Die amerikanischen Streitkräfte sind auf europäische Basen angewiesen. Das rückt diese ins Visier Irans. Europa reagiert auf die Gefahr – aber erst langsam.
Ballistische Raketen über der Türkei, Drohnen auf Zypern: Mit jedem Kriegstag wächst die Nervosität in Europa. Denn das iranische Regime gerät immer stärker unter Druck. Die Sorge wächst, dass die Islamische Republik in ihrer Vergeltungswut stärker auf Eskalation setzen und gezielt auch Länder in Europa ins Visier nehmen könnte.
Ziele gäbe es durchaus, und einige wären aus Sicht Teherans strategisch plausibel. Denn die USA nutzen Stützpunkte in Europa, um die Angriffswellen gegen Iran aufrechtzuerhalten. Bis jetzt geht es dabei vor allem um Truppen- und Materialtransporte sowie um die Betankung von Kampfjets. Eine Handvoll dieser Basen liegt in Reichweite iranischer Raketen und Drohnen.
Am stärksten gefährdet sind zwei Luftwaffenstützpunkte in der Türkei. Die Türkei liegt an der südöstlichen Aussengrenze des Verteidigungsbündnisses Nato. In Izmir im Westen und in Incirlik im Osten sind amerikanische Soldaten und Flugzeuge stationiert. Ausserdem betreiben die USA in Kürecik eine Radarstation, die als Frühwarnsystem dient. Weitere Basen befinden sich auf Zypern, wo Grossbritannien den Luftwaffenstützpunkt Akrotiri betreibt. Aber auch in der Nähe von Rom und auf Sizilien gibt es Stützpunkte, die die Amerikaner mitbenutzen.
Europäische Staaten haben die Gefahr inzwischen erkannt. Grossbritannien, Frankreich, Spanien und Griechenland entsenden Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer, um die südöstliche Flanke besser zu schützen. Doch mit Ausnahme von zwei griechischen Fregatten kommt die Verstärkung erst allmählich vor Ort an.
Wichtige Schiffe kommen erst nächste Woche
So hat die britische Regierung zum Wochenbeginn zwar bekanntgegeben, dass sie die HMS «Dragon» nach Zypern entsenden werde.
Grossbritannien
HMS «Dragon»
Der Zerstörer hat mehr als 200 Mann an Bord und ist mit Flugabwehrsystemen ausgestattet, die laut dem britischen Verteidigungsministerium acht Abwehrraketen in unter zehn Sekunden abfeuern können. Das Schiff kommt jedoch frisch aus der Wartung, wird im Hafen von Portsmouth noch mit Munition beladen und kann frühestens in fünf Tagen im östlichen Mittelmeer vor Zypern sein.
Frankreich
«Charles de Gaulle» und «Languedoc»
Ähnlich sieht es mit der französischen Verstärkung aus. Präsident Macron schickt den Flugzeugträger «Charles de Gaulle», das stärkste Element der konventionellen Marine Frankreichs. An Bord befinden sich neben einer rund 1900-köpfigen Besatzung mindestens 20 Rafale-Kampfjets, dazu E-2C-Hawkeye-Aufklärungsflugzeuge sowie weitere Radar- und Flugabwehrsysteme.
Allerdings ist der Flugzeugträger gerade erst für eine Übung in der Ostsee eingetroffen und muss nun wieder umkehren. Im östlichen Mittelmeer wird er wohl erst Ende nächster Woche sein – zumal in Toulon im Heimathafen möglicherweise noch ein kurzer Stopp für Nachschub und Umbewaffnung ansteht.
Für schnellere Unterstützung hat Frankreich deshalb die Fregatte «Languedoc» verlegt. Das Schiff ist mit Drohnenabwehrsystemen ausgestattet und lag Mitte Februar noch in Barcelona. Am Dienstagabend soll es nun im östlichen Mittelmeer eingetroffen sein.
Spanien
«Cristóbal Colón»
Aus Spanien bricht auch die Fregatte «Cristóbal Colón» auf. Sie ist ebenfalls mit hochmodernen Flugabwehrsystemen ausgestattet und soll zudem auch Rückholaktionen von Zivilisten aus dem Nahen Osten unterstützen. Allerdings wird die Fregatte erst losziehen, sobald die französische «Charles de Gaulle» die Strasse von Gibraltar durchquert hat. Im Schlepptau des Flugzeugträgers wird die Fregatte voraussichtlich am 10. März vor der Küste Kretas eintreffen, wie die spanische Regierung erklärte.
Neben ihren Kriegsschiffen schicken Grossbritannien, Frankreich und Griechenland zwar vereinzelt Kampfjets in die Region. Doch bis das europäische Aufgebot im östlichen Mittelmeer wirklich präsent ist, bleibt Europa vor allem darauf angewiesen, dass die amerikanische und israelische Flugabwehr und die von Donald Trump entsandte Armada rund um den Flugzeugträger «Gerald R. Ford» auch den Kontinent mit schützt.
Europa ist zur wichtigsten Logistikdrehscheibe geworden
Das tun die USA wohl auch aus Eigeninteresse. Amerika nutzt derzeit europäische Basen, um Material zu laden und entladen und Kampfjets aufzutanken. Diese sind entscheidend, weil der Krieg gegen Iran bis jetzt ausschliesslich aus der Luft geführt wird. Zudem sind Nonstop-Flüge aus den USA zwar möglich, für das Personal und das Material aber eine hohe Belastung. Nur vereinzelt – etwa für Angriffe mit ihren hochmodernen B-1-Bombern – haben die amerikanischen Luftstreitkräfte bisher den direkten Weg von den USA nach Iran gewählt.
Weil Iran bereits Dutzende Stützpunkte im Nahen Osten angegriffen hat, ist Europa schon nach wenigen Kriegstagen zur wichtigsten Logistikdrehscheibe geworden. Darauf haben sich die Amerikaner schon vor Kriegsbeginn vorbereitet und Dutzende Tank- und Transportflugzeuge auf die portugiesischen Azoren, nach Morón de la Frontera in Spanien und nach Ramstein in Deutschland verlegt.
Seit Kriegsbeginn am vergangenen Samstag tauchen am Himmel über Europa nun Jets der US-Luftwaffe auf. Das zeigen öffentlich zugängliche Flug-Tracking-Daten, etwa von Flightradar24. Viele Routen lassen sich bis nahe an die Krisenregion verfolgen – dort werden die Transponder dann häufig abgeschaltet, um die Sicherheit der Jets zu gewährleisten.
Oft werden sie von Tankflugzeugen wie den KC-135 begleitet und in der Luft betankt, bevor sie Richtung Kriegsgebiet weiterfliegen. Diese Tanker können etwa 100 000 Liter Kerosin transferieren.
Der Grossteil dieser Operationen läuft derzeit über den britischen Luftwaffenstützpunkt Lakenheath im Osten Englands. Von dort starten in den letzten Tagen besonders häufig Tankflugzeuge, die F-16- oder F-35-Jets betanken und dann wieder nach Lakenheath zurückkehren.
Andere Routen führen die Tankflugzeuge aber auch näher an die Krisenregion – und zeigen auffällige Muster:
Der Luftraum der neutralen Schweiz und Österreichs wird gemieden, ebenso derjenige von Ländern, die nicht zur Nato gehören.
Dass Überflugrechte und die Nutzung europäischer Basen nicht selbstverständlich sind, zeigt ein Nato-Partner: Spanien untersagt den USA seit Beginn dieser Woche die Nutzung der Stützpunkte in Rota und Morón de la Frontera.
Seither haben die dort stationierten KC-Tankflugzeuge Spanien verlassen und sind nach Grossbritannien sowie auf den Stützpunkt Ramstein in Deutschland verlegt worden. US-Präsident Donald Trump reagierte erbost auf den Schritt: Spanien sei ein sehr schlechter Verbündeter, sein Regierungschef ein «Verlierer».
Der Krieg gegen den Iran zeigt, wie stark auch die USA immer noch von Europas Unterstützung abhängig ist.
Die Europäer sollten dies nutzen, um Trump erneut eindeutig klarzumachen, dass nicht nur Europa von den USA profitiert, sondern umgekehrt das Gleiche gilt.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die man Trump aber gründlich unter die Nase reiben sollte, da er diese Tatsache so gerne vergisst.
Vincent Kraeutler
Guten Morgen NZZ PRO: a propos veraltetes Kartenmaterial: Finnland und Schweden traten uebrigens vor einigen Jahren der NATO bei.

