«Hilfe ist gekommen»: Israel und die USA schicken Nachrichten auf iranische Smartphones


Israel und die USA führen den Krieg gegen Iran auch mit Cyberangriffen. Sie dienen vor allem der psychologischen Kriegsführung. Über die militärischen Attacken ist erst wenig bekannt.


Cyberangriffe mit dem Ziel, die Bevölkerung zu beeinflussen: Bild des getöteten Führers Ayatollah Ali Khamenei in Teheran am 2. März.

Fatemeh Bahrami / Imago

Der Angriff auf Iran fand am Samstagmorgen nicht nur mit Raketen statt. Fast gleichzeitig mit den ersten Einschlägen begann auch eine Operation im Informationsraum. In der populären Smartphone-App Badesaba, welche Gläubigen die genauen Gebetszeiten anzeigt, blinkten ab 9 Uhr 52 (iranische Zeit) millionenfach Push-Nachrichten auf mit politischen Nachrichten wie «Hilfe ist gekommen» sowie mit Aufrufen an die Streitkräfte, die Waffen niederzulegen.

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Ähnliche subversive Botschaften sollen auch auf den Websites verschiedener Medien sowie der staatlichen Nachrichtenagentur Irna aufgetaucht sein. Teilweise seien News-Seiten und Onlinedienste der Behörden aufgrund von Cyberangriffen ausgefallen. Es dürfte sich um israelisch-amerikanische Aktionen der psychologischen Kriegsführung gehandelt haben. Das zeigt die zeitliche Koordination mit den Luftangriffen.

Das Verschicken von Push-Nachrichten über Badesaba sei eine herausragende Aktion, sagt Lukasz Olejnik, Forscher am King’s College in London. Das Vorgehen sei viel wirksamer als das Abwerfen von Flugblättern, wie das früher gemacht wurde. Die Botschaft werde über einen Kanal versendet, der hohes Vertrauen geniesse, häufig genutzt werde und in den Alltag eingebettet sei, sagt Olejnik. Das verleihe ihr grosse Glaubwürdigkeit. Ihm sei bisher keine derartige Aktion bekannt gewesen.

Iran kappt den Datenverkehr ins Ausland

Das genaue Ausmass der Informationsoperationen lässt sich nur schwer abschätzen. Denn am Samstagmorgen ab 10 Uhr 36 (iranische Zeit) ist auch der internationale Datenverkehr Irans weitgehend ausgefallen. Offensichtlich hat das Regime die Verbindung zum Internet gekappt, wie bereits im Januar, als die Sicherheitskräfte in der Folge Massenproteste blutig niederschlugen. Damit können die Machthaber die Kommunikation von Regimegegnern oder Spionen erschweren, die einheimische Bevölkerung von Nachrichten aus dem Ausland abschirmen und israelisch-amerikanische Cyberoperationen behindern.

Wie der Analyst Doug Madory vom Internet-Monitoring-Dienst Kentik schreibt, gibt es weiterhin einzelne Nutzer, die sich mit dem Internet verbinden können. Dabei handelt es sich vermutlich um iranische Behörden oder regimetreue Personen, wie etwa die Nachrichtenagentur Irna, die auf X weiterhin Posts absetzt. Dadurch lassen sich die eigenen Sichtweisen weiterhin in die Welt transportieren. Auch Cyberangriffe gegen westliche Ziele sind weiterhin möglich.

Die USA hatten bereits zuvor Irans Flugabwehr gestört

Israel und die USA setzen ihre Fähigkeiten im Cyberraum nicht nur für Informationsoperationen ein. Sie führen auch elektronische Operationen gegen militärische Einrichtungen in Iran durch, zur Vorbereitung und zum Schutz der Luftangriffe. Das könnten zum Beispiel Cyberangriffe oder Überwachungsaktionen zur Aufklärung von Zielen sein, elektromagnetische Störaktionen gegen Radareinrichtungen oder Cyberangriffe gegen die militärischen Führungs- und Kommunikationssysteme.

Am Montag sprach der amerikanische General Dan Caine davon, dass das Cyber- und das Weltraumkommando erfolgreich die Kommunikation und Sensoren der Iraner gestört hätten. Der Gegner sei nicht mehr in der Lage gewesen, «zu erkennen, zu koordinieren oder wirksam zu reagieren».

Als im vergangenen Juni im sogenannten Zwölf-Tage-Krieg Israel und die USA das erste Mal umfangreiche Luftangriffe gegen Iran flogen, spielten Cyberaktionen eine wichtige Rolle. Wie die Online-Plattform «The Record» kürzlich bekanntmachte, soll das Cyberkommando der amerikanischen Armee damals mitgeholfen haben, die iranischen Flugabwehrsysteme zu stören. Dabei wurde offensichtlich nicht das Kernstück des militärischen Systems angegriffen, sondern Kommunikationskomponenten, die weniger gut geschützt waren – was einen Angriff vereinfacht.

Wie die verschiedenen militärischen Fähigkeiten ineinandergreifen, zeigt der Blick nach Venezuela. Bei der amerikanischen Militäraktion Anfang Januar in Caracas, die zur Ergreifung des Diktators Nicolás Maduro führte, war die Rede von Cyberangriffen, die zum Ausfall der Stromversorgung geführt hätten. Allerdings gehen Experten laut «Cyberscoop» davon aus, dass es sich dabei nicht um eine reine Cyberoperation gehandelt hat, sondern um eine Kombination verschiedener Mittel. So liesse sich zum Beispiel die Stromversorgung mittels einer Cyberattacke kurzzeitig stören, worauf ein Raketenangriff die Energieinfrastruktur physisch beschädigen könnte, um mehr Zeit zu gewinnen.

Die amerikanischen Militäreinsätze in Iran und Venezuela zeigen, wie Cyberaktionen in der Kriegsführung zum Einsatz kommen: zur Störung militärischer Einrichtungen und zur Beeinflussung der Bevölkerung. Sie dienen zur Unterstützung der Einsätze oder verstärken ihre Effekte. Cyberangriffe sind ein integraler Bestandteil militärischer Operationen geworden.


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