Der Rohstoff Erdöl hat sich wegen des Iran-Krieges deutlich verteuert. Das spüren nun auch die Konsumenten in der Schweiz.
Schweizer Autofahrer müssen mit höheren Kosten pro Tankfüllung rechnen.
Christian Beutler / Keystone
Die Tankstelle im Raum Winterthur ist ein Beispiel unter vielen. Am Dienstagmorgen mussten die Autofahrer dort sieben Rappen pro Liter Bleifrei 95 mehr bezahlen als am Vortag. Das sei wegen des Kriegs in Iran, sagt der Tankstellenbetreiber im Gespräch. Die Preise an den Zapfsäulen würden jeweils automatisch von der Zentrale angepasst.
Die Preiserhöhungen sind in der Schweiz allerdings noch kein Massenphänomen. Während einige Tankstellen die Benzinpreise nach oben angepasst haben, sind die Notierungen bei anderen Anbietern konstant. Das zeigt der Benzinpreis-Radar des Touringclubs Schweiz (TCS), der die Preisentwicklung an Tankstellen in der Schweiz verfolgt.
Entsprechend hat sich der schweizweite Durchschnittspreis für einen Liter Bleifrei oder Diesel laut den TCS-Daten noch kaum erhöht. Derzeit kostet Bleifrei 95 im Durchschnitt 1.67 Franken. Aber die Preisanpassungen werden womöglich noch kommen.
Einige Rappen mehr
Der TCS erwartet, dass die Treibstoffpreise in den nächsten Tagen um einige Rappen steigen werden, wie ein Sprecher auf Anfrage erklärt. Eine exakte Prognose sei jedoch schwierig. Die Preiserhöhungen könnten auch schubweise stattfinden. Das sei beim Ausbruch des Ukraine-Krieges im Jahr 2022 zu beobachten gewesen, als die Preise während einiger Wochen mehrmals stark gestiegen seien.
Klar ist: Der Iran-Krieg hat sich deutlich auf den Preis von Erdöl ausgewirkt – also den Rohstoff, aus dem Benzin, Diesel und andere Produkte wie Heizöl hergestellt werden. Am Dienstag stieg der Weltmarktpreis für ein Fass der europäischen Sorte Brent auf über 84 Dollar. Das ist rund 15 Prozent mehr als am vergangenen Freitag vor dem Ausbruch des Iran-Krieges.
Die Marktteilnehmer erwarten, dass der Krieg das Angebot an Erdöl verknappt. Wegen des Konflikts ist seit einigen Tagen die Strasse von Hormuz blockiert, durch die üblicherweise rund 20 Prozent der weltweiten Erdöltransporte geht.
Verzögerte Anpassungen
Die Erfahrung zeigt, dass sich ein Anstieg des Erdölpreises verzögert an den Zapfsäulen auswirkt. Meist dauert es einige Tage oder Wochen, bis die Tankstellenbetreiber die höheren Einkaufspreise spüren und diese an die Autofahrer weitergeben. Zudem gibt es einen dämpfenden Effekt: Preisschwankungen beim Erdöl schlagen sich nicht voll auf die Benzinpreise durch.
Dies liegt daran, dass die Benzinpreise in der Schweiz von vielen Faktoren abhängen. Rund die Hälfte der Treibstoffpreise besteht aus staatlichen Steuern und Abgaben wie der Mineralölsteuer oder der Mehrwertsteuer – und diese bleiben über lange Zeit konstant. Dazu kommen die Kosten für den Vertrieb und die Margen der Tankstellenbetreiber. Kurzfristig schwankt nur ein Teil des Benzin- und des Dieselpreises. Der wichtigste Einflussfaktor ist der Weltmarktpreis für den Rohstoff Erdöl. Aber auch der Franken-Dollar-Wechselkurs spielt eine Rolle, denn Erdöl wird in Dollar gehandelt.
Benzin immer noch relativ günstig
Laut einer internationalen Übersichtsstudie aus dem Jahr 2022 bewirkt eine Erhöhung des Erdölpreises um 10 Prozent in westlichen Ländern typischerweise einen Anstieg der Benzin- und Dieselpreise um 3 bis 4 Prozent. Diese Grössenordnung dürfte laut der Studie auch für die Schweiz realistisch sein.
Das heisst: Falls der Erdölpreis in den nächsten Wochen dauerhaft auf dem gegenwärtig erhöhten Niveau bleiben sollte, müssen die Schweizer Autofahrer wohl mit einem Anstieg des Benzinpreises (Bleifrei 95) von durchschnittlich 1.67 Franken pro Liter auf geschätzte 1.74 bis 1.77 Franken rechnen.
Ein solcher Preisanstieg wäre jedoch immer noch moderat, wie ein längerfristiger Vergleich zeigt. In den vergangenen Jahren lagen die Treibstoffpreise in der Schweiz fast durchgängig auf einem höheren Niveau. Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges etwa mussten die Autofahrer bis zu 2.25 Franken für einen Liter Bleifrei 95 bezahlen.
Starker Anstieg des Preises für Heizöl
Direkter spürbar werden die Folgen der Erdölpreis-Hausse beim Heizöl, das nach wie vor viele Schweizer Haushalte fürs Heizen brauchen. Der Heizölpreis hat rasch reagiert: Er ist seit dem Wochenende um 20 Prozent gestiegen von rund 100 Franken auf 120 Franken pro 100 Liter, wie Daten des Branchendienstes Heizöl 24 zeigen.
Dieser durchschlagende Effekt liegt daran, dass der Rohstoff Erdöl beim Heizöl einen grösseren Anteil am Endpreis ausmacht als beim Benzin. Da in weiten Teilen der Schweiz milde Temperaturen herrschen, können die Hausbesitzer aber mit dem Auffüllen des Öltanks noch warten.
Wie sich die Benzin- und Heizölpreise in den kommenden Wochen entwickeln werden, hängt massgeblich vom weiteren Verlauf des Krieges ab. Falls die Kämpfe innerhalb eines Monates wieder aufhören sollten, wie dies US-Präsident Trump ursprünglich in Aussicht gestellt hatte, dürfte der Erdölpreis rasch wieder sinken.
Anders sähe es bei einer Eskalation aus. Im Fall einer andauernden Sperre der Strasse von Hormuz geht beispielsweise die Genfer Privatbank Lombard Odier von einem Anstieg des Erdölpreises um 50 Dollar pro Fass aus. Ein solcher Preisschock wäre zweifellos auch an den Schweizer Zapfsäulen zu spüren.

