Die kleine Insel im Nordatlantik ist geopolitisch wichtig für Europa, die USA und Russland. Jetzt lassen die Drohgebärden aus Washington Island und die EU näher rücken.
Island oder Grönland? Trump verwechselt die Inseln immer wieder und sorgt damit für Unsicherheit in Reykjavik (auf dem Bild).
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Noch in diesem Jahr sollen die Isländerinnen und Isländer darüber entscheiden, ob das Land die Beitrittsgespräche mit der EU wieder aufnimmt. Die Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir ist überzeugt, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Im Interview mit der norwegischen Zeitung «Aftenposten» sagt sie: «Ich denke, wir können viel von der Mitgliedschaft profitieren.»
Es ist nicht das erste Mal, dass Island einen Beitritt in die EU erwägt. Der letzte Anlauf liegt allerdings Jahre zurück. 2015 kam die damalige Regierung zu dem Schluss, dass Islands Interessen ausserhalb der EU besser vertreten seien. Was hat sich also geändert?
Island kontrolliert den Zugang zum Atlantik
Island liegt abgelegen im Nordatlantik, fernab des europäischen Festlandes. Wer vor zehn Jahren an die Insel dachte, dem kamen vermutlich zuerst der schwer auszusprechende Vulkan Eyjafjallajökull und der berüchtigte fermentierte Hai in den Sinn. Inzwischen ist Island jedoch aus ganz anderen Gründen ins internationale Bewusstsein gerückt.
Geopolitisch ist die Lage der Insel interessant, sowohl für Europa als auch die USA und Russland. Um in den Atlantik zu gelangen, müssen U-Boote der russischen Nordflotte die sogenannte Giuk-Lücke passieren. Island befindet sich mitten in diesem strategisch wichtigen Korridor zwischen Grönland und Grossbritannien. Wer die GIUCK-Lücke kontrolliert, bestimmt über den Zugang zum Atlantik – und das ist Island.
Island verfügt über keine eigene Armee und gründet seine Verteidigung auf die Mitgliedschaft in der Nato und ein bilaterales Abkommen mit den USA. Doch seit Donald Trump mit der Annexion Grönlands liebäugelt und gegen Verbündete Zölle verhängt, ist nicht mehr ganz so klar, was die Amerikaner für Europa nun sind: Freund oder Feind? Dass Trump Island und Grönland immer wieder verwechselt und der US-Botschafter in Island darüber scherzt, die Insel zum 52. Bundesstaat der USA zu machen, dürfte in Reykjavik kaum für Beruhigung sorgen.
Gegenüber «Aftenposten» bestreitet Frostadottir zwar, dass Trump der Auslöser dafür war, die EU-Debatte neu aufzurollen. Die Drohgebärden aus Washington dürften dem Anliegen aber neuen Schub verliehen haben. Eine Volksabstimmung darüber, ob Island die Beitrittsverhandlungen wieder aufnehmen soll, war eigentlich für 2027 erwartet worden. Nun könnte es laut «Politico» bereits im August so weit sein.

Kristrun Frostadottir regiert Island seit Dezember 2024.
Thomas Traasdahl / Ritzau Scanpix / Reuters
EU dürfte Island mit offenen Armen empfangen
Anders als in der Schweiz, wo ein EU-Beitritt undenkbar ist, sind die Meinungen in Island noch nicht gemacht. Auch in der Regierung sitzen sowohl EU-Freunde als auch Skeptiker. Frostadottir zeigt sich zuversichtlich, dass zumindest die Volksabstimmung über die Wiederaufnahme der Verhandlungen eine reale Chance hat, angenommen zu werden. Über den Beitritt soll in einem zweiten Schritt abgestimmt werden – sofern ein Abkommen zustande kommt.
Der grösste Streitpunkt in allfälligen Verhandlungen dürfte die Fischerei sein. 2013 scheiterten die Gespräche an genau diesem Thema. Island blieb danach im Europäischen Wirtschaftsraum und profitierte weiter von den EU-Märkten. Gleichzeitig behielt es die Kontrolle über die Fangquoten in seiner Ausschliesslichen Wirtschaftszone. In den letzten Jahren haben sich Brüssel und Reykjavik angenähert. Im Juli 2o25 verabschiedeten sie ein gemeinsames Memorandum, das Überfischung verhindern soll.
Sollten sich die Isländerinnen und Isländer auf den Prozess einlassen, könnte es schnell gehen. Anders als bei den letzten Verhandlungen, die unmittelbar nach der Finanzkrise erfolgten, steht die Insel heute mit dem weltweit fünfthöchsten Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt wirtschaftlich gut da. Frostadottir sagte zu «Aftenposten»: «Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu erkunden, was wir erreichen können.» Die meisten EU-Mitgliedsstaaten dürften Island mit offenen Armen empfangen.

