Nigel Inkster war Director of Operations beim MI6 und verfolgt Chinas technologischen Aufstieg bis heute eng. Er sagt, das Land sei heute bei der Geheimdienstarbeit versierter als seine westlichen Rivalen.
«Es ergibt keinen Sinn, kritische Kommunikationsinfrastruktur von einem Staat dominieren zu lassen, der einem ideologisch feindlich gesinnt ist», sagt Nigel Inkster mit Blick auf westliche Staaten, die bei ihren 5-G-Netzwerken auf die chinesische Firma Huawei setzen.
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Nigel Inkster beschäftigt sich seit über fünfzig Jahren mit China und seinem technologischen Aufstieg. Zuerst verfolgte er China 31 Jahre lang als Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes MI6, wo er 2006 als Vizechef und Director of Operations and Intelligence in den Ruhestand ging. Seither verfolgt er China unter anderem als Cybersicherheitsexperte für die britische Denkfabrik International Institute for Strategic Studies.
Während seiner Laufbahn verfolgte Inkster mit, wie China dem technologischen Fortschritt immer mehr Priorität einräumte. Er stand Chinas Aufstieg schon kritisch gegenüber, als die meisten westlichen Beobachter in dem Land nichts ausser wirtschaftliche Möglichkeiten sahen. Heute sieht Inkster China dem grossen Rivalen USA bei zahlreichen Schlüsseltechnologien immer näher kommen – und betont Chinas Vorteile im Grossmachtwettstreit.

Herr Inkster, wer wird den Technologiekonflikt gewinnen?
Im Moment ist es unmöglich, von künftigen Gewinnern und Verlierern zu sprechen. Aber die USA und China befinden sich auf jeden Fall in einem Wettlauf um technologische Dominanz. Beide Seiten wollen sich bei Zukunftstechnologien einen strategischen Vorteil und damit politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Einfluss sichern. Beide wollen Technologien entwickeln, von denen andere abhängig sind.
Wo steht China bei diesen Zukunftstechnologien?
Bei künstlicher Intelligenz (KI) kann China nicht mit der enormen Rechenleistung amerikanischer Unternehmen wie Google und Open AI mithalten. 70 Prozent der weltweiten Rechenleistung liegen in den USA, nur 10 Prozent in China. Dazu kommt, dass China grosse Probleme hat bei der Herstellung von KI-Computerchips. Aber bis jetzt finden die chinesischen Ingenieure immer wieder Mittel und Wege, um KI zu entwickeln, die einigermassen mithalten kann.
Wie sieht es im Bereich Quantencomputer aus?
Es ist schwierig, China richtig einzuschätzen. Um das Thema existieren gleichzeitig ein grosser Hype und eine grosse Geheimhaltung. Nach allem, was ich weiss, haben die Chinesen grosse Fortschritte bei Quantencomputern und besonders bei Quantenverschlüsselung erzielt.
Wo steht China im Bereich Biotechnologie?
Hier ist China sehr stark. Und es setzt seine Fähigkeiten teilweise für besorgniserregende Dinge ein. Die chinesische Volksbefreiungsarmee forscht zum Beispiel daran, die Durchhaltefähigkeit ihrer Soldaten zu erhöhen. Gleichzeitig wird China immer stärker in der Biotechnologie, die für friedliche Zwecke eingesetzt wird. Das Land spielt eine dominante Rolle im Pharmabereich.
Wo ist China noch dominant?
Ganz sicher im Bereich erneuerbare Technologien. Bei Solarpaneelen, Elektroautos, Batterien . . . Diese Technologien dienten China auch dazu, sich über die Jahre zu einer industriellen Supermacht zu entwickeln.
Beim britischen Geheimdienst MI6 haben Sie Chinas Entwicklung über dreissig Jahre lang verfolgt. Hat Technologie in Chinas Plan, eine Supermacht zu werden, schon immer eine so zentrale Rolle gespielt?
Absolut, für China war Technologie schon immer ein Mittel zur Macht. Der Fokus auf technologischen Fortschritt zieht sich durch die Geschichte des modernen China der vergangenen 175 Jahre. Zuerst ging es darum, die westlichen Industriemächte einzuholen – und dann darum, sie zu überholen.
Gibt es in der Geschichte der Volksrepublik China einen Schlüsselmoment, in dem der Fokus auf technologischen Fortschritt besonders offensichtlich ist?
Maos desaströser «Grosser Sprung nach vorn», mit dem er Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die industrielle Entwicklung Chinas befeuern wollte, hatte im Grunde ja technologischen Fortschritt zum Ziel. Und tatsächlich schafften es die Chinesen in der Zeit, Atomwaffen und ballistische Raketen zu entwickeln. Ab dem Ende der Kulturrevolution 1976 und mit der Machtübernahme von Deng Xiaoping wurde Technologie dann richtig Priorität eingeräumt. Der endgültige Katalysator der chinesischen Entwicklung war aber wohl das Internet. Das hat die wirtschaftlichen und technologischen Fähigkeiten Chinas enorm befeuert – ebenso wie die Spionagefähigkeiten.
Wann haben die chinesischen Machthaber entschieden, dass sie die Technologiemacht Nummer eins werden wollen?
Xi Jinpings Machtübernahme Ende 2012 war diesbezüglich ein Wendepunkt. Bis dahin war China international relativ vorsichtig und zurückhaltend aufgetreten. Mit Xi änderte sich das. 2015 verkündete er die Initiative «Made in China 2025», in der Chinas Technologie-Ambitionen erstmals deutlich formuliert waren. Zur selben Zeit reifte innerhalb der Kommunistischen Partei die Überzeugung heran, China befinde sich im Aufstieg und der Westen im Niedergang. Damit einher geht der Glaube, das 21. Jahrhundert werde Chinas Jahrhundert. Ein essenzieller Bestandteil dieser Überzeugung ist es, die dominante Technologiemacht zu werden.
Wann realisierten die USA, dass ihre technologische Vorherrschaft bedroht ist?
Diese Einsicht kam erst nach und nach. Im Westen war man in den frühen 2010er Jahren nur auf die Geschäftsmöglichkeiten fokussiert, die sich in China boten. Man war zwar über Chinas Industriespionage und den Diebstahl von geistigem Eigentum besorgt. Aber nur wenige Beobachter, zu denen ich mich zähle, erkannten damals Chinas übergeordnetes Ziel.
Erklären Sie es uns.
China nutzte seine Fähigkeiten im Cyberbereich von Anfang an dazu, seinen wirtschaftlichen Aufstieg zu beschleunigen und international an Macht zu gewinnen. Die Industriespionage wurde und wird staatlich unterstützt. Der amerikanische Präsident Obama hatte 2016 versucht, Xi dazu zu bringen, die Cyberspionage zurückzufahren. Erst als dieser Versuch scheiterte und der chinesische Technologiekonzern Huawei beim 5G-Mobilfunkstandard vorpreschte, setzte in den USA ein Umdenken ein.
Huawei war das erste Unternehmen der Welt, das Infrastruktur für 5G baute.
Ja, da realisierten die Amerikaner: China kann Dinge, die wir nicht können.
Die amerikanische Reaktion auf Huaweis 5G bestand darin, zu behaupten, Huawei-Equipment sei möglicherweise mit Hintertüren versehen, die der chinesische Staat für Spionage nutzen könnte. Haben Sie jemals Beweise gesehen, die diese Behauptung stützen?
Für mich ging es bei der Diskussion vor allem um folgendes Argument: Es ergibt keinen Sinn, kritische Kommunikationsinfrastruktur von einem Staat dominieren zu lassen, der einem ideologisch feindlich gesinnt ist. Anfang der 2000er Jahre, als ich noch beim MI6 war, kamen Verantwortliche von British Telecommunications auf mich zu und sagten, sie wollten Huawei-Komponenten für ihre 3G-Netzwerke nutzen, weil das die billigste Lösung sei.
Wie haben Sie reagiert?
Ich habe die Verantwortlichen gefragt: «Seid ihr völlig durchgeknallt?» Britische Unternehmen und die Regierung kümmerte das jedoch wenig. Sie waren trotzdem noch lange willens, Huawei-Komponenten im heimischen 5G-Netzwerk zu verbauen.
Sie sprachen die chinesischen Cyberspionage-Kampagnen an. Und schon vor drei Jahren schrieben Sie, Chinas Geheimdienste seien den westlichen in Sachen Informationsbeschaffung voraus. Ist das immer noch so?
Heute habe ich einen gemischten Eindruck. China ist gut darin, westliche Firmen und Organisationen zu hacken. Zudem schaffen es die Chinesen immer wieder, naive Westler für sich zu rekrutieren. Und auf jeden Fall ist es für das autoritäre China einfacher, in den offenen Gesellschaften des Westens Informationen zu beschaffen, als umgekehrt.
Warum?
In einem autoritären Staat ist die Überwachung dermassen gross, dass es schwierig ist, unentdeckt zu operieren. Chinas Städte sind quasi virtuelle Gefängnisse, in denen alles überwacht wird mittels Kameras und anderer Technologien. In liberalen Demokratien wird viel weniger überwacht. Das macht es einfacher, im Verborgenen zu operieren.
Ist das Chinas einziger Vorteil?
Nein. China kann zum Beispiel, anders als etwa die USA oder Grossbritannien, seine international tätigen Firmen dazu zwingen, Geheimdienstagenten einzustellen und diesen so eine glaubwürdige Tarnung zu verschaffen. In diesen Bereichen haben chinesische Geheimdienste also einen beträchtlichen Vorteil.
Warum ist Ihr Eindruck von den chinesischen Fähigkeiten dennoch gemischt?
China hat dasselbe Problem wie alle autoritären, von einer bestimmten Ideologie dominierten Staaten. Als Geheimdienstler gehört es zu Ihren Aufgaben, Politikern Dinge zu sagen, die sie wissen müssen, aber nicht hören wollen. Schon in einer Demokratie ist dieser Job anspruchsvoll. In einem autoritären, ideologisch getriebenen System ist diese Aufgabe aber um ein Vielfaches schwieriger. Dieses Problem hat auch dazu beigetragen, dass China beispielsweise vom russischen Angriff auf die Ukraine überrascht wurde.
Im Dezember hielt die neue MI6-Chefin eine Rede und sagte, Technologie verändere in rasantem Tempo nicht nur unsere Fähigkeiten, sondern auch Konflikte und Vertrauen, Wahrheit und Macht. Ist China grundsätzlich besser darin, Technologie für seine Zwecke zu nutzen?
Ja. China ist ein zentralisierter Einparteistaat. Die Machthaber können alle verfügbaren technologischen Fähigkeiten darauf verwenden, langfristige Strategien zu verfolgen und Ziele zu erreichen, ohne dabei auf politische Komplikationen Rücksicht nehmen zu müssen. Westliche Demokratien müssen anders vorgehen und sind weniger gut darin, langfristige strategische Ziele zu verfolgen.
Was ist die grösste technologische Bedrohung, die derzeit von China ausgeht?
Es ist kaum möglich, eine einzelne Technologie hervorzuheben. Aber ich weiss, dass chinesische Militärstrategen schon lange von einer Art Killer-Technologie reden, die gegnerischen Fähigkeiten so überlegen wäre, dass sie jeden Konflikt zu Chinas Gunsten entscheiden könnte. Doch so eine Technologie gibt es bis jetzt nicht. Ich bezweifle ohnehin, dass sie entwickelt werden kann, und halte die Idee für gefährlich.
Eine allgemeine künstliche Intelligenz könnte so eine Technologie sein.
Krieg ist chaotisch, unübersichtlich. Die Kriegsparteien müssen sich ständig neuen Gegebenheiten anpassen. Selbst wenn auf dem Schlachtfeld immer bessere Technologien angewandt werden: Die Unberechenbarkeit wird bestehen bleiben. Allgemeine künstliche Intelligenz ist vielleicht die beste Chance, Krieg dereinst berechenbar zu machen, aber zuerst müsste so eine Intelligenz überhaupt erst entwickelt werden.
Wird der Wettlauf um technologische Dominanz zwischen den USA und China am Ende auch den allgemeinen Grossmachtwettstreit zwischen den beiden entscheiden?
Mit meinem beruflichen Hintergrund hüte ich mich davor, genaue Prognosen abzugeben. Es ist kaum je möglich, vorherzusagen, in welche Richtung sich eine Technologie entwickeln wird. Das zeigen ja gerade die Diskussionen darüber, wie nah oder fern wir derzeit allgemeiner künstlicher Intelligenz sind. Wir wissen es schlicht nicht. Sie können nie vorhersehen, wann ein Durchbruch, eine Innovation alles auf den Kopf stellen wird.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

