Im Kampf gegen den Klimawandel haben sich einseitige Selbstverpflichtungen als unbrauchbar erwiesen. Der Ökonom Axel Ockenfels sagt, warum Egoismus vielversprechender ist als Altruismus.
Das Braunkohle-Kraftwerk Neurath in Grevenbroich in Nordrhein-Westfalen: Ältere Blöcke wurden bereits abgeschaltet, die neueren Blöcke sollen im Rahmen des deutschen Ausstiegs aus der Kohleverbrennung im Jahr 2030 vom Netz gehen.
Norbert Wienold / Imago
Der deutsche Ausstieg aus dem Kohleabbau und der Kohleverbrennung zur Stromerzeugung und industriellen Nutzung läuft. Die Orte Grevenbroich in Nordrhein-Westfalen, Hohenhameln in Niedersachsen, Jänschwalde in Brandenburg und Zolling in Bayern haben alle eines gemeinsam: In den vergangenen Jahren wurde dort ein Kohlekraftwerk stillgelegt. Die Liste liesse sich deutlich verlängern.
Während die Kohlenutzung in der Schweiz schon lange kaum mehr eine Rolle spielt, hat sich der Grossverbraucher Deutschland per Gesetz einen verbindlichen Fahrplan verordnet: Bis 2038 sollen alle Kohlekraftwerke stillgelegt sein. Die Betreiber erhalten dafür Entschädigungen in Milliardenhöhe, finanziert durch die Steuerzahler. Allerdings spielt der einseitige deutsche und auch europäische Kohleausstieg für das Klima quasi keine Rolle. Global gesehen erreichte die Kohleverbrennung 2025 einmal mehr einen Rekord – und das Niveau wird vorerst hoch bleiben.
Gescheiterte freiwillige Selbstverpflichtungen
«Die Kohle ist ein grosses Problem, wir müssen die Nutzung beenden», sagt Axel Ockenfels dazu im Gespräch. «Die Frage ist allerdings: wie?», ergänzt der Wirtschaftsprofessor an der Universität zu Köln und Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn.
Für Ockenfels ist der Kampf gegen den Klimawandel vor allem ein Kooperationsproblem. Ergreife ein einzelnes Land wie Deutschland oder eine einzelne Region wie die EU ambitionierte Klimamassnahmen, würden die vollen Kosten in Form von höheren Energiepreisen und Wettbewerbsnachteilen unmittelbar und sehr konzentriert dort anfallen, während der Klimanutzen gering sei und sich auf alle Länder gleichermassen verteile – auch auf jene, die sich nicht anstrengten.

Axel Ockenfels, Wirtschaftsprofessor an der Universität zu Köln.
Fabian Stürtz
«Der Klimawandel kann nur gemeinsam gelöst werden. Mit dem Pariser Klimaabkommen, das auf freiwillige Selbstverpflichtungen setzt, sind wir aber seit elf Jahren auf dem falschen Weg», sagt Ockenfels. Er kenne kein Beispiel, bei dem freiwillige Selbstverpflichtungen ein internationales Kooperationsproblem gelöst hätten.
Der Ökonom verweist auf ähnliche Herausforderungen. «Kaum jemand würde auf die Idee kommen, einseitig abzurüsten oder einseitig die Zölle zu senken, um dann darauf zu hoffen, dass die Gegenseite schon folgen würde», erklärt Ockenfels. «Die Vorstellung, dass genügend andere gegen ihr eigenes Interesse unserem moralischen Vorbild folgen, steht im Widerspruch zur Kooperationsforschung.» Nur bei der Reduktion klimaschädlicher Treibhausgase werde das versucht.
Das globale Kohledilemma bleibt ungelöst: Kohle ist die grösste Quelle von klimaschädlichen CO2-Emissionen, doch in vielen Ländern ist Kohle zugleich eine tragende Säule der Stromproduktion. Das wird sich vorerst kaum ändern, denn die Welt giert nach immer mehr Strom.
Die Verbrennung des schwarzen Gesteins ist noch klimaschädlicher als die von Erdöl oder Erdgas, allerdings können viele Länder ohne sie ihren Bedarf an Energie nicht decken. Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht trotz allen Anstrengungen zu langsam oder ist zu teuer.
Im vergangenen Jahr betrug der globale Kohlekonsum laut der Internationalen Energieagentur (IEA) rekordhohe 8845 Millionen Tonnen, was einem Anstieg um 0,5 Prozent gegenüber 2024 entsprach. Die Kohleproduktion lag auf dem Niveau des Vorjahres, war mit 9111 Millionen Tonnen allerdings noch grösser. Sowohl für den Konsum als auch für die Produktion rechnet die IEA bis zum Jahr 2030 lediglich mit einem geringen Rückgang von jeweils rund 5 Prozent. Kohle behält also noch lange eine hohe Relevanz für die Energieversorgung – ob Europa aussteigt oder nicht.
Laut dem «Production Gap Report 2025» planen Regierungen nun bis 2035 sogar eine noch höhere Kohleförderung als 2023. Die in den Plänen geschätzten Steigerungen der Produktion fossiler Brennstoffe würden im Jahr 2030 zu globalen Produktionsniveaus führen, die 500 Prozent (Kohle), 31 Prozent (Öl) und 92 Prozent (Gas) über dem Medianwert des mit dem Pariser 1,5-Grad-Ziel vereinbarten Szenarios liegen.
Beim Scheitern des einseitigen europäischen Ausstiegs spielen das Carbon-Leakage-Problem und der Wasserbetteffekt eine wichtige Rolle. Das Erstgenannte beschreibt das Phänomen, dass durch den Ausstieg eines Landes aus fossilen Energieträgern global die Preise für Öl, Gas und Kohle sinken, was deren Nutzung für andere attraktiver macht. Oder die Unternehmen mit energieintensiver Produktion wandern einfach in andere Regionen mit geringeren Klima-Ambitionen ab. In diesem Fall subventionieren die Klima-Altruisten die CO2-Emissionen der Egoisten.
Der Wasserbetteffekt beschreibt ein ähnliches Phänomen im europäischen Emissionshandelssystem, bei dem lokale CO2-Einsparungen, beispielsweise durch den Kohleausstieg in Deutschland, nicht zur Emissionssenkung insgesamt führen. Da die Gesamtmenge der Zertifikate begrenzt ist, sorgen weniger Emissionen an einem Ort für billigere Zertifikate an einem anderen Ort. Der Blick auf den eigenen CO2-Fussabdruck reicht deshalb nicht aus. Immerhin hat die EU inzwischen damit begonnen, das Problem anzugehen.
Leakage-Effekt untergräbt Kooperationsanreize
«Ein unilateraler Ausstieg kann zwar einem nationalen Klimaziel dienen, das führt aber noch nicht dazu, dass wir der Klimarettung spürbar näher kommen», sagt Ockenfels. Im Gegenteil könnten Leakage- und Wasserbetteffekte andere Länder sogar motivieren, mehr fossile Brennstoffe zu verbrauchen. Der Experte für Kooperationsfragen fordert, sich auf Strategien zu konzentrieren, die andere zum Mitmachen anreizen. Die Frage sei, wie bekommt man eine kollektive Vereinbarung hin, ohne dass grosse Emissionsländer als Trittbrettfahrer agierten.
«Einerseits können technologische Innovationen helfen, die Kosten grüner Energie und damit die Kosten internationaler Klimakooperation zu senken», sagt Ockenfels. «Für Kooperation braucht es aber auch Reziprozität, denn die schützt die Willigen vor Trittbrettfahrern und motiviert zugleich die Unwilligen.»
«Reziprozität kann viele Formen annehmen, aber es scheint ratsam, mit einer kleineren Gruppe von willigen Ländern anzufangen, die politisch und wirtschaftlich stark sind», ergänzt der Wirtschaftswissenschafter. Ein Weg wäre, sich mit diesen Ländern auf einen CO2-Mindestpreis zu einigen, der dann vielleicht zunächst niedriger liegt, als man sich das in Europa wünscht. Dafür sind allerdings die Erfolgschancen auf einen Einstieg in eine echte Kooperation grösser.
Dann braucht es Massnahmen, die Unwillige schliesslich doch zum Mitmachen anreizen. Das könnte beispielsweise die Besteuerung von deren Importen in Höhe des CO2-Mindestpreises sein, auf den man sich geeinigt hat. In der Europäischen Union (EU) denkt man mit dem CO2-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) in diese Richtung. Er soll gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen, indem Importe aus Ländern mit schwächeren Klimaregeln mit ähnlichen CO2-Kosten belegt werden wie in der EU produzierte Waren.
Damit will Brüssel kontraproduktive Effekte wie das Carbon Leakage verhindern und zugleich Anreize für andere Länder schaffen, ihrerseits CO2 zu bepreisen, denn so können andere Länder vermeiden, die CO2-Einnahmen an Europa abzugeben.
Neue Ideen sind nötig. Einerseits gibt es zwar beim Kampf gegen die «Kohlekrise», wie manche den anhaltend hohen Verbrauch bezeichnen, durchaus Fortschritte – aber immer auch Rückschritte. Einerseits trägt der starke Ausbau von erneuerbaren Energien laut der IEA dazu bei, die Nachfrage zu dämpfen. Ausserdem könnten die steigenden Exportkapazitäten für verflüssigtes Erdgas (LNG) dank sinkenden Preisen viele Länder dazu animieren, den Verbrauch von Kohle durch das weniger schädliche Gas zu ersetzen, heisst es.
Anderseits dürfte jedoch die weltweit steigende Stromnachfrage den Kohlekonsum weiter anheizen, zumal gegenwärtig zwei Drittel der globalen Kohlenutzung auf die Stromerzeugung entfallen. Politische Änderungen, etwa in den USA, könnten ferner zu einem Revival von Kohle führen. Schlüsselfaktoren für die Nachfrage sind aber nicht nur politische Massnahmen, sondern auch die Preise alternativer Energiequellen oder das Wetter.
Entscheidend für den Kampf gegen die Kohle sind vor allem die Entwicklungen in China. Das Land produziert und verbraucht jeweils mehr Kohle als der Rest der Welt zusammen. Im Reich der Mitte bauen die Machthaber nämlich nicht nur die erneuerbaren Energien massiv aus, sondern auch die Kohleverstromung. Die chinesische Dominanz führt dazu, dass der globale Kohlemarkt sehr stark vom dortigen Geschehen abhängt.

Immenser Energiehunger: Kohlekraftwerk zwischen Peking und Shenyang im Nordwesten Chinas.
Ng Han Guan / AP
Ähnliches gilt für Indien, den mit Abstand zweitgrössten Produzenten und Konsumenten von Kohle. Allerdings erreichen Angebot und Nachfrage auf dem Subkontinent lediglich einen Viertel des chinesischen Werts. In Indien sorgte im vergangenen Jahr zwar eine frühe und starke Monsun-Saison für eine geringere Elektrizitätsnachfrage, dies trieb die Wasserkraftproduktion an. Doch bis zum Jahr 2030 erwartet die IEA einen Anstieg des indischen Kohleverbrauchs um satte 17 Prozent.
Sondereffekte im jährlichen Konsum sind keine Seltenheit, entscheidend sind allerdings die langfristigen Trends. In den USA ist beispielsweise die Kohlenachfrage laut der IEA in den vergangenen 15 Jahren im Durchschnitt jährlich um 6 Prozent gesunken. 2025 hat sie dann wieder um 8 Prozent angezogen. Die Ursache war eine Kombination von höheren Erdgaspreisen und einer durch die Regierung von Präsident Donald Trump gewollten Verlangsamung der Abschaltung von Kohlekraftwerken.
Europa hält am vollständigen Kohleausstieg fest
Und Europa? Der alte Kontinent arbeitete bisher weiter am kompletten Ausstieg aus der Kohle. Sechs Länder haben ihn bereits vollzogen, darunter Belgien, Österreich, Schweden und das Vereinigte Königreich. Weitere acht Länder inklusive Frankreichs, Dänemarks und Griechenlands wollen bis 2030 aussteigen.
Deutschland und sechs andere Staaten streben das für die Zeit danach an. Der starke Ausbau erneuerbarer Energien, die Nutzung von Atomkraft und steigende Kosten für den CO2-Ausstoss aufgrund des Emissionshandelssystems unterstützen die Entwicklung, wobei Deutschland unter Führung der Grünen lieber zuerst aus der Kernenergie statt aus der klimaschädlichen Kohle ausgestiegen ist.
Ockenfels hält die europäische Abkehr von der Kohle grundsätzlich für richtig, den Weg jedoch für falsch. «Egoismus ist ansteckender als Altruismus», sagt der Ökonom. «Der Fokus auf den eigenen CO2-Fussabdruck löst das Kooperationsproblem nicht. Innovationen und Kooperation können aber einen echten Unterschied machen – erfordern aber eine umfassende Neuorientierung der Klimapolitik.»
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