Betrug führe. Noch sei aber schwer abschätzbar, wie erfolgreich Procivis hier operieren werde, schreibt Murphy in einer Unternehmensstudie.
Was hingegen feststeht: Der Markt wächst ziemlich dynamisch. Das Beratungsunternehmen Grand View Research schätzt den Markt für digitale Identitäten für das vergangene Jahr auf 47 Milliarden Dollar, wobei Nordamerika mit 37 Prozent den grössten Anteil hat. Glaubt man den Projektionen von Grand View, wird sich das Geschäftsvolumen bis 2033 auf 135 Milliarden Dollar fast verdreifachen. Das entspräche einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 13 Prozent.
Ob sich die Wachstumserwartungen bewahrheiten, hängt in Europa stark von diesem Jahr ab. Denn 2026 werden wichtige Weichen gestellt. Bis Ende dieses Jahres müssen beispielsweise alle EU-Mitgliedstaaten ihren Bürgern eine digitale Wallet als Smartphone-App verfügbar machen. Und in der Schweiz, wo das Stimmvolk im September das E-ID-Gesetz knapp gutgeheissen hat, können Personen voraussichtlich ab dem 1. Dezember eine E-ID über die offizielle Swiyu-Wallet bestellen.
Noch sind viele Details zum Zeitplan unklar. Doch über kurz oder lang werden immer mehr Bürger über eine digitale Brieftasche verfügen. Das bedeutet: Wer beispielsweise online ein Bankkonto eröffnen will, sich bei einer Polizeikontrolle ausweisen muss oder beim Kauf von Alkohol sein Alter anzugeben hat, kann dies irgendwann mit dem Mobiltelefon tun. Wobei die digitalen Nachweise nicht blosse PDF-Dokumente sind, sondern kryptografisch gesicherte und fälschungssichere Originale.
Der «Bosch» für digitale Identitäten
Die Vertreter von Procivis weibeln momentan quer durch Europa und versuchen, bei möglichst vielen EU-Staaten, die E-ID-Ausschreibungen durchführen, einen Fuss in die Türe zu bekommen. Dies auch mithilfe der Niederlassung in Wien. Dort arbeiten 5 der insgesamt über 30 Angestellten. Das Wiener Büro wurde 2024 gegründet, weil gewisse Ausschreibungen eine Niederlassung im EU-Raum verlangen. Der Geschäftsführer der österreichischen Niederlassung teilt sich zudem mit Heutschi als Co-CEO die Leitung von Procivis.

Daniel Link, CEO von Orell Füssli.
PD
Der Fokus gilt klar der EU. Dabei setzt man auch auf lokale Partner. Wie Daniel Link, der CEO von Orell Füssli, jüngst am Kapitalmarkttag erklärte, sucht man im EU-Raum gezielt den Kontakt mit Unternehmen, die Software an Behörden liefern. Diesen Firmen bietet man an, die E-ID-Ausschreibungen gemeinsam zu tätigen: Procivis liefert dabei die Technologie, also quasi den Motor; und die lokalen Partner übernehmen die Implementierung vor Ort. «Wir möchten der ‹Bosch› im E-ID-Markt sein», sagte Link und zog einen Vergleich zum Autosektor. «Wir sind überall drin, aber man kennt uns nicht überall.»
Das wichtigste Verkaufsargument bei der Partnersuche ist «Procivis One», das Kernprodukt der 2017 gegründeten und 2021 von Orell Füssli übernommenen Firma. Bei dieser 2023 lancierten Software handelt es sich laut Heutschi um eine Komplettlösung für digitale Identitäten und Nachweise. Als komplett wird sie deshalb bezeichnet, weil sie drei Funktionen zugleich anbietet: Die Software kann E-ID ausstellen, diese in einem Wallet aufbewahren und die digitalen Nachweise verifizieren.
Hinzu kommt eine weitere Eigenschaft: Die Software ist interoperabel, sie spricht also gewissermassen mehrere Sprachen und ist kompatibel mit verschiedenen Technologien. Das ist in Europa besonders wichtig. So sollen die digitalen Dienste innerhalb des EU-Raums zwar über die Landesgrenzen hinweg nutzbar sein, doch die Implementierungen unterscheiden sich teilweise von Land zu Land. Die Schweiz hat sich zudem mit ihrem «Swiss Profile» für eine Insellösung entschieden, die zu Beginn nicht kompatibel sein wird mit jener der EU.
«Komplexität wird unterschätzt»
Auf die Frage nach der schärfsten Konkurrenz von Procivis nennt Heutschi deshalb nicht ein Software-Unternehmen, sondern die Idee verschiedener Staaten, alles selbst entwickeln zu wollen. In der EU verfolgen vor allem die grossen Länder ein solches Do-it-yourself. Heutschi beobachtet dies mit Skepsis und sagt: «Die Komplexität der Aufgabe wird teilweise unterschätzt.»
Rolf Rauschenbach ist beim Bundesamt für Justiz zuständig für Fragen zur E-ID und arbeitete früher bei Procivis. Er bestätigt auf Anfrage, dass keine Interoperabilität zwischen der Lösung der Schweiz und jener in EU-Staaten gegeben sei. Wer etwa seinen Führerausweis in der Schweiz digital hinterlegt, wird bei Verkehrskontrollen im EU-Ausland weiterhin seinen bisherigen Ausweis vorweisen müssen. Die Welt der Schweizer E-ID wird zu Beginn noch enge Grenzen haben.
Laut Rauschenbach hat Procivis bei der Erarbeitung der Schweizer Lösung zwar beratend mitgearbeitet. Nachdem die Stimmbevölkerung 2021 beim ersten Anlauf für eine E-ID ein privatwirtschaftliches Modell aber abgelehnt hatte, setzte man beim zweiten und erfolgreichen Versuch auf den Staat als Herausgeber. Für Procivis bedeutete dies, dass man im Inland die eigene Software nicht offerieren konnte. «Technisch hätten wir das problemlos hinbekommen», sagt Heutschi.
Erste Erfolge in Litauen
Ob die E-ID zum Erfolg wird, hängt letztlich vor allem davon ab, ob das Angebot in Anspruch genommen wird. Die EU setzt dabei auf Druck: So sind regulierte Branchen wie Banken, Versicherungen oder Universitäten dazu verpflichtet, die E-ID-Wallet zu akzeptieren. In der Schweiz gibt man sich liberaler und verzichtet auf eine weitreichende Pflicht zur Akzeptanz. Man vertraut darauf, dass das digitale Ökosystem mit der Zeit genug attraktiv wird, damit die Firmen das Angebot auch nutzen.
Ob Orell Füssli im Markt elektronischer Identitäten eine prägende Rolle spielen wird, ist offen. Die bisherigen Erfolge wirken noch überschaubar. Zwar hat Procivis jüngst in Litauen den Zuschlag für den Aufbau einer Testumgebung für E-ID-Aktivitäten erhalten. Von einem Durchbruch kann aber noch keine Rede sein. Die Transformation des analogen Geschäftsmodells in den digitalen Raum steht erst am Anfang. Für das Traditionshaus, das sein Geld im 16. Jahrhundert einst mit Bibeln verdiente, ist es nicht das erste Mal, dass es sich neu erfinden muss.

