Der Tesla-Chef prophezeit der Menschheit den «grossartigen Überfluss»: Die KI-Ökonomie werde alles besser, schneller, billiger erledigen. Doch aus dem Traum könnte auch ein Albtraum werden, sagen Skeptiker. Wer hat recht?
Illustration Dario Veréb / NZZaS
Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Welt, in der KI-Agenten E-Mails beantworten und die Steuererklärung ausfüllen, in der Roboter zu Hause Omeletten wenden und selbstfahrende Autos die Kinder zum Fussballtraining kutschieren. Niemand muss mehr arbeiten, Gewinne gibt es trotzdem. Firmen werden produktiver, die Wirtschaft wächst.
Tesla-Chef Elon Musk nennt diese Vision «amazing abundance», «grossartiger Überfluss».
Musk prophezeit das Ende der Armut
Seine Vision beruht auf einer kühnen Annahme: Das ökonomische Konzept der Knappheit gilt nicht mehr. Die Kosten für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen sinken drastisch. Engpässe bei Produktionsfaktoren wie menschlicher Arbeit verschwinden. Denn die KI schläft nicht, braucht kein Licht zum Arbeiten, wird nicht krank.
Musk ist längst dabei, sein Firmenimperium auf sie auszurichten. Statt Autos lässt er in Tesla-Fabriken humanoide Roboter bauen. Mit seiner Raketenfirma SpaceX will er Rechenzentren im All errichten, um die stromhungrige KI mit Energie zu versorgen.
Im Januar rief Musk am World Economic Forum in Davos das Ende der Armut aus – dank KI: «Irgendwann wird man gar nicht mehr wissen, worum man den Roboter bitten soll. Weil es eine solche Fülle an Gütern und Dienstleistungen geben wird.»
Was Musk als Traum beschreibt, sehen andere als Albtraum. Wie dieser aussehen könnte, skizzierten der US-Unternehmer Alap Shah und das Forschungsteam Citrini Research Ende Februar in einem Essay.
Sie lösten mit ihrem Papier grosse Nervosität aus an den Börsen und in einer Weltwirtschaft, die zurzeit Hunderte Milliarden Dollar pro Jahr in die künstliche Intelligenz pumpt.
Aus dem Überfluss in die Abwärtsspirale
Die Autoren skizzieren in ihrem Bericht ein fiktives Gedankenexperiment für das Jahr 2028. Auch sie prophezeien eine Ära des Überflusses, die über die Zeit jedoch in einer Abwärtsspirale mündet. Statt paradiesischer Zustände entwertet KI menschliches Wissen, führt zu Massenarbeitslosigkeit und untergräbt das alte Wirtschaftssystem.
Die alte Wirtschaft baute darauf auf, dass menschliche Intelligenz knapp ist. Der Arbeitsmarkt belohnte Wissen, Fähigkeiten und Bildung mit mehr Lohn. Der Staat wiederum erhob Steuern, die dann ins Sozialsystem flossen.
Doch in einer Welt, in der KI alles macht, kommen die Produktivitätsgewinne nicht bei den Lohnempfängern an, sondern bleiben bei jenen, welche über die Rechenleistung für die KI-Systeme verfügen. Den Entwicklern der KI-Modelle, den Halbleiterproduzenten, den Bauherren der Datenzentren.
Die KI-Agenten nehmen in diesem pessimistischen Szenario erst Softwareentwicklern das Programmieren oder Finanzberaterinnen das Analysieren von Kennzahlen ab. Dann ersetzen sie ganze Geschäftsmodelle. Preise geraten unter Druck, die Firmen entlassen massenweise Angestellte, ersetzen sie durch KI, investieren Einsparungen wieder in den Ausbau von KI.
Natürlich hat jede Technologie-Welle auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Das nehmen auch die Autoren an. Aber gemäss ihrer Argumentation sind es viel zu wenige.
Es trifft die Gutverdiener, die Wissensarbeiter. Menschen, welche in Ländern wie den USA oder der Schweiz einen grossen Anteil der Erwerbsbevölkerung ausmachen und die Wirtschaft mittragen. Sie müssen nun – so die These – auf schlechter bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor ausweichen. Ihre Löhne sinken. Der Konsum bricht ein. Die Preise zerfallen. Das Schreckgespenst hat einen Namen: Deflation.
Da Firmen mithilfe von KI günstiger Produkte produzieren und Dienstleistungen günstiger anbieten können, produzieren sie mehr davon. Die Preise sinken. Konsumenten kaufen dadurch aber nicht mehr, sondern warten darauf, dass die Güter noch billiger werden. Sie konsumieren weniger, Firmen machen Verluste und müssen Mitarbeitende entlassen. Diese haben keinen Lohn und können weniger Geld ausgeben. Die Preise sinken weiter.
Ein düsteres Bild, das weit weg ist von Elon Musks «grossartigem Überfluss». Doch wer hat recht?
Die menschliche Intelligenz verliert ihren Wert
Reto Föllmi, Professor für Internationale Wirtschaft an der Universität St. Gallen, hält das dystopische Szenario für überzeichnet. Aber auch er sieht Gefahren – vor allem in der sozioökonomischen Instabilität, die mit einem Ende der Knappheit einherginge: «Ein wesentlicher Anker der westlichen Ordnung würde wegbrechen.» Es entstünde eine Gesellschaft, in der breite Schichten nicht mehr aus eigener Kraft am Wirtschaftsleben teilhaben könnten, sagt er. Das Kapital wäre konzentriert, und die meisten Menschen wären darauf angewiesen, dass der Staat sie finanziell unterstützt.
Doch so weit ist es laut Föllmi noch lange nicht. «Das geht niemals so schnell», sagt er. Es sei zwar plausibel, dass gewisse Prozesse in einzelnen Branchen gut automatisierbar seien. Die Wirtschaft sei jedoch viel komplexer. Und sie bestehe schliesslich nicht nur aus leicht automatisierbaren Bereichen wie Softwareentwicklung oder Buchhaltung. Gerade das Gesundheitswesen mache einen grossen Anteil der Wirtschaftsleistung aus und sei weniger anfällig für Substitution durch KI.
Auch die Angst, dass technologischer Fortschritt zu einer Deflationsspirale mit immer weiter fallenden Preisen führt, lässt sich zerstreuen. Entwickelt man Technologie weiter, lassen sich zwar gewisse Dinge über die Zeit besser und günstiger produzieren. Computer oder Kühlschränke zum Beispiel. Doch gegen ein sinkendes Preisniveau haben die Zentralbanken effektive Instrumente. Sie erhöhen die Geldmenge oder senken die Zinsen und sorgen damit für eine stabile Nachfrage, auch wenn Preise für gewisse Produkte wegen technologischen Fortschritts fallen.
«Es geht schneller, als wir je gesehen haben»
Aber nicht nur die Gefahr einer Deflationsspirale durch KI ist überzeichnet. Jan-Egbert Sturm ist Direktor des KOF-Instituts der ETH. Er kritisiert ein zentrales Versäumnis im pessimistischen Citrini-Report: In einer Ära des Überflusses dank KI sänken nicht nur die Löhne, sondern auch Dienstleistungen würden billiger. Er gibt ein Beispiel: Wenn früher eine Person aufgrund ihres tiefen Lohns etwa auf Rechts- oder Gesundheitsberatung verzichten musste, könne sie sich dank KI plötzlich mehr solcher günstiger gewordenen Dienstleistungen leisten. «Relativ betrachtet ist ihr Gehalt gestiegen.» Ökonomisch ausgedrückt: Die Kaufkraft steigt.
Der Blick in die Vergangenheit zeigt, was der KOF-Direktor meint: Vor rund hundert Jahren haben Menschen in der Schweiz fast die Hälfte ihres Geldes für Essen ausgegeben. Heutzutage fallen laut dem Landesindex für Konsumentenpreise nur rund zehn Prozent der Ausgaben auf Nahrungsmittel. Dafür gehen Schweizerinnen und Schweizer ständig in die Ferien. Sturm sagt: «Weil uns der technologische Fortschritt in anderen Bereichen ein real höheres Einkommen verschafft hat, geben wir heute so viel Geld für Ferien aus wie nie zuvor.»
Klar ist auch: Der jetzige technologische Wandel hat eine andere Geschwindigkeit und betrifft andere Bevölkerungsgruppen als vergangene Technologie-Revolutionen. Sturm räumt ein, früher sei eher die Mittelschicht oder die untere Einkommensschicht betroffen gewesen. Jetzt treffe es alle Einkommensschichten. Und: «Es geht schneller, als wir je gesehen haben.»
Worin sind Menschen besser als die KI?
Trotzdem dürfte die Wirtschaft noch lange auf menschliche Arbeitskräfte angewiesen sein. Der Grund? Die Demografie. In europäischen Ländern, aber auch in den USA, Japan oder China geht die Bevölkerungszahl zurück. Die Nachfrage nach Arbeitskräften dürfte nicht so schnell sinken, im Gegenteil.
Der Mensch hat weiterhin komparative Vorteile gegenüber der KI: Im persönlichen Kontakt beispielsweise, in therapeutischen Gesprächen, im Deutschunterricht und bei Ski-Lektionen, Physio-Massagen oder der ärztlichen Behandlung eines ausgerenkten Schultergelenks.
Das betont auch KOF-Direktor Sturm: KI könne vieles leisten. Und vieles vielleicht am besten und am billigsten. Aber sie werde nie alles machen können. Auch die Annahme der Szenarien, dass KI ohne Engpässe verfügbar sein werde, ist laut Sturm wenig plausibel. «Es wird implizit angenommen, dass KI faktisch umsonst ist. Das ist nicht realistisch.» Es werde immer Engpässe geben, etwa bei der Stromversorgung oder der Verfügbarkeit geeigneter Daten.
Elon Musks Vision vom «grossartigen Überfluss» bleibt also vorderhand Utopie. Aber sie zwingt die Welt schon heute zur Beantwortung einer grundlegenden Frage: Was passiert mit Wirtschaft und Gesellschaft, wenn die menschliche Arbeit ihre zentrale Rolle verliert? Sicher ist: Musks «amazing abundance» würde nicht nur den Arbeitsmarkt verändern, sondern das Fundament der heutigen Wirtschaftsordnung.

