Leonardo Fernandez Viloria / Reuters
Nach der Festnahme von Nicolás Maduro hoffen viele Venezolaner auf einen Neuanfang – dank Donald Trump. Vieles deutet darauf hin, dass die USA in Venezuela langfristige Pläne verfolgen, Wahlen inklusive.
Am 3. Januar nahmen amerikanische Soldaten in Caracas den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau fest und brachten sie in die USA. Von der massiven Militärintervention sind kaum noch Spuren übrig.
Auf dem Militärflughafen La Carlota bessern Strassenbauarbeiter die Bombenkrater in der Landebahn aus. Von den dort angeblich ausgeschalteten Flugabwehrbatterien ist hier im Zentrum von Caracas nichts mehr zu sehen. Einzig ein offenbar beschädigter russischer Mi-17-Helikopter steht dort herum.
Auch in der Militärbasis Fuerte Tiuna ist der Alltag zurückgekehrt. Die Supermärkte für die Soldaten sind gut besucht. Aus den Fenstern von Dutzenden von Hochhäusern auf dem Gelände hängt Wäsche zum Trocknen. Der ehemalige Präsident Hugo Chávez hat die Militäranlage wie eine Kleinstadt errichten lassen. Die Gebäude mit den Soldaten und ihren Familien bilden einen menschlichen Schutzschild für die dahinterliegenden Bunker der Elite des Regimes.
Delcy Rodríguez will alle Spuren des Regimes verwischen
Doch genützt hat es nichts: Am 3. Januar wurde das Präsidentenpaar dort festgenommen. 80 Soldaten wurden getötet, unter ihnen 32 Mitglieder der kubanischen Leibgarde Maduros.
Seitdem ist in Venezuela nichts mehr wie zuvor. Es scheint, als wolle Maduros Nachfolgerin Delcy Rodríguez möglichst schnell alle Spuren des traumatischen Überfalls verwischen. Als wolle sie vergessen machen, dass unter den Präsidenten Hugo Chávez (1999–2013) und Nicolás Maduro 26 Jahre lang ein repressives Regime an der Macht war, zu dessen massgeblichen Vertreterinnen sie gehörte.
So sind die Hinweise auf Chávez aus dem Stadtbild verschwunden. Kaum eine Schule oder ein öffentliches Gebäude ziert noch sein Konterfei mit dem Politslogan des «Sozialismus des 21. Jahrhunderts». In den Ministerien sollen direkt nach dem 3. Januar die allgegenwärtigen Porträts der Präsidenten abgehängt worden sein. Von Maduro und seiner Frau Flores sind nur ein paar neue Plakatwände entlang der zentralen Stadtautobahn zu sehen. «Wir wollen sie zurück», steht darauf.
Doch niemand spricht mehr von den beiden zentralen Figuren des Regimes, die jetzt in einem Gefängnis in New York auf ihr Verfahren warten. Die Sehnsucht nach dem unbeliebten Despoten und der First Lady scheint sich in Grenzen zu halten.
Schlangen vor Restaurants
Die meisten Menschen wirken erleichtert. Es ist, als sei ein Spuk vorbei. Auf den Strassen herrscht Normalität. Am Wochenende ist der Stadtpark Parque del Este voller Menschen, die dort joggen, picknicken oder den Vortänzerinnen am Musikpavillon bei den Gymnastikübungen folgen. Da vermischen sich Menschen aus allen sozialen Schichten, Junge und Alte.

Die Menschen sind erleichtert. Auf den Strassen, Plätzen und in den Parks herrscht wieder Normalität.
Maxwell Briceno / Reuters
Vor wenigen Wochen noch waren die Strassen bei Sonnenuntergang menschenleer. Jetzt bilden sich Schlangen vor Restaurants in den Ausgehvierteln der Mittelschicht. Junge Paare fahren in getunten Stadt-Geländewagen vor und machen im Restaurant Selfies von sich. Es ist die neue Generation der Enchufados (wörtlich: der Angeschlossenen), der Günstlinge des Regimes. Sie sind weltgewandter als ihre Eltern. Sie haben im Ausland studiert und investieren jetzt in Franchise-Unternehmen, wie Energy-Drinks. Aber auch die traditionellen Geschäftsleute versammeln sich wieder ab dem frühen Nachmittag in Restaurants um die obligatorische Flasche Whisky, so wie früher.
Vor den Tankstellen fehlen die Schlangen, die jahrelang zum Strassenbild gehörten. Seit einigen Wochen gibt es genug Benzin. Sogar eine neue, hochwertige Sorte Treibstoff ist jetzt für einen Dollar pro Liter im Angebot. Angeblich sollen die USA höherwertige chemische Lösemittel schicken, um das schwere Öl Venezuelas in den Raffinerien zu verdünnen. Auch die von Trump gestoppte Hilfe für Venezuela sei wieder angelaufen. Es gebe Medikamente und Lebensmittel aus den USA.
Alle, mit denen der Korrespondent spricht, sind überzeugt, dass Trumps gewaltsame Aktion richtig war – ohne ein folgendes relativierendes «aber». Auch zwischen den Zeilen ist nichts von dem in Lateinamerika weitverbreiteten Antiamerikanismus herauszuhören. «Trumps Aktion war schlecht für die Menschheit, aber gut für Venezuela», sagt ein europäischer Diplomat. Die Unterstützung der Amerikaner in Venezuela reicht quer durch alle sozialen Schichten: Studentenführer, Abgeordnete, Gewerkschafter und Unternehmer.
Trump sei ein harter Hund – sagen sie bewundernd
Aber auch die Bewohner der Barrios, der Slums, sind froh, dass Maduro verhaftet wurde. «Trump hat gezeigt, dass er ein härterer Hund ist als unsere harten Typen», sagt eine Coiffeuse bewundernd in dem Barrio La Vega, einem belebten Viertel, das sich bis hoch in die Hügel zieht. «Schade, dass er nicht gleich mehr von ihnen mitgenommen hat.»
Die Afro-Venezolanerin war bis 2012 selbst Chavista und unterstützte das Regime. Als sie danach aufgrund der wirtschaftlichen Krise nicht mehr das Regime, sondern die Opposition wählte, wurde sie von den Führern im Stadtviertel als suspekt angeschaut. Über Politik redete sie nur noch mit Menschen, denen sie vertraute. Sie war Wahlbeobachterin in ihrem Viertel. Nach den gefälschten Wahlen im Juli 2024 musste sie sich bei Familienangehörigen in einer anderen Stadt verstecken, da die Schergen des Regimes nach ihr suchten.
Heute sind die Colectivos, die bewaffneten Motorradmilizen des Regimes, verschwunden. In den Tagen nach der Entführung Maduros haben sie noch drohend die Strassen dominiert.
Auch sonst soll die Hauptstadt so sicher sein wie seit vielen Jahren nicht mehr. Überfälle, Morde und Entführungen sind kaum noch ein Problem. Vor einigen Jahren war Caracas die Stadt mit der höchsten Mordrate Südamerikas. In Umfragen erscheinen ungenügende Sicherheit oder Drogenhandel heute nicht mehr als wichtige Probleme der Menschen.
Keine bewaffneten Jugendlichen mehr in den Slums
In La Vega, weit oberhalb von Caracas, versichern die Bewohner, dass es nirgends bewaffnete Jugendliche oder von Banden kontrollierte Drogenverkaufsstellen gebe – wie sonst überall in den Slums Südamerikas.
Auch in Venezuela gab es vor kurzem noch Drogenbanden, wie der berüchtigte Clan de Aragua, und bewaffnete Kriminelle. Es heisst, dass die Banditen zusammen mit den acht Millionen Migranten ausgewandert seien oder kurzerhand vom Regime dezimiert worden seien.

Auch in den Barrios, einst Hochburgen des Chavismus, gibt es kaum noch Anhänger von Maduro.
Leonardo Fernandez Viloria / Reuters
Der Rückhalt der Regierung sei heute minimal, sagt die Coiffeuse. In ihrem Viertel San Miguel im Bezirk La Vega seien von 500 Menschen maximal 10 noch auf der Seite der Regierung. Dabei galt ihr Stadtteil einst als Hochburg des Chavismus. Davon ist nicht mehr viel zu sehen.
Wie in jeder Gemeinde in Venezuela gibt es dort die Plaza Simón Bolívar, benannt nach dem nationalen Unabhängigkeitshelden. Vier Schulen grenzen an den Platz. Zur Mittagszeit strömen Kinder in Schuluniformen an der Hand ihrer Eltern über den von grossen Tropenbäumen beschatteten Platz.
Dort befindet sich auch das Versammlungshaus der Regierung. In diesem Gebäude hatten die gefürchteten Unidades de Batalla Bolívar-Chávez des Viertels ihre Zentrale. Es handelte sich um militärisch organisierte Blockwarte, die Oppositionelle denunzierten, über Lebensmittelzuweisungen entschieden und Proteste zur Unterstützung des Regimes organisierten. Heute sitzen im Versammlungshaus Rentner, die Domino spielen.
Dennoch möchte die Coiffeuse nicht mit ihrem Namen zitiert werden. Das ist derzeit bei vielen Gesprächspartnern in Venezuela der Fall. Zwar kritisieren die Menschen offen das Regime, auch wenn Kellner, Taxifahrer, Passagiere oder Tischnachbarn mithören. Aber die Angst vor dem Repressionsapparat, der die Menschen viele Jahre lang verfolgt hat, ist trotzdem noch da.
Das Regime ist intakt, doch die Amerikaner haben das Sagen
Der Korrespondent hat mit einem Dutzend bekannter Oppositionsführer, Unternehmer, Anwälte, sozialer Anführerinnen und Amtsinhaber auf Gemeindeebene gesprochen – doch fast alle zögern, ihre Meinung öffentlich zu äussern. Auch Interviews mit den Vertretern des Regimes sind nicht möglich. Die Medien werden staatlich kontrolliert. X und Chat-GPT funktionieren gar nicht oder eingeschränkt. Delcy Rodríguez kommuniziert vor allem über Instagram und Tiktok. Wie Maduro zuvor präsentiert sie sich vor Claqueuren als das hart zum Wohle des Volkes arbeitende Staatsoberhaupt.
Das Regime scheint intakt. Delcy Rodríguez und ihr Bruder Jorge, der Kongresspräsident, sowie der Innenminister Diosdado Cabello, der für den offiziellen und inoffiziellen Sicherheitsapparat des Regimes verantwortlich ist, sind noch an der Macht. Einzig Vladimir Padrino, der Armeechef, hat sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Es heisst, er sei krank.
Nach dem Angriff lassen die USA keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie in Venezuela das Sagen haben. Chris Wright, der amerikanische Energieminister, weilte zwei Tage im Land, um sich über den Stand der Ölindustrie zu informieren. Gerade war der Innenminister Doug Burgum dort, um den USA den Zugang zu Rohstoffen aus dem Bergbau zu sichern. General Francis Donovan, der Chef des U.S. Southern Command, also des Militärkommandos für Lateinamerika, traf die Präsidentin, um mit ihr über Sicherheit, Drogenbekämpfung und Migration zu sprechen. Er will in den nächsten Tagen wiederkommen. Auch John Ratcliffe, der Direktor der CIA, war vor Ort.

Im Wochentakt kommen Minister aus Washington nach Caracas, um nach dem Rechten zu sehen. Hier der Innenminister Doug Burgum. Er will den Bergbau Venezuelas für private Konzerne öffnen.
Leonardo Fernandez Viloria / Reuters
Allein das Besuchsprotokoll zeigt, dass die Amerikaner nicht als Besucher oder Staatsgäste auftreten. Sie kommen ins Land, wann es ihnen passt. Es gibt keinen offiziellen Empfang durch die venezolanischen Behörden. «Sie treten auf wie Gouverneure, die ihre Provinz besuchen», sagt ein diplomatischer Beobachter.
Rubio spricht von Prozess in drei Stufen
Die USA scheinen ihr Engagement langfristig zu planen. Derzeit wird die heruntergekommene Botschaft renoviert. Sie war sieben Jahre lang geschlossen. Die amerikanischen Diplomaten haben provisorisch das Marriott-Hotel in Caracas bezogen. Fast jeder in Venezuela sagt, das Land stehe unter amerikanischer Vormundschaft – aber das scheint niemanden zu stören. Im Gegenteil. Verbunden ist damit die Hoffnung, dass das Regime die Menschen nicht mehr so drangsalieren kann wie bisher – und die USA das Land endlich aus der ökonomischen und politischen Isolation herausführen, in der es sich nun seit mehr als einem Jahrzehnt befindet.
Delcy Rodríguez wird mit Scheherazade aus «Tausendundeiner Nacht» verglichen, die dem König jede Nacht eine neue Geschichte erzählt, um ihre Hinrichtung aufzuschieben. Der Vergleich mit der orientalischen Erzählung trifft es gut: Rodríguez ist derzeit eifrig bemüht, sich das Wohlwollen der USA zu sichern. Ein Beispiel dafür ist das Erdölgesetz, das erstmals privaten Konzernen die Kontrolle über den Energiesektor geben wird.
Das passt zur Strategie, die die USA in Venezuela verfolgen. Der Aussenminister Marco Rubio verweist immer wieder auf einen Drei-Stufen-Prozess: Zunächst komme es zur Stabilisierung, dann folge die wirtschaftliche Erholung und zuletzt die politische Transition. Doch Rubio spart das Thema Wahlen nicht aus. So erklärte er kürzlich bei einem Treffen mit Caricom-Staatschefs, dass die nächste Phase der Transition nur legitim sein könne, wenn Venezuela «freie, demokratische und faire Wahlen» abhalte.
Wahlen noch in diesem Jahr?
Im Land selbst hoffen viele auf baldige Wahlen. Die Optimisten setzen darauf, dass diese Ende des Jahres stattfinden werden. Dann müsse zumindest ein Termin feststehen.
Für alle Gesprächspartner ist dabei selbstverständlich, dass María Corina Machado dann antreten wird. Darüber, dass die Nobelpreisträgerin in der Opposition die Führungsrolle innehat, besteht Konsens. Derzeit ist sie immer noch ausserhalb Venezuelas. Sie wird jeden Tag zurückerwartet. Selbst Gesprächspartner, die sie früher kritisierten, stehen heute hinter ihr. Eine landesweite Umfrage des Instituts Meganálisis von Anfang Februar zeigt ein klares Stimmungsbild: 78 Prozent der Befragten würden María Corina Machado wählen, während mehr als 90 Prozent Präsidentin Delcy Rodríguez als Übergangspräsidentin ablehnen.
Ein Diplomat meint, dass Rodríguez derzeit versuche, ihre Beliebtheit durch wirtschaftliche Erholung zu steigern. «Doch was wird sie machen, wenn sie merkt, dass sie keine Chancen hat bei freien Wahlen?»

An der Münchner Sicherheitskonferenz sprach die Oppositionsführerin María Corina Machado. Sie hat angekündigt, dass sie bald nach Venezuela zurückkehren wolle.
Johannes Simon / Getty

