Artikel aus “Der Nebenwerte Investor” Ausgabe 05/2026 vom 25.02.2026
Aktien in dieser Ausgabe: Ionos, Nemetschek, Secunet Security Networks
Secunet Security Networks schützt kritische Infrastruktur – mit und gegen KI
Die besondere Stellung von secunet ergibt sich aus der Kombination von technologischer Spezialisierung, regulatorischem Know-how und engen Beziehungen zum öffentlichen Sektor.
In den vergangenen Jahren konnte secunet ein kontinuierliches Wachstum erzielen. Im Geschäftsjahr 2024 überschritt der Umsatz erstmals die Marke von 400 Mio. Euro und für 2025 wurden bereits 458 Mio. Euro verbucht – der zwölfte Umsatzrekord in Folge. Und auch das Ergebnis vor Zinsen und Steuern wuchs um beeindruckende 22%. Diese starke Entwicklung unterstreicht die strukturelle Nachfrage nach Cybersicherheitslösungen, insbesondere im staatlichen Umfeld.
Kernlogik: Hochsichere IT für kritische Umgebungen
Das Geschäftsmodell von secunet basiert auf der Entwicklung, Integration und dem Betrieb von IT-Sicherheitslösungen für besonders schützenswerte Infrastrukturen. Anders als viele reine Softwareanbieter positioniert sich secunet als
- Hersteller sicherheitszertifizierter Produkte
- Systemintegrator komplexer Sicherheitsarchitekturen
- Beratungs- und Implementierungspartner
- langfristiger Betriebs- und Serviceprovider
Der Schwerpunkt liegt auf Umgebungen mit hohen regulatorischen Anforderungen, etwa Behörden, Verteidigung, kritische Infrastruktur und Gesundheitswesen. Zentral ist dabei die Fähigkeit, Lösungen zu liefern, die den strengen Anforderungen des deutschen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) entsprechen. Diese Zertifizierungs- und Vertrauensbarriere stellt eine wichtige Eintrittshürde für Wettbewerber dar.
Secunet verdient sein Geld hauptsächlich auf zwei Arten. Im Produktgeschäft über seine SINA-Plattform, also sichere Netzwerke und Workstations, Kryptografielösungen, eHealth-Infrastruktur sowie sichere Cloud- und Kommunikationslösungen. Begleitend ist secunet als Dienstleister aktiv durch Beratung, Integration, Wartung und Support sowie Managed Security Services.
Die Kombination aus Produktverkauf und wiederkehrenden Serviceleistungen sorgt für relativ stabile Erlösströme, wobei das Projektgeschäft weiterhin eine bedeutende Rolle spielt.
Die öffentliche Hand als Vorzeigekunde
Ein wesentliches Merkmal des Geschäftsmodells ist die starke Verankerung im öffentlichen Sektor, der entsprechend den Löwenanteil zum Umsatz beisteuert.
Diese Struktur bringt zwei gegenläufige Effekte. Vorteile bieten hohe Eintrittsbarrieren, langfristige Verträge, eine hohe Zahlungsfähigkeit der Kunden und die politische Priorität für Cybersecurity. Auf der Gegenseite wird so eine hohe Abhängigkeit vom Staat erzeugt mit entsprechenden Budgetzyklen und politische Risiken sowie damit einhergehend einer begrenzten Skalierungsgeschwindigkeit.
Secunet berichtet im Wesentlichen über zwei Segmente und neben dem bisher dominierenden Public Sector gewinnt der Business Sector zunehmend an Bedeutung. Der Public Sector umfasst Bundesministerien, Sicherheitsbehörden, Verteidigungsinstitutionen sowie internationale Regierungsorganisationen. Die Nachfrage wird vor allem durch staatliche Digitalisierungs- und Sicherheitsprogramme getrieben.
Innerhalb des Public Sector sind mehrere Domänen relevant. Im Bereich Defence & Space geht es primär um militärische Kommunikationssicherheit, geschützte Netzwerke und kryptografische Lösungen. Bei Homeland Security dominieren die Themen Grenzkontrolle, Identitätsmanagement sowie sichere Behördenkommunikation. Und die SINA-Produktfamilie ist das technologische Rückgrat vieler Behördenlösungen und bildet für secunet somit einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil.
Ein Paradebeispiel für sie Vielschichtigkeit von Cyberattacken bietet der Angriff auf den Berliner Flughafen im September 2025. Dabei traf es die RTX-Tochter Collins Aerospace, die deren Muse-Software an mehr als 100 Flughäfen weltweit im Einsatz ist. Ein erfolgreicher Angriff auf diesen zentralen Knotenpunkt paralysiert nicht nur einen, sondern dutzende Flughäfen gleichzeitig. Die wirtschaftlichen Kosten sind immens durch Flugverspätungen, Stornierungen, entgangene Einnahmen für Airlines und Flughafenbetreiber, Reputationsschäden. Vor allem aber trat das Problem „in time“ auf und sorgte für viele betroffene Kunden. Und wie bei einer wehrhaften Trutzburg mit hohen Mauern reicht auch heutzutage den Angreifern ein einziges unverschlossenes Nebentor. Die Sicherung kritischer Infrastruktur gegen Cyberangriffe wird daher zur Priorität für Regierungen, Regulatoren und Unternehmen.
Der Druck ist immens und so bietet der Public Sector für secunet hohe Planbarkeit, starke Markteintrittsbarrieren für Wettbewerber und strukturelles Wachstum. Gleichzeitig begrenzt die starke Konzentration die Diversifikation des Unternehmens.
Der Privatbereich als zentraler Wachstumstreiber
Auch deshalb baut secunet den Business Sector gezielt als zweites Standbein aus. Dieses Segment adressiert vor allem das Gesundheitswesen, die Industrie, aber auch ausgewählte Privatkunden. Im Vergleich zum Public Sector ist dieses Segment deutlich kleiner, wächst aber dynamisch.
Ein zentraler Bestandteil des Business-Segments ist das eHealth-Geschäft, insbesondere im Kontext der Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitswesen. Hier liefert secunet unter anderem Konnektoren, sichere Netzanbindung, Identitätslösungen sowie Infrastrukturkomponenten. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens bleibt ein langfristiger struktureller Wachstumstreiber. Daneben bietet secunet industrielle Sicherheitslösungen, wie sichere Cloud-Architekturen und berät Kunden im Bereich kritischer Infrastrukturen.
Dieses Geschäft hat grundsätzlich höhere Skalierungspotenziale als das Behördenumfeld, ist aber auch wettbewerbsintensiver.
Erfolgreicher Wachstumspfad
Secunet konnte über Jahre hinweg ein bemerkenswert stetiges Wachstum erzielen. Der Umsatzanstieg auf über 400 Mio. Euro im Jahr 2024 markiert einen wichtigen Meilenstein.
Treiber waren vor allem souveräne Digitalisierung, steigende Cyberbedrohungen, der Ausbau des SINA-Portfolios und die Nachfrage nach Cloud-Security. Und diese Trends haben sich 2025 nicht nur fortgesetzt, sondern noch beschleunigt.
Ende Januar wurden vorläufige Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr veröffentlicht. Danach stieg der Konzernumsatz um 13% auf 458,8 Mio. Euro und das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) erhöhte sich überproportional um 22% auf 51,7 Mio. Euro, während das EBITDA mit 74,9 Mio. Euro 24% über dem Vorjahr lag.
Erfreulicherweise gab es hohes Umsatzwachstum in beiden Segmenten zu verzeichnen, doch der Anstieg des Konzernumsatzes ging auch im vergangenen Jahr vor allem auf das Segment Public Sector zurück. Hier erhöhte sich der Umsatz in 2025 um 11% auf 412,2 Mio. Euro und innerhalb des Segments war es vor allem die Division Defence&Space, die mit hohen zweistelligen Zuwachsraten ihren Anteil am Gesamtjahreserfolg ausbauen konnte und nun bereits rund ein Drittel zum Konzernumsatz beiträgt.
Eine vergleichbar positive Dynamik zeigte sich auch in der Division Homeland Security, während die Division Public Authorities von dem erst im Spätherbst beschlossenen Bundeshaushalt temporär negativ beeinträchtig war. Zum Jahresende zeigt sich in der Division wieder eine stärkere Entwicklung. Ebenfalls erfreulich entwickelte sich das Geschäft mit Industriekunden und im Gesundheitssektor. Hier stieg der Umsatz im entsprechenden Segment Business Sector um 27% auf 46,6 Mio. Euro.
Das operative Ergebnis (EBIT) im erhöhte sich in 2025 um 22% auf 51,7 Mio. Euro, während ein um 25$ höheres EBITDA von 74,9 Mio. Euro erreicht wurde. Dies hatte auch einen positiven Effekt auf die Margenentwicklung: So stieg die EBITDA-Marge in 2025 von 14,3 % auf 16,3% und die EBIT-Marge von 10,5% auf 11,3%.
Der Auftragseingang verzeichnete im 2025er Schlussquartal einen neuen Rekordwert und stieg insgesamt in 2025 um 26% und erreichte zum Jahresende einen Wert von 531,9 Mio. Euro, wobei alleine das vierte Quartal neue Aufträge von 218,0 Mio. Euro beisteuerte. Dies entspricht einem Anstieg gegenüber dem Vorjahresquartal von 71,5 %. Gegenüber dem 2024er Schlussquartal war dies eine Verbesserung von 71,5%. Folgerichtig erhöhte sich der Auftragsbestand zum 31. Dezember 2025 um 36% auf 278,3 Mio. Euro.
Secunet-CEO Marc-Julian Siewert zeigte sich sichtlich erfreut: “Dank einer sehr starken Entwicklung im vierten Quartal konnten wir das Jahr am oberen Ende unserer Prognose abschließen. Das ist ein toller Erfolg“. Und auch “für dieses Jahr sind wir weiter optimistisch und erwarten einen Anstieg sowohl beim Konzernumsatz wie auch bei unserem Ergebnis“.
Dynamische Jahresprognose
Für das Geschäftsjahr 2026 geht der Vorstand von einem weiteren Wachstum aus. Die wesentlichen Treiber des Marktes sind intakt, was sich nicht zuletzt an der dynamischen Entwicklung des Auftragseingangs im abgelaufenen Geschäftsjahr zeigt. Entsprechend erwartet der Vorstand für das laufende Geschäftsjahr einen Anstieg des Konzernumsatzes auf 460 bis 500 Mio. Euro und einer ähnlich positiven Ergebnisentwicklung mit einem EBITDA zwischen 76 und 84 Mio. Euro und einem EBIT zwischen 53 und 58 Mio. Euro.
KI als größter Chance- und Risikofaktor
Secunet investiert zunehmend in Cloud-Security, Post-Quantum-Kryptografie und souveräne IT-Infrastrukturen. Dabei wird gerade Post-Quantum-Kryptografie wird als zukünftiger Schlüsselmarkt gesehen, da klassische Verschlüsselungsverfahren langfristig durch Quantencomputer angreifbar werden könnten.
Dabei ist KI für secunet ein zweischneidiges Schwert, das richtig eingesetzt ein massiver Wachstumstreiber werden kann. Der wichtigste positive Effekt liegt in der Nutzung von KI zur Angriffserkennung. Moderne Cyberabwehr nutzt Anomalieerkennung, Verhaltensanalyse, automatisierte Incident Response sowie Threat Intelligence.
Insbesondere im Behördenumfeld sind hochautomatisierte Abwehrsysteme zunehmend gefragt mit dem besonders relevanten Punkt „Trusted AI“. Secunet kann hier punkten durch europäische Datensouveränität, BSI-konforme Systeme, On-Prem-KI und erklärbare Modelle, denn gerade im staatlichen Bereich besteht eine starke Präferenz für vertrauenswürdige und mit stark zunehmender Tendenz nicht-US-zentrierte Lösungen.
Und im Gesundheitsbereich eröffnet KI zusätzliche Märkte durch Betrugserkennung, sichere Datenanalyse, medizinische Entscheidungsunterstützung und Identitätsprüfung.
Doch den Chancen stehen auch erhebliche Risiken durch Künstliche Intelligenz entgegen, denn KI-Tools ermöglichen neuen Wettbewerbern eine schnellere Produktentwicklung, automatisierte Security-Analysen, kostengünstige SaaS-Modelle und eine globale Skalierung. Dies könnte mittelfristig den technologischen Vorsprung traditioneller Anbieter verkleinern, also ihren ökologischen Burggraben austrocknen.
Bei Cyberattacken spielt KI ebenfalls auf beiden Seiten mit und kürzlich wurde die erste rein von KI generierte Malware entdeckt. Dies ist für secunet eine doppelte Bedrohung durch die zunehmende Integration von Security-Funktionen in Cloud-Plattformen großer Anbieter.
Sollten Hyperscaler KI-native Security, Zero-Trust-Architekturen und integrierte Verschlüsselung standardmäßig anbieten, könnte dadurch ein Teil der Wertschöpfungskette kanibalisiert werden und nachgelagerte Sicherheitsanbieter wie secunet Geschäft wegfressen. Allerding ist secunet hier zumindest teilweise geschützt durch regulatorische Anforderungen, nationale Sicherheitsinteressen und Zertifizierungen, aber immun ist das Unternehmen nicht.
Bullcase vs. Bearcase
Secunet verfügt über mehrere strukturelle Stärken, wie eine starke Position im deutschen Behördenmarkt, hohe Vertrauensbarrieren, ein tiefes regulatorisches Know-how ein stark wachsender Cybersecurity-Markt und die zunehmende Bedeutung digitaler Souveränität.
Demgegenüber stehen strukturelle Herausforderungen durch die hohe Abhängigkeit vom Public Sector, die begrenzte internationale Skalierung, den zunehmender KI-Wettbewerb, Druck durch Cloud-Ökosysteme und hohe Talent- und Innovationskosten, die durch den Einsatz von KI nur teilweise kompensiert werden können.
Künstliche Intelligenz wird für secunet zum entscheidenden strategischen Faktor. Sie eröffnet erhebliche Chancen in der automatisierten Cyberabwehr, im Managed-Security-Geschäft und in datengetriebenen Sicherheitslösungen. Gleichzeitig erhöht KI den Wettbewerbsdruck, senkt Markteintrittsbarrieren und begünstigt große Plattformanbieter.
Fazit
Die secunet Security Networks AG ist strategisch gut positioniert in einem strukturell wachsenden Markt für hochsichere IT-Infrastrukturen. Das Geschäftsmodell basiert auf einer Kombination aus zertifizierten Sicherheitsprodukten, Integrationskompetenz und langfristigen Kundenbeziehungen – insbesondere im öffentlichen Sektor. Die Segmentstruktur zeigt eine klare Dominanz des Public Sector, während der Business Sector, vor allem im eHealth-Umfeld, zunehmend an Dynamik gewinnt.
Langfristig wird der Erfolg von secunet davon abhängen, ob das Unternehmen seine traditionelle Stärke im hochregulierten Sicherheitsumfeld erfolgreich mit KI-getriebenen Technologien verbindet. Gelingt diese Transformation, kann secunet seine Position als führender europäischer Sicherheitsanbieter festigen.
Im Herbst 2024 markierte der Aktienkurs mit 100 Euro ein Mehrjahrestief und war meilenweit vom drei Jahre zuvor erzielten Allzeithoch von 660 Euro entfernt. Das ist er auch heute noch, wenngleich die letzten 15 Monate den Aktionären eine satte Kursverdopplung einbrachte. Die Angst vor einer Disruption der Geschäftsmodelle ist im gesamten Softwaresektor zu spüren, doch der Bereich Cybersecurity sollte ein Wachstumssegment bleiben. Das schützt auch secunet nicht völlig, sollte aber doch reichlich Wachstumspotenzial bieten. Auch für den Aktienkurs.
Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Secunet wissen muss
- Secunet ist der führende deutsche Anbieter für hochsichere IT-Lösungen und strategischer Sicherheitspartner der Bundesrepublik Deutschland mit besonders hohen Markteintrittsbarrieren.
- Das Geschäftsmodell ist projektgetrieben, stark auf den öffentlichen Sektor fokussiert und wird zunehmend durch wiederkehrende Service- und Wartungserlöse stabilisiert.
- Das Unternehmen profitiert strukturell von steigenden Cyberbedrohungen, der Digitalisierung staatlicher Infrastrukturen sowie von erhöhten Sicherheitsausgaben und Sondervermögen des Bundes.
- KI wird zum Wachstumstreiber, aber auch zur Bedrohung. Neue Wettbewerber haben es leichter, während die Hyperscaler ihre Cloud-Security aufrüsten und so nachgelagerte Sicherheitslösungen zumindest ein stückweit kannibalisieren.
Disclaimer: Habe Secunet auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

